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Beilage zu Nr. 183 der »Fuldaer Zeitung'.

Sonntag, den 12. August 1894.

± Gin vergessenes Kuch.

Fulda, 10. Aug.

Als wir am verflossene« Sonntag die Kaiserin Friedrich, von begeisterten Hochrufen der Menge nupsauge«, zum ersten Male in Fulda erblickten, und als wir sahen, mit welcher herzerwärmenden Huld sie, die Mutter unseres Kaisers, für die jubelnde Be­grüßung dankte, da kam uns in den Sinn, wie dieser hohen Frau einstmals eine besondere Huldigung hier zugedacht war. Dies ist schon recht lange her, denn die erhabene Fürstin, die jcht nicht nur die Kaiser­krone, sondern auch dar Diadem der herbsten Wittwen- trauer trägt, war damals von Jugend und Glück noch so hell umstrahlt, wie wir heute ihre erlauchte Tochter, Prinzeß Margarethe sehen. Im Jahre 1858 hatte der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen die Prinzeß Royal Viktoria von Großbritannien und Irland als seine Gattin heimgesührt und in derselben Zeit war es, wo die durch eine beachtenswerthe dichte­rische Begabung ausgezeichnete Freiin Sophie von Gilsa, welche damals irn hiesigen sreiadeligev Damen­stifte Wallenstein lebte, sich damit beschäftigte, eine Reihe der schönsten englischen Gedichte in künstlerischer Form in'S Deutsche zu übertragen. Der Gedanke, diese Poesien, in denen sich britischer Geist und Ge­dankengehalt mit deutscher Kunst und Sprachschönheit vermählen, der hohen Tochter Albion's zu widmen, soll der Dichterin bei ihrem stillen Schaffen eine be­sonders freudige Grnugthuung gewährt haben. Ver­ehrung und Sympachie drängten sie dazu — find wir recht berichtet, so hatte Sophie von Gilsa die neuver­mählte Prinzessin in Wiesbaden persönlich kennen ge­lernt — denn Niemand hätte ja damals geahnt, daß Letztere uns noch einmal besonders nahe treten, ja so­gar noch, wenn auch nur für fo kurze Zeit, als unsere LandeSmutter über uns walten sollte. Unter dem Titel: „Auswahl englischer Gedichte in'S Deutsche übertragen von Sophie von Gilsa", ist denn auch dar Büchlein im Verlag von AloyS Maier, 1858, hier er­schienen; die Widmung an die hohe Fürstin aber trägt es nicht. — War eS, weil der Verfasserin auf ihre Anfrage hin ein ablehnender Bescheid geworden, war es, weil man ihr gerathen hatte, von einer derartigen Kundgebung, mit denen ja die Großen dieser Erde gar zu häufig überschüttet werde«, lieber abzusehen,— genug die beabsichtigte Dedikation war unterblieben; — zum Bedauern auch deS Verlegers (der unS einst diese Mit« cheilung machte), denn natürlich war nun der Erfolg ein ungleich geringerer. Sophie von Gilsa starb noch in demselben Jahre, ihre Gedichtesammlung aber ist selbst in der Stadt, wo dieselbe in'S Leben kam, sehr mit Unrecht, längst vergessen.

Diese alltägliche, belanglose Sache würden wir kaum einer posthumen Veröffentlichung für werth halten, Wenn sie nicht eine interessante Beziehung erhalten hätte gegenüber einer Mittheilung eines hochberühmten Schrift­stellers der Gegenwart. Gustav Freytag ist eS, der in feiner theilS mit wärmster Anerkennung, theils mit entschiedenem Protest und scharfer Kritik aufge» vommenen, jedenfalls aber viel Schönes und Inter­essantes enthaltenden Schrift: „Der Kronprinz und die deutfche Kaiserkrone" (Leipzig, Verlag von S. Hirzel) eine merkwürdige Aeußerung unseres uuver- geßiicyen Kaisers Friedrich ausgezeichnet hat. Laffen wir uns von dem Verfasser selber die rührende Scene vorführen, wie er im Feldlager 1870 den damaligen Kronprinzen von Preußen, von einer Unpäßlichkeit «iedergeworfrn, fand, und lassen wir uns zugleich da­bei schildern, mit welch' warmer, tiefer Innigkeit der edle Tobte das Bild der hohen Gemahlin auf dem Gold­gründe seines Herzens hegte.

„Der Kronprinz", so erzählt Freytag, „lag auf seinem schmalen Feldbett, das er sich in jedem Quartter aufschlagen ließ. Vor ihm auf dem kleinen Schreibtisch standen, so datz sein Auge darauf ruhen konnte, die Photographien der Kron­prinzessin und seiner Kinder. Er sprach sogleich von den Seinen daheim, von der Natur seiner Kinder, wie jedes sich entwickelte, von dem Schmerz über die Verlorenen. Sein Auge wurde feucht, und das Antlitz war durch Liebe und Schmerz verklärt, sein Wesen so warm und wohlthuend, daß es auch den Hörer weich machte. Dann begann er von seiner Gemahlin zu sprechen, voll von zärtlicher Hingabe. Er rühmte ihr reiches Wissen und ihren Geist, zu dem er immer aufsehen müsse und klagte, daß eine solche Frau nicht überall nach ihrem Werthe Anerkennung finde, und man empfand, wie wohl es ihm that, von der zu reden, an die er immer dachte. Im Laufe des Ge­sprächs frug er: „Ist eS nicht auffällig, daß der Kronprinzessin so wenig deutsche Bücher gewidmet werden, die der Mühe wetth sind? Wenn Jemand von uns, verdient doch sie solche Anerkennung." Jede Huldigung, selbst die kleinste, die der angebeteten Frau zu Theil wurde, war für ihn eine Sache von Bedeutung. Denn seine Hingabe und Unterordnung unter die geliebte Frau war eine völlige. Diese Liebe war das Höchste und Heiligste in seinem Leben, das ihn ganz erfüllte. Sie war die Herrin seiner Jugend, die Vertraute aller seiner Gedanken, seine Rathgeberin, überall wo sie Rath zu geben ge- «eigt war. Anlage der Gärten, Schmuck der Wohnung, Er­ziehung der Kinder, da» Urtheil über Menschen und Ereigniffe, alles richtete er nach ihrer Persönlichkeit. Wo er chr ein Mal

nicht ganz folgen konnte, oder wo sein innerstes Wesen ihrer Forderung widersprach, war er ttes unglücklich und unzufrieden mit sich selbst. Sie war au» größere» Berhältniffen zu chm lekommen, hatte mit reichen Anlagen, schnellfaffendem und hoch- liegendem Geist, als LieblingSkind ihres Vaters, ihren geistigen Inhalt aus einem weit umfangreicheren Gebiet von blendendem Stoff erhalten. Durch glückliche Jahre hatte sie mit Eifer und zuweilen mit Geduld dahin gearbeitet, in der Seele des Ge­mahls die Jntereffen groß zu ziehen, die ihr am Herzen lagen, und er empfand in seinem einfachen, lauteren Gemüth, was in ihm lebendig geworden war, als ihr Werk. Ihm war, als hätte er erst durch sie fühlen, das Wahre erkennen, das Schöne ge­nießen gelernt."

Bekanntlich hat Gustav Freytag selber feiner Zeit der damaligen Kronprinzeffin deS deutfche« Reiches feine „Ahnen" gewidmet, — ein monumentales Dichter­werk, dem gegenüber freilich der Freiin von Gilfa an» spruchloses Büchlein, daS Jahrzehnte früher erschienen war, sehr gering erscheinen muß. Und doch glauben wir, daß auch letzteres „der Mühe werth" gewesen wäre, um als Berehrungsgade dargeboten zu werden. Hätte diese schöne Auswahl englischer Dichterblüthen doch gewiß die hohe Fürstin wie ein süßer Heimaihgruß an» gemuthet. Ihrem Gemahl aber, für den, wie Freytag sagt, „selbst die kleinste Huldigung, die der angebeteten Frau zu Theil wurde, eine Sache von Bedeutung war", wäre jedenfalls gerade diese feinsinnige Kundgebung eine innige Herzensfreude gewesen. Bücher haben ihre Schicksale, sagt man; — wer weiß, vielleicht hätte Sophie von Gilsa'S „Auswahl englischer Gedichte", die noch heute ihrem inneren Werth nach über vielen anderen Anthologien stehen dürfte, ein hellerer Stern geleuchtet, wenn sie ihre Fahrt unter der fiegverheißenden Flagge wirklich angetreten hätte. J. 6r.

Im Wandel des Geschickes.

Novelle von Erich Krafft.

(7. Fortsetzung.)

Ein Schatten flog über dar Antlitz der jungen Wittwe. Sie trug noch immer Trauer. Ihre Erscheinung war fast noch hinreißender wie ehedem. Ihr tragisches Geschick hatte zwar den Duft und Schmelz der Jugend von ihrem Gesichte gestreift, ihm aber dafür den roter» effanten Ausdruck vollgültiger Reife im Denken und Empfinden verliehen.

„Sie haben also auch von dem Unglücke meiner Manner gehört?" ging sie auf Theo'S Frage ein. „Ach Gott, er war ein trauriger, sehr trauriger Vorfall. Er fchmerzte mich tief und versetzte meiner Gesundheit einen heftigen Sioß. Gewiß, ich hatte v. Alden ja nicht aus Liebe geheirathet und ihm nur auf Drängen meiner Eltern hin meine Hand gereicht zum Treue­bunde; allein ich achtete und ehrte ihn ob feiner her­vorragenden Begabung und feiner großartigen Wissens» fülle, und iu meiner Trauer war eS mir der süßeste Trost, daß ich meinem hochherzigen Manne niemals den geringsten Anlaß zur Betrübuiß oder Klage gegeben. Doch lassen wir die Tobten ruhen und rühren wir nicht schmerzliche Erinnerungen wieder aus, nachdem sie sich kaum ein wenig verflüchtigt hatten. Wie geht eS Ihnen denn, Herr Waldner? Mit großer Freude er» sah ich aus Ihrer Karte, daß Sie Ihr Staatsexamen schon gemacht. Noch nachträglich meine beste Gratu­lation."

„Danke, danke, gnädige Frau!"

„Und wie geht es Ihrem Schwesterchen, das damals in so origineller Weise den Anstoß zu unserem Bekannt­werden gab? Sie ist wohl zu einem schönen Mädchen erblüht? Ich würde sie gar zu gerne kennen lernen."

„Sie soll sich Ihnen in aller Kürze hier Präsen» tiren, gnädige Frau. Der Umgang mit Ihnen, sallS Sie denselben gestatten, wird sehr vortheilhaft auf daS Naturkind einwirken. Sie verlaffen doch EmS nicht fo bald wieder?"

„Nein, mein Arzt hat mir zu meiner Erholung eine sechswöchentliche Kur dahier verordnet."

„Wie heißt Du denn?" wandte sich Waldner nun­mehr an daS Söhnchen der Dame, da» sein Köpfchen auf sein Knie gelegt hatte und ihn treuherzig aublickte.

„Theo, Oakel. Ich heiße gerade so wie Du. Mama sagte eS mir." Heißes Roth stieg Doris hoch in Stirn und Nacken. Sie senkte die langen seidenen Wimper tiefer über daS nachtdunkle Auge, wie um ben jähen Schimmer, der darin aufleuchtete, zu dampfen.

„In dankbarer Erinnerung an die Dienste, die Sie mir dermalen hier in EmS erwiesen, habe ich meinem Söhnchen denselben Bornamen beigelegt, den Sie tragen."

„Wie unendlich liebenswürdig! Der in Rede stehende Dienst ist aber kaum der Erwähnung werth." Theo schaukelte den lieblichen Knaben auf feinen Änieen, er» zählte ihm von Wald und Wild und vielem anderen, war einer Kindes Herz bewegen kann.

Der Kleine hörte strahlenden Auges zu. „Storno, bleibt jetzt Onkel Theo immer bei unS?" wandte er sich nun an feine Mutter.

„Nein, mein Kind, aber er wird uns zuweilen hier besuche«. Nicht wahr, Herr Waldner, Sie komme« öfters? Sie fefjen ja, wie gerne man Sie hier hat." Dabei blickte sie lächelnd auf ihren Knaben, der die Behauptung der Mama durch freudiges Kopfnicken be» kräftigte. ~

Waldner besuchte an einem der nächsten Tage mit seiner Schwester Doris von Alden, Ottilie schloß sich rasch an die Professorin an, und eS entstand in kurzer Zeit ein reger wechselseitiger Verkehr zwischen dieser und den Bewohnern der Mühle. ES wurden Spazier­gänge und Ausflüge unternommen und trauliche, köst­liche Stunden verlebt.

Als Vierter im Bunde stieß eines Tages bei« Konzerte im Kurgarten ein Jugendfreund Theos zu ihnen, Dr. phil. Kurt Lindler, der in einer benach­barten Provinzialstadt Gymnasialprofeffor war und sich gerade ein paar Wochen in EmS aufhielt. Eine hohe, fchlanke Gestalt, geistig bedeutende Züge und jener Schimmer idealer Veranlagung auf dem Antlitz, der unwillkürlich anzieht, machten ben jungen Philologa» zu einer interessanten Persönlichkeit. In bet Gesell» chaft hielt er sich für'S erste meist zurück u«b schweig, am; war er aber einmal angeregt, so sprühte er örmlich von Geist unb UnterhaltungStalent. JnSbe» onbere konnte alsdann sein feingebildeteS Urtheil über Kunst und Poesie eine ganze Gesellschaft unterhalten und begeistern. Im Uebrigen ging er fast ganz in einen Studien und BerufSgefchästen auf. Obgleich zuvorkommend und liebenswürdig gegen die Damen­welt, zeigte er im Allgemeinen doch kein besonderes Interesse für die eine ober onbere aus derselben. Seinen Freunden, die stets scherzend hierauf anspielten, be­merkte er lachend, daß die Kunst seine Geliebte sei.

Unsere kleine Gesellschaft kehrte foeben auS dem Kursaale zurück, wo sie die ausgestellten Gemälde eines modernen Künstlers besichtigt hatte. Man ließ sich am linken Lahnufer im Schatte« dichtbelaubter Kastanien­bäume nieder und kritisirte und plauderte über daS eben Gesehene. Doris konnte mit Lindler über ver­schiedene Punkte eines Gemäldes nicht einig werd«. Theo warf nur ab und zu eine Bemerkung in das Gespräch der beiden, während Ottilie mit großem Sn» tereffe zuhorchte.

Doris huldigte mehr dem prachtvollen Farben­schmelze des Gemäldes und wollte deshalb verschiedene KowpofitionSsehler übersehen wiffen, die Lindler tadelte.

Die Unterredung wurde darob immer lebhafter: Hüben und Drüben klirrte daS Zungenschwert für und gegen das Gemälde, mancher Pfeil der Ironie und des leisen Spottes schwirrte durch die Luft. Man war allgemein so von dem Gespräche eingenommen, daß Niemand auf den kleinen Theo achtete, der sich von der Hand der Mutter loSgemacht hatte und am Lahn- ufer spielte. Plötzlich aber gellte sein Angstschrei zu der diSputirenden Gesellschaft herauf. Aller blickte eutfetzt nach dem Flußufer hin, — o Himmel, der Kleine hatte sich über daS Wasser zu weit vorgebeugt und war in die Lahn gestürzt.

Markerschütternd schrie Frau v. Alden auf. Geister- bleich, wie wahnsinnig eilte sie mit gerungenen Händen auf die Unglücksstätte zu; allein schon nach wenig«! Schritten sank sie wie tobt in ine Arme Ottiliens, bie sich selber vor jähem Schreck nicht zu fassen wußte.

Waldner und Lindner waren sofort aufgesprungen. Rock, Hut abwerfen und in den Fluß springen war dar Werk einer Momentes gewesen. Allem die Rett» ungSarbeit war nicht allzu leicht. Die Lah« ist bei Ems tief und stellenweise sehr reißend, und so butte daS Wasser ben leichten Körper deS KinbeS rasch mtt sich fortgewirbelt. DaS Unglück wollte eS, baß ganz in der Nähe der Unglücksstätte ein Floß lag. Auf dieses trieb jung Theo zu: Gerieth er unter dasselbe, so war sein Tod eine ausgemachte Sache.

Mit dem Ausgebote aller Kräfte fchwommeu die beiden Freunde dem Kinde nach; nur «och wenige Minuten war eS von dem Floße entfernt, da erreichte eS Waldner glücklicherweise. Mit der Linkm hob er den Knaben hoch empor, mit der Rechten ruderte er dem Laude zu. Lindner unterstützte ihn, und bald lag der bewußtlose Knabe in den Armen der Mutter, die noch immer sprachlos, in bie knie gebrochen, verharrte unb ruhig alles über sich ergehe« ließ, was ihre Um» gebung anorbuete. „ . , Ä ,

Eine Droschke brachte alSbalb alle m’8 Hotel, wo es dem herbeigerufenen Arzte schnell gelang, ben Meinen Theo bem Leben wiederzugeben. Er kam mit einer leicht«, Erkältung davou, unb hatte schon nach einig«» Tagen seine ftühere Frische unb Gesunbheit totebet

erlangt. , .

Auch bie zwei jungen Lebensretter hatten keinerlei Körperschaben davongetragen. Dagegen glaubte Waldner ein Geheimuiß entdeckt zu haben, so süß, so herzbe» glückend, wie er eS kaum je erträumt hatte.

(Fortsetzung im Hauptblatt.)