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Mittwoch, beit 22. August 1894.

21. Jahrgang

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Fuldaer Zeitung

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Pia desideria — Fromme Wünsche?

II.

A.V. Die katholischen Zeitungen Deutschlands haben bei mehreren Anlässen eingehend die wichtigen Fragen einer internationalen Schiedsgerichtes und einer allgemeinen Abrüstung besprochen und einstimmig hab« sie dir Verwirklichung beider als ein hohes, ideales Ziel erklärt, dessen Erreichung von den segensreichsten Folgm I in sozialer, national-ökonomischer und humanitärer Be­ziehung sein würde.

Ja einem Falle hat auch die deutsche Regierung einen Streitfall, der zwischen ihr und der Regierung eines andern großen Staates entstanden und anscheinend auf dem sichersten Wege zu unliebsamen Verwickelungen war, einem Schiedsrichter zu entscheiden überlassen. Dar geschah im Jahre 1885. Zehn Jahre zuvor hatte Spanien Ansprüche auf die Karolina-Inseln er- hoben, obwohl fast nur deutsche Interessen auf diesen Inseln vertreten waren. Die Ansprüche wurden zurück­gewiesen und im vorgenannten Jahre 1885 rüstete sich Deutschland dazu, die J-iselgrvppe durch Waffengewalt in Besitz zu nehmen. In Spanien entstand eine un­gemeine Aufregung und eS schien unmöglich, den Fall auf friedlichem Wege wieder aus der Welt zu schaffen. Da wurde auf dm Vorschlag deSFÜrstenBismarck ?iin der hl. Vater als Schiedsrichter aagerufen und ein vermittelndes Eingreifen war alsbald von den glücklichsten Erfolgen begleitet. Damals fchrieb sogar die.Köln. Zeitung':

„Wir haben eine zu große Hochachtung vor der Per­lon Seiner Heiligkeit und ein zu großes Vertrauen in seine Unparteilichkeit, als daß wir ihn als Schiedsrichter ablehnen sollten. Es hat den Anschein, als ob die Par­teien in Spanien solche Auffassung nicht hätten und daß man in Spanien ein geringeres Zutrauen zu dem.Papste habe als in Deutschland ..."

Dieses Letztere war ja wohl freilich nicht der Fall. Aber wenn selbst Blätter von der R chtung der,Kölu. Zeitung' ein so uneingeschränktes Vertrauen zu dem hl. 5 Stuhle bekunden, so sollte mau meinen, daß der Ge- ; danke, dm hl. Vater öfters als Schiedsrichter in intet* \ nationalen Streitfällen anzurufen, gar nicht mehr als • so völlig utopisch betrachtet zu werden brauchte. Da- j malr entschied der hl. Vater: dir Inseln sollen Spanien » gehören, Deutschland soll neben der Freiheit des Han- ■ de!s nur eine Kohleristation habe« — und Deutschland t war er zufrieden. Der Streit war geschlichtet.

Im Anfänge dieses Jahres hat sich eine wei- \ tere interessante Gelegenheit ergeben, die den segenS- j reichen friedenstiftenden Ewfluß des heil. Stuhles in I Fällen beweist, wo streitende Staaten seine Vermitte- l

Der Briefträger.

Nach Schiller ist bekanntlich die Gewohnheit d's Menschen Amme, die ihn mit der leiblichen Nahrung auch geistig beeinflußt und seine Anschauungen in einem bestimmten Gesichtskreise fefthält; denn rS ist ja doch eine triviale Wahrheit: „Wie der Mensch ißt, so ist er." Und so lassen die gewohnten Zustände, in die er sich emgelebt hat, den Menschen glauben, daß sie, wie sie nun einmal sind, auch naturgemäß sein müffea und gar nicht anders sein können; so kommt er auch dahin, alles, waS ihn umgibt und seinen Zwecken dient, ein­fach deshalb, weil es eben da ift, ferner vorzugsweise« Werthschätzavg zu unterziehen, wenn auch hinwiederum an einzelnen Zuständen, Dingen und Personen in be­sonderem Maße sein Herz hängt.

Eine der volkSthümlichsten Figuren ist nun un­streitig der geflügelte Bote der Post, der Briefträger.

Und wenn vi llcicht von allen „Verstaatlichungen" allein das Postwesen der unbedingten Anerkennung und der unerschütterliche« Vertrauens des deutschen Bürgers sich erfreut, so hat wohl vor Allem die stille, unscheinbare Thätigkeit der nimmer müden Schaar der Briefträger der Post zu diesem Ruhme verholferi.

Was wäre auch daS Leben drS modernen Menschen ohne den Briefträger! Dieser Gedanke ist gar nicht auSzudenken. Zwar soll es schon vor „grauen Jahren"

lu«g anrufen und derselbe« Gehör schenken. Dieser FriedenSwerk der hl. Vaters ist bisher von der katho­lischen Presse wenig besprochen worden.

Die Staaten Peru und Ecuador habe« seit ihrer LoStremnlng von Spanien im Jahre 1821 beiderseits den Besitz eines größeres, östlich der Anden gelegenen sehr fruchtbaren Gebietes zu erlangen gefacht und warm hierüber wie auch später wegen Abgrenzung der von ihnen erworbenen GebietStheile sehr häufig im Streite mit einander. Dieser Streit drohte erneut und mit großer Heftigkeit loszubrechm, als ein BermittelungS- Vorschlag SpanimS zwar von Ecuador bereitwillig an­genommen worden war, von der Peruanischen Landes­regierung aber, entgegen dem Wunsche der dortigen Regierung, drei Jahre nacheinander immer wieder ab­gelehnt wurde. Die Erregung io Ecuador über diese Unversöhnlichkeit Peru'S war so groß, daß sofort der Peruanische Gesandte aus Ecuador abreisen mußte, allerorts Freikorps errichtet und binnen kürzester Zeit durch freiwillige Spenden eine Million Pesos (etwa 4 Millionen Mark) für Kriegszwecke beigesteuert wurde». Unvermeidlich blieben diese Vorgänge nicht ohne Rückwirkung auf die peruanische Bevölkerung. Die langjährige Rivalität loderte bei der Heißblütig­keit des Volkes mit erneuter Heftigkeit auf und der Äritg schien unvermeidlich. Die diplomatischen Ver­treter Deutschlands, Frankreichs und von Co- l u m b i e n hatten in freundlichster Weise ihre Vermittel­ung angeboten, aber vergebens; und auch die spani­schen Vorschläge warm, wir gesagt, nicht angenommen worden.

Da gelang eS dem päpstlichen Delegaten Monfigvor Maechi sich Gehör zu verschaffen. Zunächst ver­langte er, daß beide streitenden Theile alle gegenseitigen vermeintlichen oder wirklichen Beleidigungen vergessen und sich wieder auf den Bodm und Standpunkt vor AuSbmch des Krieges stellen sollten, und kaum war diese Zusage gegeben, so gelang eS öey weiteren Be­mühungen des Delegaten leicht, die beiden streitmden Staaten zu einem Vergleiche zu bewegen, der im Wesent­lichen dm ursprünglichen spanischen Vorschlägen ent­sprach.

Außer den vielen natürlichen Gründen, die dafür sprechen, daß der heil. Stuhl der geeignetste Ver­mittler und Schiedsrichter der Völker ist, wissen wir Katholiken, welche übernatürlichen Gründe den Schritten des heil. Stuhles so segensreichen Erfolg sichern._______________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 20. August.

* Zu dem am Sonnabend im Neuen Palais bei Potsdam stattgefundenen Paradediner war u. A. auch der österreich-ungarische Botschafter am hiesigen Hofe geladen, da an diesem Tage der Kaiser von Oesterreich seinen Geburtstag beging. Unser Kaiser brachte bei dem Parade-Diner einen Toast auf seinen „treum Freund" und Verbündeten" in eindrucksvollen Worten aus.

Einrichtungen zur regelmäßigen Vermittelung des schrift­lichen Verkehrs gegeben haben; allein man wird die Auf­gaben des Sandale« tragenden Dieners Merkurs im Alterthum gewiß nicht mit den« unseres heutigen Briesirägers vergleichen dürfen, der unbedingt ein fo nützlicher wie nothwendiges Glied unseres gesammten Kulturstandes geworden ist. Möglich, daß einmal eine Zeit kommt, wo die Mensche« sich gar nicht mehr ein­ander zu schreiben nöthig haben, sondern nur mehr mündlich durch den Fernsprech draht mit einander verkehren; allein dieser Zeitpunkt liegt unS noch fern, wie derjenige, wo die Re.sen nicht mehr auf der Eisen­bahn, sondern zu Lustballon vollzogen werden. Bevor wir indeß aller dieser „luftigen" Bahnen nicht ganz sicher sind, werden wir gut thu«, die festen Wege der Mutter Erde nicht zu verlass-u. Im Uebrigen werden gewiß auch dir zur höchsten Vollkommenheit gediehenen Verkehrsmittel den Briefträger ebensowmig aufs Alten- theil setzen, wie wmig die Benutzung der Dampfkraft die Pferdekraft übei flüssig gemacht hat; eS läßt sich eben im menschlichen Leben doch nicht alles „mit Dampf" vollführen.

Dem Ruhme entsprechend, de« Deutschland durch die verhältnißmäßig geringe Zahl derjenigen seiner Bewohner, die des Lesens und Schreibens nicht kundig sind, sich erworben hat, gibt es wohl kaum noch ünen Erdenwinkel oder eine Hütte in den vaterländischen

* Nächstens bietet sich wieder Gelegenheit, Geld los z« werde«. Bei der Diskonto - Gesellschaft trat heute daS „große Konsortium", welchem die meiste« ersten Banken und Bankfirmen angehören, zusammen, um über die Uebernahme einer chinesische« Anleihe zu unterhandeln. Es handelte sich der ,Post' zufolge erst um einen kleineren Betrag, der aber in den letzte« Tage« nicht unwesentlich erhöht worden ist. Wahr­scheinlich wird die Anleihe io Gemeinschaft mit eng­lischen Firmen übernommen werden. Also heran Alles, was aus den Verlusten an Argentiniern, Portugiesen, Griechen noch etwas gerettet hat und noch nicht klug geworden ist! Vernünftige Leute werden ihre Taschen natürlich zuhalten.

* lieber Patent - Unfug schreibt eine Berliner CentrumS-Korrespondenz: Seitdem wir ein Reichs- Patent-Amt besitze«, glaubt jeder unklare Kopf, dem eS mehr «m'S Geld Erschwindeln, als darum zu ihm ist, etwas wirklich Tüchtige« zu leisten, etwas erfinden z« müssen. Wozu wäre denn auch das Reichs-Patent-Amt da, als dazu — alle Dummheiten, die auf technischm, hygienischen, kunstgewerblichen und sonst welchem Ge­biete gemacht werden, zu prüfen und zu erklären — daS ist eine Dummheit, so was schützen wir nicht! Und doch wie verhältnißmäßig wenig ist unter den jetzt nahezu 100,000 Dingen, welchen das Reichs - Patent- Amt gesetzlichen Schutz gewährt, wirklich gut und werth, daß es dem Erfinder geschützt werde! ES ist verstän­dig, daß sich der Staat für den Schutz, den er de» Schöpfer für feine Neufchöpfuvg gewährt, bezahlen, relativ anständig bezahlen läßt. Würde dieser Schutz kostenlos gewährt werden, wir würden uns vor Erfin­dern und Erfindungen kaum retten können. ES ist jetzt schon so weit, daß unter 10 zum Patent angemeldete« Sachen 9 sicherlich längst bekannte, bereits ein- oder zweimal erfundene Dinge sind. Auf dem Patent-Amte weiß man ein Liedchen davon zu singen — es ist geradezu haarsträubend, wie sehr jetzt der Patent-Unfug — man mißverstehe unS nicht! — d. h. jene Erfin­dungs-Manie, die von gänzlich unfähigen, urtheilslosm Menschen ausgeht, welche unter allen Umständen Geld „machen" wollen, überhand nimmt! Zum nicht ge­ringen Theile sind freilich jene Mittelsmänner daran schuld, die man unter der so voll- und wohlklingend« Bezeichnung „Patent-Anwälte" versteht. Rur ein kleiner Bruchtheil dieser Herren faßt sein gewiß durchaus noth- wendiges Metier ernst und gewissenhaft auf und spielt in der That den Anwalt der „Patentes" und deS „PatevtnehmerS", d. h. er nimmt wie sein juristischer Kollege der „Rechtsanwalt" Dinge zur Vertretung au, die sich anständiger Weise vertreten lassen. Den Meist« kommt es uur auf Einheimsung der Gebühr an, was aus dem Patent wird, ist ihnen gleich. Ja, nur eine geringe Anzahl dieser Herr« ist wissenschaftlich, tech­nisch, kaufmännisch, selbst gesellschaftlich so vorgebildet um die Bemtheilusg einer neu erfundenen «ache und deren wirksame Vertretung übernehm« zu können. WaS und wer nennt sich heute nicht „Patent-Anwalt"?! Unbeholfene Inseraten * Agent«, die für ihre „Fach-

Gauen, die noch nicht der Fuß eines Briefträgers be- treten hätte; und jeder Ort von einigen hundert Em- wohnern hat jetzt wenigstens feine Posthilfsstelle.

Wie schon bemerkt, weiß der Mensch die tgm durch ihre Dauer zur Gewohnheit gewordenen Wohlthat« nicht gebührendermaßen zu würdigen. In welch' rath­lose Verzweiflung würde zum Beispiel der politisch wie nicht politisch empfindende Bürger sich versetzt fühlen, wenn eines schönen Tages sämmtlrche Zett- ungen nicht zu erscheinen belieben würden. Und doch wäre dies noch gar nichts, verglichen mit dem heil- losen Wirrwarr, den ein etwaiger allgemeiner Steile der Postbedienstktrn Hervorrufen müßte. WaS will da­gegen etwa ein Strike der Maurer oder der Droschken­kutscher besagen! Man vermag sich nur schwer eme Vorstellung davon zu bilden, waS geschehen würde, wenn einmal plötzlich die vielen Millionen Briefe und sonstigen Postsachen nicht an ihre Bestimmung gelangten, sondern dem Verderben und der Berschollenhest anheim- fielen. Ungeheure Summen von geistigen und materiell« Werthen würden dabei zu Grunde geh«, freilich auch vieles Bedeutungslose der verdienten Vergessenheit an» Heimfallen; olle geschäftlichen Berechnungen hörten auf; die ganze GeisteSwelt ginge aus den Fuge«; die Menschen würden sich wie verloren, wie in Kerker- Nacht begrab«, wie des Sonnenlichtes beraubt Vor­kommen.