21. Jahrgang
Dienstag, den 21. August 1894.
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Ein Anhang, der Denkschrift beigegeben, kennzelch- । nete durch ziffermätzige Beispiele die entsetzlichen Schanden, die Kriege an Menschenleben und Eigentdum anrichten: dem deutsch-französischen Kriege von 1870/71 fielen rund 372,000 Menschen zum Opfer, und unser bewaffneter Friede, nach einem der sattsam bekannten geflügelten Worte „toujours en vendette“ ewgerlchtet, kostet Europa alljährlich die Kleinigkeit von 3* 1/2 Tausend Millionen Mart! Dazu kommen die Lasten, die viele Theile unserer Bevölkerung, z. B. besonders einen große« Theil unserer bäuerlichen Landsleute, durch die allgemeine Dienstpflicht drücken: mindestens 2 Iahte hindurch nimmt Diefe letztere aus der Arbeit m der Landwrrthschast viele Tausende von rüstigen Armen weg, die dann von dem Bauern, während dessen Söhn? ihrer Waffevpflicht genügen, durch bezahlte Kräfte ersetzt werden müssen.
Leider aber sind solche Berechnungen schon ost an- gestellt worden, und zwar immer mit denselben drastisch i wirkenden Ergebnissen, in den Parlamenten und in der : Presse, in gelehrten Abhandlungen so ost wie in Volts- Versammlungen, ohne daß em Umschwung m der Po- - liük des eisernen Friedens unserer Regierungen auch : nur hauchweise zu spüren gewesen wäre. Und weist i auch jene Denkschrift ferner nach, daß bereits m 66 Fällen Streitpunkte, die einen Krieg zwischen zwei ! Staaten zu entzünden drohten, durch die Emsetzung - eines Schiedsgerichtes aus der Welt geschafft werden j konnten, so fürchten wir doch, daß auch dieser politische ! Nachweis von dem Nutzen internationaler SchiedSrichter- \ splüche vorläufig noch ohne sonderliche Wirkung geblieben ist. . , ,
Denn noch fehlt der Begriff emeS internationalen, den Völkern in Fleisch und Blut übergegangenen Rechtes- noch fehlt vor allen Dingen der internationale Schiedsrichter, der von so mächtigem Einflüsse, so hervorragend durch Stellung, Einficht und Charakter sei, daß auch große Staaten, mächtige Herrscher willig sein möchten, seinem Spruche sich zu unterwerfen.
G A. V. Fromme Wünsche! Das war bisher die sanfteste Kritik, die an den Bestrebungen geübt wurde, den Gedanken der Herstellung «ms „Ewigen Völker- fr i e d e n S und der Einsetzung eines internationalen Schiedsgerichtes zu breiterer Bolksthümlichkeit zu verhelfen und diese Gedanken in eine Bah» , zu bringen, deren Ende nicht mehr so unabsehbar sein möchte tote vorher». Denn das Eine muß man ohne werteres zu- | gestehen: die verschiedenen Kongreffe der Friedens- | freunde und die sog. interparlamentarische Friedens- Konferenz waren kaum anders ausgegangen als das z altberühutte Hornberger Schießen. Man beklatschte i einander nach Kräften und sagte sich gegenseitig Schmeicheleien über die gehaltenen Reden; aber habet blieb es auch. „Bon des, Gedankens Blässe ange- : kränkelt" — das war die Signatur des Ganzen; papierne i Resolutionen, kern Hauch, Der belebend hinein in die Völker wehte! Ä ,
Viel bedeutungsvoller gestaltete sich «ne Kundgebung, die im vorigen Jahre von Chicago auSging; bedeutungsvoller wegen der Art, in der sie zu Stande kam, de- achtenSwertber wegen der Leute die ihre Urheber waren. Denn es waren die WeltauSstellungs-Kommissare von Deutschland, Oesterreich, England, Italien, der Bereinigten Staaten und der übrigen amerikanischen Republiken, von Rußland, Frankreich, Belgien, Spanien, der Türkei, von Persien, China, Japan und eine Reihe kleinerer Staaten, es waren alsoamtlicheVertreter der Regierungen fast aller Kulturstaaten, die eine Denkschrift über den Vorschlag der Einsetzung emeS internationalen Schiedsgerichtes ausarbeiten ließen und unterzeichneten. Außer den Namen dieser Regierungs- Kommissare trägt das.Schriftstück, und darauf möchten wir hier besonders Hinweisen, auch die Unterschriften der Kardinals Gibbons, des apostolischen Delegaten Msgr.Satel 1 i, der Erzbischofs CorriganvonNew- Aork und anderer Prälaten. Die Hauptsache aber ist, daß die Regierung der Vereinigten Staaten die Sache zu der ihrigen machte und die Denkschrift auf dem amtlichen diplomatischen Wege allen Regierungen in Abschrift mittheilte. Schon am 14, Febr. 1890 hatten Senat und Repräsentantenhaus der Staaten- Umorr dm Beschluß gefaßt:
Bon Zeit zu Zeit bei sich darbietenden Gelegenheiten mit einer "oder der andern Regierung, mit der die Verein. Staaten diplomatische Beziehungen unterhalten, Verhandlungen an» zuknüpfen zu dem Zwecke, daß zwischen zwei Regierungen sich ergebende Streitigkeiten, die durch diplomatische Thätigkeit nicht geschlichtet werden können, einem Schiedsgerichte übertragen und solcherweise friedlich ausgetragen werden" —
so ouß uie Regierung der Bereinigten «Staaten besonders zu diesem Schritte sich berufen fühlen mochte.
WaS will bis Denkschrift? Ein höchster tnter- nationaler Gerichtshof sollte danach eingesetzt und ihm sollte» alle diejenigen Streitfälle zwischen Staaten unterbreitet werben, bie auf dramatischem Wege nicht beseitigt werden könnten; feinem Spruche sollten bann bie mtteinanber in Zwist gerochenen Regierungen sich unterwerfen.
Pia desideria — Fromme Wünsche? I.
Lieb' und Treue. DaS hohe Lieb ber Liebe hallte durch die Natur und fand dm lebhaftesten Wieberklong im Herzen der zwei Liebenden.
Dicht am Lahnufer liegt ein bescheidenes Kirchlein. Von Epheuranken umwoben, liegt es inmitten von blühendem Gesträuch. Bei bemseibev angekommm, hielt Doris ihren Schritt inne.
„Laß »ns eintreten, Theo," bat sie mit einem seligen Blick auf Waldner. Mein Herz ist voll zum Ueberströmen. Ich muß es auSschütien vor meinem Gott und ihn Zugleich um Verzeihung bitten für meinen Zweifel an seiner Güte. Er Hot ja Aller zum Besten gewandt!"
Wohl selten wird in dem bescheidenenGotteShäuschen so fromm und gottergeben gevetet. alS eS diesmal ge- schab. Das Auge der Professorin strahlte fast hell auf, als sie beim Austritte au« dem Kirchlein Eechwaffer nahm und auch Theo davon reichte.
Ottilie und Tante Elise nahmen an dem H-rzMcke Theo's selbstoerstäMich innigsten Anthril. „H-Ute Morgen noch," äußerte die Tante, indem fi: bald ihren Nrffm, bald Doris an sich drückte, „bangte ich für Th-o's Zukunft, jetzt liegt dieselbe sonnenk.ar vor UNS. Dem Himmel sei Dan! dafür!"
llk>d jung Theo? Mit lautem Jubel fiel er Waldner
Deutsches Reich.
Berlin. 18 August.
Im Wandel des Geschickes
Novelle von Erich Krafft.
i leichter, wenn ich betone, daß ich ja nur auS Eifersucht E gtfthlt. daß also meine innige, glühende Liebe zu Ihnen - dar eigentliche Samenkorn meines Fehlers war!"
Das verhängnißvolle Wort war gefallen. DonS ! sprang jäh empor. Waldner hielt ihre Hand umspannt und folgte einer jeden ihrer Bewegungen. Sem Luge brannte in flehentlicher Gluth auf ihr. Einen Moment noch flimmerte ihr Blick trotzig auf, ein offenbarer Kamps zwischen liebfeliger Befangenheit und beleidigter Ehrliebe wühlte in ihrem Innern. Dann aber lächelte sie wie verklärt^ ihr ganzes Gesicht leuchtete von Siebe und Hingebung. Mit strahlenden, feuchten Augen neigte sie sich zu dem Harrenden nieder, der sie stürmisch an sich zog und umarmte.
W;e frmdesprühend schien den Be-den rmgS die Natur, als si- den Heimweg nach Ems antraten. Gold- roih flammten dir Sonnenstrahlen vom blauklaren Aelh-t nieder und woben strahlende Kränze um die Wipfel bei Bäume, die Vöglein sangen in den Achen von
* Der Kaiser nahm heute die große Herbstparade über das Garde - KorpS auf dem Tewpelbofer Felde bei Berlin ab. Die Parade war vorn Wetter begünstigt. Der Äaifer trug die Uniform des ersten Garde-Regiments zu Fuß mit dem Orsngebaub des Schwarzen - Adler - Ordens und der Kette von diesem und dem Hoh nzoller'schen Hausorden. Die diesjährige Sommerreise ist dem Kaiser offenbar sehr gut bekommen, über sein frisches kräftiges Aussehen herrschte nur eine Stimme. Die Kaiserin, welche tote an- gekündigt, der Parade beiwohnte, trug den Galarock des Pommerschen Kürassier» Reg. „Königin" über dem weißen Reitkleid. Das milnädfae Schauspiel verlief in der gewohnten glänzenden Weise; die Parade wurde vom Genervllreutenant v. Winterfeldt befehligt. Die Aufstellung erfolgte in zwei Treffen. Nach Ab- reitung der Fronten erfolgte zweimaliger Vorbeimarsch.
। Der Kaiser setzte sich an die Spitze des 1. Garde- ! Regiments z. F. md führte dasselbe an f-'ner Gemahlin vorüber. Nach der Parade versammelte der Kaiser die Offiziere zur Kritik um sich, ließ die Be- ' förberungen und Auszeichnungen bekannt machen und nahm militärische Meldungen entgegen. Es meldeten $ sich u. A. der Kommandant der Schutztrvppe i» Süd- - weftafrika, Major v. Francois. Beim Einmarsch m f die Stadt ritt der Kaiser an der Spitze der Fahnen- : Kompagnie. Tausende waren nach dem Paradefeld ’ geströmt um die Parade zu sehen und Tausende \ bildeten eine gewaltige lebendige Hecke durch dreStraßen- ! ißee. welche der Kaiser und die Truppen passirten.
Hochrufe erbrausten sobald die Menge deL Ka-jSrL und ber Kaiserin ansichtig wurde.
* Die Berliner Anarchisteu-Berhaftnngen er* \ folgten im Anschluß an die Rrvolver-Affaire, oie vor ' einigen Tagen zwischen Einbrechern und Schutz- , | feuten erfolgte. Schäme wurde sofort vergastet, • \ während es seinem Komplizen Dräger gelang zu ent- . : wischen. Schäme ist 31 Jahre alt und stammt auS > ! Samter; bi? zum Mai hatte er in einer «Berliner Schlofferwerkstatt gearbeitet, seitdem war er ohne Arbeit. Er hat in anarchistischen Bersammluiigen eine Rolle gespielt und war deshalb der Polizei wohlbekannt. Bei einer Haussuchung in seiner Wohnung wurden zahl- reiche anarchistische Schriften, Drucksachen und andere Schriftstücke vorgefuoden, außerdem tn einer Kiste verpackt zwei, etwa zehn Centimeter tm Durchschnitt miss ende Granaten, wovon indeß nur bie eine gefüllt war. Ferner Wurden im Ofen mehrere Fläschchen mit Chemikalien zur Bereitung von Zündstoffen entdeckt. Die gefüllte Granate war mit einem Zünder versehen, Schäme erklärte indeß die Geschoffe für eine harmlose Spielerei. Die Verhaftung Dräger'S erfolgte am Tage nach der Revolveraffsire. Dräger, der 26 Jahre alt und festes Zeichens Mechaniker ist, wohnte hei seiner Mutter, wo er auch aufgefunden wurde. Die Polizei hatte ermittelt, daß Schäme und Dräger mit einem dritten Anarchisten RamenS Kammin befreundet waren und daß der Name Kammin das Losungswort deS Kleeblatts war. Auf die Nennung deS NamenS Kammm wurde den Polizeibeamten anstandslos die Dräger'sche Wohnung geöffnet. Dräger lag noch im Bette und befand fick in der Gewalt der Polizei, ehe er eS sich versah. Die Durchsuchung seiner Zimmers förderte ebenfalls eine große Anzahl Drucksachen, ferner em Mitglstberverzeichniß ber anarchistischen Partei unb Sammellisten der Anarchisten zu Tage. Auch fand man hinter einem Spiegel versteckt, einen geladenen sechs- läufigen Revolver. Aus Grund dieser Funde fanden ! zahlreiche weitere Verhaftungen von Anarchisten statt. ! Die Protokolle über geheime Zusammenkünfte der : Berliner Anarchisten scheinen gleichfalls in die Hände ! der Polizei gefallen zu sein, jedenfalls hat dieselbe - Kenntniß von dem gefaßten Beschluß erlangt.
* Die ReichKcholera - Kommisfion tritt am 20. b Ms. wieder zusammen, um die Berichte entgegen zu nehmen, welche in den letzten Wochen über den Verlauf ber Cholera aus dem In- und Auslände ein-
- emscheidende Wort auSsprechm und aus Ihrem Munde ! vernehmen, ob meine Zukunft eine glückliche ober un- i glückliche fein wirb! Ich will Ihnen dienen, will
(Schluß.) büßen, harr und lange büßen, um Ihnen den Beweis
war von feuchtem Glanze verschleiert« \ z i erbring n, wie tief ich mein thörichstS, unbesonnenes
sein drückte ihn zu Boden. Ec rang nach Warten.
„Verzeihung, gnädige Frau!" kam es endlich von seinen Lippen. Er sank auf die Koste und drückte heiße Küsse auf ihre Hand. Ja seinem Auge schimmerte ein Meer von R-ue und Qual, von Angst und Liebe.
„Stehen Sie um GotteS Willen auf!" bat DonS. Wenn uns Jemand in dieser Situation überraschte!
— Ich habe Ihnen übrigens nicht viel zu verzechen, ber Schein sprach gegen mich. Ich habe keinen Groll ob Ihres ZanufelS an mir: Sie sollen im selben klaren Lichte ungetrübter Freundschaft in meinem Herzen fori- leben, W'-e wenn der unliebsame Vorfall nicht zwiicheu uns getreten wäre. — Doch nun lassen Sie uns nach Hause zurückkehren."
Nem, nein! Bleiben Sie noch einen Augenblick! Machen Sic mich nicht noch unglücklicher, wie ich schon bin," flehte Waldner. „E trück-n Sie nicht noch einmal den holden Stern meinen Augen, der so strahlend über mit aufgegangen. Li-ssen Sie mich endlich das