21. Jahrgang
Mittwoch, den 12. September 1894.
JV 208
FiildaerMZeitung
geben.
Wer war eigentlich der Ritter, der in so ehrfurchtsvoller Entfernung hielt? Wohl einer von den Stifts« Vasallen, welcher etwa noch außerhalb der Stadt zum bischöflichen Heere gestoßen war! Jetzt fiel er der Jungsrau auf, daß er nicht ein einziger Mal sein ge« schioffener Bisir gehoben batte.
„Herr Ritter!" kam es zaghaft von ihren L'ppen.
Der Ruf brachte de« Geharnischten sofort an ihre Seite.
„War ist Euer Begehr, hochedle Jungfrau?"
Auf ihre bebend an ihn gerichtete Frage nach dem Bater klappte der Ritter dar V.fir in die Höhr und enthüllte ihr dar kecke von lachendem Uebermuth strahlende Erficht Bertolds von Dnford.
..Zunächst ist es mit zu meiner Freude vergönnt", imtt Bertold von Düford zu Altfride, „Tuch die he^ngeuehme Kunde zu hinterbringen, daß dem edle« rafey von Hardenberg scheinbar noch kein Härleiv ümmt war, als ich zuletzt daS Glück hatte, ihn zu Er hieb so munter um fich, daß eS ein helles gnügen gewesen wäre, seine« Streichen zuzuschaue«, « sie nicht leider auf unsere Verbündet« nieder« gesaust wären. Ich will eS z« Suerm und seinem Heile wünschen, daß er anjetzt noch ebenso gesund und lebens«
habhaft zu werden."
Zuerst mit Freude, dann mit starrem Entsetz« hatte Altfride diese Enthüllungen vernommm. Sie entgegnete nichts, richtete sich aber auf, von plötzlichem Entschlüsse getrieben, und wollte hinauSspring«. Wie vernichtet sank sie jedoch gleich darauf wieder in die Kissen zurück. Die Sänfte war fest geschloffen.
„WaS that ich Tuch, Herr von Ditford, daß Ihr mir solche Schmach angedeihe« laßt?" fragte sie tonloS.
„WaS Ihr thatet, schöne Jungfrau? Weiter nichts, als daß Ihr mein Herz gefangen nahmt. Sintemal« ich aber nach den Erfahrungen, die Ihr mich auf de« letzten Tourniere machen ließet, einige« G«nd habe anzuNehmm, als ob Ihr mir Euer Herzelein doch nicht freiwillig dagegm gegeben hättet, so raube ich gleich Euere ganze Person. Gefangene zu machen, ist Kriegs- recht. Ich wette inzwischen, daß der Herr Prokonsnl von Hildesheim weder eine Mark Silbers, noch eine Hufe Landes zahlt, um sein mit einem fremden Ritter davougelaufener Töchterlein wieder einzulös«. Dem daß Ihr mit so grober List sogleich zu sang« gewesw, dar glaubt Euch später doch kein Mensch. Darum schickt Euch in dar Unvermeidliche und macht gute
Provinz von Herzen wünsch«, daß sie die Marienburg stets als ei« Wahtzeiche« der Deutschtums ansehen, daß sie stets pflegen und heg« wöge deutsche Sitte
* Für die Arbeit, welche der Post aus der Atterg» und Jnvaliditätsverficherung erwächst, gibt nachstehende Notiz einen Begriff: Für Rechnung der In- validitätS- und AlterSversichemngSanstalt Berlin tourten im Jahre 1893 durch die Post gezahlt: An Altersrenten 206,560.97 M. gegen 174,856.75 M. im Jahre 1892 und 131,007.46 M. im Jahre 1891; an In- valid«renten 46,343.96 M. gegen 10,335.30 M im Jahre 1892. Es entfall« auf eigene, d. h. von der diesseitige« Anstalt selbst festgestellte Renten 197,225,74 M. AlterS« und 45,251,22 M- Invalidenrenten; aus von anderen Anstalten frstgestellte Renten 9335.23 M. Alters« und 1592,74 M. Invalidenrenten.
* Marienburg, 9. Sept. DaS gestrige Galadiner für die Provinz Westpreußen nahm ein« glänzenden Verlauf. Der Kaiser brachte folgend« Toast onf die Provinz au» „DaS letzte Mal, als mich daS Mahl mit Ihnen, meine Herren, vereinte, war eS in der alt« Handelsstadt Danzig, in dem schönen, alten Emporium des deutschen Handels und der deutschen überseeisch« Beziehung«. Damals, in einer ausgezeichneten und zu Herz« gehmden Rede, trat der Vorsitzende des Provinzial-LandtageS für die Provinz und ihren Bauernstand ein, die Wünsche mir vorlegend, welche die Provinz auf dem Herzen hatte. Am heutig« Tage versammeln wir unS in der altehrwürdigen Stadt Marienburg und die Provinz steht, Sott sei Dank unter dem Einfluß einer guten Ernte. Wie Sie schon erfahr« haben, ist meine landeSväter« liche Sorge bestrebt gewesen, für Sie zu thun, war in nuferen Mitteln liegt. Ich blicke auf Sie als meine Mitarbeiter zu weiterem Streben und Thun. Dieses Schloß, in deffen Manern die weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze von den Rittern einhergetrag« wurden, war die Hochburg des DeutschthumS gegen den Osten. Bon ihr ging die Bekehrung der Heiden, von ihr die Kultur in alle Lande hinaus. So möchte ich der
Civilisation, daß ihn« ein Ende gemacht werde, soweit die deutsche Flagge weht." .....
• Nach der Veröffentlichung deS Kaiserlichen Gesundheitsamtes find vom 27. August bis 3. September Mittags an Cholera «Deutschland 53 Erkrankung« und 21 TodeSsälle vorgekommen. Davon komm« auf Ostpreußen 6/1, auf das Weichselgebit 24/11, auf daS Netze-Wurthegebiet 7/3, auf das Obergebiet 2/2, auf Oberschlesien 1/1, auf Hessen-Nassau 12/3, aus die Rheinprovinz 1/0.
* Hiesige Blätter melden, daß der Präsident der franzöfischen Republik Casimir Perier, einen in der Fremdenlegion dienend« Deutschen, den Sohn eines auf dem hiesigen Cmtralviehhofe angestellt« Arbeiters, begnadigt hat. Der Soldat war weg« schwerer Insubordination erst zum Tode und dann im
daß der Geharnischte sie gedungm habe. Der Herr ; srisch ist, wie dazumal. Und nun, mein edles Fräulein", Ritter könne wahrscheinlich die gewünschte Auskunft — Bertold verbeugte sich lachend, „gestattet mir, meinem Glücke unverhohlen Ausdruck zu verleihen darüber, daß eS mir gor fo leicht gelang, Euerer liebreizend« Perfon
ASkariS wurden verwundet. Um einer Wiederholung der Angriffe vorzubeugen, hab« sich S. M. S. „Seeadler" und „Möwe" an Ort und Stelle begeb«.
• Der Sklavenhandel in Ostafrika ist abgeschafft, so versichern uns die amtlichen Berichte. Ganz anders lauten die Berichte von katholischen Missionaren aus dem Küstengebiete. Wir wollen hier kurz wiedergeb«, war im Srptemberheste von ,Kr«z und Schwert ausführlicher berichtet ist. Im September 1893 hielt ein MissiouSoberer eine Karawane an, weil er den Verdacht hegte, sie führe Sklav« mit sich, ob» wohl sie regelrechte Pässe hatte. Er erfuhr bald die Wahrheit, die arm« Neger waren leibhaftige Sklav«, b«en man etwas vorgeschwindelt hatte, um sie witzu« locken. Der Gouverneur von Bagamoyo entschied die Angelegenheit im Sinne des Missionars. Ei« anderes -----—,------ - u , ...
Mal erfuhr der Superior von Mhouda, daß fich eine Gnadenwege zu langiahriger Festungshaft verurtheüt verdächtige Karawane nähere. ES war im November Word«. . .. _ . ___ _
1893. Er entsandte einen Pater mit bewaffneten schwarzen * “ Christen, um der Sache auf den Grund zu geh«. Der Pater fand unterwegs fünf halbtodte Kinder, verhungert, entkräftet und mißhandelt, welche von d« Araber« einfach liegen gelassen waren, eine Beute der toilben Thiere. Als der Pater auf den Lagerplatz kam, fand er alle Pässe in Ordnung: 550 „Träger", unter ihn« 60 Kinder, waren eingeschrieben. DaS sollt« also regelrecht angeworbene Träger sein, und die Araber halt«, als fie Pässe verlangten, versichern müffen, daß die Kinder in Begleitung ihrer Ette« reiset«, daß sie später wieder in ihre Heimath zurück« gebracht würden! Der Missionar stellte nun unschwer fest, daß daS gelogen war, eines der Mädchen z. B., daS am Wege gesunden wurde, war zwei Jahre vor« her in Uganda geraubt, andere waren an den Kara« wavensührer verlaust worden. Die Mehrzahl der sänimtlich« „Stöger" waren nach der Ueberzeugung deS Missionars nichts ander» als zum Verkauf respettiv zur Ausschiffung bestimmte Sklaven. Aber er konnte nichts thun. „Wenn du uns das Geringste wegnimmst, so bekommst du eS mit der deutschen Behörde zu thun, diese ist er, welche uns die Pässe ausgestellt hat" — drohten ihm die Araber. Die Zeitschrift ,Kreuz und Schwere bemerkt dazu ganz treffend: „Unsere Kolonial- behörd« lassen sich anscheinend an der Nase herum» sühr«. Wie könnt« fie sonst Pässe für die gewerbsmäßigen Sklavenhändler ausstell«, ohne die Gewißheit zu habe«, daß der Arader seine „Träger" auch ordmt- lich pflegt, sie gesund zur Küste und endlich wieder in ihre Heimath bringt. Man lege doch endlich einmal europäischen Maßstab an daS Treib« jener Bandit«. WaS würde denn einem Mensch« hier passite«, der in Berlin eine Karawane zusammenstellt, um sie nach > Wien zu führen, und dann unterwegs die Schwächlinge halb verhungert und mißhandelt am Wege liegen läßt?! Man verbiete doch vor allen Dingen daS M'tführen
von Frauen und Kinde« und mache jeden, der einen Paß verlangt, mit feinem Kopfe haftbar für Leb« und Gesundheit seiner Träger. Solchen Zuständen läßt vup x« i«« pi«#*« **“" jmr- rr'jrzZE sich abhelfen, und wir fordern im Namen unserer - und dmtsch« Glauben, und daß Sie sich hierdurch
n^bekl-trMche'n^^e^^beilllgr .Sterne unb^SIumen' m*Fuld?md auSwtrM 1 Mark 60 ÄmMfr
Deutsches Reich.
Berlin, 10. September.
* CS fängt schon wieder an mit der Erhöhung des Militär-EratS. Wie dem ,Hamb. Kor/ geschriebm wird, soll der nächste Etat eine Forderung für drei „Meldereiter-Detachements" «thattm, die versuchsweise im Bereich deS I., XVI. und XVII. Armee« korpS in der Gesammtstärke von 36 Unterosfizirrm, 288 Gemeinen und 324 Pferd« inS Leben tret« sollen. Die Präsenzstärke ist bekanntlich durch Gesetz vom 3. August 1893 festgesetzt. Aus diesem Grunde heißt eS „Detachements", beten Kopfzahl auf die In« fanterie in Anrechnug kommt, so daß es sich nur um die Beschaffung von 324 Pferde« und ihre Unterhaltung handeln wird. Nächstens werden auch wohl die 324 Mann noch besonders gefordert werden. Ferner soll der neue Etat einen Posten enthalt«, wonach die Hörerstellen der Kriegsakademie mn 100 vermehrt Werd«, sodaß die Gesammtzahl der Offiziere der Hochschule von 300 auf 400 steigt.
♦ In militärischen Kreisen wird vielfach die Frage erörtert, ob eS nicht zweckmäßig fei, die Kavallerie abzuschaffe«. Bei der Vervollkommnung unserer Feuerwaffen könne von groß« Reiter-Angriff«, wie sie z. B. noch bei MarS-la-Tour stattfanden, kaum mehr die Rede sein. DaS Jnfanterirgewehr mähe die an« greifenden Schwadronen hin, bevor fie zum Ziele gelangten. Die eifrigen Reform« sprechen dasür, bei jedem Regimmt einige Sp'tzenreiter zum Patrouillendienst, und einige Meldereiter, die hinter der Truppe reiten, und den Verkehr mit anderen Truppentheilen bewerkstellig«, einzustellen, außerdem noch einige Rad- fahret. Ei« Bertteter dieser Resorm erklärte, die ortho- doxen Anhänger der Kavallerie seien zwar übet diesen Plan entsetzt. Die Kavalletieschwärmet sei« aber mehr ober minder alle Romantiker, welche ihre Freude an den glorreichen Uebetliesermig« der Reiterei hätten, ober flotte Reiter, bene« daS Leben auf bem Gaule Wie kein anderes zusage. Der Herr meinte, da nach dem nächsten Kriege doch kein Retter-Regiment mehr bestehen bl-iben könne, erscheine eS richtiger, schon vor den zu erwartmd« üblen Eisahrung« diese Waffe aufzuheb«. Bei den Manöve« habe man oft die Kavallerieschwadtonen ganz thatenloS aus dem Platze stehen seh«, weil fie nicht» hätten anSrichten können, und dieselbe Erfahrung dürste man bei den diesjährigen Manöve« in noch verstärktem Maßstabe machen. Wit wollen schon glauben, baß berartige Erörterungen in militärisch« Kreisen stattfinden, möchten aber seht bezweifeln, daß fie, wenigsten» vorläufig, praktische Bedeutung annehm« könnten. Im günstigste« Falle dürfte e» sich um Zukunstsmusik handeln.
* lieber neue Unruhen in Ostafrika meldet ein Telegramm de» stellvertretenden Gouverneur» au» Dar« eS-Salam, daß am 7. d. M. aufrührerische Mawudji versucht haben, Kilwo zu überfallen, jedoch zurück- gewiesen worben sind. Lazarethgchilfe ThelipS unb 4
Das goldene Dach zu Wldesheim.
Historische Erzählung von Antonie Haupt.
(14. Fortsetzung.)
Herr Deihmar erkannte, baß seine HonSfran Recht hotte, baß er in dieser stockfinsteren Nacht bei wollen« bruchartigem Regen, bei Donner unb Blitz kein« Streifzug mit Erfolg unternehmen konnte. So that er denn nach dem Rathe Frau Hermannas, legte sich nieder und versuchte zu schlafen; letztere» freilich gelang ihm nicht.
Die Erzählung Walttnd» war getreu. Genau fo. Wie die Magd beschrieben, halte sich die Entführung der jungen Gräfin vollzog«. Attfriden» Bestürzung und Fassungslosigkeit bei Empfang der traurigen Kunde war zu groß, ihr kindlicher Wunsch, dem Bater Linderung und Hilfe zu bring«, War zu ungestüm, als daß le nur einen Augenblick geschwankt hätte, ob sie sich »en fremd« Leuten anvertranen solle. Nut fort zu hm, war ihr einziger Gedanke. Sie fragte nicht, sie agte nicht», fie weinte nut und ließ sich vertrauen' voll hinwegttagen. Nachdem die erste FassungSlosizk überwunden war, stieg bet nut allzu berechtigte Wu in ihrem Hetz« auf, Nähere» übet bo» Befind Batet», über die Art seiner Verwundung zu erf „
Die Bauern jedoch, welche die Sänfte trugen, konn ihre Fragen nicht beantwort«. Sie wüßten nichts, als