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JM 185

Mittwoch, den 15. August 1894.

21. Jahrgang

iildakrWZcitiiiig

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Mennig.

Wegen des Festes Mariä Himmel- fahrt erscheint das nächste Blatt erst am Donnerstag.

N Auf nach Kölu!

Die Tage der 41. General-Versammlung der deut­schen Katholiken (26. bis 30. August 1894) nahen heran. ES wird unser» Lesern willkommen sein, etwas Näheres aus der Feststadt zu hören.

Daß die diesjährige General-Bersammlung an Um* fang und Bedeutung ihren Vorgängerinnen sich würdig wird zur Seite stellen können, lassen die getroffenen Vorbereitungen mit Bestimmtheit erwarten. Für die Behandlung der zur Erörterung gelangenden Fragen sind die hervorragendsten Redner dcS katholischen Deutsch* land gewonnen, wobei auch auf die verschiedenen Landes* theile sachgemäße Rücksicht genommen wurde. Der Bedeutung der immer mehr in den Vordergrund tretenden sozial-politischen Fragen entspricht eS, wenn die bevorstehende General-Versammlung mit ihnen sich besonders eingehend beschäftigen wird. Gerade hierfür wurde eine gründliche Vorbereitung dadurch geschaffen, daß daS Lokal-Komitee eine besondere sozial-politische Kommission einsetzte, welche der Versammlung ein wohlgestchtrteS Material unterbreiten wird. Als eine neue wichtige Frage wird u. A. die auf unserer Seite bisher viel zu wenig beachtete fachgeni-ffenschastliche Organisation der christlichen Arbeiter zur umfaffenden Erörterung gelangen, die hoffentlich zu Beschlüssen führt, welche diese brennende Frage einer gedeihlichen Lösung näher bringe«.

Köln, dessen Bürger ernste Arbeit mit heiterm! Sinn und freundlicher Gastlichkeit zu verbinden wissen, - hat als Feststadt von jeher sich einer besonders guten ; Rufes zu erfreuen gehabt; es wird jetzt, wo es die * 1 Ehre hat, die Gesinnungsgenossen auS allen Theilen Deutschlands bei sich zu empfangen, dieser Veranstalt* j ung eine besonders würdige Stätte bereiten. Durch ; den Glanz geschichtlicher Erinnerungen und durch aus* j gezeichnete Denkmale christlicher Kunst, vor allem durch ; seinen herrlichen Dom, ist Köln — nach einem Worte i aus königlichem Munde — hoch bevorrechtet vor allen ■ Städten Deutschlands. Auf engem Raume drängen f sich hier die Denkmäler einer fast zweitausendjährigen ■ Geschichte zusammen. Die rastlos schaffende Neuzeit - hat pietätvoll das Alte geschont, und so finden wir ' neben den glänzende» Schöpfunge» der modernen Groß* . stadt überall mächtige Werke aus einer großen Ber* ' gang riheit. Ein vom Lokal-Komitee hrrauSgegebener I reich und vornehm illustrirter Führer wird jeden Be- i facher der G-neral-Versammlung in den Stand fitzen, i in zweckmäßigster Weise, so weit eS die beschränkte - Zeit zuläßt, dar alte und neue Köln in seiner bedeut* ,amen Eigenart kennen zu lernen.

Wenn eS auch nicht flüchtige Zerstreuung ist, welche i die Theilmhmer an der General-Versammlung nach ' der Hauptstadt der Rheinlande sührt, so wird eS ihnen \ doch nicht unwillkommen sein, wenn sie nach den er* |

hebenden und begeisternden Eindrücken der TageS*Ber* sammluugen an rheinischem Frohsinn sich erfrischen und erfreuen können. Schon längst haben sich auf unseren General • Versammlungen namentlich die Frstkommersr der katholischen Studenten-Korporationen volles Bürger­recht erworben und Keiner möchte sie missen, der gern einmal liebe Erinnerungen auffcischt auS froher Jugend­zeit. DaS Programm sieht van» besonders vor ein Abendfest in den prächtigen parkartigen Anlagen des Volksgartens, eine Festversammlung mit Damen im neuen großen Saale der Bürger-Gesellschaft, bei welcher der Kölner Humor in erster Linie zur Geltung kommen wird, sowie festliche Veranstaltungen deS katholischen BolkSvereinS, der katholischen kaufmännische» Vereine, deS katholischen Gesellen-V-reinS, der Arbeiter-Vereine u. s. w., so daß jeder seinen Wünschen und Neigungen vollauf Rechnung tragen kann.

Daß Sie rheinische Hauptstadt de» Fremde» von Nah und Fern als ein vielbegehrtes Reiseziel gilt, hat die WohnnngS - Kommission bei Lokal - Komitee'- aus ihrer umfangreichen Inanspruchnahme schon längst er­fahren müssen. Sie sieht sich bereits zu der Mitthei­lung an die auswärtigen Theilnehmrr genöthigt, daß die in gastfreundlicher Weise zur Verfügung gestellten unentgeltlichen Pcivatwohnunge» größtentheilS vergriffen sind. Bei Privaten sind überhaupt nur noch sehr wenige Logis (zu 2'/z—3'/, Mk. inkl. Frühstück) zu haben. Dagegen können tu Hotels noch fortwährend Logis im Preise von 2'/z—5'/z Mk. einschließlich Früh* i stuck für die Tage der Generalversammlung angewiesen werden, Jedenfalls werden die auswärtigen Besucher der Versammlung in ihrem Interesse handeln, wenn sie bis längstens 8 Tage vo^ Beginn der Versamm­lung in Köln sich anmelden (bei Schatzmeister Bank* direktor Elkan, Rheinische VoikSbuak), da sonst bie WohnnngS - Kommission (Anmeldung vei Otto Loosen, Perlengraben 112) keine Verpflichtung zur Beschaffung von passenden Wohnungen üdernehmen kann.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. August

* Den Frieden der Sommerstille in der inneren Politik werden wir wohl nicht lange mehr zu ge­meßen haben; die osfiziösen Laubfrösche kündige» eine schwere innere Kris is an, die wahrscheinlich noch vor dem Wiederbeginn der parlamentarischen Arbeiten zum Durchbruch kommen wird, und im Parlament stehen für diesen Winter neue und schwere Kämpfe bevor, im Reichstag wie im Landtag. Wir erwähnten schon den Vorstoß der caprivi-oifiziösen .Nordd. Allgern. Ztg.' gegen die miquel-offiziöfin Biatter. Diesem ersten Schuß ließ die ,Norddeutsche' bald einen zweiten Schuß folgen, der noch schärfer geladen war. Es war darin die Rede von einem „Verhetzten auf der Gegenseite" von einer „systematisch betriebenen Minirarbeit", von einem „unausgesetzten Bohre» und Jntriguiren gegen de» Reichskanzler" u. i. w. In diesen Worten tritt cffenoar ein lang verhaltener Groll zu Tage, der sich

Im Mandel des Geschickes.

Novelle von Erich Krafft.

(9. Fortfetzung.)

Die ersten Striche über die Saiten! — Die Zu­hörer fuhren empor über die wundersamen Klänge. Immer reicher, bewegter, stürmischer, herzerwärmender quollen die Töne aus dem Innern ber Geige. War 0a eine Menschenseele in bar Reich deS Klanges ver­bannt, bie nun alles Glück und alle Wonne, alle Schmerzen und Qualen aushauchte, die je durch ihr Inneres gestreift? Jetzt flehte die Liebe iu süßen, sehn­süchtigen Lauten um Erhörung, jetzt brauste sie im Vollgenv sse größter Erden Wonne auf, jetzt endlich wimmerte sie und härmte sich ob deS Verlustes von allem HerzenSglücke.

Alles aber, was die Saiten sangen und sagten, verkörperte sich in dem Aeußeren deS Künstlers. Jeder Freudenlaut lies durch seinen Körper und zuckte als strahlender Funke auS seinem Ange; jeder Nerv, jede Fiber an ihm schien durch die SchwermuthSmelodieen durchbebt zu werden. Wie elektrische Ströme mußten bie Klänge durch seine Adern rollen; die Glieder zitterte», daS Antl tz glühte, daS Auge funkelte in unheimlichem Feuer.

Obendrein gaben der Purpurschein, der aus dem rothumflorten Lüstre geradeaus seinen welligen Scheitel

I floß, m d der silberige Fümmer, den die Kerzm von

1 allen Seiten auf ihn au-strömten, ber ganzen Er­scheinung etwa- Magisches. UeberirdischeS.

Die Hörer sind fortgerissen, ber Wirklichkeit entrückt. Sie fühlen alles mit dem Virtuosen, mit der Geige. Die Alten wiegen sich im Traume erneuter Jugend, die jungen, heißblütigen Tewperamente kämpfen vergeblich gegen einen jähen Tauuul, der sie erfaßt hat. Jetzt saust der Sogen zum letzten Mal über die Saite». Gellend, schrillernd, wie tiefste HerzenSnoth, erstirbt der Endlaut in dem weiten Salon.

Todttnst lle herrscht. Der Zauber der Töne hält noch alle gefi fielt. Doris starrt wie versteinert in daS Antlitz des Grafen, bissen Augenlicht in loher Gluth auf ihr brennt. Ottilie schmiegt sich ängstlich an ihren Bruder.

Mit verschränkten Armen steht der Virtuos auf dem Podium, dar Zauberinstrument liegt ruhig neben ihm. Em spöttischer Zug lagert um Mund und Nase, verächtlich blitzen seine schneeweißen Zähne auS dem Runde ber- frische» L ppm, als er seine Auge» über die erregten Zuschauer schweifen läßt. Nur langsam löst sich der Bann von deren Herzen.

Ein Bravo und Häudeklatschen tönt durch den Raum, viele folgen ihm. Man umdrängt be» Grafen, beglückwünscht ihn, schüttelt seine Hand. Lässig und gleichgültig nimmt dieser die Ovationen entgegen. Nur

nicht nur gegen die Lobpreiset: Miquel'S, sondern auch gegen diesen selbst richtet. Der lange geheim gehaltene Kampf wird jetzt mit offenem Bfiir geführt, wen» auch daS Duell Caprivi-Miqnel zunächst nur von den osfiziösen Sekundanten eingeleitet oder „auSgepaukt" wird. Diese osfiziöse Preßfehde ist nun allerdings nicht sehr erquicklich, zumal die Miquel-Offiziösen auf bie Caprivi-Offiziösen mit Waffe» desselben Kalibers zurückschießen und daran erinnern, daß der Kaiser einmal den damaligen Oberbürgermeister Miquel „seinen Mann" genannt habe. Nachdem nun aber einmal der Zwiespalt und Gegensatz zwischen dem Reichskanzler und dem einflußreichsten Minister in der preußischen Regierung so offenkundig zu Tage getreten ist und eine unüberbrückrare Kluft zwischen beiden sich hervor* gethan hat, wird nichts anderes übrig bleiben, als daß entweder Graf Caprivi oder Herr Miquel aus dem Amte scheidet. Der Kaiser, w lcher gegenwärtig an der Südküste von Eigland weilt, um de» dortigen Seeregatten beizuwohnen, Wird wahrscheinlich bald in bie Sage kommen, in dieser Beziehung seine Entscheid­ung fällen zu müssen, da ein weiteres HinauSschiebe» dieser Entscheidung die innerpolitische Lage nur noch verwickelter machen Würde, möge diese Entscheidung fallen, wie sie wolle. Es geht auf bie Dauer doch nicht an, daß bei den leitenden und einflußreiche» Persönlichkeiten in der Regierung nicht nur ein per­sönlicher Gegensatz auch nach außen hin scharf hervor­tritt, sonder» auch ein Gegensatz ber Politik im Reich und in Preußen. In dieser Beziehung ist wiederum ein neuer Zwischenfall zu verzeichnen. Die Offiziöse» des Grafe» Caprivi haben bisher die Anschauung vertrete», daß Ausnahmegesetze gegen die anarchistische Gefahr bei uns weder nothwendig, noch zweckmäßig seien, und sie habe» richtig erkannt, daß für eine Wiederholung des Sozialistengesetzes im Reichstage keine Mehrheit zu finde» sei. Run aber enthält die ,Nordd. Allgem. Zig/ einen Plan der preußischen Regierung, welche mit Umgehung des Reichstags das Sozialistengesetz von hinten herum wieder emsühre» Will, und zwar, Wie bereits bargelegt wurde, durch eine weitgehende Beschränkung des Vereins-und Versammln» gSrechtS in Preußen. Für bie Krisis in den „höheren Regionen" ist eS sehr bedeutungsvoll, wenn da- preußische Staatsministerium gegen die Neigung des Reichskanzlers zu solche» ZwangS- gesetze» greise» sollte, zumal die gesetzliche Regelung des Vereinswesens nach der Reichsverfassung dem deutschen Reiche Vorbehalten ist. Die Rechte deS deutschen Reichs in dieser Beziehung zu wahren wäre vor Allem die Aufgabe deS Reichskanzlers, abgesehen davon, daß hier die persönliche Autorität deS Grafen Caprivi selbst in Betracht kommt. ES würde verhäng- uißvoll für die Stellung bei Reichskanzlers im Reiche werden, wenn er hier der preußischen Regierung nach­zugeben gezwungen würde. Wäre ei möglich, daß die preußische Regierung Wirklich mit Hilfe ber Kartell­mehrheit bti Abgeordnetenhauses eine Verschlechte­rung des Vereins- und BersammlungSrechts in Preußen

als Doris ihm mit zuckenden L ppen ihre Anerkelinung zollt, flammt eS über seine Züge; er berührt mit heißem Munde ihre Hand.

„Komm Theo, laß uns gehen!" flüsterte Ottilie. Ich fühle mich beängstigt in Gegenwart dieses Künstlers. Mei» Herz ist Wie zugeschnürt, ich fürchte mich vor ihm."

„Ohne Grund, Tilly. Wir können unmöglich den Saal verlafien, ehx Da? Konzert zu Ende ist."

Der junge Mann befand sich in einem sonderbaren Zwiespalt seiner Gefühle. Die Musik deS Grafen hatte auch auf ihn ihre Wirkung nicht verfehlt; er war be­rauscht von ihr. Auf der andere» Seite aber hatte er mit dem geschärfte» Blick des Liebende» die Aufmerk­samkeiten deS Grafen für Doris bemerkt. Seife wie ein Blüthensamenkörnchen zur Erde sinkt, um bald zu entkeimen und zu blühen, hatte sich die Eifersucht m sein Herz genistet. Vorläufig war zwar die Ehrfurcht vor Doris' Tugenden und ihren edlen, festen Charakter­zügen noch zu groß, als daß diese Seibet:; djaft feste Wurzeln schlagen konnte. Und bann wollte ihm ein anderer Gedanke nicht auS der Seele weichen. ES war ihm immer, als hab- er diese funkelnden Augen deS Künstlers schon einmal gesehen. Aber wo, wo? DaS fragte er sich stets vergeblich.

Der übrige Theil deS Konzertes Wickelte sich pro­grammmäßig ab. Der Künstler zeigte sich in Allem