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TW 192

Frettag, den 24. August 1894.

21. Jahrgang

illdaerMZkitillig

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* Anarchisten in Kerliu.

Bisher kannte man in Berlin nur anarchistische Maulhelden, die sich ab und zu in öffentlichen Ver­sammlungen mit dm Sozialdemokraten herumzankten, einen nennenswerthen Anhang aber nicht hatten. Die wohlorganisirte und wohldiSziplinirte Sozialdemo­kratie ließ die anarchistischen Schreihälse nicht auf­kommen. Die Arbeitermassen nehmen diese Patrone überhaupt nicht ernst. Jetzt soll die preußische Haupt- stadt auf einmal ein ganzes Heer bösartigster Mord­gesellen mit Attentaten und Bomben in ihrer Mitte haben. Die Rrvolverschüsse, welche der anarchistische Einbrecher Schewe auf der Flucht gegen die verfol­gende Polizei richtete, werden in der,Post' schlankweg als anarchistische Attentate bezeichnet, wiewohl es auch sonst häufig genug vorkommt, daß ertappte Verbrecher sich mit Messer und Revolver wehren. Auf daS Atten­tat ist eine große Anarchisten-Razzia gefolgt und wenn man den mit der Polizei in Beziehung stehenden Berichterstattern glauben soll, so hat die Polizei mit den verhafteten 40—50 Anarchisten und bei den in frühester Morgenstunde vorgenommenen zahlreichen Haus­suchungen einen guten Fang gemacht. Mehrere Anar­chisten wurden auf ihren Arbeitsstellen verhaftet, waS wenigstens dafür spricht, daß sie noch nicht den ganzen Tag mit Schießübungen und Bomben-Fabrikation zu­bringen.

Die neueste Meldung lautet freilich aufregend genug; Im Osten Berlins sollen bei den Haussuchungen ge­füllte Bomben aufgefunden worden sein. Bei einem Mechaniker sollen Schriftstücke entdeckt worden sein, welche darthun, daß die Berliner Anarchisten in engster Verbindung mit den Gmoffeu in Frankreich stehen. Auf einem Gelände in der Nähe der Central-Viehhofes, das sie von einerWittwe gepachtet hatten, follen die Anarchisten ihre geheimen Zusammenkünfte abgehalten haben. „Im Uebrigen deuten behördliche Vorsichts­maßregeln darauf hin, daß die Polizei auch von der beabsichtigten Verwendung des Sprengstoffes unterrich­tet ist." Die Presse nimmt diese aufregenden Mitthei­lungen vorerst mit Mißtrauen auf. Die Sache sieht stark danach aus, als solle für die geplante Ein­schränkung deS Versammlungsrechter und was sonst an Beschneidung der Preß-, Koali« tionS- und Vereins-Freiheit (wie die ,Boss. Ztg.' wissen will, soll auch ein bestimmtes Alter für die Theilnahme an politischen Vereinen und Versamm­lungen festgesetzt werden), des Wahlrechtes u. s. w. Stimmung gemacht werden. Die,Post' und Ge­sinnungsgenossen haben ja das Attentat Schewe's als­bald in dieser Weise auSgenutzt. Wir sind die Letzten, die gegen eine exemplarische Bestrafung anarchistischer Verbrechen etwas einzuwenden hatten. Hat man wirk­lich Bomben bei den Berliner Anarchisten gefunden, fo wird auch die Bestrafung sicher nicht auSbleiben. Röthigen- falls haben wir das Dynamit-Gesetz, von dem jetzt fast ausschließlich harmlose Leute betroffen worden

Em Stimmungsbild aus Deuron.

In den gesegneten Gonen Süd-Deutschlands, int Gebiet der Hohenzollernschen Lande liegt ein Ort, der in den letzten Jahrzehnten zu einer ganz besonder» Berühmtheit gelangt ist: das Dorf Beuron mit der Abtei der Benediktiner.

Die Söhne der heil. BenediktuS. die getreu den Meinungen ihres heil. Vaters in der E ziehung starker, sittlicher Charaktere Beispiele wahrhafter Frömmigkeit und Seelenadels bilden, haben sich von jeher schon gleichzeitig in der Pflege der Kurst und Wissenschaft unschätzbare und unsterblich- Verdienste erworben. Ge- denken wir nur jener finsteren Zeiten wirren Drängens und UmstürzenS, der Völkerwanderungen, so müssen wie gestehen, daß am Monte Cassino die verschlingenden Wogen der Zerstörung brandeten: St. BenediktuS Söhnen haben wir zu bauten', daß sie damals der Kunst und Wissenschaft ein trauliches Asyl in ihren Hallen boten, daß sie Zucht und Sitte, Treue und Glauben, Idealismus und Aesthetik bargen, bis die Welt wieder für die geistige und religiöse Erneuerung empfänglich wurde. — Und so bietet auch heut zu Tage wiederum der Benedrktinerorden den schlagendsten Beweis für feine welthistorische Bedeutung. Zahlt er nicht in seinen Reihen hervorragende Gelehrte und Künstler? Ging doch von Abt GuerangerS Kloster jener erweckende FrühliugShauch in daS Gebiet kirch-

sind. Aber man sage uns doch einmal, wie man denn die Anarchisten an dem Verfertigen von Bomben und an den geheimen Zusammenkünften hätte hindern kön­nen, wenn jetzt schon die Polizei daS Recht hätte, die Genehmigung zu einer Versammlung zu versagen, oder wenn das Preßgesetz verschärft würde?

DaS Sozialistengesetz legte Presse und Ver­einswesen der Sozialdemokraten lahm und machte ihre Versammlungen von polizeilicher Genehmigung ab­hängig. Es ist aber wiederholt darauf hingewiesen worden, daß gerade unter diesem Gesetze die scheuß­lichsten anarchistischen Attentate und Attentatsversuche (Frankfurt, Stuttgart, Riederwald usw.) vorgekommen sind. Daß daS Gesetz geheime Versammlungen nicht verhindert hat, weiß die Polizei sicher selbst am besten, und daß die Ausbreitung der sozialistischen Irr­lehren unter dem Gesetze nicht gelitten hat, haben wir doch handgreiflich vor Augen gehabt, ja wir haben ge­sehen, daß die ganze Partei einen viel gefährlichern Charakter annahm. Wie man nach solchen Erfahrungen noch davon reden kann, daß man durch das Gesetz die öffentliche Verkündigung anarchistischer und sozialistischer Lehren verbieten und damit ihre Verbreitung ein­dämmen müsse, ist kaum zu begreifen. Aufforderungen zu verbrechertschen Thaten, und wenn sie auch indirekt und in versteckter Form erfolgen, entgehen auch jetzt schon nicht der Strafe. Sollte das Gesetz in dieser Beziehung nicht streng oder präzise genug fein, so wäre ja gegen eine Abänderung nichts einzuwenden, falls diese dem Mißbrauch nicht Thür und Thor öffnet. Und wenn etwa die Auflösungsbefugniß der Polizei gegen­über Versammlungen, in denen das Verbrechen empfohlen oder verherrlicht wird, nicht ausreichte, so könnte man unter der gleichen Bedingung auch hier abhelfen. Wir haben aber bisher nicht gefunden, daß die Polizei anarchistischen und sozialistischen Rednern mit gebundene» Hände» gegenüberst-he. Fedenfalli dürfen wir nicht die Polizeiwillkür nach sächsischem ober hamburgischem Borbilbe einführen. Biel Kapital sucht bie mitt-lpartei- liche, besonders bie nationalliberale Presse für ihre Pläne auch aus dem Attentat zu schlagen. Wir ver­missen ober bisher immer noch jede Angabe darüber, wie denn durch Gesetzesbestimmungen dasselbe wäre verhindert worden. Wen» eine Militär-Vorlage durch gesetzt werden soll, so sucht man die Bevölkerung mit KriegSgerüchten, Pikrinsäure, Barackenbauten usw. zu beunruhige». Diese Taktik scheint jetzt auch für reaktionäre und AuSnahme-Tesetze in Anwendung zu kommen: man sucht jetzt mit anarchistischen und sozia­listischen Krawalle» Angst zu erregen. Rach einer anderen Meldung wurden übrigens nicht „gefüllte Bomben", sondern zwei nicht gefüllte Granaten bei Schewe beschlagnahmt. Außerdem fand die Polizei ein ganzes Arsenal von Einbruchs-Werkzeugen. Also eine ganz gewöhnliche Einbruchs- und Diebes- Geschichte. Und damit vergleiche mau die sensationellen Bombenmeldungen der Abendblätter. Eine solch Frivo­lität kann nicht scharf genug gebranbmarft »erben. Die

licher Tonkunst! GuerangerS Kirchenjahr, Dom Pothiers Werk über de» gregorianischen Gesang, Kineles Choral- schule, ®olter$ „Psallite sapienter!“ u. a. Werke: sinb sie nicht alle herrltchr Denkmale menschlichen Fleißes unb künstlerischen Könnens! ? Ist nicht P. Suitbers Bäu« merS Vertheibigung des „Apostolikum" eine wuchtige'That zur Verhütung der Frevel sozialistischer RäbelSführer, bie auf elegante Weise vom Katheder ber Hochschule herab ben Gottesglauben aui ben Herzen ber Christen reißen wollen? Welche herrliche Kunsttalente vereinigt bie „Beuroner Kunstschule" (P. Desiderius Lenz studirte i» München von 1850—1858, war Professor ber Nürnberger Kunstschule 1858—1862, stndirte noch in Rom, unb trat bald darauf als Laie in den Orden!) und wie überaus fruchtbar und anregend wirkt sie im Gebiete der kirchlichen Malerei und Bildhauerkunst. — AuS unserer sozialen Klemme helfe» uns nicht Bajonette und Kanonen, um die Bethörten unb Geblendeten zu- rückzuführen; dazu helfen vor allen Dinge» Beispiele treuer Pflichterfüllung in Bezug auf körperliche und geistige Arbeit, wirkliche Frömmigkeit, Entsagung und Gebet. Wer möchte da noch bie große Bedeutung der Orden heutzutage in Frage ziehen?

Doch genug. Zu Beuron zurück!

Bon Sigmaringen auS führt die Bahn in süd­westlicher Richtung in die Mitte ber Hohenzollernschen Lande, i» das überaus heitere Donauthal, mit seinen romantischen Bergwänden. Immer reicher unb fesselnber

ganze Anarchisterei beschränkt sich anscheinenb barauf daß Berliner Anarchisten „geheime Zusammmkünste" gehabt haben. Die Fruktifizirung ber „gefüllten Bpmben" zu Gunsten von Ausnahmegesetze» ist also noch weniger berechtigt. Ueberhaupt wirb in ber anarchistischen „Bomben"-Affaire in ben meisten Berliner Blättern abgewiegelt. Auf frivole Art unb Weise haben also bortige Sensationsblätter unb für Ausnahmegesetze schwärmende Preß-Organe unbegründete anarchistische Schauermärchen verbreitet und dadurch die Bevölkerung beunruhigt.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. August.

* Wie sehr begründet die Klagen über die Noth- läge der Landwirthschaft sind, ergibt sich aus fol­gender Notiz, bie wir dem ,Reichsanzeiger' ent­nehmen: Im Regierungs-Bezirk Frankfurt haben im zweiten Vierteljahre 38 ZwangS-Bersteigerunge» lanb« unb forstwirthschaftlicher Grundstücke stattgefunden. Hier­unter sind zwei Bauer- unb brei Rittergüter mittleren Umfanges, letztere bem Steife Sora» angehörig, ein­begriffen. Zwar hat mancher von ben Besitzern ber« selben ben Verfall seines Vermögens eigener Schuld zuzuschreiben, bie große Mehrzahl jedoch erlag zweifel­los bem gegenwärtigen Nothstande ber Landwirthschaft, der sich auch in den Verhältnissen ber König!. Domänen« Pächter bemerkbar macht. Dafür spricht u.A. der Um­stand, baß am Schluffe ber vergangenen Vierteljahres 24 Pächter mit 146,823 Mk. 30 Pfg. Pachtzins zurück­geblieben sinb. Bei allen Neuverpachtungen von Vor­werken sinb in letzter Zeit stets geringere Gebote als ber bisherige Pachtschilling abgegeben worben; so hat auch bei der jüngst vollzogenen Neuverpachtung ber Domäne Lobus, Höhen- unb Wieser-Borwerk, der bis­herige Pächter als einziger Bieter nur baS Pachtgelber« Minimum geboten, das sind 10,375 Mk. jährlich weniger, als er bis jetzt gezahlt hat.

* Im,Borwärts' wird ber biesjährige sozialdemo­kratische Parteitag nach Frankfurt a. M. auf Sonn­tag ben 21. Oktober einberufen.

* Der Entwurf eines Programms der frei­sinnigen VolkSpartei, nach welchem ein Theil ber freisinnigen Presse wiederholt so laut gerufen hat, liegt nunmehr vor. I» ben wirthschaftlichen unb sozialen Fragen wirb im Allgemeinen ber bekannte freisinnige Standpunkt vertreten. Selbsthilfe ber Be­theiligten unb freies Zusammenwirken aller Gesell­schaftskreise werbe» »ach wie vor als Hauptmittel zur Hebung ber wirthschaftlichen Verhältnisse bezeichnet. Ueber staatliche Eingriffe in bas wirthschaftliche Leben heißt es sehr unbestimmt, sie bürfte» immer nur ba erfolgen, wo eS daS allgemeine Wohl etforbert unb bie Abhilfe auf anderem Wege nicht erreichbar ist. In Bezug auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer er­strebt die Partei Beförderung aller auf friedliche Ver­ständigung zielenden Einrichtungen, gesetzliche Aner-

wird der Blick. Drunten im Thal das schlängelnde Silberband der Donau, an das sich bie Schienen ge­legt; zur Seite bas gesättigte Grün ber Wiesen, rechts unb links aber mächtige Bergwänbe voll üppigen Waldes; doch stolz und stark ragen oft die blendend weißen Felsen hervor, auf ihrer Stirn hohe Burgen tragend, die einst Herrlichkeit und Bedeutung hatten, wovon uns noch die Sagen und Mären melden; zum Theil sind die Burgen noch gut erhalten und erneuert und fesseln durch ihren eigenthümlich interessanten Anblick das Äuge; in weiter Ferne blaue Höhe», darüber der Sonne Strahlen, erfüllend daSThal mit heiterem Farben­glanz, über alles der Himmel in wolkenlosem Blau, als ob erst heute des Schöpfers „Werde" ihm gerufen fei,--unb nun, nachdem Fluß unb Bahn sich

durch enge» Paß gezwängt: mitten in biefem irdischen Paradies auf erhöhter Thalsohle das malerisch, wirklich ganz reizend gelegene Beuron mit bem GotteSfrieben ber Venebiktinerabtei. Ganz versunken in biesen Anblick ruht Auge und Herz, bis wir om Ort angelangt sind. Schon an ben letzten Stationen strömten ganze Schauren von Landleuten in bunter Tracht, Badener, Württem­berger, Hohenzollern u. A. herbei. Dicht füllten sich bie Wagen von frentben Pilgern, welche zu den Bene­diktinern („die fo fchön singe") wall sah', teten.

Voll Erwartung und Hoffnung eilte ich bem Kloster zu unb wurde, ba Pater Kienle zur Vesper war, sreunblichst von einem Bruder an einen besonderen