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Beilage zu Nr. 188 der »Fuldaer Zeitung'.

Im Wandel des Geschickes.

Novelle von Erich Krafft.

(12. Fortsetzung.)

5.

In der denkbar trübsten Stimmung kamen Ottilie und Theo zu Hause an. Tante Elise erschrack heftig über den Ausdruck finsterer Sorge und düsteren GrarneS, den sie in den Zügen ihres Neffen wahrnahm. Bei Tische nahm dieser fast nichts; einsilbig und fast unfreund» lich schützte er Kopfschmerz vor und begab sich auf sein Zimmer.

Der Abendwind strich auf weichem Lenzes fittich durch Feld und Au. WaldnerS Gemach, dar nach der Waldfeite lag, athmete duftige Kühle. Der junge Mann trat an'- Fenster und badete fein erhitztes Antlitz in dem aromatischen Wald» und Laubdust. Ohne Erfolg. Die übermächtige Seelenqual getäuschter Liebe und Hoffnung, — hatte doch Doris Ohnmacht bei dem Verschwinden der Zigeuners seine Befürchtungen vollauf bestätigt — wogte voll und immer voller durch seinen Busen. Jeder andere Gedanke, jede vernünftige Ueber» leguvg zerstob vor ihr wie Spreu vor dem Winde. DaS Blut stürmte in glühenden Wogen durch seine Adern; in Kopf und Schläfen hämmerte eS fieberhaft und trieb eine glutige Röthe auf sein Geficht. Ner­vöS zuckte eS ihm durch alle Glieder. Es hielt ihn an keinem Platze, rast» und ruhelos durchmaß er sein Zimmer.

Alles, aller war ihm jetzt durchfichtig und klar. Die sehnsuchtsvollen, schmerzbewegten Töne der Geige JsaniS galten seiner ToreSka. Doris war dem heiß­blütigen Zigeuner für einen Moment Gegenstand be­rauschender Leidenschaft oder gar übermüthiger Laune gewesen. Und sie? — Sie war von Jsani getäuscht, betrogen, wie er selber von ihr. Konnte man eS ihm verargen, daß bei diesem Gedanken eine gewisse Schaden» fteude in ihm aufstieg? Sie war bestraft in derselben Art, in der sie gesündigt hatte.

Er trat wieder zum Fenster. Er war reine, Helle Mondnacht, die mit leichtem Silberscheine übergossene Landschaft gab seiner elenden zerriflenen Seele einige Ruhe, zu der auch die vollkommene Stille des Waldes beitrug. Nicht» regte sich darin; alles ruhte und schlummerte. Man hörte, wenn ein dürrer Aestchen von einem Baume zu Boden fiel.

Da jagte plötzlich ein wilder Wolkenschatten über die Mondscheibe; das glänzende Licht war fort, dunkel gähnte Theo die Nacht entgegen. „Auch in mir ist er Nacht, dunkle, tiefe, schreckliche Nacht."

Er saß an seinem Tische, den gedankenschweren Kopf in die Hände gedrückt. Da öffnete sich leise die Thür. Geräuschlos Kat Tante Elise zu dem unglück­lichen Manne heran und legte sanft ihren Arm um seinen Nacken. Ottilie hatte ihr die Vorgänge im Walde mitgetheilt, und wenngleich sie von den Ereig­nissen am Morgen nichts wußte, so ahnte ihr zart­fühlendes Herz doch, war in Theo'S Seele vorging. Sie tröstete ihn liebreich. Ihre Thränen Köpften auf Seine Leidenschaft wie milder Sommerregen auf Auen, >ie von drückender Sonnenglut durchhitzt und gedörrt find! Waldner wurde ruhiger; die von Leidenschaft durch­rasten Glieder verloren von ihrer Spannung und Ge­reiztheit. Er begab sich zur Ruhe, und bald entrückte ihn ein mitleidiger Schlummer allen Erdenqualen. Die Leidenschaft stellte fich am folgenden Morgen nicht wieder in gleicher Höhe ein, sie hatte sich abgerast. Mit männlicher Kraft wollte Waldner sich jeder Gedankens an Doris entfchlagen, feine Energie sollte den Seelen- streit Niederkämpfen, ernste, fleißige Berufsarbeit senti­mentalen Grübeleien begegnen.

Ottilie brachte dem Bruder mit dem Morgengruße einen großen, mit Amtssiegeln versehenen Brief. Der­selbe enthielt Waldners Anstellung als Oberförster in einem schönen Theil der heimathlichen Provinz.

Schon jetzt zeigte es fich, daß ein Kampf gegen ein Herzeleid doch kein so leichter war. Wie lange schor- hatte der junge Mann sein AnstellungSdekret herbeigesehnt! Wie glücklich hätte eS ihn gestern Morgen noch gemacht! Heute schob er es fast mit gleichgiltiger Kälte, mit einem Seufzer in die Schublade seines Schreibtisches. Auch die herzlichen Bemühungen Ottiliens um ihn fruchteten wenig. DaS Mädchen suchte deS Bruders Kummer wegzuplaudern, eröffnete ihm eine anmuthige Perspektive in seine nunmehrige Zukunst. — Theo hatte für all' diese schönen Zukunftsträume nur ein kübes Lächeln.

Die Emser Zeitung brachte bereits am folgenden Morgen einen Artikel über dar Verschwinden JsaniS. Er war in feinem Hotel vermißt worden, und Nach­forschungen hatten dm wahren Grund seiner Aus­bleibens klargelegt. Die werthlose, geringfügige Hinter- lassmschaft reichte nicht einmal hin, die SasthauSschulden der vermeintlichen ungarischen Grasen zu tilgen. Die Sache war pikant, erregte großer Aufsehen. DaS Bade-

Sonntag, den 19. August 1894.

Publikum hatte wieder Stoff zur Unterhaltung. Die­jenige«, die sich früher am meisten um die Gunst der Biolinvirtuvsm beworben, verurtheilten ihn nunmehr am strengsten und wollten schon längst gewittert haben, daß es mit dem Grafen eine sonderbare Bewandtniß haben müsse.

Auch auf Doris, um die fich ja Jsani stets so auffällig bemüht hatte, regnete eS jetzt viel Seiten­hiebe. Das Zischeln und Brrmuthen wollte kein Ende nehmen.

Dieß Alles regte Waldner immer wieder von Neuem auf, er sollte nicht zur Ruhe kommen. Obendrein be­unruhigte es ihn nicht wenig, als er hörte, die Frau Professor sei sehr unwohl und müffe Zimmer und Bett hüten. Ottilie hatte sich nach ihrem Ergehen umsehen wollen und die vorstehende Nachricht mit nach Hause gebracht.

ES gingen einige Tage ins Land. Da las Theo eines Morgens unter den Namm der abgereisten Bade­gäste auch Doris' Namm. Fort war sie also, fort für immer! Waldner durchlebte einen aufgeregten, un­ruhigen Tag. Die zwiespältigsten Gefühle stürmten auf ihn ein. Um sich zu zerstreuen, ging er nach Ems zum Nachmittagskonzert. DaS Bild, das ihm das Leben um das Musikpavillon bot, war ganz darnach angethan, ihn auf andere Gedanken zu bringm.

Mit vollendeter Grazie tänzelte die Französin in keckem Hute und geschmackvollster Toilette int Kur­garten auf und ab. Ihre dunklen Augm werfen Blitze nach links und rechts unter dem weißduftigm Schleier hervor, dm sie kokett bis über ihr reizendes Stumpfnäschen gezogen hat. In behaglicher Lage und Breite wiegt sich der Engländer vor dem Musikzelte auf dem Schaukelstuhle; er bläst unaufhörlich bläu­liche Wölkchen aus feiner Cigarette in die Luft und läßt sich höchstens dann au» feiner Ruhe und unge« ntrten Stellung bringen, wenn eine allzu auffällige Gestalt an ihm vorbeiraufcht. Weich fchmiegt sich die gluthäugige Donna SpanimS an ihrm stolzen Kava­lier. Mit Interesse verfolgte der junge Mann das vielgestaltige, internationale Treiben, das an ihm vor­überwogte. Mit einem Male aber vermeinte er eine Sinnestäuschung zu erleidm. War war das? Eine Dame, die Frau von Alden vollständig ähnlich sah, kam die Kuranlagen herauf und mischte sich unter das buntscheckige Publikum. Reckte ihn seine Einbildung? Täuschten ihn seine Augen? Nein, sie war es, sie hat ihn bereits erblickt. Theo konnte sich ihr nicht mehr entziehen, er ging grüßend auf sie zu.

Wie bleich und angegriffen sie aussah! Wie tief hatten Kummer und Aufreizung ihre Stempel in das marmorblaffe Antlitz gedrückt. Inniges Mitleid mit der schönen Frau überkam Waldner trotz seiner Ab­neigung gegen sie.

„Ich staune, Sie noch hier zu sehen, gnädige Frau," stotterte er verlegen. „Die Kurliste zählte sie unter den Abgereistm auf."

Ueber der Professorin Antlitz zuckte es wehmüthig und schmerzlich.

„Es war auch meine Absicht, schon gestern nach Wien zurückzukehren," erwiderte sie traurig, „und da ich dem Besitzer des Gasthofs dies mittheilte, so ließ er meinen Namen der Zahl der Abgereistm bereits einverleiben! Indessen habe ich meinen Plan, TmS zu verlassen, sofort aufgegeben, als ich zufällig erfuhr, daß im hiesigen Badepublikum müßiges und unwahres Ge­schwätz über meine Beziehungen zu dem hergelaufenen Zigeuner karstre. Diesem verleumderischen Gerede wollte ich durch meine Abreise nicht die Sanktion der Wahr- schewltchkeit geben, ich wollte eS im Gegevtheile durch Wort und Verhalten Lügen strafen."

Theo lächette. Wie trefflich Sie die Unschuldige zu spielen wußte!"

„Und auch Ihnen habe ich noch Einiges zu sagen, das fich auf denselben Gegenstand bezieht," fuhr Doris fort, ohne sich durch WaldnerS Lächeln beirren zu lassen. „Doch ist hier in dem Menschengewühl kaum der ge­eignete Platz zu derartigen Auseinandersetzungen. Wenn er Ihre Zeit verstattet, so flassm Sie unS eine kleine Waldpromenade am linken Lahnufer machen."

Der Forstmann erklärte sich dazu bereit. Was sie ihm wohl mitzutheilev hatte? O, er geizte nicht nach ihren Enthüllungen, er wußte Alles nur zu gut!

„Es wäre mir unendlich peinlich und unangenehm gewesm," begann die Professorin, „wenn ich Ihnen die abscheuliche Meinung, die Sie sich augenscheinlich über mich gebildet, hätte belaffev müssen. Dank Gott und dem Zufall, daß er unsere Wege heute kreuzte! Ich kann Ihnen doch so noch sagen, was Frauenwürde ist, und daß die Frauen oft besser sind, als die Männer anzunehmm beliebm."

War das die Sprache einer Schuldigen? Beleidigter Stolz und vollgiltiges Rechtsbewußtsein warm die Grundtöne ihrer Rede. Waldner stutzte, — aber nein,

die Thatsachm, die gegen sie sprachen, schienen ihm unwiderleglich.

„Ach, gnädige Frau spielen ans Ihren engeren Ver­kehr mit dem ungarischen Grafen an," warf er ironisch und unüberlegt hin.

„Purpurröthe flammte über ihr Geficht, ihre Lippm zuckten in heftigem Seelenschmerze: Dar bittere, schonungslose Wort hatte sie hart getroffen. Sie rang nach Faffung und Gedanken, in ihrem Antlitze arbeitete ein großer Kampf, allein der Strom der Idem schien versiegt: In stummer Qual kämmten sich die Finger und fuhren nach dem Herzen, zwei heiße Thränen, die in ihren schwarzen Wimpern glitzertw, verschafften ihrer gepreßten Seele Luft —, die Sprache kehrte wieder.

„Auf meinen engeren Verkehr mit dem „ungarischen Grafen?" stieß sie mühsam hervor. „DaS war hart von Jhnm, Herr Waldner, hart und nicht edel."

Und mit erhobener, fester Stimme fnhr sie fort, nachdem sie ihre heftige Erregnng niedergekämpft:

„Nie habe ich in engerem Verkehr mit Jsani ge« standen, wohl aber hatte ich die Schwäche, oder besier gesagt, da» Unglück, ihn ob meiner Weichmüthigkeit bemitleidet zu haben und ihm in Folge dessen Manches zu erlauben, was ich einem andern Manne versagt hätte. Jsani hatte ein großes Vertrauen zu mir gefaßt, ja manchmal schien es mir, als ob er eine ge- wisse Leidenschaft für mich besäße. Er litt offenbar viel unter gewissen, wir unbekannten Berhältnissm, und da ich Niemand leiden sehm kann, ohne zu versuchen, ihm beizuspringen, so unternahm ich dies auch bei Jsani, den ich außerdem auch als Künstler hochschätzte. Einer Morgens, als sein Vertrauen zu mit so recht an den Tag trat, bat ich ihn, mir sein Herz auSzuschüttm und sich so selber zu erleichtern. Er wurde sehr aufgeregt darob: seine Augen flammten, in seinen Mienen kämpstm Stolz nnd Weh um die Oberhand. Endlich faßte er sich ein Herz und erzählte mir dieselbe Geschichte, die Sie von ToreSka erfuhren. Ich vernahm, daß ihn Reue und Liebe zu seinem Weibe unaufhörlich plage, daß er fich in Sehnsucht nach ihr verzehre. Da er als Zigeuner nur kärglichen Lebensunterhalt fich erwarb, so steckte er sich in die Maske einer ungarischen Edelm, um derart besser sein musikalischer Talent verwerthen zu können.

„Zn mir selber, bekannte er, habe er ihn immer hingezogm wie zu einer Schwester; schon seit seinem ersten Zusammentreffen mit mir auf dem Forsthause — denn Jsani war jener junge Zigeuner gewesm, der uns damals so schöne Weisen vorspielte — habe er zu mir ein holder, vertrauendes Herz getragen. AuS meinen Augen habe er eben Güte und Mitgefühl herauSgelefm.

„Ich war erschüttert von dem tragischen Geschicke deS Armen und vergaß über meinem Mitleide ganz dar Unschickliche und Sträfliche, dar in seiner Verwandlung aus einem gewöhnlichen Zigeuner in einen ungarischen Gras lag. Ich tröstete ihn, so viel ich konnte, und er­laubte ihm zuweilen, mich auf meinen ErholnngSgängm zu begleiten. Auch mnsizirte ich mit ihm, um ihn auf andere Gedavkm zu bringm, ihn seinem Elende und seinen selbstquälerischen Idem für einige Augmblicke zu entreißen.

„Jsani entflammte in warmer Dankbarkeit für mich und gab derselben in jeder Weise Ausdruck. Freilich ging er in dieser Hinsicht zuweilen vielleicht zu weit ! Er ist eben ein leicht erregbares Naturell und sprüht gleich Feuer und Flamme; niemals aber hat er auch nur im Geringsten die Grenzen der Erlaubten über­schritten."

Erschöpft schwieg sie einen Augenblick. Waldner, der bei jedem ihrer Worte in größere Aufregung gerieth, bat sie, auf einer der Bänke Platz zu nehmen, die im Schatten hoher Waldbäume am Wege standen.

„So übte ich," fuhr Doris erzählmd fort, „eine recht gute Wirkung auf Jsani aus. Seine Bitte, ihn nicht zu verrathen, fand ich natürlich, da das Gegen« theil hiervon ja eine Täuschung des Vertrauens gewesen wäre; obendreist stellte er mir seine nahe Abreist von Ems in Aussicht, so daß der Grafenkomödie, die ja übrigens Niemand etwas schadete, bald ein Ende ge­macht würde.

„Dies Aller griff mich indeffev etwas an. Be­sonders schmerzlich aber berührte eS mich, daß meine Sntthat an Jsani die schlimmsten Früchte zu zeitigm drohte. Ich habe immer fest auf meinen Sott verkant und ohne Unterlaß darauf gebaut, daß er unS für unser Gutthun ebenfalls Guter thun werde. Run mußte ich aber diesmal das Segentheil erleben. Leid und Trübniffe erwuchsen mir aus meiner Nächstenliebe, ich haderte fast mit der Vorsehung und begann in meinem Gottvertrauen zu wanken. Dmu selbst Sie, dm ich" sie stockte und holte tief Äthern — „fo schr schätzte und verehrte, sah ich Plötzlich verändert, ja sich mit feindselig zeigen. Sie verkanntm mich wie alle Anderen.