21. Jahrgang
Samstag, den 8. September 1894.
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Deutsches Reich.
Brrlrn, 6 September.
• Die Einberufung deß Reichstags ist dem Bernehmen der ,Nat. ßtg.' zufolge für Mitte November, die des preußischen Landtags für Mitte Januar zu erwarten. Behufs der EtaiSaufstelluug stad in Preuße«, wie üblich, die Forderungen der einzelnen Ressorts dem Finanzministerium bis zum 1. d. M. »»gestellt worden; sie sind, wie die ,Nat. Ztg/ weiter wißen will, auf vielfache Mehraufwendungen gerichtet, werden mit Rücksicht auf die Finanzlage aber sehr wesentlich eiirzuschränk« sein. DaS für 1894—95 veranschlagte preußische Defizit wird sich durch Verminderung der MatrikularbeitrSge und Erhöhung der Eisenbahneinnahmen zwar erheblich ermäßigen, aber keineswegs vollständig gedeckt werden; ob der nächste preußische Etat wieder mit einem Defizit und in welchem Betrage abschließt, dar wird in erster Reche davon abhängen, ob im Reiche neue Einnahme-Quellen er- öffnet werden. Bekanntlich steht in dieser Beziehung wieder eine Vorlage über dce Erhöhung der Tabakbesteuerung in Aussicht; wie weit sie gegen den vor- jährigen Entwurf Veränderungen aufwüsen wird, ist noch nicht bekannt. — Wenn die,Nat. Ztg.' etwa glaubt, mit einem drohenden „Defizit" m Preußen für die „Reichsfinanzreform" Stimmung machen zu können, so dürste fir sich gewaltig irren. Interessant ist nur die Schlußbemerkung, daß es noch nicht bekannt sei, inwieweit die neue Tabaksteuervorlage (Tabakvrr« brauchSabgabengesetz) gegen den vorjährigen Entwurf Veränderungen aufweisen werde. Tollte «an -aS im preußisch« Finanzministerium noch nicht wisse»?
• Graf Franz Ballestrem feierte gestern am 5. d. M. seinen 60. Geburtstag. An dieser Fest- tagSfteude nimmt nicht nur der engere Kreis der Familie und der näheren Umgebung den innigsten Antheil, sondern darüber hinanS da» ganze katholische Schlesien und weiterhin das ganze katholische Deutschland. Möge Graf Ballrstr'm an seinem 60. Geburtstage, für Alles, was er getha«, Gottes Lohn reichlich erfahren und noch lange in Gesundheit und Kraft erhalten bleiben seiner Familie, seinen Tausenden von Arbeitern, dem« er ein Vater ist, dem kacholffchrn Schlesien und Deutschland!
* I« Betreff der Heereßergänzung im Jahre 1893 gibt der „Reichsanzeiger", wie bereits gemeldet, zu, daß cSerdiugH ca. 11000 Mann mehr eingestellt find, als bei Berathung der letzt« Militärvorlage als Rekrutenbedarf in Aussicht genommen war. Das Mehr von HOOO Mann erklärte sich durch folgende Ver- hältniffe: 1. Die Zahl der 1893 thatsächlich eingetretenes Einjährig-Freiwillig« ist wesentlich höher gewesen, als nach dem Durchschnitt stührrer Jahre veranschlagt war. 2. Bei dem Rrkrutenbedarf waren dre über die Friedens* Präsenzstärke hinaus zur zehnwöchigen Dievstzett zur Aushebung gelangenden Bolttschullehrer naturgemäß außer Ansatz geblieben. Ihre Zahl ist in dem Mehr von 11000 mit enthalten. 3. Bei der Rekrutenbe-
Das goldene Dach zu Hildesheim.
Historische Erzählung von Antonie Haupt.
(11. Fortsetzung.)
Kaum war der Choral verklungen, als mit furchtbarem KrirgSgeschrei dir feindlichen Mafien anstürmten. Die Erde dröhnte unter der Bucht der Gewaltig«. Wie Wette» sturm drang« die Gepanzert« in die Reih« der Bischöflichen ein. , _ „ .
Fast schien eS, als ob diese entsetzt sich uuaenblick- lich zur Flucht kehr« wollt«. Auf solch' plötzlichen Anprall waren sie nicht vorbereitet. Zudem stand einet von ihnen gegen mindestens drei der Feinde. Aller Muth schien ihnen zu entfall«. Biele begann« zu weichen. ,
Da — mitten unter dem «chlachtgemmge, mitten unter dem Regen der Pfeile stürmt voran der Bischof Gerhard au der Spitze seiner Mannen:
„Liebe Leute verzaget nicht. Hier habe ich tausend Mann in meinem Aermel!" *) so rüst er leuchtend von Zuversicht mit Donnerstimme. Hoch empor hebt et dar allen bekannte Reliqaiengefäß der heiligen Maria. _______ -V, ■ -=?
♦) Leve Kerle tröret nid), hie hebbe ick dusent Mann in mynere Mawen." (G. Elbers de reliquiis aliisque monumen- tis summae aedis ms. Ejusdem annal. Hildes. T. I. p. 263. Chronicon hildes. ms. S. 217. Beiträge j. Hildesh. Gesch. Bd. 2. S. 21.)
rechnung war angenommen, daß die durch den Etat neugeschaffene« Kapitulantenstelleu durch solche Mannschaften gedeckt würden, die ausgedient haben bezw. im dritten Jahre bi««. Da aber dem Reichstag daS Zugeständniß gemacht wurde, daß im Herbfi 1893 aus Anlaß der UebergangS zur erhöht« Friedenspräsenzstärke sicht weniger Mannschaft« der Fußtruppen nach zweijähriger Dienstzeit entlassen werd« sollten als im Jahre 1892, so mußten die offenen Kapitulantmstrllm durch Mehreiustrlluvg von Rekruten gedeckt werden. 4. I« dem Mehr von 11000 btfinden sich alle unsicher« Dienstpflichtigen und später aufgegriffenen Rekrut«, welche auch nach der Rekruteneinstellung jederzeit noch außerterminlich eingestellt werden. 5. .ES entstand« durch Entlastung Dienstuntauglicher, Invalider und Reklamirter, ferner durch Brförd««ng zu Unter* osfizier« u. s. w. MarquementS, zu deren Deckung, itt Anbetracht des zu 3 erwähnten Zugeständnisses an des Reichstag, die beim Voranschlag ««gesetzten 6 pCt. für Nachersatz bei einzeln« Trupp?« nicht auSreichtm. U« im Uebergavg nicht zu viel ManquemmtS zu behalte«, wurde für d« bis zum 1. Februar 1894 ringe- tret«« Abgang au Mannschaft« sämmUicher Jahres* klaffen bestimmungsmäßig eilte nochmalige Nachersatz- st-Mng erforderlich.
* Zur Enthüllung der Denkmals für Kaiser Wilhelm I. in Königsberg i. Pr. war auch dem Fürsten BiSmarck eine Einladung zugegangen, derselbe hat aber dankend abgelehnt.
* Die .Soz Korr/schreibt zum Kollekteu-Unwese«: „Die Zahl der Kollrktantm, welche in kathol. Gegenden Städte und Dörfer durchzieh«, um für irgend eine« thatsächlichen oder angeblichen Zweck milde Gab« ein* zusammelo, mehrt sich gewaltig. Verschiedentlich sind in der letzten Zeit Fälle vorgekommen, daß Leute ohne Auftrag und GenehmizMg mit gefälschte« Papieren ganze Gegenden brandschatzten und dann mit ihrem „Verdienste" verduftet«, bevor die Behörde« aufmerksam wurden; viel öfter aber kommt er vor, daß durch legitimirte Vertreter Sammlung« veranstattet werd«, ohne daß die kirchlich verlangte Genehmigung des Diözesanbischofs eingeholt oder erlangt wäre. Der Zweck und die Absicht mag bei solchen Sammlung« noch so gut und löblich sein, ii ist unbedingt noth- w«dig, daß nur die richtig« Mittel angewandt werden; von diesem Gesichtspunkte a«S ist jede Kollekte zu mißbilligen, zu welcher der Diözrsanbifchof seine Genehmigung nicht gegeben hat. In einigen Blättern ist den Lesern geratheu worden, sich bei allen Kollekten vom Kollekt inten diese Genehmigung Vorzügen zu lass«. DaS würde, wenn man cS allgemein befolgte, den Auswüchsen die Spitze abbreche«, aber man weiß auch aus Erfahrung, daß sich der gewöhnliche Mann und mancher Andere in der Regel damit begnügt, wenn er überhaupt nur Legitimationk-Papiere sieht, und solche sind nach Lage unserer Äesttzzebuttg in dieser ober jener Form von den weltlichen Behörden leicht zu erhalten, io daß dieselb« sie nicht einmal versagen dürfe». Angesichts der Mißstände und Mißbräuche, die mehr und
DaS Heiligtbum funkelt im Sonnenschein, entsendet flammende Strahlen. Fmerströme gießt eS aus in die Herzen der Hildesheimer, Fkuerströme beS MutheS «nb der Thalkraft. Unbeschreibliche Begeisterung, aller menschliche Maß übersteig«der Heldenmuth kommt über die kleine Schaar. ,
All« voran dringt Bodo von Oberg mit Löwenkraft tief in die feindlich« Reihen. Er und seine Leute kämpfen die gewaltigen Schwerter schwingend, da, wo die Gefahr am größten ist, mit solcher Tapferkeit, daß Ge-Hard voll Bewunderung den noch zurückgebliebenen SttftSbane« zürnst:
„Ihr Männer mit de« Hanb«, was steht Ihr da? Sehet, wie bet Mönch dort fechtet!"**)
Da schwellt kühner Much auS deren Herz«:
„Maria hilft!" so ruf« sie.
Im Ru stürzen an Hundert Magdeburger von den SBaffen der wüthmdeu Stiftsbauern getroffen a«S den Sättel«. Nicht zu beschreibe« ist die Verwirrung, die Fassungslosigkeit der von dem Magdeburgische« Hauptmann, Meiuecke von Schierstedt geleiteten feindlichen
Heeres.
Der Oberbefehlshaber, Herr Meimcke, wurde ohne Verzug von dem wie der Erzengel mit dem Schwerte
**) Je Männer myt den heuen da, wat start je da so, seiht mal, tot) de Mönick dort fechtet. (Chron. Monast. S. M. ms. fol. 38 et ap. Meib. p. 522.) 8W «... ttiS
mehr einreißen und daS Vertraue« weiter Kreise auch de« empfehlenSwerthesten Kollekten gegenüber vermin* bern und damit deren Ertrag, wäre eS unseres Er* achtmS zu wünschen, daß bei Abhaltung genehmigter HauSkollektm für kirchliche Zwecke ein anderer Modus eingeführt würde. Am einfachst« ließe sich die Sache mach«, wmn gmerell die Ortspfarrer angewief« würdm, die gmehmigtm Hauskollekten in ihrem Bezirke durch ein« vertrauenswürdigen Man« ab* halten zu lassen uud daS Ergebniß das« zur Beförde* ruog an seine Stelle einzuliefern. Auf diese Weise würde dreierlei erreicht: 1. Die Bewohner würden vo« vornherein sicher sei«, daß eS sich wirklich um ein« guten Zweck handelt und deshalb freudiger geb«. Sie könnt« die zweifelhaften und schwindelhaft« Samm* lungm sofort erkenn«, und daS würde hinreich«, um die Jndustrieritter alsbald verschwinden zu lafien. 2. Die Kollekte« würdmweit schneller beendet, als wen« ein ober mehrere Sammler von Ort zu Ort ziehen. 3. Die Kosten berselbm würbe« sich wesentlich verringern. Gerade dieser Punkt verdimt besondere Erwägung. Jetzt findet man oft Sammler monatelang auf der „Tour", sie mfifi« genährt, gekleidet und gelöhnt werd«, viel* fach hab« fie ortskundige Begleünng nothwendig, die selten kostenfrei gestellt wird, alle düse Kost« geh« vom Ertrage der Kollekte herunter, und daß sie sehr bedeutmd sein müssen, kann füglich nicht bezweifelt werd«. Zudem ist der Auftraggeber oder daS Institut, zu dessen Beste« die Kollekte veranstalttt wird, auf die Ehrlichkeit der Kollektant« angewiesen, da über dieselb« höchstens eine sehr mangelhafte Kontrolle geführt werd« tarnt. — AuS diesen Gründen, und «m zur Abstellung eines nicht selten hervortretmden Mißstandes anzmeg«, haben wir geglaubt, die obig« Bemerkung« und Bor* schlüge mach« zu sollen."
* Koblenz, 5. Sept. Der in Dresden tagende 7. BerbandStag des Cmtral-BrrbanbeS Deutscher Kauf* leute, bat beschlossen, seinen nächstjährig« BerbondS* tag in Koblenz avzuhaltm.
• Ein trauriger Gedenktag für die hessische» Katholiken ist, schreibt dar .Mainzer 3oucnal', der 4. Sept. 1874. Heute vor 20 Jahre« brachte die groß- herzoglich hessische Regierung in der hessischen Ständekammer fünf kirche«politische Gesetzentwürfe ein, welche zwar nach Titel und Wortlaut sich auf die Kirchen und Religionsgemeinschaften beziehen, sachlich aber vorzugsweise die katholische Kirche berühren. Nachdem eS den Nitioualliberalm gelungen war, auch im Großherzogthum Hessen die Regierung zum Kampfe gegen die kathol. Kirche zu drängen, legte fie folgmde Gesetzentwürfe vor: Der erste Entwurf handelt von der „rechtlich« Stellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften im Staaie", der zweite „vom Mißbranch der geistlichen Amtsgewalt", der dritte „von der Vorbildung und Anstellung der Geistlichen", der vierte „von dem Bksteuerungsrecht der Kirchen- und Religionsgemeinschaften", der fünfte „von den religiösen Olden und ordensähnlichen Kongregationen". Diese Vorlagm waren den unrühmlich« vreußischen Maigesetzm nach*
selber dreinschlagenden Abte von St. Michael gefang« genomm«; gleiches Schicksal ereilte deffen Kameraden Klau» von Bismarck. , ,
Mit grenzenlosem Staunen beobachtete Herzog Magnus aus der Ferne — er führte die tapfer« Braunschweiger als Nachhut — die unglaublich« Wbfftnthaien des Mönches und seiner rasmdm Fußknechte. ES schien wahrlich, als ob der« Andringen lähmendes Entsetze» über die Ritter verbreitet habe, da sie sich will«loS gefang« gaben, oder zurückwich« «nb auf der Flucht die eigraea Fußstreiter nieder* ritten und zertrat«. Als der Welfenherzog Alle vor feinen Augen weichen sah, ergriff ihn wilder Zo«.
Drauf und dran!" rief er und prasselte mit seinen Braunschweiger«, gleich grimmen Ungewitter, auf Bodo und defi« Kemp« loS. Em furchtbares Handgemenge begann. Kraft rang mit Kraft. Die Erde trank mancher Tapfer« Blot. So wogte die Entfcheid«ng hin und her. DaS war im Mitteltreffen.
Auf dem rechten Flügel führte der düstere Pro* konful feine Leute gegen die Halberstadter. Er fchlug wuchtig drein. Herr Hmning, der Anführer derer von Halberstadt, fank getroffm von des Schwertes Stteich. Die Halberstüdter fchickten sich beim Falle ihres An* führers sogleich zur Flucht an. Doch der Graf von Wermgerode mit feinen Mannen eilte zum Ersatz her* bei. Er ward nach tapferer Wehr gefang« genomm«.