J\f 197 Donnerstag, den 30. August 1894. 21. Jahrgang
FuldaerMZeitüng
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41, Geueral-Versammlung der Katholiken Deutschlands.
n.
ft öl», 27. August.
Heute Morgen 10 Uhr wurde im großen dicht- besetzten Saale der Bürger-Gesellschaft die
erste geschloffene General-Bersammlung durch den Vorsitzenden deS Lokalkomuee'S, Herrn Justizrath CustodiS mit einer Begrüßungs-Ansprache eröffnet, in welcher er u. A. auSführie:
Die deutschen Katholiken-Bersamwlungen haben allmählig ihre Bedeutung erweitert; sie sind nicht nur General-Versammlungen der katholischen Vereine, sie sind, wie von selbst, allmählig geworden eine jährlich wiederkehrende Heerschau, eine Orientirung im Kampfe, den wir zu führen haben. Ja, unsere Versammlung in Köln ist in Wirklichkeit eine Heerschau; sie hat sich zu beschäftigen mit dem großen, andauernden Kampfe, in welchem wir uns befinden und in welchem wir freudig unsere Pflicht thun wollen, eingedenk des alten Sprichwortes, welches wir alle Tage bewahrheitet finden: Ein Kriegsdienst ist des Menschen Leben auf Erden. Der allgemeine Kampf ums Dasein, wie er in unserer modernen Zeit geführt wird, hat unendlich viel Elend und Verwirrung in die Welt gebracht; er hat uns die brennendsten aller Fragen, die sozialen Fragen gebracht. Wenn auch die Schuld an der bedenklichen sozialen Roth nicht an uns, die wir treue Anhänger des Christenthums sind, liegt, so dürfen wir uns dennoch nicht derselben gegenüber theilnahm- los verhalten; wir dürfen unfern Geist nicht so sehr höhern Idealen überlassen, daß wir für die materiellen Interessen unserer darbenden Mitmenschen kein Herz haben. Christus, unser Gott und unser Vorbild ließ sich zu jedem menschlichen Elend herab; er tröstete die Weinenden, half den Armen, speiste die Hungernden, und so ist's geblieben im Christenthum. Ich brauche diesen Gedanken nicht weiter auszusühren, ich erinnere nur an den Mann, der vor 40 Jahren hier in Köln wirkte und arbeitete. Er liegt begraben hier in der nahen Minoritenkirche; oft knieet dort an seinem Grabe ein Handwerksgeselle, um dort zu beten und dem längst Verstorbenen eine Thräne des Dankes zu weihen. Wer kannte nicht den Vater Kolping, den Stifter der Ge- sellen-Bereine? Wobl manche gute Mutter in den weiten deutschen Gauen denkt in Ruhe und Freude an ihr in der Ferne weilendes Kind, wenn sie nur weiß: Mein Sohn ist imGesellen- Berein l Kolping's Gcsellen-Berein ist eine soziale That allerersten Ranges. Ja, der Vater Kolping ist uns in seiner Weise ein vollendetes Vorbild bei unfern Kämpfen und Bemühungen; im Jahre 1858 hielt er bei der großen Katholiken-Bersammlung hier in Köln eine zündende Rede; möge bei der heurigen Heerschau die Erinnerung an ihn uns lebhaft vor der Seele stehen Er, der selbst früher das Loos des Handwerkers gekostet hatte, war beseelt vom innigsten Mitleide mit den bedrückten Handwerksgesellen; er wollte ihnen Helsen. Vor Allem war eS ihm um die religiöse Hebung des Gesellenstandes zu thun. Aber dies war ihm nicht genug; weitausschauend kannte er die Lage der Dinge. Er rief: „Was dem Menschen nöthig ist, das ist Freude, die rechte Fröhlichkeit." Es muß also den braven, fleißigen Gesellen auch int Kampf um's Dasein geholfen werden, ein menschenwürdiges Dasein muß ihnen ermöglicht werden, damit sie sich ihres Lebens wieder freuen können. Er sprach vom „frischen, fröhlichen Gottvertrauen", aber auch vom „fröhlichen Vertrauen auf die Menschen, daß sie gar so schlecht nicht sind, wie Viele meinen, daß man also aus den Menschen und mit ihnen recht viel Gutes machen kann." Das sind die Worte Kolping's. In seinem Geiste, m. H., wollen auch wir bei unserer gegenwärtigen Heerschau auf die großen Nöthen der Zeit Rücksicht nehmen; es drängt uns dazu der Geist unserer hl. Kirche, die Mahnung unseres bl. Vaters Leo.....
Hierauf gelangte das schon gestern mitgrtheilte Schreiben der hl. Vaters an das Lokalkomitee
Das goldene Dach ;u Mdesheim.
Historische Erzählung von Antonie Haupt.
(3. Fortsetzung.)
Gerhard, der Eoelherr vom Berge, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, trug einen violetten faltigen Talar und als Zeichen feiner Würde das juwelenfunkelnde Brustkreuz an schwerer goldener Kelte. Er war unansehnlich von Gestalt. Sein bleiches, asketisches Antlitz wäre häßlich zu nennen gewesen, wenn nicht große, feurige Augen eS belebt Härten. Sprach er, so umspielt- seine breiten Lippen jener geistvolle Zug, welcher den bewundert sten Redner der damaligen Zeit kennzeichnete.
Der juuge Edelherr verbeugte sich tief vor dem Kirchenfürstrn; dann nahte er ehrerbietig und beugte daS Knie.
Der Bischof richtete sich empor und erthellte ihm den Segen. Hierauf bot er ihm die Hand und prach:
„Seid willkommen, mein junger Freund! WaS führt Euch solchermaßen gerüstet hierher- Ich ahne, daß ein Mann in Erz mir schlimme Botschaft zuträgt.-
Der Angeredete neigte das Haupt.
„Eure Ahnung trügt nicht, hoher Herr. Ich muß Euch böse Kunde bringen."
„So nehmet diesen Sitz ein und redet in Gottes Namen. Ich weiß, daß mir nicht Ruhe, sondern un-
zur Verlesung. Einer alten Gepflogenheit folgend, hat daS Lokalkomitee auch an sämmttrche deutschen Bischöfe Einladungsschreiben ergehen lassen und deren Segen erbeten. Sämmtliche Bischöfe haben, ost in wunderschönen Briefen, die Einladung bean! wartet und der Generalversammlung Dank und Segen gespendet.(Beifall)
Sodann wurde zur Konstituirung der General« i Versammlung und zur Bildung der Ausschüsse geschritten, deren Zusammensetzung wir edenfalls bereits schon mit« theilten.
Auf Vorschlag deS Präsidenten wird das Präsidium - ermächtigt, den hl. Vater telegraphisch um den Segen i für die Generalversammlung zu bitten. Eingegangen ; ist u. A. ein Begrüßungstelegramm der in Pennsyl- ? vanien tagenden Karholiken. Dieser Brudergruß wurde i tel-qrophisch zurückgegede«. Hieraus erstattete der Ko«« - m.ssar der Generalversammlung, Fürst zu Löwen« t stern, den Bericht über die lttzte Generalversammlung, j wofür ihm durch Erheben von den Sitzen gedankt j wurde.
Besonders hrrvorzuheben bleibt noch die Begeisterung, mit welcher der verdiente Veteran der Katholiken Deutschlands und der Centrumspartei Dr. August Reichensperger bei fernem Erscheinen im Ber« sammlungSsaale begrüßt wurde. Die Begeisterung wuchs noch, als auf Vorschlag deS Präsidenten der Generalversammlung, Dc. Orterer, die Ernennung Reichenspergers zum Ehrer Präsidenten der Versammlung erfolgte, und als derselbe darauf die Tribüne bestieg, um einige Worte deS Dankes und der Ermunterung an die Versammlung zu richten. Der jetzt im 87. Lebensjahre stehende greise CentrumS-Veteran hat die Krankheit, die im letzten Frühjahr ihn betroffen, vollständig wieder überwunden; er bewies eine in Anbetracht seines hohen AlterS geradezu bewunderr.swerthe körperliche Frische — nur klagte er, daß sein Gehör schwächer geworden sei — und wie geistig frisch er geblieben ist, drß war seine Ansprache an die Versammlung Zeuge, eine oratorische Musterleistung, wie man sie von demselben von früher her gewohnt war. Auch daS Organ deS greisen Redners hat an Kraft und Wohlklang nicht nachgelassen, seitdem er dem Parlament nicht mehr angehört. Das Geschick, mit welchem der Präsident der Generalversammlung Dr. Orterer die Ernennung ReichenSpergerS zum Ehrenpräsidenten vorschlug, indem er erklärte, daß er auch ohne Abstimmung die einstimmige Annahme seiner Vorschlags konstatiren könne, machte in der Versammlung einen vortrtfflichen Eindruck. Welch' allgemeine Zustimmung die Wahl Orterer'S zum Präsidenten bei den Mitgliedern der Generalversammlung gefunden hat, bewies nicht nur die stürmische Akklamation derselben, sondern auch der große Beifall, der seiner ersten Rede in der geschlossenen Generalversammlung zu Theil wurde.
In den Nachmittagsstunden begannen die Ausschüsse der Generalversammlung bereits ihre Arbeiten, darunter der Ausschuß für die soziale Frage.
ausgesetzter Kampf auf dem Hildesheimer Throne be- schieden ist, und daß ich einer schweren Zeit entgegengehe."
„Höret denn, hoher Herr, daß unserer Stadt, seitdem der fromme Kaiser Ludewig dieselbe durch Erbauung deS HeiligthumS zu Ehren der Gottesmutter gründete, nimmer solche Gefahr drohte. Der Braun- schweiger Herzog hat sich mit den Magdeburgern, den Halbrrstädtern, sowie den Fürsten von Anhalt, den Grafen von ManSfeld und kurz mit unzähligen Rittern zum Untergange deS HochstiftS verbunden. Davon habe ich mich selber überzeugt. Bon fahrenden Leuten wurde mir berichtet, daß allerwärts große Heere geharnischten Kriegsvolks gen Braunschweig zögen. Um zu ergründen, war an dieser mir nicht glaubwürdig blinkenden Mär wohl Wahrheit sei, verließ ich ungesäumt in dec schlichten Tracht einer fahrenden Kriegs« knechts mein HauS."
„Gestern beim Sonnenuntergänge-, berichtete der junge Edelmann weiter, „kam ich vor Braunschweigs Thore. Kaum traute ich meinen Augen bei dem Anblick- deS BlldeS, welcher der Abmdschein so freundlich beleuchtete. Bor den Mauern der Stadt dehnte sich, gleich einer zweitm großen Stadt, Zelt an Zelt, ein mächtige- Lager weit in die Feldflur hinaus. Ich sah die stolzen Fahnm von Magdeburg und Halberstadt, sowie die Banner der edelsten Geschlechter aller Nachbarlande auf hohm Masten im Windeshauche wehen.
Die erste öffentliche Versammlung begann um 5 Uhr Abends in dem CirkuS-Gebäude des Kaifergartens. Kurz vorher erhob sich wiederum nach einer drückenden Schwüle am Tage ein Gewitter, daS jedoch bald vorüberzog und nur durch einen länger anhaltenden Regen den Weg nach dem Kaisergarten lchwie- riger und unangenehmer aestalteie. Trotz des Regen- Wetters war schon vor 5 Uhr der Cirtas in allen seinen Räumen von einer vieltausendköpfigen Menge angesüllt, bis in die Vorräume hinein. In den zu beiden Seiten der Redner«Tribüne angebrachten Logen für die Ehrengäste bemerkten wir wiederum den Hochw. Weihbischvf Schmitz, dm apostolischen Feldbischof in Oesterreich, ColomanBelopotrczy, AppellationS-GerichtS- rath a. D. RetchenSperger u. s. w.
Kurz nach 5 Uhr betrat Präsident Dr. Orterer die Rcdner-Tnbüne, um nach lebhafter Begrüßung Seitens der Verfammlung die erste öffentliche General- Versammlung für eröffnet zu erklären. Er begann mit dem katholischen Gruße „Gelobt sei JesuS Christus-, den er als daS ganze Programm des katholischen Leben- bezeichnete, deS Einzelnen wie der Familie, daS Programm namentlich der Katholiten-Versammlungen. Die Gegner fragten, wozu diese Versammlungen abgehalten würden. Wenn sie guten Willens wären, könnten sie sich die Gründe selbst aus den Fingern saugen. (Heiterkeit.) Wir sähen noch Vieles, was unS nicht gefalle und was wir beseitigen wollten und Vieles, was wir zu besitzen ein Recht zu haben glaubten; und war vordem in Preußen auch gute- Recht der Katholiken gewesen sei und auch wieder werde« solle. „Denn eher wird keine Ruhe, mit Vrrgunst, Ihr Herren Gegner." (Lebhafter Beifall.) Wir wollen unS für den Ernstfall gerüstet halten, denn wir sind nicht ganz sicher, daß aus den traurigen Jahren deS KuliurkampfeS nicht ein Keim zurückgeblieben ist, der bei gegebener Zeit sich wieder hervorwagt. Zur Rüstung gehören auch diese Versammlungen. Gestern fanden die Revner nie mehr Beifall, als wenn sie die Rückkehr der Jesuiten forderten. (Lebhafter Beifall.) Wir haben sie noch nicht, wir wollen sie aber haben (Lebh. Beifall) und werden sie haben (Lebhafter Beifall) und werden sie noch in diesem Jahrhundert haben. (Stürmischer anhaltender Beifall.) Sie werden uns nicht gegeben werden an- Liebe, sondern aus N o t h. Wir haben jetzt freilich fchon einige Jesuiten unter unS. Ja wir siad alle Jesuiten, und ich bin ein Erzjesuit." (Lebh. Beifall.) Redner weist sodann hin auf die Lage des hl. VaterS, tue ein Grund für die Abhaltung von Katholikenverfammlungen sei, und weiter auf das Kampffeld der christlichen Schule. (Zustimmung.) So lange die V-rhältnisfe der Schule von unten bis oben allenthalben in Deutschland so seien, wie jetzt, könnten die Katholiken nicht ruhen noch rastm, um eine andere Grundlage dieser Verhältnisse herbeizuführen. Hier sei ein Kampf größer, als dec Kulturkampf, der nicht ruhen werde, so lange Christenthum und Atheismus gegen einander ständen. (Beifall.) Dieser Kampf sei nur zur Zeit zurückgestellt, er sei prrmaneut, wenn auch
Ohne Besinnen ritt ich in die erste Straße der Zelt- stadt hinein und begegnete allenthalben in Stahl ge- rüsteten Gestalten. Unangefochten kam ich durch, denn sie hielten mich für einen Waffenbruder. Auf solche Weise geschah eS auch, daß ich erfuhr, der Herzog sei grimmig aufgebracht gegen Eure Bischöflichen Gnaden. Er gebe an, Ihr hättet nnlävgst sechszig seiner treuesten Vasallen widerrechtlich gefangen. Diesen Schnvps zu rächen, habe er die ganze Ritterschaft aus weiter Ferne zu einem Zuge gegen Hildesheim herbeigerufrn. DaS KriegSheer der Verbündeten, wohl über eintause."dfüns- hundert geharnischte Ritter stark, ohne daS andere streitbare Volk mitzurechnen, brennt vor Ungeduld, mordend und sengend in unser GtistSland einbrechen zu dürfen. Ehe dieser Tag zur Rüste geht, mag die Erlaubmß dazu von den Feldherren schon ertheilt s-im"
Mit keinem Worte hatte Gerhard dir Schilderung der jungen Manner unterbrochen. Jetzt richtete er die Augen gen Himmel und sprach:
So möge unS Gott und bie heilige Jungfrau m Gnaden beistehen. Wenn hier kein Wunder gefchieht, sind wir verloren. Wie könnte ein Häuflein von etwa zweihundert Reifigen gegen solcher KriegSheer kämpfen!"
Kurt von Dinklar sagte leise:
„Mit göttlicher Hilfe werden wir den S.eg über dar größte Heer erringen."
Der Bischof richtete einen langen freundlichen Buck