21. Jahrgang
Samstag, den 4. August 1894.
M 176
Fuldaers Zeitung
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Nachträge zum Bericht über die Bischofs- feierlichkeite« vom 25. Juli 1894.
IV. (Schluß.)
La untere neuliche Wiedergabe der Tischrede Sriner Excellenz des Herrn Oberpräsidenten Magdeburg (Nr. 174 der ,Fuld. Ztg?) einzelne versehentliche Un* $ Vollkommenheiten zeigt, so dringen w-r uachsicheud den Wortlaut nochmals zum Abdruck:
Hochverehrte Festversammlung
Als vor ungefähr 6 Jahren zu Ehren deS neugeweihten Bischofs Dr. Weyland die Festversammlung zum frohen Mahle sich vereinigte, da mischte in daS Hochgefühl der Freude damals sich wohl auch der Schmerz über die Trennung und daS Scheiden eines vielgeliebten, zu höheren Würden berufenen Bor« gängers, aber nicht wie heute die Wehmuth der Trauer um einen heimgegangen Oberhirten. Groß und allgemein war und ist die Trauer um den Verlust deS treuen, friedfertigen Mannes, der nach Gottes Rathschluß aus einer reich gesegneten Thätigkeit und Wirksamkeit so plötzlich und unerwartet abgerusen wurde. Ich glaube mich der Zustimmung Ihrer Aller versichert halten zu dürfen, wenn ich heute der Trauerempfindung über diesen Verlust auch an dieser Stelle Ausdruck gebe.
Doch, meine Herren! der heutige Tag ist nicht bestimmt zu einem Rückblick auf die Vergangenheit; er ist bestimmt nach Gottes Willen zu einem Tag des Dankes und der Freude darüber, daß die Diözese Fulda in dem Hochw. Herrn Dr. Komp einen Bischof empfangen hat, der in gleicher Weise das Vertrauen Seiner Majestät des Kaisers und Königs, wie auch Sr. Heiligkeit des Papstes werthhalten wird, der in einer langjährigen hervorragenden Wirksamkeit mit der Diözese, mit allen ihren Gliedern und Theilen aufs Engste verbunden, ganz in sie hineingewachsen ist (Bravo), und der endlich durch seine Persönlichkeit die volle Gewähr dafür bietet, daß seine Berusungzu dem Oberhirtenamte mit Gottes Hilfe der Diözese zum Segen und zum Heile allezeit gereichen wird. (Bravo).
Darum, meine Herren, bitte ich Sie, mit dem Wunsche und in der Zuversicht, daß das einträchtige Zusammenwirken von Staat und Kirche auch in dem neuen Herrn Bischof einen ver- ständnißvollen Förderer finden möge, den Gefühlen und Empfindungen unseres Dankes und unserer Freude sowie den herzlichsten Segenswünschen für eine langjährige Wirksamkeit und Thätigkeit Ausdruck zu geben mit dem Rufe: Se. Hochwürden, der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Komp, er lebe hoch I hoch! hoch I
* Das Gentium und der Kaufmanns stand.
Auf dein in Münster stattgehabten Berbandstage selbstständiger Kaufleute Rheinlands und Westfalens hat Abg. Professor Hitze eine Reihe von Reformfragen besprochen, welche für dm Kaufmannsstand von größter Bedeutung sind. P>ofesior Hche err«ahnte ElvgangS feiner Rede die Kaufleute, sich zu orgamsireo, denn auch der kaufmännische Mittelstand habe heute einen schweren Kampf auSzufechte« und im Wege der organisirten Selbsthilfe sei viel zu erreichen, ja sie ist manchmal der einzige Weg. Zur Bekämpfung der Mißbräuche der Konsumvereine, der betrügerischen Reklame, sowie des unlautern Wettbewerber überhaupt könne durch Aufklärung in der Presse und in Versammlungen, durch Eingaben bei den Behörden, an die Parlamente rc. viel geschehen. Aber auch auf dem Gebiete der Gesetzgebung könne und solle der Verein durch Beschaffung von Materml, durch praktische und gesetzgeberische Vorschläge und Gutachten anregend und fördernd wirken. Dazu sei um so mehr Anlaß, als
ja? bereits fast alle Fragen, welche Beschwerden der Kaufleute betreffen, schon gesetzgeberisch in Angriff genommen seien. So habe die Regelung der Hansi» Handels und des Detailreisens den Reichstag schon seit Jahren beschäftigt. Die PetitionSkommission deS Reichstages habe wiederholt beschlossen, die Hunderte von Petitionen der Regierung zur Berücksichtigung zu Überwelsen, aber leider seien die Petitionen nie im Plenum zur Verhandlung gekommen. Daraus habe vor zwei Jahren die CevtrumSfraktion selbst die Initiative ergriffen vnd einen diesbezüglichen Gesetzentwurf eingebracht, welcher die Zustimmung der betreffenden ReichStagSkommifsion fand. Leider fand daS Centrum nur geringe Unterstützung, so daß die Majorität in der Kommission gering gewesen sei; so sei eS nicht zu wundern, wenn er bis heute bei diesem KommisfionSbeschluß geblieben sei. Jedenfalls werde die CentrumSfraktion die Frage nicht ruhen lassen und, falls die verbündeten Regierungen nicht selbst in der nächsten Session einen Gesetzentwurf einbrächten, ihren Antrag erneuern. In dem Gesetzentwurf, betreffend den Havsirhandel, sei auch bereits eine Strafbestimmung gegen die schwindelhafte Reklame vorgesehen gewesen und habe dieselbe in der Kommission allseitige Zustimmung gefunden. Inzwischen sei im Anschluß an den Gesetzentwurf, betreffend den Schutz der Waaren- bezeichnungrn, von Herrn Abgeordneten Roeren (Ctr.) die Frage der Bekämpfung der unlauteru Wettbewerbe» überhaupt aufgegriffen nnd eine bezügliche Bestimmung durch Unterstützung der Konservativen und eines ThetleS der Nationalliberale« in den Entwurf ausgenommen worden. In Folge deS Widerstandes der verbündeten Regierungen sei die Bestimmung noch in dritter Lesung gefallen, aber e» sei von den Vertretern der verbündeten Regierungen die Zusicherung gegeben, daß sie selbst eine entsprechende Vorlage -in- bringe« würden. In der letzten Session habe die CentrumSfraktion eine weitere, ebenso wichtige Frage deS KaufmannSstandeS mit Erfolg in die Hand genommen: die Reform der SonkurSordnung. Auch hier fei ein umfassender Gesetzentwurf eingebracht, der auch bei anderen Parteien vielfache Zustimmung gefunden habe und bereit» in der Kommission durch- berathev und angenommen sei. Anfang» opponirte die Regierung; neuesten» aber habe der preußische Handel»- Minister eine Umfrage über Fragen der KonkurSord- nuug, welche in dem Anträge der CentrumSfraktion berührt seien, in» Werk gesetzt. Die Konkurs« macherei sei heute zu einem Geschäft geworden; die leichtsinnige, frivole KonkurSmacherei bedeute aber nicht bloS für die Fabrikanten, Handwerker und sonstigen Gläubiger eine« jährlichen Verlust von vielen Millionen, sondern treffe in erster Linie den ehrlichen kon« kurrirenden KaufmannSstand. Der leichtsinnige KonkurSmacher verkaufe zu Preisen, bei welchen der ehrliche Kausmann nicht bestehen könne; beide werden bei solcher Konkurrenz bankerott, nur mit dem Unterschiede, daß ersterer dabei reich werde, letzterer hingegen zu Grunde gehe. Endlich berührte Redner die
G esävgnißarbeit. Schon im Jahre 1883 hab er (Redner) in der PetitionSkommisston de» preußischen Abgeordnetenhauses den Standpunkt vertreten, daß 1. in Gefängnissen die Handwerker in ihrem Handwerk weiter beschäftigt, aber nicht neue Handwerker ausgebildet werden dürften, 2. nur in eigener Regie und zwar für StaatSbedürfnisse (Eisenbahn-, Poft- und Militärverwaltung rc.) gearbeitet werde. Dieser Standpunkt sei auch stets von der CentrumSfraktion ver- treten worden. Das Justizministerium sowohl als auch da» Ministerium deS Innern hatten sich auch idiesem Standpunkt '.genähert, fanden aber nicht immer daS uöthige Entgegenkommen seitens der anderen Verwaltungen. Namentlich auf die KciegSministerien sei eine Einwirkung nöthiger, als auf die Gefäugnißverwalt- ungen. — Redner erntete für seinen Vortrag reichen Beifall.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. August.
* Der Kaiser gedachte sich heute Abend von Wilhelmshaven zu seiner Familie nach WilhelmShöhe zu begeben. Heute Vormittag empfing der Kaiser u. A. den Staatssekretär deS ReichSmarineamt» zum Bortrage.
• Zur Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichleiten für den verstorbenen Erzherzog Wilhelm hat stch Prinz Friedrich von Hohenzollern, kommandirender General des 3. Armeekorps nach Wien begeben.
• Nach Beendigung der Eholerakonferenz in Berlin, begibt sich, wie a«S Danzig gemeldet wird, Oberpräsident Dr. v. Soßler nach Wilhelmshaven, um dem Kaifee Vortrag über den Stand der Cholera in Westpreußen und im Weichselgebiet zu halten. Von diesem Vortrag dürste, wir man annimmt, die Entscheidung des Kaiser» über einen etwaigen Ausfall der großen Herbstmanöver abhängen.
• Heftet die Reform de« MilttärstrafverfahrenS bringt der ,Hamb. Korr.' einen Artikel, wonach die preußische Militärverwaltung bei der Reform die leitenden Grundsätze unseres deutschen Strafprozesses, in»- besondere die der Mündlichkeit, der Oeffentlichkeit, der vollen Bertheidigung nnd geordneter Rechtsmittel z» Grunde gelegt hat. Auf dieser Grundlage baue stch innerhalb der durch die LeftenSintereffen deS Heere» bedingten Schranken sicher der vom KriegSminister in der letzten ReichStagssession angekündigte Plan auf. Gegenüber dem bayrischen Verfahren wird betont, daß abgesehen von der durch die Interessen der Disziplin bedingten größeren Beschränkung der Oeffentlichkeit, die gänzliche Loslösung der Militärgerichtsbarkeit von dem Truppenkommando vermieden, vielmehr au der Verbindung der GerichtSherrlichkeit mit dem Truppen- kommanbo grundsätzlich festgehalten sein werde.
* Die Einwirkung der Aufhebung des Jdeutitäts- Nachweises, die am 1. Mai m Kraft getreten ist, auf die deutsche Getreideausfuhr wird durch die handelsstatistische« Uebersichten ans dem Mai und Juni dar- gethan. Im Jahre 1893 wurden i« den beiden Monaten
Im Wandel des Geschickes.
Novelle von Erich Krafft.
Nachdruck verboten.
„Nein, diese Exiravaganz ist kaum mehr erträglich!" eiferte daS Kammermädchen des Emfer Gasthof» „Bellevue" leise in sich hirein, als sie frühmorgens an einem Sommer tage einer jungen Dame die HauSthüre erschlossen und sie dann zu einem Wagen geleitet hatte. „Wcckr mich diese Person in oller Herrgottsfrüh» durch heftiges Klingeln auS dem süßen Schlummer und schickt mich nach einer Kutsche vuS. Da fährt fit nun dahin in die Morgennatur hinaus; weiß Gott, was sie vor hat 1 Ich glaube, bei ihr ist etwa» hier oben nicht recht in Ordnung."
B i diesen Worten machte daS erregte Ding eine bezeichnende Bewegung nach der Stirne hin, schickte der Geschmähten noch einen giftigen Blick nach und verschwand in dem Gasthofe.
Die also geschilderte Dame hatte wohl lewe Ahnung von der üblen Nachrede, die ihr grimmig zug-schleudert wurde. Sie schien sehr aufgeräumt und sog mit frohem Brhagcn die würzrge Morgenluft in sich ein, die sie umwebte. Etwas Extravagant fah si- allerdings aus. Schwärmerisch blickte daS große, dunkle Auge unter langen, seidenweichen Wimpern hervor, um die frischen, fringrschnftteren L ppen zuckte ein k.cker Zag, der ein
wenig leichten Sinn vrrrieth, auf dem prächtigen Locken- köpfe wiegte sich ein riesiger Rembrandthut, deffrn kostbare Straußenfeder sich weich und zierlich im Morgenwinde bewegte.
I« Ueftrigen hatte aber da» erboste Kammerkätzchen augenscheinlich zu strenge geurtheilt. Die Dame machte einen bestrickenden Eindruck und konnte eine Schönheit genannt werden.
Mittlerweile war daS Gesährt in den Wald gelangt, der sich dicht an EmS herandrängt.
„Nur recht langsam sahren, Kutscher, recht gr- müthlich!" mahnte die Schöne. „Wir erreichen da» Jagdhaus noch früh genug. Wozu wären wir auch so zeitig von unserer ®abefhbt aufgebrochen, wenn wir diesen herrlichen Sommermorgen nicht ganz und voll genießen wollten?"
Entzückt schweifte ihr Auge über die kühngr- schwungeneu Bergwaldlinien, die rechts und link» sich schier endlos ausdehnten und im grauen Kleide der Morgendämmerung dalagen. Der Forst schlammette noch: da» regelmäßige Flüstern der Blätter in dem Morgenwinde schien der Athemzug deS schlafenden Riesen zu sein.
„Welcher Gegensatz zwischen der engen, staubigen Stadt und dieser freien, frischduftigen, herzerquickenden Waldnatur!"
Sie war im Recht, die junge Dame: der Sommer
hatte seine feurigen, wärmesatten Farben auf den Wald verstreut. Wie edle» Gestein zitterten die kleinen Wasserperlen auf den schneeigen Blüthen der Brom- beerdüschel, smaragdenklar schimmerte das Sauft an Baum und Strauch. Tausend Waldblumen, goldfarben, - gluth- und blaßroth, buntgestreift und schmucklosweiß - harrten im saftigen Grase dem Morgenstrahle ent
gegen oder wiegten sich ans freier Halde im Frühlüftchen. . .
„Ach, die Sonne kommt!" rief jetzt die junge \ Schöne, und' frohbewegt haftete ihr Blick auf den • Vorgängen, die in btefem Augenblicke im Walde sich Z abspielten. ,
Wie flammende Pfeile waren die ersten Frührot h- i: strahlen soeben über die Baumgipfel dahingeschoffen u ud hatten dieselben mit ihrem duftigen Purpur über- \ haucht; jetzt riefelten sie, warnt und goldigschön, in s reicher Fülle in das stillernste, einsame Waldrevier hernieder.
Der Forst war vom Schlummer erstandm und spendete der Sonne zvm Entgelt für ihre Bemühungen seine funkelnden Thauttöpfchen, welche diese als Frühtrunk freudig einschlürfte.
„Hier weht Gottes Odem", murmelte die Dame. „Der liebe Gott geht durch dm Wald." Fromm machte sie das Zeichen de» Krmze».
Ihr Gesicht wurde ernst; die Hände faltetett si