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Freitag, den 17. August 1894

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Grunde gehen.

Alföld geschehen. Seit Jahren bemühen sich die Führer der internationalen Sozialdemokratie von Pest aus, dar elende Laos der ungarischen Landarbeiter und Bauern dafür aüszunützen, daß die armen Leute sich mit ihnen wohlorganisirt unter der rothen Umsturzfahnesammeln.

Und sie haben in dieser Bemühung viele gelehrige Schüler gefunden, fo daß eS jetzt in der ländlichen Bevölkerung Ungarns gewaltig gährt. Beweis dafür sind auch die fozialrevolutior.ären Ausschreitungen in Hodmezö-Basarhely im April d. I. Tausende ländlicher Arbeiter in der Umgebung dieser Stadt sind sozialistisch wohlorganisirt, zahlen in die Parteikasse, haben einen Führer, Namens Kovacs, und werden fortgesetzt von internationalen Agitatoren aus Buda p.st bearbeitet. Sie fordern gegenüber den Herren Boden-Theilung, verlangen 8stündige Arbeitszeit, sowie volle Steuer-Abschaffung und bekämpfen Patriotismus und Militärpflicht. Sozialistische Flugschriften be­arbeiten das Landvolk gegen den Adel und dre aus­beuterischen Pächter, welche Herren genannt werden. Als nun die Polizei von Hodmezö-Basarhely in der zweiten Aprilwoche eine Masse solcher Agitationsschriften konfiSzirte und den Führer Kovecs ins Stadthaus schaffte, forderte Letzterer seine Anhänger auf, ihnZzu vertheidige». Darar f rotteten sich am darauffolgenden Sonntag Tausende von Landarbeitern und Stadt­bewohnern zusammen, mit denen die Stadipolizei gleiche Sache machte. Die wüthende Menge stürmte dar Stadt­haus, beging da hochverrätherische Ausschreitungen, zerriß auch Kcssuth'S Bild, setzte dann der Gendarmerie Trotz und Gewalt entgegen und bewarf sogar daS Militär mit Steinen. Darauf wurde von der bewaffneten

60 Verwundete gezählt wurden. Der Führer Kovacs erklärte, daß die gegenwärtigen Zustände unerträglich feie» und um jeden Preis befeitigt werden müßten, nachten darüber noch so viele den Tod firden. „Wir sind unser sehr viele," sagte er, „und unsere Zahl wächst von Tag zu Tag; wir wollen keine Steuern zahlen und Soldaten stellen; wir allein sind die nütz­lichen Arbeiter; die Herren sind Tagediebe, die gehenkt werden müssen."

AuS alledem ersieht man, daß die ungarische Re­gierung wahrlich Wichtigeres für daS eigene Volk zu schaffen hätte, als im Sinne des Großkapitals und der Loge Kirchenkampfpolitik und Goldwährung?Pläne zu verfolgen. Aber nein! Ministerpräsident Wekerle hat eS ja noch am letzten Sonntag in N-rgy Barya erklärt, daß die Lösung der kirchenpolitiscken Fragen im Sinne der Trennung der Wirkungskreise des Staates und der Kirche eine dringende Nothwendigkeit fei. Unterdessen könne» die armen Bauern zu

„Jetzt also," fuhr er ingrimmig sein Selbstgtspräch fort, „sehr ich klar, j tzt erst durchschaue ich ihr falscher Wesen. Auch bei meinem ersten Zusammentreffen mit ihr war ich lediglich ein Spielball ihrer Laune und ihrer unweidlichm MuthwillenS; jetzt wie damals hat sie meine Ehrlichkeit und unerfahrene Leichtgläubigkeit dazu benutzt, mich zu ihrem Vergnügen ouSzubeuten und an der Rase herumzuführen. Einer folchen Dame mutz natürlich ein hochgeborener Graf mehr zusagen alS ein einfacher Forstmann."

Derart war dar Hirngespinnst, dar er sich in feiner übermächtigen Erregung zufammenstellte. Masche fügte er an Masche, ohne daß seine überreizte Einbildungs­kraft eine sachgemäße Prüfung der Angelegenheit zuließ.

Anfänglich plante er, der Profefforin nie wieder unter die Augen zu treten, sie mit rffener Verachtung zu strafen. Später siegte sein Stolz und sein Zorn über düse Ideen: Er durfte vor den Seinigen und Lindler nicht als der Angeführte dastehen, und Doris mußte gezeigt werden, daß ihr unredliches Spiel durch­schaut und der gebührenden Mißachtung preisgegeben fei.

Endlich schlug die Stunde, in der er sich rächen konnte, er war halb 3 Uhr. Schneckenartig langsam war ihm die Zeit bis dahin fortgeschritten, beim Mit- tagStisch hatte ihm nichts gemundet: Jeder Biffen war ihm beinahe in der Kehle st ck n geblieben, j der

borough einen Besuch ab. Während der gestrigen Parade bei Adlerhorst hatte der Kaiser dar Kreuz deS Königl. HauSordenS von Hohenzollern, w:lches er auf der Brust trug, verloren. Ein Soldat hatte daS Glück, dar Kreuz "auf dem Paradefelde zu finden und eS dem Kaiser überreichen zu dürfen. Bis heute Nach­mittag gedachte der Kaiser noch im Lager zu Adlerhorst zn verweilen, sich gegen Abend nach Gravesend zu be­geben und von dort an Bord der „Hohenzollern" die Rückreise nach Deutschland anzutreten.

* Die Einberufung des Reichstag- und damit die Einweihung deS neuen ReichStagSgebäudeS war, wie eine parlamentarische Korrespondenz bestätigt, an den maßgebenden Stellen für den 18. Oktober geplant. Diese A» sicht sei aber neuerdings aufgegeben, weil bis Mitte Oktober die Arbeiten am Reichstagsneubau schlechterdings nicht so weit vollendet werden könnten, daß mit der Eröffnung der Session auch die Eröffnung deS neuen ReichStagSgebäudeS sich ermöglichen ließe. Die Session werde demnach eift in der zweiten Hälfte deS November beginnen.

* Wie hier in wohlunterrichteten Kreisen verlautet, gedenkt König Alexander von Serbien noch im Laufe dieses JahreS zum Besuche deS deutschen Kaisers nach Berlin zu kommen. .....

* Zu den dem Herrn Dr. Miquel ivpatirten Rücktritts-Gedanken bemerkt der .Hannov. Courier': „Die von einer Berliner Korrespondenz verbreitete Meldung, daß sich der Finanzminister Dr. Miquel vertraulich dahin geäußert habe, er wolle zurücktreten, wird, wie man uns auS Berlin berichtet, in finanz­ministeriellen Kreisen als reine Eifindung bezeichnet. Die Meldung gehört offenbar in dar von der ,Nordd. Alls. Ztg.' eingeführte und durch die ,Frkf. Ztg.' und andere Blätter weiter gebildete System der Wühlereien gegen Dr. M-quel". — Die nächsten Monate werden ja wohl Klarheit darüber bringen, ob „etwas dran" war oder nicht.

• Hebet den Inhalt eines zu erwartenden Lehrer- BefoldnngsgefetzeZ gingen jüngst Angaben durch die Presse, deren Inhalt dem.StaatSanzeiger' zufolge, der Sachlage nicht entspricht.

* Der Reichsbank ist vor einigen Monaten durch daS Anerbieten eines sehr hohen Jahreseinkommens seitens eines großen Berliner Bankinstituts ein be­währter Beamter, der langjährige Leiter einer bedeuten­den Zweiganstalt der Reichsbank, entzogen worden. In nächster Zeit steht, wie der ,N. A. Z' geschrieben wird, der ReichSbankverwaltung noch ein weit erheblicherer Verlust bevor. Eine große Aktienbank hat abermals durch dar Angebot eines sehr hohen Einkommens und zwar eines solchen, das selbst daS der höchsten Be­amten des Reichs und deS preußischen Staats über- steigt, einen hervorragenden Beamten und zwar em älteres Mitglied des ReichSbank-DirektormmS selbst, bewogen, den Reichsdienst zu verlassen und in ihre Direktion als Mitglied einzutreten. Die an daS offi­ziöse Blatt gerichtete Zuschrift äußert sich höchst miß­billigend über die Har dlungSweise jener Aktiengesell­schaften, welche odne Rücksicht auf die dadurch verletzte«

Tropfen Wein hatte seine Unruhe und innere Gluth geschürt. Seine Stimmung war kawpfeSmuth'g und er an Doris' Gasthof anlangte, waren schon alle Theiluehmer an dem Auiflage bei ihr versammelt, an der Professorin Seite schritt Szachiomi einher.

Waldner erbebte vor Ingrimm; seine Aagen schleu­derten Flammenblitze auf den Zerstörer seines Seelen- frieden». Doch bezwang er stch mit dem Aufgebote seiner ganzen Energie zu einem unbefangenen Aus­sehen und brachte gar ein verbindliches Lächeln zu

Da — was war da» ? Ueber daS blaffe Gesicht der Professorin flog eS wie ein warmer Sonnenschein bei seiner Ankunft, sie eilte auf ihn zu und bot ihm die Hand, wie wenn nicht« vorgefallen wäre.

Wo waren Sie denn so lange?" In ihrer Stimme bebte eine Weichheit und Innigkeit, die an'S Zärtlichste streifte. „Schon vor einigen Stunden hmterbrachte mir mein Söhnchen die Nachricht, daß Sie hier seien. Ach, wie hätte ich mich gefteut, Sie bei mir zu sehen l

War eS ein Traum, ein leeres Phantom der Nacht, die ihn bis jetzt geneckt und g- quält? War der schrille Mißton, der in die süße Harmonie seines Seelenfriedens gefahren, ein W-Hnbi'.d seiner Phantasie? — Aber sie hatte ja den Beweis ihrer Schuld leibhaft g neben sich

Deutsches Reich.

Berlin, 15 August.

» Der Kaiser stattete gestern Nachmittag der ehe­maligen Kaiserin von Frankreich, Eu g en i e, in Farn-

Im Wandel des Geschickes.

Novelle von Erich Krafft.

(10. Fortsetzung.)

Sie öffnete ein N-bengemach zu der Wohnstube Frau von AldenS. Mechanisch trat Waldner ein und ließ sich auf einen Ruhestuhl nieder. AuS dem an­stoßenden Zimmer klang ihm Klavierlpiel entgegen, daS von Geigentönen begleitet wurde.

DaS Spiel war verklungen, flüsternde Worte trafen Waldners Ohr. Er wußte genug, entsetzliche Qual wühlte in seinem Innern. Auch durchschauerte ihn eine Empörung, die grenzenlos war vnd seinen Zorn zu Helle« Flammen avflodern ließ: ES brannte, loderte, kochte in ihm vor Wach und Eifersucht.

Rasch verließ er feinen Poste«; wie von Furie« gejagt, eilte er in die Kuranlagen.

„Derartig find also die Charakteranlagen der Pro­fefforin," brodelte und zischte eS in ihm, „daß sie ihr schnödester Spiel mit mir trieb. Tagtäglich lullte sie mich in den Wahn ein, als sei ich ihr nicht gleich­gültig, und hinter meinem Rücken tändelt fie mit einem Anderen! Alle» an ihr ist erheuchelt. Hinter ihrer geistigen Grazie, hinter ihrer kindlich heiteren Unbe« fangen heit lauert eitle Genuß- und Vergnügungssucht, hinter ihrem Edelmuth Heu h lei der schlimmsten Art.

Revolution zugänglich.

Diesen EntwickelungSgang geht Ungarns verarmende Landbe völkerung schon seit einiger Zeit, und die blutige« Aufstände in den Komitaten Csanad und BekeS vor 2 Jahren mahnten die ungarischen Machthaber zur Ein« , -------------------, . .

sicht und Umkehr. Allein man vergaß die Leiden i Macht Feuer gegeben, wobei mehrere Todte und gegen deS Landvolkes rasch wieder, als Gendarmerie und cn -------Ti,r OnMr8

Soldaten jene Empörung mit Gewalt zu Boden ge­schlagen hatten. Solche Wanden bluten aber fort und werden vergiftet, wenn man sie nicht heilt.

Das gesegnete Ti'fland Ungarns, das leicht hundert­fältige Frucht trägt, und das noch heute die Weizen- und Kornkammer Eurrprs ist, lpendet unter~ den jetzigen Verhältnissen seinen reichen Ernte-Segen nicht mehr dem Landarbeiter und einqeboreucn Bauer, sondern neben dem Magnaten hauptsächlich den Bo den- Spekulanten und Kornvuchereru, welche Adel und Volk gleichmäßig um den Nctzen des Boden- ErtrageS zu bringen wissen. Der Landarbeiter erhält für feine saure Arbeit ca. 50 Kreuzer Tagelohn, wofür er im Schweiße seines Angesichts den Ack-r für ein­gewanderte Spekulanten zu bebauen hat. Schon noch dem Jahre 1848 sagte der scharssisnige Graf Stephan Szechenyi bitter, als er die befreite Bauernh err- fchaft fammt dem Adel der größtentheils jüdischen AuSwucherung widerstandslos verfallen sah: DaS ist auch ein Stück Weisheit KoffuthS, die feine Nachfolger seither noch viel übertrumpfte« |

Einen Druck solcher Art erträgt ein heißblütiger Volk nicht, ohne von Zeit zu Zeit rächend auSzuschlagen, zumal wenn eS dabri von sozialistischen Jrrlehrern fortgesetzt arfgestachelt wird. DaS ist im ungarischen

* Kamrnaufstavd in Ungarn.

In den letzte« Tagen der April d. I. haben blutige Bauern-Aufstände in dem kernmacyirischen Alföld stattgefunden. DieS hätte eine Mahnung für die ungarische Regierung sein müssen, daß sir wichtigere Aufgaben für den Wohlstand der breiten Volksschichten durchzuführen habe, als die ZwangS-Civilehe rc. auf Kosten der christlichen Staats- und Gesellschafts- Ordnung durchzrPressen. Aber diese Mere Tekel war vergeblich! Und nun melden die Blätter neuerdings, daß unter den Feldarbeitern im Alföld bei Vasarhely sich wieder Unruhen bemerklich machen, und daß von Szegedin Militär dorthin entsendet worden sei. Ungarn ist ein AckerbauStaat; aber seit einigen Jahren legen eS die Pester Minister darauf an, den Bauernstand und daS Landvolk zu vernachlässigen, da- für der Großspekulation dir Thore zu öffnen und TranSleithanien mit hastiger Ueberftürzung in einen modernen Industriestaat umzuwandeln. Daraus ergeben sich schwere sozivlwirthschaftliche Uebel, welche die Landbevölkerung hart bedrücken. Gleichzeitig durch schwere Steuerlasten hart mitgenommen, wandern des- halb Tausende ländlicher Bewohner Ungarn- in die Fremde, oder sie werde« von Großpächtern oder moderne« Spekulanten (Schacherern) gleichzeitig auSgeschrotet, eine Beute der Unzufriedenheit und damit ohne weiteres den Verkünder« de» Evangeliums der internationale«