Einzelbild herunterladen
 

JV 180 Donnerstag, den 9. August 1894. 21. Jahrgang

FMerMZ ei t ii n !|

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pst, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Heirathrn verboten?

Zu den seltsamsten Auswüchsen moderner Leib- eigenschLf; gehören die verschiedenen HeiratHSverbot-, zu denen Wirthschastliche Machthaber ihren Ange­stellten gegenüber sich berechtigt glauben. So weiß man, daß „König" Stumm in Ncuustrchen seinen Ar­beitern das Heirathrn ohne des Grädigen Erlaubniß verbietet. Auch in den größeren Banken ist üblich, den „jungen Leuten" doS Heirathrn nur bei einem gewissen Mimmalgehalt zu gestatten. Zu welchen sittlichen Konsequenzen solche HeirathSverbote führen, kennt Jedermann. Die moralische und physische Verwüstung weiter Volkskreise (in allen Siänden), die unsere Moralisten so ost und mit Recht beklagen, hängt zum größten The»! mit der erzwungenen HeirathSverspätung zusammen. Kaum glaublich aber erscheint es uns, daß auch der (Staat selbst solche im Grunde unsittlichen und wegen der Beschränkung der persönlichen Freiheit un- zuläsiigm Verbote erlassen sollte, obwohl doch dieser Staat ein christlicher Staat ist und über die Moral zu wachen hat. Und doch scheint dieses Unglaubliche Thatsache zu sein. Die Frankfurter ,BolkSstimme' veröffentlichte dieser Tage folgender autographirte For­mular :

Verhandelt int Amts­zimmer des Kaiser­lichen Postamts 1 in

Tagegelder der PosthUsSboten aus die Bestreitung der Kosten für die Begründung und Unterhaltung eines eigenen Haushaltes nicht berechnet sind.

Dem...... wird deshalb hiermit eröffnet, daß sein

Ausscheiden auS dem Postdienste u. A. in Frage kommen müsse, wenn er sich vorzeitig als Posthilfsbote verheirathen sollte.

Borgelesen, genehmigt, unterschrieben:

Bezirk der Kaiser!. Ober-Postdirektion Frankfurt (Main).

Frankfurt (Main).

ES ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß von Post- hllssboten vorzeitig und übereilt Heirathen geschlossen werden, welche nach den gemachten Erfahrungen geeignet sind, später die Quelle wirthschaftlicher Verlegenheit zu werden, zumal auch die

Beschehen wie oben.

Also die Postdirektion Frankfurt a. M. — wir Wissen mcht, ob diese Anschauung im ganzen Reiche deS Herrn von Stephan herrscht — erklärt, daß sie ihren Pofthilfsboten für eine geordnete Existenz nicht ausreichende Gehälter bezahlt, daraus aber schließt sie nicht, daß sogleich die Bezüge erhöht werden müßten, sondern sie folgert vielmehr, daß deshalb die Psst- hilfsboten auf eine geordnete Ex-stenz verzichten müssen. Das ist fürwahr eine seltsame Sozialpolitik! Uebrigers sind nicht nur die Gehälter der im Tagelohn Ange- .stellten, sondern auch die der wirklichen Post-Unter« beamten äußerst gering. Nach dem Reichspost-Etat für 1894/95 sind 3740 Briefträger und Packer in den Stadtbezirken, mit einem Gehalte von 750—1100 Mk., im Durchschnitt mit 900 Mark, ungestillt. Landpost­boten sind 15,400 mit einem Gehalt vorr 650—900 Mark, im Durchschnitt 700 Mark angestellt. Seit Jahren wird im Reichstag über die große Anzahl der nur im Tagelohn bei der Post angeftellten Leute

Im Wandel des Geschickes.

Novelle von Erich Krafft.

(4. Forrsetzunz)

„Kommen Sie," lud ihn dann Doris ein. „Wir wollen etwas auf und ab gehen. Trübe Gedanken werden am besten durch Zerstreuungen verscheucht."

Es geschah, wie sie vorauSgesctzt. Theo und sie selber wurden ruhiger im Anschauen der prächtigen Vorgänge auf der „Bäderlai".

Dec kleine Berg erglühte in schönstem bengalischem Lichte. Jede Grotte, jede Halle, olle Schluchten und Rinnen strahlten rosiges, grünes, bläuliches Lichtgewölk aus. Die Bäume und Sträucher, von den vielfarbigen Lichtwellen überfluthet, sahen phantastisch, fast märchen­haft auS. Kreischend umkreisten einige Raben, durch das Zauberlicht aus ihrer Heimstätte aufgeschreckt, de« dampfenden, feuerhauchenden Hügel.

Aber die Phantasie sollte noch reichere Nahrung erhalten. Mit einem Male glitzerte in den bunten Flammen blasses Fackellicht auf. Wie die Sterne am Abendhimmel leuchteten die neuen Lichtfunken auf, und Vicht lange dauerte (8, da war der ganze Berg von > ihnen übersät. Sie hoben und senkten, wiegten und drehten sich; bald schwebten sie im Zickzeck feierlich langsam dahin, bald verschwanden sie windschnell und geheimnißvoll, um an einer andern Stelle wieder auf* zutauchen. Dabei soh man winzige Gestalten unter den

von verschiedenen Parteien eindringlich Klage geführt; aber die Postverwaltung hält hartnäckig an dieser fehlerhaften Einrichtung fest, trotz der riesigen lieber« schlisse, die bei dem Institut gemacht werden. Die un­gefähre Anzahl der Hilfsbeschäftigten ist im Etat nicht angegeben. Wenn man aber als sicher annimmt, daß der Durchschnittsbetrag der Tagelöhne doch wenigstens um etwas geringer ist als die Gehälter der Stadt- und Lank pofiboten, und ferner dagegen hält, daß für diese letzteren u sgesammt 15,301,000 Mark an Ge­hältern im Etat berechnet sind, während die Gesammt« summe der für die Hilfsbeschästigten 18,954,700 Mk. an Löhne beträgt, so läßt sich leicht ermessen, daß die Zahl der Hilfsbote« erheblich größer sein muß, als die der festangestellten Postboten. Was aber jenen Erlaß anbelangt, so ist die Frage aufzuwerfen, ob solche Heirathsverbote überhaupt gesetzlich zulässig sind. Solche Verfügungen find nichts wie ein Aus­nahme-Gesetz gegen die Armen. Man sollte im Reichstag diese Frage einmal zur Erörterung dringen.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. August.

* Für die am 1. April 1895 in Kraft tretende Ergänzuugtsteuer beginnt, wie der ,Conf? erfährt, jetzt in de« verschiedenen hierfür zuständigen Steuer- auSschüssen die Einschätzung. Zur Ergärzungssteuer werden nicht herangezogen diejenigen Personen, deren steuerbares Vermögen de« Gesammtwerth von 6000 Mk., und dikjenigen Personen, deren Jahreseinkommen den Betrag von 900 Mark nicht übersteigt. Als Anlage­kapital oder Vermögen werden Maschinen oder Geschäfts­inventar nach Werthschätzung berechnet. Die Veran­lagung erfolgt zum ersten Male für die Zeit vom 1. April 1895 dis zum 31. März 1896, und zwar gleichzeitig mit der Beanlagung'der Einkommensteuer durch die für diese bestehende Veranlagungs-Kommission nach Einholung des Gutachtens des Schätzungs-Aus- schussts, dem die erforderlichen Werthrrmittelungen ob­liegen.

* lieber daS gegen den Kanzler Leist und den Assessor Weh lau schwebende Disziplinarverfahren wird mitgethetlt, daß nach Ablauf der GerichtSferien gegen Beide Anklage erhoben wird.

* Kürzlich weilte hier eine Kommission japanischer Offiziere, welche den europäischen Kontinent bereiste, um die Heerestinrichturgen kennen zu lernen. Die Kommission ist deS jopanrsch-chinefischen Krieges wegen in die Heimaih zurückberufen worden, roch bevor sie ihre Rundreise beendet hat.

* Eine Beschränkung de« Vereins« und Ver- sammlnngsrechtS in Preußen kündigt uns die ,Nordd. Allg. Ztg? an. Das Geschrei der BiSmarck- und Karte llprr sie nach Ausnahmegesetzen gegen die Sozial­demokratie -st also doch nicht so ganz wirkungslos ge­wesen'. Wenn auch der Reichskanzler den „Muth der

Lich punkten sich fortbewegen, — rS war eh wirklich'! „Tanz der Heinzelmännchen".

Die interessanten Vorgänge auf dem Berge hatten unfern beiden Freunden eine gewisse Beruhigung ver­liehen ; wenigstens hatte es de» Anschein. Denn als die Menge des schaulustigen Volker nach Schluß der Festlichkeit sich nach allen Windrichtungen zerstreute, bat Doris in fast ruhigem Tone Theo um daS Geleite in ihr Hotel.

„Zuerst aber wollen wir den armen „Heiuzel- Männchen", die ihre Fackeln und Windlichter in so mühevoller Weise für unS auf den steilk« Berghängen herumgetragen haben, eine kleine Freude machen," bot sie, als Waldner ihr den Arm gereicht.

Wie gut sie war! An der Stelle angekommen, an welcher der Bergweg der „Bäderlai" in EmS mündete, sahen sie die Kleinen gerade von ihrer nächtlichen Geisterarbeit zurückkehren. Doris schenkte Jedem von ihnen eine kleine Münze und, wo angäriglich, auch ein freundliches Wort.

Dankerfüllt blickten die Kinder, die von der an­strengende! Tour recht ermüdet auSsahen, zu der gütigen Dame auf. e

Im Gasthofe dankte Doris dem Forststudenten noch einmal für alle Mühewaltung um sie. „Leben Sie recht wohl!" sagte sie mit leise vibrirender Stimme, „leben Sie recht wohl! Auf Wiedersehen!"

Roch ein Händedruck, noch ein Blick in ihre seeleu-

Kaltblütigkeit" noch haben mag, die preußische Regier­ung scheint ihn verloren zu haben. Die,Nordd. Allg. Ztg.' verräth uns die Absichten derselben noch einer I langen Einleitung, die im Wesentlichen hinauSläust auf ; eine Bekehrung zu der Ansicht derer, die einen Unter» s schied zwischen Anarchisten und Sozialdemo, i traten nicht gelten lassen wollen. Um nun nicht gar | z« sehr mit den früheren Darlegungen in Widerspruch ! 5 zu gerathen, wird dann nochmals auf die Schwierigkeit hingewiesen, die sozialdemokratische Propaganda zurück- zudämmen und daS Uebel fest an der Wurzel zu f off en." Dann aber heißt es, „daß man in Preußen wesentlich gefördert sein würde, wenn das hier in Kraft stehende Bereiusrecht dem in anderen Bundesstaaten gültige« konform gestaltet wird." AIS Muster wird unS zunächst - Sachsen vorgeführt, wo daS Berkins- und Bersamm« ? lungSrecht bekanntlich in chicanösester Weise gegen die r Sozialdemokratie mißbraucht wird, und zwar mit dem ) Erfolge, Erbitterung über erlittenes Unrecht und über : parteiische Handhabung der Gesetze zu erregen und da» l mit die Sozialdemokratie zu fördern. In Preußen sind I die zur Uebirwachung anwesenden Polizeibeamten, von äußerlichen Ursachen abgesehen, erst befugt zur Auf­lösung zu schreiten, wenn „in der Versammlung An- g träge und Vorschläge erörtert werden, welche eine Auf­forderung oder Anregung zu strafbaren Handlungen enthalten." Der ,Rordd/ gefällt mehr die sächsische Bestimmung, wonach die Polizei zur Auflösung befugt ist, „wenn diese sonst einen die öffentliche Ruhe und die gesetzliche Ordnung gefährdenden Charakter au- nimmt." Diese Bestimmung ist so dehnbar, daß sie eine ganz willkürliche Auflösung gestattet; eS braucht eigentlich nur etwas laut in der Versammlung herzu­gehen. Noch „wirksamer" findet das Blatt die Befuguiß der Polizei in der Freien und Hansestadt Hamburg. Wenn dort die Polizei „eS wegen dringender Gefahr für die öffentliche Ordnung oder Sicherheit für nvihtg erachtet, ist dieselbe berechtigt, eine öffentliche Versamm­lung, sowie auch dir Versammlung eir.es VrreirS, welcher die Berathung öffentlicher Angelegenheiten zum Zweck hat, zu untersagen. Damit wir nun nicht etwa denken, man habe eS hier lediglich mit vergleichen­den Polizeistudien der .Nordd. Allg. Ztg/ zu thun, | erfahren wir, es sei die Absicht der preußischen Regierung, daS Versamrnlungsrecht so zu ändern, „daß eine praktisch brauchbarere und mehr die Bedürf­nisse der Gegenwart treffende Gestalt gewonnen wird." Ob dabei Sachsen oder Hornburg der Regierung als Ideal vorschwebt und ob etwa noch weitere als die hier angebeuteten Aenderungen geplant sind, erfahren wir vorlävfig nicht. Wenn daS o'fiziöse Blatt meint, eine solche Gesetzesvorlage werde im Landtage auf bereitwilliges Entgegenkommen rechnen dürfen, so möchten wir das bezüglich deS Centrums doch be­zweifeln.

* Eine Konferenz von Sanitiittbeamten der deutschen Staaten hat am Sonntag unter Vorsitz des Direktors des RkichSgesundheitsamtS, Dr. Köhler, ge*

vollen Augen — und sie verschwand auf der Trippen- birgung deS AufgaugS zum ersten Stock.

Einsam rollte zu vorgeschrittener Nachtzeit ein Wage« den Waldweg hinan, den wir früher schilderten. Still und finster war die Nacht, unheimlich und fast grauen­erregend der Wald, alles still, alles tobt. Nur die langgezogenen Rufe der Eule klangen schaurig durch den Forst. Aehnlich wie dieses Nachtbild war die Herzensstimmung des einzigen Insassen des Wagens.

3.

Drei Jahre sind seit jenem Abende verflossen, der Theo Waldner so schmerzlich berührte. Lange hatte der junge Mann kämpfen müssen, bis er sich daran gewöhnt hatte, mit Ruhe und Resignation an die schöne Wienerin zu denken.

Unendlich wehe that eS ihm, als er eines TageS eine prachtvoll auSgestattete Karte auS Wien erhielt, auf der ihm Doris ihre Verlobung mit dem Univer- sitätsprofrffor v. Alden anzeigte. Es flimmerte dem Studenten vor den Augen, als er diese Nachricht laS. Unten in einer Ecke der Karte standen «och die Worte: „DeS Lebens Schicksale sind nicht immer unser« Wünschen entsprechend. Wohl dem, der sich möglichst leicht in die Wandelungen deS Geschickes zu finden vermag. D. K."

Klang das nicht wie schmerzliche Ergebung in ein nicht gewolltes LebenSverhältniß? Tbeo war sehr er­griffen hiervon. Sein eigenes Herzweh war ihm er-