Einzelbild herunterladen
 

JV 209

Donnerstag, den 13. September 1894.

_______________________________ 21. Iaüraana

«ldaerWZkitllng

des Umsturzes". Wie lange Jahre hören wir aber schon dies Lied! Die da immer von diesem „Zusammen-

sophlschen Fakultät in Tübingen, Herr D. Neulert, in seiner Antrittsrede über die chemischen Elemente am ^Juni d. I , in der er nach dem.Staatsanzeiger für Württemberg" u. A. sagte:

„Die Chemie hat zwar Tausende von organischen Stoffen hergestellt, aber keinen, der den Odem des Lebens in sich trägt: noch immer ist die Lebenskraft, die jene zwingt, sich zu Protoplasma und Zelle, der Grundbedingung alles Lebens, zu ordnen, uns ein Geheimniß. Auch wenn das Leben in allen seinen Aeußerungen erklärt sein würde, wenn zur Einheit der Kraft die Einheit des Stoffes gefügt und beide als gleichen Ur­sprungs erkannt wären, so blieben sie doch in ihrer Unerschaffen- heit und Unvernichtbarkeit ebenso unfaßlich und wunderbar, als die Unendlichkeit des Raumes und der Ewigkeit der Zeit. Was Baco einst von der Philosophie gesagt, dürfen wir auch auf unsere Wissenschaft umschreiben. Etwas Naturwissenschaft ent­fernt von der Religion, sehr viel Naturwissenschaft führt zu ihr zurück."

die einzelnes Parteien, wenn Gesetze zum Schutz uno zur Hebung von Religion, Sitte und Ordnung vor- gelegr werden, ihnen zuzustimmen? Die Geschichte der Sozialreform, der preußischen VolksschulgesetzeS und so mancher kirchenpolitischer Gesetz- zeigt unS aber, daß hier gerade von der Seite das Wenigste zu erwarten ist, von der j.tzt so laut nach dem Zusammenschluß aller OrdnungSpartelen „zum Kampfe gegen den Um­sturz" gerufen wird. Wenn man sich bei diesem Rufe überhaupt etwas denkt, fo ist er einzig und allein, daß be, den Wahlen alle „OrdnungSparteien" einen Kartellbruder wählen sollen, damit die Sozial­demokraten geschlagen werden. Einige denken außer- dem noch an ein neues Sozialistengesetz. Für so etwas begeistern wir uns aber nicht.

• Die Branntwein Produktiou im deutschen Reich betrug im Monat August d. I. 46,108 und in

* Die Kirchenmusik.

Die Kongregation der Riten hat in ihren ordent­lichen S tzungen vom 7. und 12. Juni nach eingehen­den Besprechungen Sichtige Bestimmungen über die kirchliche Musik getroffen. Diesen allgemeinen Bestimmungen hat sie »in Dekret vorauSgeschickt, welches folgenden Wortlaut hat:

Der hl. Augustinus und die übrigen Kirchenväter haben sich oftmals über die Würde und den Werth des Kirchengesanges ausgesprochen, der durch seinen

. uctlu9 a/iunai reugusl o. »O.lUö uno m

fajfafj reden, denken bloS an das Kartell, und den Monaten Oktober v. I. bis Ende Auauft d I

darunter verstehen sie immer sich selbst; alle anderen 3,168,259 Hektoliter reinen Alkohols gegen 2 974 024

Partelen sollen stqmdrren zu Gunst«! der National- Hektoliter in denselben 11 Monaten 1892/93*

liberalen oder Frerkons«vat'.ven. Man kann aber * Aus Süddeutschland wird aefditieben • Ei»

oeaen d^n Umftnrr Usn\ <?lbn“n9 beacdtenSwertheS Wort über Naturwissenschaft und

Ein solch' ehrliches und bescheidenes Bekenntniß vom woderuen Katheder herunter hört man gern und thut wahrlich wohl. Man ist beinahe v«sucht, daraus den Schluß zu ziehen, daß viele Besucher unserer Hochschulen wenig Naturwissenschaft getrieben haben, obwohl die­selbe zu ihrem Fachstudium gehört, da viel- derselben von der Religion ab-, ober nicht zu derselben zurück­geführt worden sind. Wahre Wissenschaft führt stets zu Gott, dem Urgrund aller Wissenschaft.

Ausland.

* Bern, 11. Sept. Die dänische Regierung hat dem BundeSrath mitgeth-.ilt, daß Dänemark zum 1. Oktober der internationalen Konvention zum Schutz deS gewerblichen Eigenthums beitrete.

* Lissabon, 10. Sept. Hebet die zwischen Deutsch­land und Portugal streitige Grenze der beiderseitige« Gebiete in Ostaftika hat unter den betheiligten Re­gierungen eine Berständlgung stattgefunden. Als Grenz­linie ist der Breitengrad 10° 40 von der Küste westlich bis zum Rsvuma festgesetzt, so daß die Rovuma-Mün- dung und Kionga Deutschland zufallen, Kap DelgadS dagegen den Portugiesen verbleibt. Der General- Gouverneur ist angewiesen worden, Kionga zu räume«.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. September.

* Der Kaiser begab sich heute früh i« das . Manövergelände und übernahm die Führung des 1. Armee-Korps. Die Kaiserin hat die beabsichtigte Fahrt nach Billau absagen lassen. Heute Abend sichet im Schloss- zu Königsberg ern kleines Diner statt, zu dem einige hochgestellte Damm geladen sind. Darauf folgt eine Soiree beim Oberpräsidenten Graf Stollbera- Wernigerode. Morgen früh begibt sich die Kaiserin ins Manövergelände und tritt Abends die Rückreise nach dem Neuen Palais bei Potsdam an. Der König von Württemberg und der Prinzregent von Braun­schweig find, glücklicherweise nur unbedenklich, erkrankt. Der König von Württemberg hat fich eine leichte Er­kältung zugezogen und mußte deshalb dem gestrigen «nd heutigen Manöver fernbleiben. Sein Befinden hat sich indeß derart gebessert, daß er dem morgige« Manöver wieder beiwohnen wird, worauf er von Braunschweig aus die Rückreise nach Württemberg an­zutreten gedenkt. Prinzregent Albrecht leidet an starkem Bronchial-Katarrh und nimmt deshalb an dem heutigen «nd morgigen Manöver nicht Th-il.

* Der Kaiser hat, wie die .Kreuzztg." meldet, bei jüngster Anwesenheit in Königsberg dem Fort X da­selbst den Namm „Fort Kauitz" beigelegt und dies dem Grafen v. Kanrtz - Podangen durch Kabinetsordre vom 5. d. M. kondgegebe«.

* Die deutsche Zuckerausfuhr betrug amtlicher Zusammenstellung zufolge im Monat August d.J., ver- Suchen mit der desselben Monats im Vorjahre, Klasse a des Zuckersteuer. Gchtz's 194,251 Doppel - Centner (gegen 115.064), Klasse b 199,868 Doppel - Centner (gegen 104,646) und Klasse c 3100 (gegen 10338).

* Die Kaiserrede in Königsberg

wird wohl noch eine Zeit lang die Prefie beschäftigen. Nach der scharfen Berurtheilung der konservativ­agrarischen Opposition war den Liberalen natürlich nicht- erwünschter, als daß die Getadelten fich nun löblich und unbedingt unterwarfen. Das hat man auch auS den Aeußerungen konsnvativer Zeitungen, besonders der ,Kteuzzeituvg' vergnügt herauSgelesm. Wir vermöge» indeß daran nicht recht zu glauben. ES dürfte vielmehr mit der Königsberger Rede bei Kaisers gehen, wie mit verschiedenen andern kaiserlichen Kundgebungen: erst großes Aufsehen, eisiige Erörterung des Gegen­standes von allen Seiten, hinterher aber bleibt alles beim Alten. Bald wird man nicht mehr davon sprechen, und dann wird alles sein, wie es war, nur daß die Getadelten ihre Ausdrücke etwa? mäßigen. Die .Kreuz- ztg.' verwahrt sich schon heute dagegen, daß sie am Samstag die völlige Unterwerfung des „Tivoli-Konfer- vatismuS" habe aussprechen wollen. Eine solche Unter- werfuug wäre unseres Erachtens auch eine Bankerott- Erklärung der Partei. Sie würde damit bekennen entweder, daß ihre bisherige Opposition gegen die HaudelsvertragSpolitik gar nicht ihrer Überzeugung entsprochen habe, oder daß sie aller Selbständigkeit und Festigkeit baar sei. Einige Auchkonservative mögen ja ängstlich eirpacken, aber die Uebrigen können und werden doch nun nrcht gleich loben, war sie bisher vnurtheilt haben. Da an den Handelsverträgen vorerst nichts zu ändern ist, wird es ihnen ja nicht schwer fallen, sie ganz aus dem Spiele zu lassen. Um so energisch« werden sie aber wohl sonstige Hilfe verlangen, um so mehr, als der Kaiser sie ja aufgefordert hat, ihm ihre Wünsche vorzutragen. Hätten sie sich nun mit dem Reichskanzler nicht so stark überworfen und nicht ein so tiefes Mißtrauen gegen seinen guten Willen, so würden sie auch mit ihm in Ruhe verhandeln könne«. Die Spannung und gegenseitige Abneigung ist aber so groß, daß wir dies für unmöglich halten. Man wird dem Grafen Caprivi vielleicht nicht mehr so ausgesuchte Bosheiten sagen, aber die Freundschaft bleibt gekündigt, zumal da der Reichskanzler Forderungen, wie sie der ; Antrag Kanitz oder der Vorschlag des Herrn v. Below i enthielt, nun doch eit mal nicht erfüllen kann. Wäre ' Graf Caprivi ein Mann wie einst Bismarck, so könnte - es ihm gelingen, die konservative Opposition zu bän- ■ digen, wie einst die „Deklaranten" gebändigt wurden. ■ Wie die Dinge liegen, muß er froh fein, wenn er nicht l ganz so unhöflich behandelt wird wie bisher. Mit! großer Gefl sseutlichkeit ist die konservative Prefie be- ' müht, die Aufmerksamkeit von dem ersten Thetle der 5 Kaiserrede auf den zweiten zu lenken und dem Kaiser ; die Dienste deL Adels oder der Konservativen im Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung unbedingt zur Bet- ■ fügung zu stellen. Wenn es nur nicht bei den großen - Worten bleibt. In der mittelparteilichen Prefie wird ; jetzt wieder schwärmerisch geredet von der „Sammlung aller Avhänger der bestehenden Ordnung", von dem i „Zusammenschluß aller positiven Parteien zur Abwehr

Das goldene Dach zu Iildesheim.

Historische Erzählung von Antonie Haupt.

(15. Fortsetzung.)

Kurt kubr fort: „Aber des Blutes ist heute schon genug g»flössen. Ich will Such dem B-schofe vorführen, er mag die Strafe über Euch verhängen."

„Nehmet doch Vernunft an, Herr von Dinklar. Die Entführung der Jungfrau war ja nur ein Scherz, abgekartet zwischen mir und Henning von Saldern. Der Spaß sollte mit fröhlicher Hochzeit enden; man hätte Euch wahrscheinlich auch dazu geladen. Wäre der Wolkenbruch nicht gekommen, so hätte Henning unserm Versprechen gemäß, mir längst durch Schein- jagd die Holde abgerungen und in Sicherheit gebracht", so sprudelte B«thold in immer g'ößerer Bnwirrung hervor.

Kurt von Dinklar stand starr ob solcher Ränke. Sein ehrlicher Gemüth hätte fich dergleichen »immer träumen lass en.

»Ihr macht ja wunderbare Enthüllungen", sprach er tikfathmend und warf einen mitleidigen Blick aus die Maid.

Altfcide schlug die Hände vor das Seficht und flüsterte:

„Mit einem Manne, wie Henning, wollte mein Vater mich vnmählen!"

Des Freiherrn Hand zuckte, um daS liebe weinende Mägdlein an sein treues Herz zu ziehe»; aber er tbat e8 nicht, er fand die Kraft, es mcht zu thun. Richt einmal der Versuchung gab er nach, die seidigen gold­blonden Ringl-in zu streicheln, welche ihr in die ge­senkte Stirne sielen. Sorgsam geleitete er sie zu ihrem Sitze zurück, kaiete einen Augenblick vor ihr nieder und flüsterte:

„Nun wird aller gut. Geduldet Euch nur kurze Zeit. In der Morgenfrühe schon hoffe ich, Euch inS Vaterhaus zurückzubringen."

Alsdann rief er feine Leute herein. Er gebot ihnen die Pferde inS Trockene zu bringen.

_. daS Unwetter eS gestattet, ziehen wir gen S'ldeShelw. Den Ritter nehmt Ihr alsdann in Euere M-tte". entschied er.

„Schade, daß wir ihn nickt schon mit dem Braun- schweig« Herzog in den Thurm fyerrett konnten, bort wäre er sehr gut verwahrt!" meinte einer der Mannen.

Kurt von Dinklar wandte sich wieder zu Altfride:

„Unter meinem Schutze wöget Ihr Euch nun, so gut dar Euch möglich, dem Schlummer hingeben. Ich werde für Euch Wacken."

Das Mägdlein sah lächelnd zu ihm eupor:

„Wie könnte ich jetzt schlafen! Setzer Euch neben mich und erzählet mir ohne Verzug, wie eS Euch, wie

er meinem theueru Vater und all den Unfern heute «ging; zu wefien Gunsten sich der Feldstreit ent­schied, so er »unmehr beendet ist, wie Ihr selb« zu- gabt.

Solcher Aufforderung gehorchte der junge Ritt« gerne. Er berichtete lebhaft und getreu von dem Her­gänge der Schlacht in vielen Einzelheiten und von dem wunderherrlichen Siege der Hildesheim«. Nur üb« die eigenen Heldenthati» und die Auszeichnungen, so ihm zu Theil geworden, schwieg er.

Dar verdroß den alten Knecht Eivhard. D« hatte nicht vnsäumt der halblauten Schilderung seiner Herrn mit gespitztem Ohre zu folgen, so schwer sich das aus gewisser ehrerbietiger Entfernung thun ließ. Jetzt ab« hielt eS iHv nicht mehr läng« zurück; kecklich trat er vor. Der Alte durfte sich schon derlei erlauben.

„Mit Vergunst, hochedeleS Jungfräulein, von d« Hauptsache hat mein Herr aus Bescheidenheit Euch nichts erzählt", so hob er an. Und dann floß die Rede unaufhaltsam, wie ein ungezügelter Strom über seine Lippen. Er prieS die KriegSihaten seines Herrn, « vergaß nichts, eS kam ihm sogar in seiner Begeisterung auf etliche gut gemeinte Zugaben nicht an. Weiß der Himmel, zu welch' übermenschlichem Helden er Herr» Kurt behaglich hätte anwachsen lassen, wenn oiesn nicht halb unwillig, halb lachend, aber sehr bestimmt,