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21. Jahrgang

Mittwoch, den 1. August 1894.

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Ansprache unseres Hochwürdigsten Herrn Bischofs bei der Feier der Konsekration vud Inthroni­sation im Dome zu Fulda.

Geliebte Diözesane«!

So stehe ich denn jetzt vor euch als euer Bischof. Durch die Handauflegung des Hochwürdigsten Herrn Erzbischofs und der übrigen Hochwürdigsten Herren Bischöfe unserer Kircher Provinz ist meiner Seele das Merkmal deS HoherpriesterthumS unauslöschlich ein­gedrückt worden. Ich werde er tragen in alle Ewigkeit. O möchte eS doch zu meiner Verherrlichung sein!

Ich trete heute ein als der 86. in die Rühe der Hierarchen Fulda'S, in die Reihe der Bischöfe, der mit quasi bischöflicher Jurisdiktion auSgestattetev Aebte bis hinauf zu dem seligen HrabanuS MauruS und dem seligen Eigil, und zum heiligen Sturmius, jenen Männern, welche der Kirche Fulda'S bei ihrem Ursprung die Eigen­schaft der Heiligkeit erworben haben.

Meine 4 letzten Vorgänger habe ich persönlich ge­kannt. Ich erinnere mich deS hochseliqen Bischofs Johann Leonard Pfaff, wie er mich als Jüngling mit feinem freundlichen Auge anschaute, mir die Lesung der Geschichte deS ägyptischen Josephs mit den Bemerk­ungen deS Direktors Siebert Empfahl und mich mahnte, die Unschuld mir zu bewahren. ES wird sich niemals in meiner Seele das Bild deS BrschosS Christoph Florentius Kött verwischen, deS Mannes mit goldenem Herzen, der mir von Anbeginn meines Eintrittes in die priesterliche Thätigkeit seine Liebe geschenkt und bis zu seinem Tode mir seine Freundschaft bewahrt hat. Ich brauche den Hochwürdigsten Bischof Georg Kovp, der von dem Heiligen Vater auf den fürstbischöst-chen Stuhl zu BreSlau berufen und mit dem Purpur geziert wurde, nur zu erwähnen, ihr wisset wie emsig er arbeitete und wie gut sich unter ihm arbeiten ließ. Der unerwartete Tod b« S hvchseligen Bischofs Joseph Weyland wird ja noch von unS betrauert. Gehorsam dem Rufe Seiner Heiligkeit kam derselbe zu unS und lebte ft;Q, nur für das Heil feiner Diözesanen sorgend, unter unS, bis er sein Leben durch einen höchst erbau­lichen Tod schloß.

Die Tugenden meiner Vorgänger will ich nach Kräften nachahmen, oder ich will, wie auch sie gethan haben, auf das gemeinsame Vorbild aller Seelenhirten schauen, auf Jesus Christus, der da sprach: „Ich bin der gute Hirt."

Ja Christus ist der gute Hirt. Seine Schäflein sind die Auserwählten, welche Niemand aus seinen Händen entreißen kann. Der Schafstall ist die Kirche, in der sich die Gläubigen sammeln. Seine Weide sind die Lehre, die er verkündet und die Gnaden quellen, die er uns eröffnet hat, insbesondere das Himmelsbrod, mit dem er unsere Seelen nährt zum ewigen Leben. Seine Stimme ist das göttliche Wort, sein Hirtenstab

Auch euch, liebe Brüder, will ich nicht fremd wer­den, den Verkehr mit meinen Mitarbeitern nicht ein­schränken, sondern Allen, die in ihren Angelegenheiten sich an mich wenden und zu mir kommen wollen, will ich bett Zutritt gewähren, er als meine erste Pflicht betrachten, euch zu Diensten zu fein und bei jeder Ge­legenheit mir den richtigen Einblick zu verschaffen, nicht aus natürlicher WiffenSbegierde oder sträflicher Neu­gierde, sondern aus Liebe.

Wie schön sagt doch unser göttlicher Heiland: »ich tarne meine Schäflein, wie der Vater mich er­kennt." DaS Erkennen deS BaterS ist ein Er­kennen der Liebe. Der Herr will saqen, daß er alle mit seiner unendlichen Liebe umfasse. Erheben wir uns im Glauben zur hochheiligen Dreifaltigkeit. Der Vater erkennt von Ewigkeit sich selbst und seine unendliche Wesenheit. DaS Erkennen ist daS Zeuge«. Der Erkennende ist der Vater, der Erkannte der Sohn, das vollkommenste wesensgleiche Ebenbild, der Abglanz des VaterS, das Wort, das bei Gott war und selbst Gott ist. Dieser Liebe, mit der der Vater seinen ewig­geborenen Sohn liebt, gleicht die Liebe deS guten Hirten zu uns. Wie ergreifend, wie vielv-rheißend! Auch mein Erkennen soll mit der Liebe unzertrennlich verbunden sein. Nur um für euch zu sorgen, euch zu helfen und Gutes zu thun, will ich erkennen. Sott, schärfe mein Auge, daß eS recht sehe; laß dein Licht über mir leuchten, damit ich richtig urtheile; es wäre ja traurig ein Bischof zu sein, der seine Diözesanen, seine Mitarbeiter nicht kennen würde und verhüte, daß die Liebe jemals in mir erkalte.

So möge es mir gelingen, alle mir Anvertrauten zu ihrem guten Hirten zu führen, damit sie ihn er­kennen und derselbe von ihnen sagen könne „meine Schäflein kennen mich". Wenn sie ihn nur erst kennen, dann wird seine Schönheit und Liebenswürdigkeit sie avziehen, sie folgen dem voranschreitenden Hirten gern, sie hören auf seine Stimme, sie kaffen vor;, ihm sich leiten, warnen, ermuntern. Es ist ein gar liebliches Bild, das Christus wählte, das Bild vom Hirten und den Schäflein; aber es wird noch übertreff -n durch die Wirklichkeit des Verkehrs des göttlichen Heilandes mit der gottliebenden Seele. Der Heiland spricht mit ihr und erleuchtend und bewegend erfüllt er sie mit dem Reichthum seiner Gnade, und die Seele lauscht so selig seinen Worten und fühlt siH von der Welt ganz ab- und zu ihm hingezogen. Denken wir an Maria, die Schwester der Martha, zu den Füßen deS Heilandes.

Darf ich denn annehmen, geliebte Diözesanen, daß alle die Seelen, die meiner Obhut nun übergeben find, unter jenen Schäflein sich bifinbett, welche den Hirten kennen? Oder finden sich unter denselben auch Solche, die ihn nicht zu kennen scheinen, weil sie sein Wort nicht hören, seinen Gnader quellen sich nicht nähern wollen, weil die Gottesliebe in ihnen schwindet und wohl gar ihr Glaube gelitten hat? Wer immer die Fühlung mit dem lieben Heiland verloren hat, de» bitte und beschwöre ich an dem heutigen Tage, sich aufzumachen, um dem göttlichen Heiland sich wieder

Nachträge zum Bericht über die Bischofs­feierlichkeiten vom 25. Juli 1894.

dar Kreuz. Seht da den einen, einzigen Hirten, von dem der Prophet Ezechiel vorauSsagte: Suacitabo super vos pastorem unum.

Zu seinen Gehilfen hat dieser einzige Hirt Men­schen erwählt, heute auch mich. Ich habe die Seelen des mir anvertrauten Sprengel- zur Heerde Jesu Christi zu sammeln, daS Kreuz ihnen vorhaltend, damit sie die Richtung wiffen, welche sie zu nehmen haben. Ich soll die gesunde Lehre predigen und mit kräftiger, durch GotteS Segen gewaffneter Hand den reißenden Wölfen wehren.

Darum gelobe ich euch heute, liebe Diözesanen, daß ich meine Pflichten getreulich erfüllen, die Eigenschaften deS guten Hirten so viel al» möglich mir erwerben will, namentlich diejenige, welche er selbst als erste hinstellt uad von welcher der Bischof den Namen hat — die Kenniniß der Heerde.

„Ich kenne meine Schäflein." Ja, Christus kennt seine Schäflein, ohne sich zu irren. Er kennt sie von Ewigkeit her und siebt sie in der Zeit. Er kennt sie nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich, durch und durch. Er durchforscht Herz und Nieren, Alles ist klar und aufgedeckt vor seinen Augen: Er hat sie mit bem Kreuz auf der Stirne gekennzeichnet.

Auch ich muß meine Diözesanen kennen, alle, die zu meinem BiSthurn gehören, muß sie kennen, wie sie sind, mit ihren Mängeln und guten Anlagen, mit ihren Fehlern und Tugenden. Wie könnte ich heilsam wir­ken ohne diese Kmntniß! Es ist daher für mich ein Trost, daß ich euch nicht fremd bin, sondern Laub und Leute kenne. Ich ging im Verkehr mit euch und euren Elrern burch'S Sebtn. Wie viele habe ich nicht per­sönlich kennen gelernt in ben verschiedenen Vereinen, bei der Aufnahme eurer Söhne in daS Seminar, eurer Töchter, bie sich zum Eintritt in die Kongregation der barmherziges. Schwestern meldeten. Wie viele haben im Beichtstuhl mir ihr Gewiss n eröffnet! Gewiß, ich kenne bie guten Eigenschaften meinet Diözesanen: die Glaubensinnigkeit, die Frömmigkeit, die Folgsamkeit, die Barmherzigkeit, die sie immer und überall bekunden. Ich weiß auch, worin sie minder vollkommen, aber sich zu vervollkommnen fähig nnd gewillt sind.

Und ob ich wohl euch kenne, ehrwürdige Brüder? War ich ja doch den Aklteren Freund und Mitschüler, den Jüngeren, dem weitaus größeren Theile, Lehrer und Erzieher. Wie freute ich mich, wenn ich bemerkte, daß euer Geist sich entwickelte, die Liebe zur Wissenschaft wuchs und im Herzen die Keime der Gottseligkeit, Opfer­willigkeit und der übrigen priesterlichen Tugenden sich zu erkennen gaben.

Aber obgleich ich mich in der glücklichen Lage be­finde, mit Personen und Verhältnissen nicht unbekannt zu sein, so halte ich mich doch für verpflichtet, über beide immer btffer mich zu unterrichten. Ich will an allen euren Lebensschicksalen Antheil nehmen, auf Alles aufmerksam sein, war euch betrifft. Die Berichte eurer Seelsorger werbe ich mit Sorgfalt verfolgen und mit eigenen Augen sehen, wenn ich eure Pfarreien besuche: kurz, ich will die Zustände prüfen, um zu wissen, war yoth thue nm rechtzeitig warnend und rettend ein zugreifen.

Fuchs anstellten, gewiß den Waffenplatz im Glacis ab- zuschlikßen vergessen, wir fanden daS Thor offen."

„Auch das noch! Hatte sich denn heute alles gegen mich verschworen?!" —

„Und Unterosfizier O. ?!" — forschte ich.

„Der sprach, als er sah, daß sein Rekrut ent- wischt war, kein Wort, fünf Minuten später fand ich ihn in Krämpfen liegend auf dem Bett, daneben einen Theil von dem vergifteten Häring!"

„Herr!“ — schrie ich erleichtert auf — „ich denke, er ist tobt?“

„BiS jetzt noch nicht!" meinte trocken die Kom­pagniemutter, als handele eS sich nur um ein Paar auSzurangirende Stiefel. „ .

Im Ra war ich bei dem Patienten, sein Anblick, sowie der deS rathloS dreinglotzmden Lazarethgehülfen waren durchaus nicht ermuthigend, doch dort lag, Gott sei Dank, noch dex HäringSkopf, dieser hatte die größere Dosts Stiychnin erhalten. Das bischen, was O. ge- nosien haben konnte, ließ immer noch Raum zur Hoff­nung übrig. Zwei Telegramme wurden zur Stadt gesandt, eins an den Stabsarzt, eins an den Haupt­mann, nm jedem der Herren dar Nöthigste zu expli- ziren.

Während dessen vrrwerthete ich so gut wie möglich die aus dec Schulzeit herüber geretteten Kenntnisse

Sie de» Herrn Lieutenant nicht gesehen?" vernehme, und da pocht es auch schon an meiner Thüre.

„Herrein — war ist denn wieder 'mal los!?" — Ich war nur z« indignirt über die Störung meiner Mittagsruhe.

„Herr Lieutenant — Rekrut N. ist desertirt!"

„I. da soll doch ...!" — Mit einem Satz war ich aufgesprungen, hatte im Na Mütze, Handschuhe, Säbel ergriffen, doch —

„Und Unteroffizier O. hat sich vergiftet!“ — vollendete der Feldwebel seine Meldung.

„Hat sich . . .?“

„Der Herr Lieutenant wissen,“ begann der Feld­webel, „wir hatten den N. gleich von seinem Eintreffen an int Verdacht, er würde unS eines schönen Tages über die Grenze verduften. D.shalb that ihn auch der Herr Hauptmann in die Korporalschaft deS Unter­offiziers O.; d rt war er aller Meinung nach sicher aufgehoben. Der Herr Lieutenant kennen ja den O., eh' der sich Etwas zu schulden kommen läßt . . ."

„Ja, ja" — unterbrach ich aufgeregt den gemüth- lich Erzählenden — „ober kommen Sie zur Sache, aus dem Fort kann er unmöglich sein, die Wache läßt ihn nicht durch, und über ben Graben fliegt er nicht!"

„DaS sagten wir unS auch — ober Cer Herr Lieutenant haben, als Sie sich gestern Abend auf den

Strychnin.

Humoreske aus dem Soldatenleben von Otto DorflaS.

Tiefer Sonntagsfriede lag über Fort Manteuffel. Auf den Korridoren, in den Mannschastsfinben herrschte lautlose Stille, denn da? Rascheln einiger fetten Ratten auf ersteren und daS Schnarchen der Rekruten in letzteren kann man wohl als nebensächlich stillschweigend übergehen. Wer Zeit und Geld und Lust dazu besaß, war ja heute an di« dienstfreien Nachmittag hinunter »ach Metz gepilgert, um seinen speziellen Vergnügungen nachzugehen, und was oben auf dem Fort zurückblieb, bestand aus dem diensthabenden Offizier — meiner geschätzten Persönlichkeit —, den Wachmannschaften und den Rekruten, denen die vierte Garnitur noch nicht verpaßt war und die demgemäß auch nicht ä la Mädchen- Pen si an at spazieren geführt werden konnten. Alle diefe ehrenwerthen Gliederdermenschlichen Gesellschaft leisteten ftfi — den Wachtposten ausgenommen — gerade ein Mittagsschläfchen, und es nickte sich wirklich herrlich an jenem Dezembernachmittag — 'S war doch zu wunderbar still heute in dem sonst so lauten Kaserne- ment.

Da plötzlich ein Poltern auf der Treppe, ein hastiges Offnen und Zuschlägen mehrerer THÜren, lauter Stimmengewirr, in dem ich deutlich die Frage: „Haben