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JV 187 Samstag, den 18. August 1894. 21. Jahrgang

FuldaerWZkitllilg

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♦ Zum Pariser KuarchistenproM.

Die Freisprechung der meisten Angeklagten im Pariser Anarchistenprozeß ruft das größte Aussehen hervor «nd ist allgemein das Thema der Erörterung in der Presse. Man saßt das Ergebniß zunächst als eine schwere Niederlage der Regierung aus, welche mit dem Prozesse zweierlei bezwecken wollte: 1) Berurtheilung aus Grund de» Gesetzes vom Dezbr. 1893 über Geheimbündelei, 2) Verurteilung aus Grund der Gesetze- über anarchistische Propa­ganda. Beider ist fehlgeschlagen. Eine Geheimbündelei oder anarchistische Bereinigung konnte nicht nachge­wiesen werden, darüber war man schon in den ersten Tagen der Prozesses aus den Zeugenaussagen klar; der „theoretische Anarchismus", die Verkündigung anarchistischer Anschauungen wurde von den Ge­schworenen in der vorliegenden Form nicht als straf­bar befunden; eS blieb nur bei zwei Personen ein­facher Diebstahl übrig, und an diesen wollte sich der auf schwere Strafen sinnende Gerichtshof offenbar schadlos halten, indem er gegen sie auf Grund der WahrsprucheS der Geschworenen sehr harte Strafen verhängte. Wenn noch etwas zu verderben war, ist eS hiermit geschehe», und so hat der ,Figaro' ganz Recht, wenn er zu dem Prozesse schreibt:

„Nichts ist gefährlich« als unzeitig angewandte Gewalt. Die Freisprechung der angeklagten Anarchisten wird im ganzen Lande einen verhängnißvollen Eindruck machen. Die radikalen Parteien feiern einen großen Triumph, indem die Behörden eine Verherrlichung der antisozialen Doktrin veranlaßt haben. Der ganze Prozeß beweist die Unfähigkeit des Justizminist«s nnd der Behörden, welche einen großen Eindruck auf die öffent­liche Meinung auSzuüben gedachten, ihren Plan jedoch nun völlig gescheitert sehen."

Fortan wird, wie bekannt, die Rechtsprechung über avarchistische Thaten, welche seit dem 1. August be­gangen sind, und über den Anarchismus überhaupt von den Geschworenen an die Berufsrichter übergehen, eS dürfte dies dar letzte Mal gewesen sein, daß die Geschworenen in solchen Fällen zu Gericht geseffen haben. Bermuthlich wird von nun an Berurtheiluvg auf Berurtheilung auch beim „theoretischen Anarchis­mus" folgen. Frankreich kann jetzt den Beweis liefern, ob man auf diese Weise die revolutionäre Strömung eindämmen kann. In der deutschen Preffe bemühen fichIdie Kartellblätter, die Pariser Vorgänge kräftig zu Gunsten der Verkümmerung deS Vereins- und Ber- sammlungSrechtS, wie sie von den preußischen Offiziösen angedroht ist, aurzubeuten, aber bei genauerem Zu­sehen kann man nichts finden, was irgendwie zu Gunsten dieser Wünsche spräche. Oder geht eS uns etwas an, wenn das französische Ministerium eine Anklage auf Geheimbündelei formuliren läßt, die de» Zeugenaus­sagen gegenüber gänzlich unhaltbar wird? Oder geht eS uns etwas an, wenn Parifer Geschworene, die sicher in diesem Falle besonders sorgfältig ausgesucht sind, von einer Schuld wegen Verkündigung sozialistischer Lehren deshalb nichts wissen wollen, weil zur Zeit, als die betreffenden Lehren verkündet wurden» kein Gesetz vorhanden war, welches dieselbe» unter Strafe stellte? Die Regierung machte deu Versuch, dem am

Im Wandel des Geschickes.

Novelle von Erich Krafft.

(11. Fortsetzung.)

„Gehen die Herrschaften durch den Wald nach Arn­stein?" fragte ein biederer, des Wege- einherschreitender Landmann die Gesellschaft.

„Jawohl," erwiderte Waldner.

„Dann nehme» Sie sich doch ja in Acht! Seit einigen Tagen treiben Zigeuner ihr Unwesen im Walde. Hüte» Sie sich, daß Jyne» keine Gegenstände abhanden kommen, es ist dm Zigeunern ia dieser Hinsicht nicht zu trauen."

Auf dir Gesellschaft machte die Mittheilung des Bauern nur wenig Eindruck; nur Szachiomi schien leise zu zittern, seine Augen funkeltm in einem unauSleg- baren Feuer ; er wechselte mit Doris bedeutsame Blicke.

Um wenigstens etwas zu sagen, erzählte Theo seine Begegnung mit dm beiden Zigeuuerfraum. Szachiomi verschlang seine Worte mit Heißhunger; ein furchtbarer Sturm schien in ihm zu toben und als Theo die rüh­renden Klagen Toreska's um ihren verlormen Gatten berührte, klang er wie dumpfer Röcheln und Stöhnm aus des Grafe» Brust, so daß ihn seine Begleiter er­staunt ansahen. Allein er beantwortete diese Frage­blicke mit seinem „genialen" Schwng»». Rur als

2. August dr. Js. in Kraft getretenen Gesetze Rück­wirkung zu geben, die Geschworenen wiefm ihn zu­rück — daS ist Alles. Für unsere Berhältniffe konnte der Prozeß nur ein Jateresse oder eine Lehre bieten, wenn bei nnS die Schwurgerichte in dm Fällen, in welchen sie angerufen wurden, sich einer dem BolkSge- wissen widerstrebenden Milde beflissen hätten, aber daS ist von Niemand behauptet worden, außerdem kommen derartige Sachen bei uns überhaupt sicht an die Ge­schworenen, sondern je nach Lage der Dinge entweder an die Strafkammer oder an daS Reichsgericht. Unsere Gesetze geben beidm Gerichten Handhaben genug, gegen den Staat und die Gesellschaft gerichtete Be- strebungm, soweit sie gemeingefährlich find, zu ahnden, neue Delikte zu schaffen nnd zu diesem Zwecke die Rechte deS Volkes zu beschneiden, wäre ein Beginnen, welches der Ordnung nicht bienen, wohl aber die Un­zufriedenheit mehren, jdaS Volk noch mehr zerklüsten und die radikalen Strömungm stärken müßte. DaS füllten Diejenigen bedenken, welche Gesetze schaffen wollen, die sich gegen jede augenblicklich mißliebige geistige Bewegung gleich gut anwenden lassen.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. August.

* Im Anschluß an die am Donnerstag Morgen erfolgte Hinrichtung des PräsidentenmörderS Caferio in Lyon wird daran erinnert, daß vor 16 Jahren an de «selben Tage der Kops Hödels hier in Berlin fiel. Beide waren politische Verbrecher, beide richteten ihre Mordanschläge gegen Staatsoberhäupter, bei beiden ließ sich eine herostratische Ruhmsucht erkennm.

* Die Kaiserin ist heute Abend mit den kaiser- lichen Kindern von Wilhelm?höhe im Neuen PalaiS bei Potsdam eingetroffen. Bei der Abreise von Wilhelmshöhe wurden der Kaiserin begeisterte Ova­tionen dargebracht. Der Kaiser trifft morgen gleich­falls im Neuen PalaiS ein und nimmt am Sonnabend die Herbstparade über daS Gardekorps auf dem Tempel­hofer Felde ab.

* In Berlin sind 40 Anarchisten darunter eine Frau verhaftet worden. Dieselben wurde» auf dem Polizeipräsidium photvgraphirt und anthrometrisch ge- meffen. 5 der Verhafteten wurden wieder entlassen.

* Der Reichskanzler hat auf Ansuchen deS Bun­des der Landwirthe seine Geneigtheit dahingehend aus­gesprochen, daß die Abordnung von laudwirthschaftlich und volkSwirthschaftlich gebildeten Sachverständige» zu den Kaiserlichen Missionen in den für den Handel mit landwirthschaftlicheu Produkten hauptsächlich in Betracht kommenden Ländern versuchsweise zu veranlassen, und wegen Einstellung einer entsprechenden Forderung in den Entwurf zum nächsten ReichShaushaltSetat Ver­fügung zu treffen.

* Der ReichSfchatzfekretär Graf Pofadowtki wird einem hiesigen Börsenblatte zufolge auf seinen Sommer« urlaub verzichten. Die Vorbereitungen der Steuervor- lagen für die nächste Tagung der Reichstages wür­den noch geraume Zeit in Anspruch nehmen; dann

Waldner erzählte, daß die beiden Frauen seit gestern von dem Mühlengehöfte spurlos verschwunden seien und daß alle ihre Bemühungen, sie dortselbst zu fesseln und an ein geregelter Leben zu gewöhnen, an ihrem Wan­dertriebe und UnabhängigkeitSstnne gescheitert wären, fragte der BiolinvirtuoS:

„Und sind Sie der Ansicht, daß sich dieselben noch in dieser Gegend Hemmtreiben?"

„Warum nicht?" antwortete der Forstmann. „Die hiesige Gegend ist reich und ergiebig; daS werden die Zigeunerinnen anSzunntzen wiffen."

Der Wald war erreicht. Die würzige thausrische Lust wirkte belebend auf die erhitzten Gemüther. Ottilie f ammelte Waldbeereu, Doris schloß sich ihr an. Szachiomi war unruhig, seine Augen rollten wild nach allen Rich­tungen umher. Plötzlich schien er zu lausche», ein eigenlhümlicher Laut schlug an daS Ohr der Spazier­gänger. DeS Grafe» Augen öffnete» sich so weit, als ob sie aus ihren Höhlen treten wollten, fein Rücken bückte sich katzenartig, fein ganzer Körper lauschte und sog die fremdartigen GesangeSlaute, die nun immer vernehmlicher wurden, in sich ein.

„Theo, hörst Du nichts? DaS muß ToreSka fei». Sie singt wie damals, als wir sie am See trafen," bemerkte Ottilie.

„Du hast recht. Aber wo ist der Graf?"

aber würden die nicht minder schwierigen und lang­wierigen Arbeiten für den Etat des nächsten Jahres beginnen. Für die geplagten Stmerzahler hat diese Geschäftigkeit deS ReichsstaatSsekretärS geradezu etwas Unheimliches.

* Für die Nordostdentfche Gewerbeansstellung, welche im nächsten Jahre in Königsberg i. Pr. statt­findet, hat der preußische Eisenbahnminister kostenfreie Rückbeförderung der unverkauften AuSstellungSgegen- stände anf den preußischen Staatsbahnen zugesagt.

* Breslau, 14. Aug. Die empörende Gewissen« losigkeit der sozialdemokratischen Führer zeigt sich anläßlich der Tumulte in BielschoWitz wieder einmal im vollsten Lichte. Die Ausschreitungen der Bergarbeiter sind nach den übereinstimmenden Berichten der oberschlesischen Blätter durch den mißglückten Ver­such der Täuschung eines SaalbesitzerS und die vor­angegangene Aufr eizungder Arbeiterschaft durch sozialdemokratifche Agitatoren herbeigeführt worden. Der Saalbesitzer war in feinem vollen Rechte, als er feinen Saal nachträglich verweigerte, den er für eine sozialdemokratifche Versammlung nicht zugesagt hatte, und die SicherheitSbeamten handelten nicht anders als pflichtgemäß, indem sie dem Versuch, eine nicht ange­sagte Versammlung unter freiem Himmel abzuhalten, mit der Aufforderung auSeinanderzugehen, entgegen­traten. Die erregte Menge antwortete mit Hohn und mit Steinwürfen, und eS trat ein, was nun unaus­bleiblich war, der Waffengebrauch fettens der Beamte». Und unter solchen Umständen ist das sozialdemokratifche Hauptorgan für Schlesien, die ,Volksmacht', fähig, an leitender Stelle zu schreiben: „Run ist eS endlich in Oberschlesien dazu gekommen, was die bürgerlichen Preßbanditen sehnlichst erwünscht, der KleruS ge­hofft hatte," und weiterhin: „Wer ist in Ober« Schlesien an dem Krawall schuld? Wer hat eine Kata­strophe heraufbeschworen, gegen deren Wirkung die Thaten aller Anarchisten ein Kinderspiel ist: Die ge­meine Hetzarbeit der gegnerischen Blätter und der Geistlichkeit. Das Blut der Hingeschlachteten schreit zum Himmel, das Wehklagen her ihrer Väter und Söhne beraubten Familien ist eine gesetzliche An­klage gegen die Urheber dieses Gemetzels", und am Schluffe des Artikels, welcher die Überschrift „Die Metzelei in Oberschlefien" trägt: „Ein jü>er solch' blutiger Tag bricht de« Kämpfern der ^Proletariats eine neue Gaffe; die arbeitende Bevölkerung Ober« schlesienS wird unbeirrt der saufenden Kugeln auf ihrem (!) Recht bestehen und einig fest den Kampf um die ge­rechte Sache weiterführen." Also nicht genug damit, daß man fortfährt, mit Hilfe von Unwahrheiten Auf­regung und Erbitterung zu verbreiten, fordert man zwischen den Zeilen auf, er jenen Exzedenten bei Ge­legenheit nur ja nachzumachen; denn „jeder solch' blutiger Tag" sei ein Fortschritt auf dem Wege zur Völkerbefreiuug. DaS ist die Preffe von Leuten, welche vorgeben, die Gewalt zu verabscheuen und auf ein „Hineiuwachsen in den ZukunftSstaat" zu warten! Sie sehen ruhigen Muthes zu, wie von ihnen selbst verschuldeter Blutvergießen von ihrer Presse dazu »er«

Szachiomi war mit einem tigerartigen Sprunge in den Wald entwichen, die Gesellschaft stand sprachlos. Ein Knistern auseinandergebogener Zweige, das Rascheln deS dürren WaldlanbeS, über das ein Fuß hastet, war eine Zeit lang daS Einzige, was man hörte. Mit einem Male aber brach unweit von ihnen ein wahrer Bachautenlärrn los: ES schrie und jauchzte, eS saug und schluchzte unverständlich durcheinander. Rur zwei Worte drangen vernehmlich herüber, ToreSka und Jsaui. Der Tumult kam näher, die Damen drängten sich ängst­lich an die zwei Herren. Da rannte ganz in ihrer Nähe der Pseudograf über den Weg in das Walddickicht. Hoch aus seinen Schultern trug er ToreSka, die ihren Arm um seinen Nacken geschlungen hatte und vor Freude wie toll sich geberdete. Hinter ihnen her keuchte daS alte Mütterchen; ihr Gesicht leuchtete frohbewegt: Mtt feuchten, glückerfüllten Augen sah sie auf das jubelnde Gebühren ihres Kindes.

Noch einige Minuten gellten Toreska's Freudenrufe und Jsani'S Jauchzer zu der Gesellschaft herüber — bann wurde der Wald ruhig wie früher.

DaS ganze Bild, wie eS eben geschildert wurde, hatte sich in wenigen Augenblicken abgerollt. Die Situa­tion, drastisch und packend, wirkte sehr verschieden auf die Zuschauer. Ottiliens weiches Herz war innig ge­rührt von dem glücklichen Wiedersehen der armenZigeunerS-