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Sonntag, den 5. August 1894.
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
______ 21. Jahrgang
MaerMZkitllna t / o
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HT Hierzu eine Beilage.
* Zur WiederbrvölKermg des Landes wird in einer Broschüre des Hauptmanns a. D. Schweder : ein Vorschlag gemacht, von dem wir sagen möchten, daß ec wohl der Erwägung werth sei. Der Mklitaris- mus, der dem platten Lande so viele tüchtige Arbeits» ki äste entzieht, soll benutzt werden zur Förderung der Ansiedelungen. Den Unteroffizieren, die gesinnt sind, nach 12jähriger tadelloser Dienstzeit sich anzu- siedeln, soll statt der Prämien ein Stück Land mit den vöthigsten Gebäuden, Gerüchen u. s. w. zur Verfügung gestellt nterden, auf dem der Staat eine zinkbillige Hypothek hätte.
Gegenwärtig sind bekanntlich die abgehenden Unteroffiziere mit ihrem CivilversorgungS-Scheine eine wahre ; Kalamität geworden. In allen staatlichen und kom- j munalen Verwaltungen besetzen sie die besten Subaltern- s stellen; der Kreis der den Milrtäranwärtern vorbehal- . tenen Posten hat sich immer mehr ausgedehnt. Mr ? die Behörden bildet der starke Zudrang einen Gegen- - stand steigender Verlegenheit, für die Civilanwärter eine - Konkurrenz, die ihre Existenz aus'S Aeußerste gefährdet, z Tüchtige Leute, die sich in ihre Stellung eingearbeitet = haben, deren Vorbildung vielleicht viel Geld gekostet i hat, dürfen nicht auf einen Posten befördert werden, - den sie sehr gut avSfüllen würden, der aber einem Militäranwärter Vorbehalten ist. Meldet sich kein Militäranwärter, so könne» sie allerdings damit bedacht werden, aber auch noch nicht einmal endgiltig, denn wenn sich nachträglich ein geeigneter Unteroffizier c. D. meldet, müssen sie die Stelle räumen. So ist unter ganzen Beamtenklasien ein wahrer Nothstand herbeigeführt worden, von dem die zahlreichen Petitionen, die alljährlich an den Landtag kommen, ein schreiendes Bild entwerfen. Auch das Publikum leidet unter diesen Zuständen, denn wenn in ein Londstädtchen und Dorf als ■ Polizeiorgane rc. Leute geschickt werden, die mit Sitte ; und Sprache der Gegend nicht vertraut sind, während brauchbare Einheimische ihnen den Platz räumen müssen, so kann kein gedeihliches Berhältniß zwischen den Beamten und der Bevölkerung hergestellt werden. Erhielten die ausgedienten Unterosfiziere ein Stück Land, so würde ihre bedrohliche Konkurrenz in dm staatlichen und kommunalen A-mtern erheblich vermindert werden.
D-e ,Kreuzztg.' wirft dar Bedenken auf, daß die \ Unterosfiziere mit den Frauen, die sie j>tzt meist auS der Stadt wählen, auf dem Lande nicht würden zurechtkommen können, meint dann aber, wenn der Unteroffizier w.sfe, daß er später ein Gütchen erhalte, so werde er schon sehen, daß et ein Mädchen vom Lande heirathe. Wichtiger scheint uns die Frage: Haben die Unterosfiziere überhaupt Lust, sich auf dem Lande anzusiedeln? Gegenwärtig läßt sich dar kaum behavpten. Sie stammen meist vom Lande, haben aber als Soldaten dem i
Stadtleben und seinen Genüssen Geschmack abgewonnen und kapituliren eben deshalb, um in der Stadt bleiben zu können. An ihren späteren CivilversorgungS-Schein denken sie bei der Kapitulation wohl weniger, denn gar so verlockend sind manche „Ruheposten", mit denen sich bei der Menge des Angebotes viele begnügen müsieu, doch auch nicht; oder wenn sie daran denken, so denken sie wohl nur an die fetten und bequemen Posten in einer Stadt. Die Aussicht, fpäter auf's Laad zu kommen und wieder „Bauer" zu werden, würde manche eher abfchrecken als anlocken; auf das Anlocken muß ober die Militärverwaltung vor Allem bedacht fein, denn er mangelt stets an Unteroffizieren. Vielleicht aber bildete fich, wenn der Vorschlag Schweder'S verwirklicht würde, der Unterosfizierstand allmählich aus einer ganz anderen Kategorie von Soldaten als jetzt. Vielleicht drängen sich dann zur Kapitulation nicht Leute, die dar Stadtleben fortgenießen möchten, sondern solche, die fich nach einer eigenen Scholle sehnen, aber auf andere Weise niemals hoffen dürsen, dazu zu kommen. Der Stand der Unterosfiziere würde auf diese Weise entschieden gehoben werden. Zu bezweifeln ist nur, ob einer, der 12 Jahre Rekruten gedrillt hat, nachher noch zum Landwirth zu gebrauchen sein wird. Ein voller Ersatz für die durch den Militarismus dem Lande entzogenen Kräste würden die angefiedelten Unteroffiziere nicht werden können, weder ihrer Zahl noch ihren moralischen Eigenschaften nach. Die Frage, woher daS Stück Land kommen soll, würde wohl nicht so schwierig zu lösen sein Schon j-tzt erhält der Unteroffizier nach 12 Jahren eine Prämie von 1000 Mark. Soll der Staat eine Hypothek auf dem ihm zugewiesenen Stück Land behalten, so würden die Kosten für die Allgemeinheit wohl nicht wesentlich höher sein als jetzt.
UebrigenS erinnert der ganze Vorschlag an die Zeit des beginnenden Verfalls des römifchen Reiches. Auch damals griff der Militarismus zu Landanweisungen für die Soldaten. Nur verfuhr man damals etwas fum- marifcher; man thrtriefc einfach die bisherigen Besitzer und gab das Land den Soldaten. Heutzutage verfährt man gesetzlicher. Aber hilft nicht auch jetzt der Militarismus schon ohne Landprämien für Unterosfiziere die Landwirthe ruiniren durch Entziehung der norhwendigen Arbeitskräfte und durch immer wachsende Steuern?
Deutsches Reich.
Berlin, 3 August
* Der Kaiser ist heute früh zum Besuch der Kaiserin auf Schloß Wilhelms höhe eingrtroffen und wird daselbst bis Sonnabend verweilen. Bei seiner Ankunft wurde der Kaiser von der Kaiserin und den kaiserlichen Kindern herzlich empfangen. Der Oberhofmarschall des Kaisers, Graf Eulenburg, ist heute nach Wilhelmihöhe abgereist um den Kaiser nach England zu begleiten.
* Der Kaiser Hot angeordnet, daß zu Ehren des
Andenkens des verstorbenen Generals der Infanterie z. D., Grafen v. Bose, des langjährigen, in Krieg und Frieden hoch bewährten kommandirenden Generals des 11. Armeekorps, an deffrn Spitze derselbe bei Weissen- bürg für da» Vaterland geblutet hat: sämmtliche Offiziere diefrs Armeekorps, sowie diejenigen deS 1. thüring. Infanterie-Regiments Nr. 31, desfen Chef der Verewigte gewesen, 3 Tage rang Trauer anzulegen haben. wc-a».» T-" • l im» ■ <ii»~ «.
* Der Krieg zwischen China «ud Japan wegen ' der Korea-Frage bietet für das große Publikum in | Deutschland kein besonderes Interesse. „Am liebsten ’ hör ich an Sonn- und Feiertagen, wie hinten weit in , der Türkei, Die Völker aufeinanderschlagen", sagt unser Dichter Goethe als Vertreter friedliebender bürgerlicher ' Anschauungen. Korea aber und China sowie Japan liegen uns noch viel ferner als das, was wir gewöhnlich als „die Türkei" zu bezeichnen pflegen, und doch wendet
1 sich auch diesem Kampfe zwischen China und Japan f daS politische Interesse in Deutschland zu. Deutsche i und europäische Interessen von besonderer Bedeutung ' kommen in diesem Kriege zwischen den bezopften Chinesen ; und den schlitzäugigen Japanesen direkt nicht in Be- * tracht, und mancher Deutsche und Europäer wird ! denken, eS sei ihm die Korea-Frage ganz gleichgiltig, । und ebenso sehe er mit Gleichmuih der Entscheidung । entgegen, ob China oder Japan in diesem Kriege Sieger bleiben werde. China und Japan gehen uns freilich wenig an; aber nachgerade sind wir bei den fort-
1 währenden Bestrebungen, auch der europäischen Staaten, ■ „die Welt zu vertheilen," daran gewöhnt, diesen Be- ■ strebungen mit einem gewissen Mißkauen zu folgen, f je nachdem die europäischen Staaten zu denselben - Stellung nehmen. Bis jetzt ist aber noch kein Moment j hervorgetreten, welches darauf schließen lassen könnte, daß die europäischen Staaten, nachdem zwischen den
1 streitenden Theilen bisher ergebnißlose BermittelungS- i versuche gemacht worden sind, in der Korea-Frage i selbst in Uneinigkeit ur-b Hader gerathen könnten.
* Die Behauptung daß die Fertigstellung deS . Reichstag-baueß eigentlich für einen späteren Termin in Aussicht genommen und dementgegen auf Anregung 1 des Kaisers unter Aufwendung außerordentlicher Mittel \ jetzt gefördert werden müsse, trifft nach den ,Berl. ■ Pol. Nuchr/ nicht zu. Bereits vor längerer Zeit ist ! mit Rücksicht auf die Dauer der Bauzeit und die । schwerwiegenden preußischen Interessen, welche an die ! Rückgabe des jetzigen ReichStagSgebäudeS sich knüpfen, i1 * * 4 * * * * * die Festsetzung eines bestimmten Termins für den Ab- ; schluß der Baues und damit der Thätigkeit des bau- ! leitenden Architekten für nothwendig Machtet worden, i und eS ist in Folge dessen auf Grund von Verhand- ! fangen zwischen diesem und dem damaligen Referenten • im Reichsamte!deS Innern als Zeitpunkt des Abschlußes deS Bauer der 1. Oktober 1894 vereinbart worden.
t Die Bauthätrgkeit ist daher auch schon seit geraumer , Frist auf die Erreichung dieses Zieler gerichtet gewesen.
Im Wandel der Geschickes. |
Novelle von Erich Krafft.
(1. Fortsetzung.)
Die Dame wac erschrocken zusammeng!fahren ob \ dieser unvrrmuiheten Antwort aus ihre Frage. Hastig ; zog sie dm Handschuh, den sie der Bequemlichkeit halber ? von ihrer Hand gestreift hatte, wieder an, Doch hatte ’■ sie sich bald gesammelt.
„Guten Morgm", erwiderte sie höflich und freund- , lich Len Gruß. „Sie haben mich ein wenig erschreckt. > Doch sollen Sie gleich Generalpardon haben für dieses ® Vergehen, weil Sir die Freundlichkeit hatten, mir eine i Frage zu beantworten, die gar nicht an Sie gerichtet : war. — Also eine schöne Müllerin gibt es auch da j drüben? Run, da wäre ja außer der örtlichen Lage s auch die eine Hälfte der handelnden Personen aus dem ■ Eichenden ff'rchen Volksliede vorhanden, und gewiß ist ’ auch die andere Hälfte nicht schwer aufzufinden, was? ? Hoffentlich hat es aber diese letztere Hälfte nicht nöihig, i sich wegen des Verschwindens der Müllerin in melan- , cholischeu Träumereien zu ergehen?"
So scherzte sie ganz ungenirt mit dem jungen Forst- * maRtte, ihre letzten Worte begleitete ein schelmischer Blick auf ihn.
„Garz gewiß nicht," schallte eS ihr im selben scherz- haften Tone entgegen. „UedrigerS ist mein Schwesterchen, die schöne Müllerin, wie Sre sie zu nennen belieben, erst 16 Jahre alt und kann also mit dcr Heldin in dem angeführten Liede noch nicht verglichen werden." '
„Hm, hm," meinte ste. „Alsa erst 16 Jahre, und Sie ihr Bruder? Ich hatte Ihnen eine andere Rolle in der Sache zugethM. — Sie scheinen aber in die Fußstopfen Ihres Vaters nicht treten zu wollen?" lenkte fie sodann von dem angebahnten Gesprächsstoff ab. „Ihr grünes Kleid deutet vielmehr auf daS Forst- fach hin."
„Sie haben Recht, ich bin Student der Forstwiffen« schäft und heiße Theo Waldner," stellte sich der junge Mann mit ?;ner leiHte? Vorbeugung vor.
„Doris Kirschhvst," kn-xie sie in ihrem Wagensitze. „Das trifft sich ja herrlich. Ich habe por, daS^ Forst« Haus zu besuchen, und von da aus einige Stunden unter dem Schutze meines Dieners in diesem herrliqeu Walde herumzuschweifeu. O, ich liebe Waldreize unendlich, und da Sie hier zu Hause find und außerdem daS Forstfach studiren, so können Sie mir zum B-sten meines Vorhabens gewiß einige Anhaltspunkte geben. Bitte, wo sind hier die hübschesten Plätzchen im Walde?"
Sie ließ fragend und unbefangen eine Weile ihr hübscher Auge auf dem Jüngling ruhen. Diesem wurde es sonderbar zu Muthe, ihr Blick drang ihm tief in die Seele.
„Wenn Sie eS nicht unbescheiden und aufdringlich finden," begann ec fast zaghaft, „so werde ich Ihnen einige recht anziehende Forftpartieen persönlich zeigen. Auf bloße Andeutungen hin würden Sie dieselben schwerlich finden, und mich verschlägt ein Besuch derselben ganz und gar nicht, da ich in meinen Ferien allmorgendlich zur Belehrung nnd Unterhaltung Spazier-
‘ gänge durch unseren Wald mache und eben auf einem
• solchen begriffen bin."
„Wie l-ebenkwürdig Sie sind! Mit größtem Ber«
4 gnügen nehme ich Ihr Anerbieten an. Haben Sie die Güte und steigen Sie ein!"
Theo Waldner nahm der Dame gegenüber Platz, - der sonst so geist- und wortreiche Gesellschafter fühlte sich ob ihrer bestechenden Schönheit und ihres lebhaften, kindlich freien WesmS fast befangen.
| Doris half ihm gewandt und schnell hierüber weg. ; Sie knüpfte im Anschlüsse an seinen Beruf eine , Haltung über Bapm- und ^MMkunbe au, die den , jungen Mann in Staunen verfitzte. Sie verfügte über ‘ ein überaus reiches botanisches Wissen.
Dabei schaute auS jedem Satze ihr treffliches Herz, ihr Seelenadel heraus wie blitzendes Sonnengefunkel aus dichtem Baumlaub.
Theo schaute fast ehrerbietig zu ihr auf. Er konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß so tiefgründige- botanisches W-ssen bei jungen Damen eine Seltenheit sei. i „Sie schmeicheln," schalt sie und drohte lächelnd
। mit cem Finger. „Sollte ich indessen in der Pflanzen« [ künde etwas wissen, so habe ich dies allein und einzig meinem Vater und Lehrmeister zu danken, der aller-
\ dingS eine Autorität in der Naturwissenschaft ist."
„Sir sprechen doch nicht von dem berühmten Pro- > feffor Kirschhvff in Wien?"
„Gewiß, von demselben. Ich rühme wich, seine Tochter zu sein," warf sie lächelnd hin.
„Mein Gort, so ist ja Ihr Vater mein Lehrer.