Beilage zu Nr. 200 der »Fuldaer Zeitung'.
Sonntag, den 2. September 1894.
41. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
VI.
Die Generalversammlung der dentsche« St. Bincenz Vereine
wurde am Dienstag Nachmittag im großen Saale des Gesellenhauses gegen 3'/, Uhr von dem Vorsitzenden des Provinzial - VerwaltungSrath der Rheivp covinz, Herr LandgerichtSdirettor K. ReichenSperger, eröffnet. Der Besuch war so zahlreich, daß der große Gaal bis zum letzten Platze besetzt war. AuS dem von Herrn Scholl vorgetragenen Protokoll sei noch hervorzuheben, daß die Zahl der Konferenzen in der Rheivprovinz im vorigen Jahre 186 mit 3333 Mitgliedern and 17,539 Theilnehmern betrug. Die Zahl der regelmäßig unterstützten Familien betrug 3786 (gegen 3228 im Vorjahre). Ja dm Sitzungen der Ikonfermzen wurden 43,454 Mark gesammelt. Die Einnahmen im Ganzen betragen 232,568 Mark, die Ausgaben 174,573 Mark.
Hierauf entbot der Vorsitzende den aus allm dmtschm Gauen herbeigeeiltm Mitbrüdern im Namen des Oberverwaltungsrath rS von Köln herzlichm Graß. Namentlich erfülle ihn die Anwefmheit so vieler junger Lente mit froher, freudiger Genugthuung, um so mehr, als feit Jahrm die Klage« über den Mangel an geeignetem Nachwuchs zur Fortführung des schönen Werkes der Nächstenliebe stets von neuem wieder- kchrten. Die heutige Versammlung erfülle ihn in dieser Hinsicht mit freudiger Hoffnung und werde ein glänzender Markstein in der Geschichte des Vereins werdm. Ans den allgemeinen Berichten sei zu ersehen, daß der Segen GotteS ans allm Verbänden ersichtlich geruht habe. Sine neue Aufgabe sei jetzt dadurch an den Verein herangetretm, daß unter Billigung sowohl der staatlichen als geistlichen Behörden die Fürsorge für mtlafsene Strafgefangene dem Vincenzverein nahe gelegt wordm sei. Da überhaupt kein Liebeswerk dem Verein fremd erscheine, so werde auch diese Anregung fruchtbaren Boden finden.
Herr LegattonSrath von Kehler führte im Auftrage des OberverwaltungSratheS von Berlin aus, daß die dortigen Konferenzen mit den ziemlich fpär- lichm Mitteln reichliche Erfolge erzielt hätten. Auch dort fei die Fürsorge für die entlassenen Ettafgefange- nm den Konferenzen nahe gelegt worden. Man habe einen befonberen Ausschuß mit eigener Kasse gebildet, dem diese Aufgabe überttageu wordm sei. In diese Unterstützungskasse zahlen sowohl der allgemeine Bin- cenzverein als auch andere Vereine »nd sogar die Straf- anstaltm Beiträge. Ein besonderer Arbeitsnachweis für solche Strafgefangene, die dm ernsten Willen habm, sich zu beffern, habe sich als eine der größten Wohlthaten erwiesen. Auch ein kleines Asyl für solche entlassene Gefangene sei eingerichtet, das für mehrere Tage kosten- freies Unterkommen biete, nm sich eine Stelle suchen zn können. Wenn auch die Erfolge nicht gerade sehr groß feien, weil der Rückfall nur zu leicht vorkomme, so sei man doch im großm Ganzen damit zufrieden.
Der Vertreter des OberverwaltungSratheS von Mainz überbrachte dm Gruß der Konferenz der ober- rheinischen Kirchenprovinz. In Folge der vielfach gemifchtm Bevölkerung sei die Gründung neuer Konfermzen mit großen Schwierigkeiten verbunden. Trotzdem sind in Mainz in jüngster Zeit vier neue Konferenzen entstanden und die Ergebnisse der Sammlung in den Konferenzen erheblich gestiegen. Auf dem Lande fei leider fast nichts zu erreichen. Reger Lebm blühe in der von Mitgliedern der Marianischm Kongregation junger Kaufleute gebildeten Konfermz, welche sich namentlich den Besuch der weit entfernt wohnen- dm Familie« angelegen sein lasse, der dm filtere« Mitgliedern zu schwer falle. Auch der Schutz der Heranwachsenden Knabm fei eine Hauptaufgabe dieser Konferenz.
Herr Kramer vom ObervrrwaltungSrath Paderborn konnte über dm Stand des dortigen Vereins rmr Erfreuliches bericht«. Der Verein nrnfasie 129 Konferenzen mit 3000 Mitgliedern und 4000 Theilnehmern. Im vergangenen Jahre wurdm über 2000 arme Familie« unterstützt. Die Einnahmen betrugen 64,783 Mk, die Ausgaben 54,627 Mk. Besonderer Werth wurde auf eine gute Lektüre durch Ueberweisung katholischer SonnlagSblfitter gelegt.
Der Vorsitzende betonte, daß über die Nothwmdig- leit einer guten Lektüre ein allgemeines Einverstfiudniß herrsche.
Der Vertreter des OberverwaltungSratheS der Erzdiözese Freiburg, em treuer Schüler deS seligen Alba« Stolz, wies auf die blühenden Konferenzen zu Freiburg. Karlsruhe, Baden und Konstanz hin. An gutem Willen, neue Konferenzen zu bilden, fehle eS nicht. Ja herzlichen Worten wandte sich der Redner an die akademische Jagend. Der Vincenzverein, der ja
ans der stndirmden Jugend hervorgegangen sei, sehe nicht auf die Börse, sondern auf daS Herz.
Herr Hoffmann (Duisburg) schilderte die unter den schwierigsten Verhältnissen sich vollziehende Entwickelung des dortigen Vereins. AuS einer Konferenz von 5 Mitgliedern feien jetzt deren vier mit über 80 Mitgliedern und 600 Theilnehmern entstanden. Die Unterbringung armer Waifmkuaben, oft bis zu 140 in einem Jahre, und die Unterstützung strebsamer, armer, braver Handwerker fei eine besondere Ausgabe, die von reichstem Segm sei, indem diese Handwerksmeister später zu dm treueftm und opferwilligsten Mitarbeitern zählten.
Herr Rektor Dörner, OberverwaltungSrath in Effen, wandte sich im Namen des Klerus an die Berfammluug und führte aus, daß es eine Pflicht der- selben fei, dm Bestrebungen deS Vincenz-Vereins vollste Sympathie entgegenzubringm. Der St. Vmcmz-Berein fei dem Klerus der liebste Bundesbruder in der Seelsorge. Bei der Massmarmuth sei es nicht möglich, daß der Geistliche allein helfe, da trete der Verein ein. Seme Gaben bildeten aber auch den Schlüffe! zum Herzen der Armen und da beginne die feelforgerifche Thätigkeit. Die Stadt Effm zählt jetzt allein 8 Konferenzen, darunter eine zu Den Hy. CoSmaS und Damia- nnS, die sich ausschließlich mit der Ausstattung Dürftiger Kommunikanten befaffe und im vergangenen Jahre bereit 250 unterstützen konnte. Die Quelle bet St. Vincenz-Vereine fei bie Liebe zu Gott, bas Ziel beS Vereins bie Selbstheiligung nnb das Mittel dazn die Liebe zum Nächsten.
Ja längerer R-de legte Herr stuä. jur. Angerhaufen aus Krefeld feinen Kommilitonen die Bedeutung, den Zweck und die Ziele des St. Bincenz- BereinS dar und ermunterte sie in begeisternden Worten zum BeitrUt in den Berem, der in fremder Stadt dem Stndirmdm bie Familie ersetzen könne, ih« rechtzeitig mit bem Ernst beS Lebens bekannt mache, vor vielen Gefahren bewahre nnb für spätere Jahre stähle. (Lebhafter Beifall.) Der Borsitzenbe bat bie zahlreich erschienenen Akabemiker, biese Ansichten in bie weitesten Kreise tragen zu wollen.
Als Senior der deutschen Bincrnzbrüber nahm Herr Abgeordneter Dr. Lingens aus Aachen das Wort. Auch in Aachm lasse man sich die Fürsorge für die entlassenen Strafgefangenen fehr angelegen sein. Ma« betraute damit den Anstalts-Geistlichen, welchem von Seiten des Vereins zwei Assistenten beigegeben seien. Die Berhfiltniffe der mtlaffenen Gefangenen seien meist trostlos, um so wichtiger aber die Fürsorge, für welche meist die Königl. Regierung sich lebhaft intereffire und ansehnliche Beitrfige leiste. Die Erfolge feien recht er- muthigend.
Der Ehrenvorsitzende einer ländliche» Konfermz bezeichnete die Bildung von Konferenzen auf dem Lande als nicht so schwer, wie man vielfach glaube und gab praktische Winke hierfür.
Tine ergreifende Schilderung gab der hoch». P. Kreutzer aus Paris Über die Konferenz der Deutschen von St. Elisabeth. Vorsitzender, Schriftführer, Mitglieder dieser 24 Mitglieder zählenden Konferenz feien alle ohne Ausnahme arme Leute: Schuster, Schneider, Straßenkehrer, Kloakenfeger, bie sich von ihrem kärg- lichen, fauer verbienten Lohne noch etwas absp treu, um ben noch ärmeren Mitbrüdern zu helfen. Aver GotteS Segen walte augenscheinlich auf biefer kleinen Schaar glaubensstarker Männer, bie im wahren Sune des Wortes zur Lösung der sozialen Frage das Ihrige beitrügen. Stürmischer Beifall folgte ben Ausführungen beS Redners.
Der Vorsitzende bat dann die auswärtigen Mitglieder, ihren Konferenzen die herzlichsten Grüße der Kölner Konferenzen übermitteln zu wolle«. Als Brüder und Söhne des hl. Vincenz wollen wir alle treue Anhänglichkeit in gemeinsamer Liebe zum Nächstm bewahren.
Mit Gebet, wie sie begonnen, fand die erhebende Versammlung ihrm Abschluß.
Das goldene Dach zu Hildesheim.
Historische Erzählung von Antonie Haupt.
(6. Fortsetzung.)
„Wie aber, wenn er der ausdrücklich; Wille Eures Vaters wäre, daß Ihr dem Ritter von Saldern als Gattin folget?"
„Ich hoff , daß mein lieber Vater niemals ein Verlangen an mich stellt, deffen Erfüllung mich nn- glücklich machen würde", entgegnete sie leise.
„Wenn er es dennoch thäte, Altfride, wenn er auf seinem Wunsche beharrte", drängte er.
Sie sah zu Boden und zögerte.
„Würde er trotz meiner Bitten auf feinem Willen bestehe«, ja, würde er darauf bestchm — so müßte ich — gehorch«. Dem väterliche« Gebote müßte ich mich unterwerfen", kam er stockend Über ihre Lippe«.
Er taumelte. Eine andere Erwiderung auf feine Frage hatte er kaum erwarten könne«, dennoch war es ihm, als wenn mit AltftidmS Antwort Licht und Sonne von ihm gewichen.
„So lebet wohl", sprach er tonlos, sah sie noch einmal ttefschmerzlich an und wandte sich, um zu gehen.
„Nicht so, Herr von Dinklar, o gehet nicht so von mir!" rief die Jungfrau in heftiger GemüthSerschütte- rang, mit aufsteigenden Thränen kämpfend. „Höret erst, daß ich daS feste Vertrauen zum lieben Gott habe, daß er uns alles zum Bestm lmkt, und dann —"sie nahm ein Seidenband vom Hälfe — „empfanget diese Medaille der Mutter GotteS. Ich trug sie seit meiner Kindheit. Die heilige Jungfrau geleite Euch zum Siege und führe Euch zur glücklichen Heimkehr!"
Er barg daS Kleinod auf seiner Brust.
„Dank, heiße« Dank! Wie könnte ich nun noch verzagen!" sprach er mit tiefem Ernst.
So trenntm sich bie Selben.
Als bes Prokonsuls Töchterlein nach Hause kam, vernahm sie schon im Flur bie kräftige Stimme ihres Vaters, welcher ben Knechten bie Weisung ertheilte, sein Rüstzmg spiegelblank zu putzen.
Sie flog zu ihm hin und schlang bie Arme um seinen Hals.
„Wie, auch Ihr, mein thenerstrr Vater, wolltet zum Kampfe ziehen?" rief sie weinend.
Er streichelte liebevoll ihr sonniges Lockenhaar.
„Mein sonst so mnthigeS Kind, wie zaghaft bist Du heute! Müßtest Du Deinen waffengeübten Vater nicht als ehrlos verachten, wenn er dm Bischof im Kampfe gegen die Feinde unseres HeimathlandeS im Stiche ließe?"
Altfride vermochte nichts zu erwidern, sie weinte nur stärker.
Henning von Saldern, welcher bisher in eifrigem Zwiegespräch mit einem fremden Boten dagestanden, ben kleinen Auftritt aber mit Tyeilnahme beobachtet hatte, kam jetzt herzu unb versetzte lächelnd:
„Hierin erlaubet mir doch anderer Meinung zu fein, vielwerther Herr Oheim. Ich möchte eS tollkühn, ja freventlich nennen, ein kleines Häuflein kaum bewaffneter Bürger gegen ein drei- bis viermal stärkeres Hier kciegsknndiger, schwer gerüsteter Ritter zu führm. Der Untergang ist dm Hildesheimern doch gewiß! Außerdem habe ich auf meinen Reisen ein kleinliches Liebegefühl für daS engere Vaterland abgestreift. Ich bin Weltbürger geworden und sehe kein Unglück darin, wenn unser Hochstift mit anderen Herrschaften zu einem großm Staate vereinigt wird."
Graf Hardenberg richtete sich empor.
„DaS heißt mit anderen Worte«, ich will für die gute Sache nicht kämpfen!" rief er zürnend.
Henning lächelte überlegen.
„Ob die Sache eine gute ist, möchte ich dahinstellm. Jedenfalls will ich fürderhand und ohne Besinnen nicht gegen mein eigenes Blut in Streit ziehen. Mein Bruder HanS fandte mir eben durch einen reitenden Boten die Nachricht, daß er sich mit Magnus gegen dar Hochstift verbunden habe. ES bleibt mir daher nichts anderes übrig, als daß ich Euch zuliebe auf dessen Burg reite und daselbst versuche, ob ich ihn und noch eine Anzahl anderer Ritter nicht für Hildesheim gewinnen kann."
„Thut das, liebster Henning. Gott wird es Euch lohnen!" rief Hardenberg lebhaft erfreut.
„So gehabt Euch wohl, vielliebe Base, thmrer Oheim! Ich hoffe zuversichtlich, daß wir, wenn ich das Glück habe, Euch wiederzusehen, gleicher Meinung sind."
Mit diesen Worten verabschiedete sich der Ritter von seinm Verwandten.
Graf Dethmar sah ihm freundlich «ach, wie er durch die'Halle schritt.
„Der gute Junge", sagte er dabei herzlich, „möge er Glück habm mit seinem Werben für Hildesheim."
Altfriede aber wiegte daS Köpfchen und äußerte bedenklich: „Ich glaube, mein Vater, der kehrt nicht wieder."
3.
Es war am Abmde des denkwürdigen TageS, an dem nufere Erzählung beginnt, als ein unbekannter frommer Waller mit breitkrämpigem Hut und weitem faltigen Gewände, das bis auf ben Boden reichte, von einer Kirche Hildesheims zur andern pilgerte. Freilich berfüumte der gute Wallbruder eS dabei nicht, m jeglicher Schenke, an der fein Weg vorüberführte, Rast zu halt« und bei bem Labetrunk, an bem er sittsam nippte, recht aufmerksam bem Gespräche ber Bürger zu lauschen.
Lchtere waren gar zu sehr von ihre« Sorgen hin- genommen, als daß sie dem PilgerSmanne viele Beachtung geschmkt hätten, sonst wäre ihnm vielleicht dessen schwerer metallisch klirrmder Tritt aufgefallen, und eS wäre ihnen wahrfcheinlich nicht entgangen, daß zuweilen unter bem weiten groben Gewände ein eiferner Fuß sichtbar wurde.,