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JV 193

Samstag, den 25. August 1894.

21. JahrgMg

FuldacrWZeitüiig

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e-e. Die Katholiken und das Universitäts- Studium.

Früher habe ich gezeigt, wie verkehrt es sei, wenn man katholishe junge Leute, welche für den Kauf« mannsstand Fähigkeit und Beruf zeigen, davon zurück« halten wollte. Ebenso verhält eS sich mit dem UniversitätS« studium und der Beamtenkarriere in den subalternen Stellungen. Bei Besprechungen über den Andrang zum Univerfitätsstudium wird immer wieder hervorge« hoben und beklagt, daß -re Zahl der Studenten schneller gewachsen sei als die Bevölkerung. Damit meint man denn den Beweis geliefert zu haben, daß der Andrang ein ungesunder sei. Und doch muß die Zahl der Stu­denten schneller wachsen als die Bevölkernng, wenn kein Mangel an studirten Männern eintreten soll. Dar hängt auch wieder zusammen mit der gesteigerte» Produktionskraft und der steigende» Lebenshaltung. Wenn heute die Maschine so viel Arbeit leistet, welche früher von Menschenhänden gelhan werden mußte, so müssen eben Menschen für solche Arbeiten frei werde«, welche früher gar nicht oder in geringem Umfange auSgeführt worden sind. In früheren Zeiten mußte selbst beim Ackerbau ein höherer Prozentsatz der Men­schen beschäftigt sein als heute, wen« auf den Kopf der Bevölkerung so viel geerntet werden sollte, als in unseren Tagen. Einmal hatte man noch keine Maschinen. Dann hat die Entwickelung unserer Verkehrsverhältnisse auch die Arbeit der Landleute in hohem Maße er­leichtert. Wen» ein untertäniger Bauer, heißt eS in einem Schriftstücke aus der Zeit vor der Aufhebung der Untertänigleit in Preußen, einige Scheffel Ge­treide in eine 2—3 Meilen entfernte Sadt fahren mußte, so gebrauchte er dazu sicher zwei Tage. Bon dem Zustande der öffentlichen Wege aber erhalten wir eine Vorstellung durch eine Mittheilung, welche Pro­fessor v. d. Goltz kürzlich gemacht hat. Der Sohn einer zwei Meile» von Königsberg in Preuße» ander jetzigen KönigSberg-Tilsiter Chauflee stationirten Post­meisters erzählte ihm, daß sein Vater in den zwanziger Jahren manchmal bis zu 30 Pferden habe Vorspannen müssen, um die Post die kurze Strecke von der Station bis nach Königsberg zu befördern. Wie mögen da die Feldwege erst ausgesehen habe« und wie mögen sie die Arbeit der Landleute erschwert haben! Wen« nun schon in der Landwirthschaft feine Arbeitskraft heute mehr leistet als in vergangenen Zeiten, so ist das in der Industrie in einem viel höheren Maße der Fall. Die größere Produktionskraft des einzelnen Mannes macht er nun nicht nur möglich, sondern, wie im Augustheft des Centralorgans für die Interessen des Realschulwesens gezeigt wird, direkt «othwendig, daß ein größerer Prozentsatz der Menschen der Produktion von materielle« Produkten entzöge« wird und sich geistiger Tätigkeit widmet.

Die Entwicklung unserer wirthschastlichen und sozialen Verhältnisse bringt es aber auch mit sich, daß wir Menschen gebrauchen, welche durch geistige Arbeit ihr Brot verdienen. Der gesteigerte Verkehr und der davon abhängige gesteigerte Wohlstand weiter Volks« kreise macht es viel mehr Menschen als früher möglich, die Kinder auf die höheren und niederen Schulen zu schicken. Deshalb haben wir viel mehr Lehrer an höheren nnd niederen Schulen nöthig als in vergange­ne« Zeiten. Wenn es heute noch überaus oft vor­kommt, daß von einem Kranken der Arzt überhaupt nicht ober nicht rechtzeitig geholt wird, obwohl die Genesung davon abhängig ist, so wird heute doch der Arzt schon viel mehr als früher in Anspruch ge­nommen. Ma» denke nur an die Masse der Mit­glieder der Krankenkassen, die vor Begründung der­selbe» wohl selten daran gedacht haben, sich der ärzt­lichen Hilfe zu bedienen. Die Zahl der Aerzte muß also im Berhältniß zur Bevölkerung eine größere fein als früher und auch vom Ende der sechziger bis zum Anfang der achtziger Jahre, als man mit vollem Recht über« die geringe Zahl der Aerzte in Preußen klagte, war die Zahl der studirten Aerzte im Berhältniß zur Bevölkerung größer als i« früheren Jahrzehnten.

Auch der Prozentsatz der Richter muß sich ver­mehren mit dem Anwachsen der Bevölkerung. Wenn die Kriminalsälle, welche die Gerichte beschäftigen, sich vermehren, so ist man leicht geneigt, anzunehmen, daß die Sittlichkeit de- Volkes gewaltige Rückschritte mache. Wenn ja auch leider nicht geleugnet werden kann, daß die Religiöfität in weiten Kreisen sich bedenklich ge­mindert hat und damit, wie doS die natürliche Folge

ist, die Moralität gesunken ist, so ist doch jene Schluß­folgerung in ihrer Allgemeinheit eine voreilige. Die Fälle von Verbrechen und Vergehen aller Art, welche zur Kenntniß des Richters komme«, sind »ach der Annahme der gewiegtesten Kriminalisten gering int Verhältnisse zu denen, welche unbekannt bleiben. Man darf aber wohl fagen, daß durch die beffere Ausbildung der Polizei, durch die steigende Ausdehnung der Preffe, welche fo vieles ans Licht zieht, was früher verborgen blieb ufw. mehr Fälle der geschehenen Verbrechen und Vergehen zur gerichtlichen Verhandlung kommen. Un­redlichkeit im Handel und Wandel hängt nicht bloS von den sittliche» Anschauungen der Menschen ab, sondern auch von der Zahl der Fälle, in denen Unredlichkeit geübt werden kann. Da nun Handel und Verkehr in so hohem Maße zugenommen habe», so hat sich auch die Gelegenheit zur Unredlichkeit sehr vermehrt und das Sprichwort sagt schon: Gelegenheit macht Diebe. Wie viele Vergehen kommen heute vor, indem die Lebens­mittel verfälscht werden. Als dieselben vornehmlich zum eigenen Gebrauche produzirt wurden, da hatte der Richter natürlich mit Gerichtsverhandlungen, in denen es sich um Verfälschung von Lebensmitteln handelte, nichts ober fast nichts zu thun. Man beklagt, daß die Beleidigungsprozesse fo zugenommen haben, bedenkt aber nicht, daß auch diese Zunahme durch die Entwickelung unserer wirthschastlichen und sozialen Verhältnisse in hohem Maße bedingt ist. Einmal konnten die Beleidi­gungen, welche heute durch die Presse begangen werden, natürlich nicht begangen werden, als die Presse in der heutigen Weise noch nicht existirte. Ferner befand sich früher ein fehr großer Theil unseres Volkes in einer so niedrige» sozialen Stellung, daß eine Beleidigungs­klage, besonders gegen eine höher gestellte Person, wie ein Wahnsinn angesehen worden wäre. DaS preußische allgemeine Landrecht von 1795 gab den Gutsherren das Recht, ihr Gesinde, d. h. die Söhne' und Töchter der damaligen Bauern mit der Peitsche zu schlage». War eS da wohl denkbar, daß ein Bauernsohn ober eine Bauerntochter eine Beleidigungsklage erhob? Heute dagegen ift eS doch nichts Neues, wenn ein Arbeiter ober eine Arbeiterin auch gegen höher gestellte Personen wegen Beleidigung klagt.

Auch die CivilgerichtSbarkeit hat mehr zugenommen, als die Bevölkerung und sie muß in der Regel stärker wachse», weil in Folge deS gesteigerten Verkehrs die Gelegenheiten zu einem Civilprozrffe sich sehr vermehrt haben und vermehren müssen. Auch die Zahl der Geist­liche« sollte schneller wachsen als die Bevölkerung, weil die soziale» Verhältnisse' unserer Tage die Seelsorge viel nothwendiger mache« und viel mehr Anforderungen an die Arbeitskraft der Seelsorger stelle« als früher.

Dann denke man an die vielen Kräfte, welche die Post und Telegraphie, Eisenbahn, das Berg- und Hüttenfach, das Baufach in feinen verschiedenen Ver­zweigungen, die Elektrotechnik, die chemische Industrie, daS Versicherungswesen u. s. w. gebraucht. Alle diese Zweige menschlicher Thätigkrit haben sich in den letzten Jahrzehnten ungeheuer entwickelt und gebrauchen eine gar ze Reihe von Beamten, welche nicht blos die höhere Schule besucht, sondern auch UniverfitätSbildunz ge­nossen hab«.

Nun ist allerdings augenblicklich in manchen ge­lehrten Berufen eine lieberfüllung vorhanden. Dieselbe hat aber schon bewirkt, daß der starke Zudrang zu den höheren Schulen, welche für die Universität vorbrreite«, nachgelassen hat, und eS kann gar keinem Zweifel unter­liegen, daß der Ueberfüllung bald wieder eine Ebbe folgen wird. Diejenigen Knaben, welche jetzt zum Gymnasium ober Realgymnasium übergehen, werden zu einer Zeit das Staatsexamen zu bestehen haben, wo auf den verschiedensten Gebieten ein Mangel an Kan­didaten sich fühlbar machen wird. Und damit komme» wir zu dem Schluffe, daß die Katholiken eS jetzt in der Hand haben, dafür zu sorgen, daß in 1 bis 2 Jahr­zehnten die Zahl der kathol. Abiturienten, Studenten, sowie der Beamten und Aerzte ihrer Bevölkerungszahl wenigstens bester entspricht als heute. Welches Studium znr Zeit die besten Aussichten bietet, behandle ich ein andermal.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. August.

* Der .Reichsanzeiger' meldet über den Saaten« stand int deutschen Reiche Mitte August: Winter« weizen u. Sommerweizen 2,5, Winterspelz 1,9, Sommer­

spelz 2,0, Winterroggen 2,1, Sommerroggen 2,4, Sommergerste 2,1, Hafer 2,2, Kartoffeln 2,7, Klee 2,5, Wiesen 2,1. Die Zahlen bedeuten 1 sehr gute, 2 gute, 3 mittlere Ernte. Die Erntearbeiten sind, abgesehen vo» den östlichen GebietStheilen, durch das Wetter überall erschwert und verzögert worden. Der Roggen war bis August meistens eingebracht, in Süddeutschland meist gut, in Norddeutschland theilweise nicht völlig trockm. Der Weizen ist theilweise geborgen, theilweise verlieren die Körner durch Auswachsen an Mahlfähigkeit. Dem Klee und den Wiesen gereichte die Feuchtigkeit zum Vortheil; der zweite Schnitt verspricht guten Ertrag. Der Roggenstrohertrag ist meistens überaus reich.

* Der König vo« Württemberg wird den Kaiser» manövern in Westpreußen beiwohnen. Später wird er mit dem Kaiser in der Marienburg Aufenthalt nehme».

* Millionen und Millionen von Menschen, alle Völker in ihrer überwiegenden Mehrheit sind durch­drungen von dem Bewußtsein, daß die Greuel -es Krieges die schärfste Zuchtrnthe für die Menschheit sind, daß eS kein größeres, kein entsetzlicheres Maffen- unglück gibt, als der Krieg, und doch sind die Muffen zu gleichgiltig und gedankenlos, um ihre nicht wegzu­leugnende Majorität zu bethätigen, um durch einmüthige Willenskundgebung den Krieg, daS riesenhafte Unglück der Welt, außer Kraft zu fetzen. Nach dem nächste» europäischen Stiege — dar lassen die Zurüstungen heute schon erkennen — werden den Völkern, die jetzt die Dinge in dumpfer Theilnahmlosigkeit an sich heran- komme» taffen, die Augen aufgehen.

* In Der „Preuß. Lehrerztg.", dem Organ deS preußischen LandeSlehrervereinS liest man Folgendes: „Aus einem Frunziskanerkloster. “ I« Folge großer SittlichkeitSvergehen in einem FrauziSkauerkloster zu Villach beschloß der Gemeindeausschuß darauf hinzu­wirken, daß die Franziskaner entweder die Stadt ver- lasse« oder daß ihnen das UnterrichtSrecht entzogen Md den Schülern daS Betreten des Kloster- untersagt werde. An diesen Schauernachrichten istkeinwahreS Wort! Aber auch abgesehen davon, waS gehen die „Preuß. Lehrerztg." die Franziskaneiklöster an? Wem irgendwo ein katholisches Blatt einmal eine Nachricht über Ausschreitungen in der Lehrerwelt oder bergt bringt, bann schreit ber ganze liberale Chorus über ultramontane Uebergriffe, absichtliche Schmähungen, gesuchte Darstellungen u. s. w. Dann ist baS nicht Sache ber katholischen Presse, aber bie „Preuß. Lehrer- zeiiung" hält eS für ihr gutes Recht, ihre Nase sogar in Frauzit lauer klöster zu stecken. Wenn wir, wie ge­sagt, auch überzeugt sind, daß sie dieselbe in anderer Form wieder heranSziehen wird, so halten wir eS dennoch für nufere Pflicht, diese dreiste Kulturkämpferei und „Schwarzwildjagd" hier festzunageln.

* Der deutsche Auwaltstag ist auf den 11. und 12. September nach Stuttgart einberufen.

* Der von der preußischen Regierung den zuständigen Körperschaften zur Berathung vorgelegte Entwurf von Satzungen für -ie LaudwirthschaftSkammeru wird jetzt veröffentlicht. § 2 desselben besagt: Die Land- wilthschaftSkammer hat die gesetzliche Bestimmung, die Gesammtintereffen der Land- uno Forstwirthschaft ihres Bezirks wahrzunehmen und zu diesem Behufe alle auf die Hebung der Sage des ländlichen Grundbesitzes ab­zielenden Einrichtungen, insbesondere die weitere korpo­rative Organisation der Berufsstandes der Landwirthe und den technischen Fortschritt der Landwirthschaft zu fördern. Die Regelung der im Gesetz vorgesehenen Mit­wirkung bei der Verwaltung der Produktenbörse und Märkte bleibt Vorbehalte«. Die weitere« Bestimmungm des Entwurfs betreffen die Zufammensetzung und die Wahl der Mitglieder der LandwirthschafrSkammer«.

* Eine Verordnung wird am 1. Oktober in Kraft trete«, wonach Speck unb Schinken von Schweinen, die außerhalb Deutschlands geschlachtet sind, erst dann in de« Verkehr gebracht ober verarbeitet »erben bflrfen, wenn diese Maaren innerhalb deS Deutsch« Reichs van einem amtlich bestellten Fleischbeschauer aus Trichinen und Finnen untersucht, trichinen- und sinn«- frei befunden und zum Nachweise hierfür deutlich kennbar abgestempelt oder plombirt sind.

* lieber die Beschäftigung von Gefaugeue« für de» Bedarf der Anstaltsbeamten haben die preuß. Minister des Innern und der Justiz eine Verord­nung erlassen, wonach Gefangene für die Beamt» nur beschäftigt werden dürfen: 1. Zum Anfertigen vo» Schneider- und Schuhmacherarbeit für die Beamt« und ihre Familienmitglieder gegen einen Lohn von