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Sonntag, den 19. August 1894.

21. Jahrgang

uldaer

Erscheint täglich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten btt einspaltige geile ober deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnemenlsp re iS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen SonmagSbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennig.

Hierzu eine Beilage. "VI

* Zwei neue „farblose" Zeitungen.

Der „Bund der Landwirthe" will ein neues Blatt herauLgeben, welches den Tstel,Deutsche Tageszeitung' führen soll. Daß diese Gründung etnem thatsächlrchen Bedürfmss entspreche, ist schwer nachzuweifen. Die Leiter des Bundes haben schon jetzt bereits ein eigene« Wochenblatt und eine eigene Korrespondenz des Bundes der Landwirthe zur Verfügung, welche den grsinnungS- verwaiststen Blättern ausreichenden Stoff zur Behand­lung politischer und wirthschaftlicher Fragen im Sinne des Bundes der Landwirthe bietet. Bon der,Kreuzztg.' an hat sich die ganze konservative Presse will'g in den Dienst des Bundes der Landwirthe stellen lassen und ; denselben verrheidigt, auch wenn die Korrespondenz des | Bundes der Landwirthe gelegentlich den Bogen allzu ? straff gespannt hatte. Aber die Leiter des Bandes der i Landwirthe scheinen das Bedürfniß zu empfinden, sich ; persönlich ein „Leiborgan" m der ,Deutschen \ Tageszeitung' zu schaffen und dieses Organ mehr in i Mittelparteilich „farblosen" Sinne zu halten. ; Herr Dr. Röficke, der zweite Vorsitzende des Bundes , der Landwirthe, ist politisch freikonservativ und ihm wird hauptsächlich die Idee der Gründung einer ; »Deutschen Tageszeitung' zugeschrieben. Run sollte man ' meinen, dieses neue Tageblatt de« Bundes der Land» ! wirthe wolle ausschließlich oder doch vorzugsweise die Interessen der Landwirthschaft v-rtreten, im Uebrigen aber den landwirthschastifreundlichen Blättern kerne Konkurrenz machen. Letzteres wird öffentlich in der Korrespondenz des Bundes der Landwirthe allerdings betont, in einem streng vertraulichen Schreiben aber, das an einen konservativen Berliner Bürgerverem i gerichtet ist, wird erklärt, daß da« neue Organ der Bundes der Landwiriye „fest und zielbewußt" (!) für; die Interessen des Mittelstandes eintretm wolle, ' da eS bisher in Berlin an einem solche« Organ fehle. ■ Da habei-e's dis konservativen und antisemitischen Berliner . Blätter! Sie haben freilich nicht zu befürchten, daß daS Organ des Bunde« der Landwirthe ihnen in Ber« s lin felbst einen nennevSwerthen Abbruch thun wird; i wenn auch einige Großgrundbesitzer eS vorziehen, vcn j ihren Schulden in Berlin zu leben, so ist bock Berlin - keine Ackerbürger-Stadt und die konservativ-aptisemsti» • fchen Handwerkerkreise unb kleinen Beamten werden ' schwerlich vom Bunde der Landwirthe ihre politische Belehrung und die Vertretung ihrer Interessen anneh­men wollen. Statt da« mittelparteiliche Organ de« Bundes der Landwirthe zu lesen, werden sie bei ihren konservativen, antisemitischen oder farblosen Blättern ? verbleiben. In den P r o v i n z e n aber mag die,Deutsche ‘ Tageszeitung' mit ihrem Vorgeben, „fest und zielbe- wvßt" die Interessen de« Mittelstandes vertreten zu s wollen, etwas mehr Erfolg haben, namentlich aber unter der MaSke eines offiziellen Organs de« Bundes der Landwirthe auch politischen Bauernfang zu ; Gunsten der freikonservativen und nationalllberalen Partei treiben, in religiöser Beziehung aber auf einem protestantischen Standpar kte stehen. Für katholische Landwirthe wird das zur Charakteristik des neuen ; Organs des Bunde« der Landwirthe genügen.

Benutzt Herr Dr. Rösicke mit seinen mittelpartei- - liche« Gesinnungsgenossen in der Leitung de« Bundes ; der Laudwirrhr die Organisation diese« Bundes als ? geschäftliche Erleichterung für Einführung feines Zeit- - iwgSunternehm-nS und für feine politischen Neven- ; zwecke, so macht der Herausgeber der rassen-antife« > mitischen .Täglichen Rundschau' auf der Grundlage { deS Antisemitismus mit der ganzen ihr zu Gebote \ stehenden Kapitals «acht und mit allen Mitteln wo- - derner Reklame Propaganda für ein andere« neues Z-itungsunternebwen, das als »Volksrundschau' em Ableger der in Berlin erscheinenden ,Täglichen Rund­schau' sei» soll. Letztere will von vorne und von hinten absolut „unparteiisch" fein, ist aber stark aus­geprägt mittelparteilich-antisemitisch und in religiöser Beziehung atheistisch. Herr Dr. Friedrich Lauge, bei Vater dieser „Volksrundschau", steht dem Christenihum nicht nur gleichgiltig, sondern geradezu feindselig gegenüber. DaS konservative Siöcker'sche Organ »Das Volk' erinnert daran, daß Dr. Lange m der »Täglichen Randschau' eine Artikelreih' vnöffmi­scht har, welche „Rerncs Demschthnw" überschrieben ist, und in welcher verlangt wird, „man muff- vom

Christenthum zum reinen Deutschthum, zur Deutsch- relrgion übergehen." DaS Christenthum sei „al- tersschwach"; christliches Gebot widerspreche dem natürlichen Empfinden deS Volkes . . „Deutsche Sittlichkeit und Lebensanschauung werden in der sozialen Noch erwachen und sich veredeln, nicht an Christi Beispiel und Gebot." Diese Stich­proben, die wir noch weiter ergänzen können, werden genügen, um den Geist der neuen „unparteiischen" .VolkSrundschau' zu kennzeichnen; ein Blatt, dos solche Anschauungen inS Volk tragen will, kann doch auf Abonnement in chriftlich gesinnten Kreisen keinen Anspruch machen, kann namentlich in einem katho­lischen Hause keinen Eingang finden. Der geistige Letter der ,VolkSrundschau' wird eben Dr. Lange fein, wena auch der Busenfreund Ahlwardt's, Herr v. Mosch, als verantwortlicher Redakteur dieser Blattes ebenso zeichnen wird, wie er bisher für den Ahlwardt'schen „Bundschuh" die preßgesetzliche Verantwortung über­nommen hat, ein Vertreter der Dühring'schen atheistisch- revolutionären Anschauungen. Und da nennt sich die ,VolkSrundschau' noch „unparteiisch". Und da be­wirbt sih Dr. Friedrich Lange bei den evange­lischen Geistlichen um Unterstützung feines neuen Unternehmens, und die Prediger werden als „Hoch­würden" um Mitarbeit gegen ein „anständiges" Ho­norar gebeten, während Herr Dr. Lange sonst daS „altersschwache Christenthum" und „Christi Beispiel und Gebot" nicht achtend behandelt! Aber Herr Dr. Lange ist sehr vielseitig. Den antisemitischen Führern hat er sich zu unbedingter Wahlunterstützung verpflichtet, dem Bunde der Ritter d-S eisernen Kreuze« hat er versprochen, er wolle die,Volks­rundschau" zu ihrem BereinSorgan machen und sich vom extremen Antisemitismus zmückzichen. Vielleicht weis der eine ober mtbe'z unserer Ä ser noch eigen wetteren Beitrag zu liefern, denn Herr Dr. Lange ist sehr — vielseitig.

Auch die g eschäftliche Fundirung beider Blätter, der .Deutsche« Tageszeitung' deS Bunde- der Land­wirthe wie der atheistisch-antisemitischen .Bolksrund- schau' gibt zu eigenthümlichen Betrachtungen Anlaß. Bei der »Deutschen Tageszeitung' ist eS die eigenartige Becheiliguug der Herren Telge-Rudloff, die sonst zum Bunde der Landwirthe keinerlei Beziehungen haben, und von dem 300.000 Mark betragenden Grund­kapital der .VolkSrundschau' ist dem Druckereibesitz-r Hempel (bei dem auch die — .Freis. Zig.' gedruckt wird) ein Amheil von 150,000 Mark als Entgelt für seine geschäftliche Leitung übertragen, so daß ihm die Hälfte des Gewinnes vorweg gesichert ist, ohne daß er einen Pfennig eigenen Kapitals riskirt hätte. DaS sind die beiden neuen Zeitungsgrundlager! in Berlin. Nun mag J-dermanu sich darüber ein Urtheil bilden.

Deutsches Reich.

Berlin, 17 August

* Der »Post' zufolge ist die Kommission zur Borberathung von Maßregel« gegen die Cholera auf den 20. August emberufen worden.

• Der nationalliberale Abg Hobrecht feierte kürz- lich seinen 70. G-buckStaz. Hobrecht ist ein alter Kulturkämpfer. Als solcher hat er sich schon vor dem Kulturkämpfe al« Oberbürgermeister vo» BreSlau „be­währt". Das ExpatriirunäSgesttz nannte er bekanntlich bei der Berathung deS C-ntrmnSantrages auf Auf­hebung deSs lben rm Reichstage „milde und human".

* Einen sehr beherzig «Lwertheu Vorschlag finden wir im ,Frankfurter Snz-iger' für die katholische Geistlichkeit. ES heißt da: „In perpetuam rei me- moriam. Die ruhmvollen Bekenner im Priefter- ftonde aus der Aera des Kulturkampfes werden immer weniger. Der unerbittlich- Sensenmann rafft einen nach dem anderen hinweg. Sollten aber damit alle Erinnerungen an ihre Erlebnisse al« Gesperrte, als Verwiesene, als Eingckerk-rte und Gemaßregelte für die Zukunft verloren fein? Sollte man später nicht« mehr zu erzählen wissen von ihrer Ausdauer, ihren Eatbihrungen, ihren Opfern und Leiden? Die nnvorgriäfliche Ansicht des Einsender« geht deshalb dahin, k« möchten dis noch lebenden Bekenner ihre Schicksale ober Er leb nisf e zunächst in die Pfarr- chrontken eintragen, und wäre eS dann eine dankbare Aufgabe, wenn eine berufene Feder eS unter­nähme, auS diesen zu ermittelnden Details eine Kul­

turkampfschronik nach den Erlebnissen der Be­kenner zusammenzustellen. Die Tendenz könnte und ' dürfte keine polemische, sondern nur eine historische fein, die zukünftigen Generationen zu belehren, wie der deutsche Kleru«, ähnlich tote der englische im 17., der französische im 18. Jahrhundert, feiner Aufgabe sich ■ gewachsen zeigte und ein leuchtendes Beispiel der Glaubensstärke, des MutheS und der Treue zur Kirche für alle Zeiten gegeben hat."

* Beuthe«, 17. Aug. Wegen deS Krawalls in Bielfchowitz sind bis jetzt 24 Personen verhaftet worden, deren Aburtheilung im September in einer außerordentlichen Schwurgerichtsperioke erfolgen soll.

* Königsberg, 15. Aug. In der »Erml. Ztg.' lesen wir: „Durch Anschlag am schwarze« Brett der Universitär wird bekannt gemacht, daß ein hiesiger Student der Pharmacie, geborener Ofiprenße, durch rechtskräftiges Erkenntnis des akademischen Senats wegen Zweikampfes mit der EntfrrNung von der Universität, dem consilium abeundi, bestraft Worben . ist." Zur Nachahmung empfohlen!

* Köln, 15. Aug. Die Verhandlungen des durch- s weg sehr spärlich besuchten 11. deutschen Tischler- . tage« gingen gestern Nachmittag zu Ende. Als Bor- - ort für den nächstjährigen Delegirtentag wurde Dresden i bestimmt. Als bemerkenSwerth fei folgende Resolution ! erwähnt, welche gestern zur Annahme gelangte: „Der i 11. deutsche Tischlertag wolle beschließen, den Bundes- ; Vorstand zu ermächtigen, bei dem hohen König!. Staats« ? Ministerium in geeigneter Form zu beantragen, gesetz- s geberische Maßnahmen zu schaffen, welche geeignet sind, s den Baufchwindei derart zu bekämpfen, daß Verluste | im Baugewerbe nicht mehr entstehen werden. Da« ! von Seiten der Innung Streglitz auf dem EberSwalder i Bezirkstage an die Hand gegebene Material soll bei ! Stellung oeS Antrags nach Möglichkeit verwandt wer« ; den." — Die Anträge: 1) Feststellung bestimmter t Normen für die Gesellenprüfung refp. das Gesellenstück; \ 2) die Bekämpfung der Herstellung von Schmdwöbeln; : 3) wa» ist gegen den Reklamefchw'mdel zu thun? i 4) Erstrebung einer Vergütung für KostenLnschläge und | Zeichnungen; 5) nochmals die 4 sozialpolitischen Be­sitz?: 6) Stellungnahme zu partiellen Streiks, Boykotts;

! 7) Aufhebung des Juvaliditäts- und AlterSversicher- i ungSgefetzeS; 8) d e Einführung der LegitimationS« ! pflicht der Arbeitnehmer ohne Unterschied des Alters i wurden theils vertagt, theilS kam eS zu reinem Beschluß.

* Das Programm des württembergische« - Centrums will die verfassungsmäßigeu Reckte deS s R-'chS, wie die Sonderrechte Württemberg» gleichmäßig : wahren, bekämpft die Trennung von Staat und Küche, ; fordert die staatliche Gleichberechtigung der KonfefsionM, ; Erhaltung der konfessionellen Volksschule und der getst« ' licken Schulaufsicht, eine hochsinnige Auffassung deS i Begriffs der bürgerlichen Freiheit, Selbstverwaltung, ' Wetterführung der christlichen Soziairrform, Schutz ' gegen unredliche Konkurrenz, gegen Wucherer und AuS« - bester, ferner Sparsamkeit und gerechte Verwertung i der öffentlichen Lasten und Bortheile, Erhaltung eines ! lebenskräftigen Mittelstandes und Berbess-rmig der ! Lage de« Arbeiterstandes. Aus diesen Grundsätzen wurde i eine Reihe Detailforderungen abgeleitet, tote dre staatS« ; rechtlich- Berantwortlichk-it de» StaatSmmisters für : die Haltung der Regierung im BundeSrsth, unge­schmälerte Durchführung der Vereinbarungen der Militär« koavention, unbeschränktes Initiativrecht beider Stände­kammern, Errichtung eines Rechnungshofes Befestigung ; der Rechtsv-rwaltnng, Neuregelung der Tagegelder der ; Ständemitglieder, Einschränkung der Tagegelder für ; Stuttgarter Ständemitglieder, Ersatz der Pr-.vllegtrtm ! der zweiten Kammer durch von größeren Wahlkresten - und im Berhältmßwahlverfahren gewählte Abgeordnete, i Aufhebung der Ausnahmebestimmungen gegen die ' katholischen Orden, Beibehaltung der seitbertgen GnichtS- ? barkeit auf den Rathhäusern bei Einführung des Reichs- civilgesttzbuchS, Aufhebung der LchenSrängllchkest für ' die gewählten OrtSvorsteher unter BorauLfetzung einer - entsprechenden Aendernng der staatlichen Zuständigkeit . der OrtSvorsteherS, Erlaß eines WasferrechtSgchtzeS i und einer Wildfchad-ngesetz-S, Errichtung einer Landes- ! hsaelversicherurgsar-stalt, Fördeknng der Raiffeisen scheu Dmleh-'Nskass-'n, Errichtung von LandwuthschaftS- kamwern, Verbot bet Theilnahme vor- Osfizicren und StaatSbeamte.'t an Konsumvereinen und Wa renhäusern, Errichtung von Handwerkerkammeru, Ausdehnung der Fabnk-Jnspektion, Förderung deS Baues gesunder i Arbeiterwohnungen, Errichtung von A'.bertsuachweiS