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JV 170 Samstag, den 28. Juli 1894. 21. Jahrgang

FildllerWZkitttg

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* Versöhnung

scheint dar Wort zu sein, dar angesichts der immer drohender werdenden Feinde im inneren Leben der Völker sich fortgesetzt erhöhte Geltung verschifft. Ab­gesehen von der im Anfang dieses Jahres erfolgte« sogenannten Aussöhnung zwischen dem deutschen Kaiser und Bismarck, wird in der ltzten Zeit in Frank­reich vcrhältmßmäßig viel von Versöhnung geredet. Kurze Zeit, nachdem die Beileiddepesche Kaiser Wil­helm- bewundert worden und der kaiserliche Gnaden- Akt als eine große Liebenswürdigkeit mit dem ge­bührenden Dank entgegengenommen war, wurde in der Kammer offiziell darauf hingewiesen, daß die deutsche Regierung in den kolonialen Be> Handlungen eine bei anderen, befreundeten Nationen oft schmerzlich ver­mißte Loyalität an den Tag gelegt habe, und einige Tage darauf wurde im Senat da- Programm arsge- geben, daß man in afrikanischen Fragen mit Deutsch­land zusammengehen könne und solle. Es wäre Unrecht, diesen Erscheinungen eine gewisse symptomatische Bedeutung absprechen zu wollen. In diesen Tagen klingt nun wieder eine Seite der Versöhnung an, dies­mal freilich in etwas anderer Weise. Der italienische Deputirte Bonghi, der Vorsitzende der französisch­italienischen BersöhnuvgauSschuffeS, ist nach Paris gereist, um mit dieser etwas fragwürdigen Legitimation eine Annäherung der lateinischen Schwesternationen zu betreiben, und der Präsident der Republik hat ihn empfangen, eS ist ein Bankett ihm zu Ehren veran­staltet worden, und eS ist viel vom Frieden und anderen schönen Singen die Rede gewesen. Die Unter­redung, welche baS Staatsoberhaupt der Republik Bonghi gewährt hat, soll eine halbe Stunde gedauert haben. Wie dar .Journal' berichtet, hat sich Bonghi in vertrautem Kreise also ausgelassen!

Ich habe dem Präsidenten der Republik mit der Kraft, welche eine tiefe Ueberzeugnng verleiht, erklärt, ein Mißver- ständniß zwischen den beiden Regierungen müsse gehoben werden. Zwischen den Völkern bestehen Stammverwandtschasten, gemein­same Ziele, endlich auch gemeinsame Jntereffen, die sie einander entgegentreiben, und die beweisen, daß eS zwischen ihnen wenigstens weder Haß noch Unverträglichkeit gibt. Der Präsi­dent antwortete mir, er theile meine Anschauungsweise und würde sich sehr glücklich schätzen, wenn eine Annäherung zwischen zwei Völkern zu Stande käme, die schon auS Jnteresie befreundet sein sollten. Er fügte hinzu, man stehe einer politischen Lage gegenüber, welche die Frucht internationaler Verträge ist. Der friedliche Zustand Europas laffe aber die Bermuthung zu, daß man trotz des Fortbestandes des Drei­bundes, dank deS glühenden Verlangens nach Frieden, welches die verschiedenen europäischen Staaten beseelt, einer friedlicheren und gedeihlicheren Zukunft entgegengehe, so daß die Er- neuerung deS Vertrages zwischen den drei Mächten nicht stattfände.

Es ist doch sehr fraglich, ob Präsident Casimir Perier so bestimmt die Nichterneuerung deS Dreibundes diesem völlig unbeglaubigten Friedens­apostel gegenüber als erstrebenswcrtheS Ziel hingestellt hat. Casimir Perier würde sich als ein sehr kindlicher Diplomat erwiesen haben, hätte er dar gesagt, waS Bonghi behauptet. Sollte der Dreibund sich arflösen, daun müßte« vor Allem erst Frankreich und Rußland feierlich und förmlich die Waffen niedergelegt und jede

Das Amtsgeheimuiß.

Humoreske auS den „H u n d S t a g e n."

Herr Christian HarmS war ein Bureaubeamter comme il kaut. Wenn er sich deS Morgens um Acht ?Shnend aus den Federn erhob, dachte er, daß er zur eiben Zeit eigentlich im Bureau sein sollte. Das machte ihm aber keine Kopfschmerzen, denn fein Herr Kollege, der Diätar Neumann, welcher im selben Zimmer mit Herrn Christian HarmS „arbeitete", war gewiß auch noch nicht weiter als er selbst. So gelangte er denn regelmäßig gegen * * 3/49 Uhr im Registrator- Zimmer an, fast immer gleichmäßig mit Herrn Diätar Neumann.

Auch heute hatte der Registrator Christian HarmS von seiner Regel keine Ausnahme gemacht, waS um so entschuldbarer war, als ein glühend heißer Julitag die Menschheit bedrückte. Ein Blick wurde sorgend in das Zimmer des Herrn BureauvorsteherS geworfen — derselbe war seinen Grundsätzen gemäß noch nicht vor­handen, sondern erschien erst nach Neun — bann wurde schnell die Zeitung durchflogen, mit Herrn Neu­mann über die gräßliche Atze geklagt, die im Schatten bereits atf 26 Grad Celsius gestiegen Var (in der Sonne sollte eS noch heißer sein), ein Biß in die FrühstückSsemmel gethan und, als die Hausglocke er»

Verbindung miteinander abgebrochen haben, dann erst würde der Dreibund überflüssig sein. So lange das aber nicht geschieht, sind alle Redereien über Aussöhnung und dergl. übei flüssig. UebrigenS wird der AussöhnungS- d'plomat Bonghi von der französischen Preffe mit der größten Zurückhaltung ausgenommen. Der,Jour' schreibt:

„DaS Vorgehen Bonghi's gereicht seinem Urheber zur Ehre, aber eS entspricht leider der Wirklichkeit nur in geringem Maße. Die Schritte, welche Bonghi behufS An­näherung der beiden Nationen thut, verdienen Anerkennung, haben aber wenig Aussicht auf Erfolg. Bonghi ist kein amtlicher Sendbote deS QuirinalS; er ist nur ein Reisender, der Frankreich liebt und keine Gelegenheit versäumt, eS zu sagen. Wir dürfen in ihm nicht- Anderes sehen."

„Mit diesem Kübel kalten Äaffers begossen", meint die ,<Str. Post', sieht der gute Bonghi schon weniger begeistert und begeisternd aus." Es wäre immerhin vielleicht gut, wenn Herr Crispi Anlaß nehmen wollte, den Privatdiplomaten ausdrücklich zu deSavouiren. Im Uebrigen kann man es irn Inter, sie der Ruhe Europa'- nur freudig begrüßen, toenn in Frankreich auch Italien gegenüber eine ruhigere und mildere Auffassung und Brurtheiluug Platz greift. Glaubte man doch eine Zeit lang gerade an der Alpengrenze schon den ersten Funken deS Weltbrandes glimmen zu sehe«. Frankreich ist jetzt im Innern zur Genüge beschäftigt und fühlt wohl auch, daß eS hier eine große Aufgabe zu bewältigen hat. Es wäre gerade nicht wunderbar, wenn bei den furcht­baren Gefahren, dieFrankreich und anderen Staaten im Innern drohen, nach Außen hin eine mildere Sinnesart und versöhnlichere Stimmung Platz griffe, welche den Kampf gegen die Wühler und Umstürzler erleichterte und förderte.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Juli.

* Den im Kaiser!. Statistischen Amt zusammen- gestellte« Nachricht« über de« Saatenstand nm die Mitte diese- Monats find Bemerkungen beigegeben. Danach trat in fast allen Theilen de- Reichs im letzten Drittel des Juni nach voraufgegangener naßkalter Witterung Trockenheit und Wärme ein, die bis in den Juli hinein andauerte. Die zweite Juliwoche brachte dann häufige und vielerorts starke Gewitterregen, mehr­fach in Verbindung mit Hagelschlägen und Stürmen, die besonders in Süddeutschland an verschiedenen Orten größeren ober geringeren Schaden verursachten. An­haltende Dürre herrschte, wie schau im Vormonat, in Anhalt und einigen Kreisen der Provinz Sachsen; ferner kommen aus Ostpreußen Klagen über zu geringe Nieder­schläge. Bon Roggen verspricht man sich vielfach nur einen geringeren Ertrag, wogegen die Strohernte fast durchweg reichlich aussällt. In Süddeutfchland lasten Weizen und Dinkel meist gute Erträge erhoffen, während sich der Stand des Weizens in einzelnen Bezirke« von Norddeutschland verschlechtert hat. Der Entw'ckelung der Sommergetreides ist die herrschende Witterung sehr förderlich gewesen. Die Kartoffeln stehen meist gut im Kraut und auch der Knollenansatz wird als ein guter bezeichnet, doch ist vielerorts ein Theil des Saatguts auSgefault. Der zweite Kleeschnitt entwickelt sich meist

tönte, ein Zeichen, daß bet Herr Bureauvorfteher er­

schien, sofort auf die Arbeit gestürzt. Und was kann ein königlicher Bureaubeamter nicht Alles von 9 bis

3 Uhr ai beiten.

DaS mußte wohl auch Herrn Christian Harms' Gedanke fein; denn er vertiefte sich so in ein Akten­stück, daß er fast das „Guten Morgen" des Herrn BureauvorsteherS überhört hätte. Auch dieser sprach die Klagen der ganzen Welt in dieser Zeit aus über die tropische Hitze, und verschwand darauf in seinem Amtszimmer, über besten Eingang bie Worte stauben: „Herein, ohne anzuklopfen!" Sofort fühlte Herr Christian HarmS feinen Eifer erlahmen. Die Hitze war auch zu gräßlich. So wurde denn erst da- Früh­stück beendet — selbstverständlich schloß sich der Herr Diätar dem guten Beispiele deS Registrators an —, der Inhalt zweier Biei flasche», die natürlich nie fehlten, gab eS doch dafür einen eigenen „Bierodieuer", war wo ander Shin g flössen und der Körpers gab durch starkes Gähnen kund, daß er bereit sei, der Hitze zu erliegen. DaS Haupt sank auf den Bündel der Akten, der Herr Diätar wurde ermahnt, falls der Bureauvorsteher erschiene, laut zu husten, und der Herr Christian HarmS schlief den Schlaf deS gerechte« Bureaubeamten.

Aber Gähnen und Schlafen wirken ansteckend. Nicht

kräfttg und wird voraussichtlich im Allgemeinen bester« Ertrag geb« als der erste. Der Ertrag war meist der Menge nach gut, in Süddeutfchland vielfach überaus reich, auch die Beschaffenheit meist gut. Die Wiese« versprechen ein« vollen Ertrag an Krümmet.

* Das Kaiserliche Patentamt erläßt jetzt die Be­stimmungen über die Anmeldung von Waarenzeiche« auf Grund de- neuen, am 1. Oktober d. I. in Kraft tretenden Gesetzes zum Schutz der Waareubezeich- uungeu. Die Anmeldung ist in Form eines schrift­lichen Gesuchs einzureichm und zwar in zwei Aus­fertigung«. Für jedes angemeldete Zeichen ist ein besonderes Gesuch erforderlich. Die Bestimmungen geh« sehr ins Detail, selbst die Größe der zu den Gesuchen zu verw«dmden Bog« ist vorgeschrieben. Bor oder gleichzeitig mit der Anmeldung muß die gesetzliche Gebühr von 30 Mark an die Kaste der Patentamt- eingezahlt werd«.

* In Preußen wurdm, wie osfiziö- mitgetheilt wird, die GewerbeauffichtSbeamte« beauftragt, ihre Aufmerksamkeit fortgesetzt der Frage znzuwenden, ob und in wie weit die Gefangmarbeit die Erwerbs- thätigkeit der kleingewerbliche« Berufe beeinttächtige. Insbesondere soll« auch Klage« freier Arbeiter über Beeinträchtigung« durch den Wettbewerb der Ge­fangenenarbeit auf ihre Berechtigung eingehend unter- facht werd«, gleichviel ob eS sich dabei um Außen­arbeit der Gefangenen oder um deren Beschäftigung in Anstalten handelt. Die GewerbeauffichtSbeamt« werden veranlaßt, z« diesem Zweck nach vorheriger Verständigung mit den Gefängnißvorständ« die ArbettS- einrichtunge« der Strafanstalt«, sowie die von dm Unternehmern verwendeten Maschinen zu besichtig« und über ihre Beobachtung« dm zuständig« Stellen Bericht zu erstatt«.

* Fürst Heinrich IV. von Reust - Schlei-« Köstritz ist gestem zu Erstbrmm in Niederöfterreich im Älter von 73 Jahren gestorbw. Er gehörte bet preußischen Armee als Generallieutenar t ä la suite an.

* Schleswig, 25. Juli. Heute empfing der Ober­präsident v. Steinmann eine Deputation aus Nord- schleswig, welche der königlichen Regierung NammS der Bevölkerung Dank für die Aufrechterhaltung deS Reskripte- über bie Einführung bet deutschen Sprache in den Landschule« von NordschleSwig barbrachte.

, Ausland.

• Paris, 25. Juli. Wie verlautet, wird sich der Präsident der Republik am 20. Sept, nach Chateandnn begeben, um der daselbst abzuhaltenden Truppenschau beizuwohnen. Bei diesem Anlässe dürfte Casimir-Perier auch den Gmndstein zu dem Denkmal der Bertheidigun- leg«, daS in Chateandnn errichtet wird.

* Barcelona, 25. Juli. Mehrere Anarchist« wurden festgenommen; dieselben ward«, wiewohl sie falsche Name« angegeben hatten, als Mitglieder eines aufgelört« AnarchistenklubS erkannt.

* Bukarest, 25. Juli. Auf Grund mitgetheilter Verhörsakten hat Bulgarien um Auslieferung des m der Dobruscha verhafteten Mörders Beltscheffs ersucht.

lange währte eS, da lag auch Herr Diätar Neumaml in Morpheus süßen Armen- Eine Stunde war ver­gangen, da fällt eS dem Herrn Bureauvorsteher ein, Den Registrator um eine Auskunft anzugehen. Er be­gibt sich in daS Nebenzimmer und sieht die friedliche Idylle vor sich: Alles tvdtmfttll; die Sonne glüht und zittert in Millionen Stäubchen durch das Fenster, eine einsame Fliege summt, Alles ist so em» ladend zum Schlaf — der wohlwollende Hr. Borge­fetzte konnte nicht zürnen. Lächelnd schreibt er leise auf einen Zettel, wen« der Herr Registrator au-ge- ruht hätte, n-öchte et sich mit dem Diätar bei ihm einfinden und zieht fich in sein Amtszimmer zurück.

Es verging wieder eine ganze Zeit, bie Hitze stieg immer mehr. Schwitzend fuhr Herr Christian HarmS auS sein« Träum«, unwillkürlich glitt die Hand unter dos Pult, wo die Bie,flasch« stand«, gähnend und sich ockend entkorkte er eine und stärkte die müdm Glieder. Da fällt ein Blick auf bie Akten. „WaS soll der Zettel? Himmel! Neumann, Sie altes Kameel!"

Herr Diätar Neumann fuhr kerzengerade empor; er hatte von seiner Militärzeit geträumt, und dar epitheton omans paßte ja auch dahin. Sekund« ge­nügten, um den Thatbrstand festzustellen. Nun war ober guter Rath theuer; eS wurde Krieg?rath ge»