Einzelbild herunterladen
 

•M 164 Samstag, den 21. Juli 1894. 21. Jahrgang

£Eit I h ii fr ZMK Qfitim D f \ ui u u Vv <i viimiii

-. . . .. rägttch. Sonn, itnb gdettaff Mtffltw—au - Inserate kosten die «ipaltig« A-Ue oder deren «aum 15 fei Mrder-olunaeo attivreckenb« Rabatt.

WeertetMrNcher ÄbonnementsprerS ohne Bruegerlohn ■* Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen" in Fukda und auswärtt 1 Mark 50 Pjoung.

* Herr v. Kemügseu.

Rudolph v. Bennigsen hat in diesen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag gefriert. Die gesummte liberale Partei Deutschlands, nicht ausgeschlossen das Gros der Fortschrittspartei, hat ihm ihre Huldigung dargebracht. Die Nationalliberalen haben ihm einen kostbaren Schrein zum Andenken verehrt. Bo« Fürsten Bismarck und, was wahrscheinlich, wenn auch nicht amtlich bestätigt ist, auch vom Kaiser sind Briefe und Telegramme eingelaufen, die lebhafte Glückwünsche enthalten. Der Reichskanzler, Graf Caprivi, hat einen Brief geschickt, in dem der Jubilar als der Mann gefeiert wird, deflen Name an jene glücklichen Tage erinnern, in welchen die Ration mit der Wärme junger Liebe an dem neu erstandenen Reiche hing. Zahlreiche Würdenträger des Staates, fast alle hervor­ragenden Politiker haben sich an den Glückwünschen betheiligt. Die alten Erinnerungen der Liberalen und Rationalm leben auf. Herr von Bennigsen ist für fie der Schöpfer de- Rationalvereine», der, um mit ihnen zu redm, dem Gedanken an de» Reiche» Macht und Herrlichkeit in Kopf und Herz deS Volkes den Eingang erfchlosim hat. Alle», was die Sechziger und Siebziger Jahre an politischen Erfolgen hervorgebracht haben, wurde hervorgezogm, um einen Glorienschein des Ruhmes um da» Haupt der Ge­frierten zu weben. Jndrsfm die Liberalen vergeffen nicht, in ihre RuhmeSlieder auch ihre Klagetöne z« mischm. Sie hebm hervor, daß (um ihre eigenen Lu»orÜcke zu wiederholen) ein Mann von dm Ver­diensten Bennigsen», doch nicht Minister oder Reichskanzler geworden sei, daß er sich viel­mehr mit einem hohen Provinzamt habe begnügen müssen. Sie stellten da» dar al» eme absichtliche Geringschätzung und Unterdrückung von Seitm der Regierung Md de» altprmßischm Elemente»; bortm knüpften sie dann Betrachtuugm über die Roth- Wendigkeit, dem Liberalismus größere praktische Geltung in Preußen zu ver­schaffen. Wie man auf den ersten Blick sieht, find da» Alle- unfruchtbare RedmSartm, denn der Liberalismus, aus deffm Schule Herr v. Ben­nigsen hervorgegangm ist, gehört einer über­wundenen Zeit an. Wmiger als je ist gegen» wärtig daran zu denkm, daß der doktrinäre bürgerliche Liberalismus den Herrn v. Bmuigsm vertreten hat, die Grundlage der deutschen Politik abgeben könnte.

Wmn Herr v. Bennigsen Gegmstand so zahl­reicher Glückwünsche ist, so kommt da« daher, daß man in ihm einen der ältesten nnd thätigstm Vor­kämpfer des nationalliberalm Gedankens erblickt. Bennigsen ist vom Anfänge an für ein Dentsch- land mit preußischer Spitze eingetreten. Da der Erfolg ihm recht gegeben hat, wird er heute ge­feiert. Ja zweiter Reihe feie-n ihn die Liberalm des­halb, weil er bei betriebenen Anlässen sich dem Fürsten Bismarck nicht willfährig gezeigt hat und weil er in verschiedenen Zwischenräumen, zu­letzt noch vor einigen Monaten, in seinen Reden im

Drmurengist.

Novelle von Ernst Scharf.

(26. Fortsetzung.)

Auf 9 Uhr war am onbeten Morgen die Schwur- gerichtSverhandlnng anberaumt. Der Gerichtsdimer rief gleichmüthig die Zeugen auf. In dem Raume zwischen dem langen Mchtertische und de« Platze für die Zuschauer standen die Seschwor.nen, 27 Herren, leise miteinander plaudemd. Auf der Anklagebank saßm die sechs Angeklagten, alle junge Leute, Jansen an erster Stelle. Sein AmßereS war sehr geändert, die frische, blühende Farbe vom Antlitz war verschwMdm, bnntle Ringe lagen unter ben düster blickenden Augen. Er streifte kurz den ZuschMerrau», die Geschworenen «üb Zeugen, einen Moment blieb sein Auge auf Elise hasten, aber ausdruckslos, ohne Bewegung, während die anderen Blicke und Kopfnicken mit ihrm Bekannten tauschtm. Elise hatte mit zackendem Herzschlage den Moment erwartet, wo fie ihn Wiedersehen würde. Und nun blieb er theiluahmSloS, ohne Begrüßung, ohne jeden Ausdruck für fie. Während fie unverwandt zn ihm hinstarrte, hörte fie hinter sich im Zuschauerranm halblaute Arußerungen:

,3», der arme Mann hat Recht, daß er ein solches Weib nicht mehr beachtet. Ec muß vor Stricht stehen

Reichstage dis Ansi bt vertreten und die Forderung erhoben hat, baß dem Liberalismus ein größeres Maß von Bedeutung und Einfluß in Deutsch­land gebühre.

®a;u ist aber zu bemerken, daß Herr v. Bennigsen bei anderen Grlegenhriten de» absolutistischen Reigungen deS Fürsten Bismarck weit entgegengekom­men ist, so daß eS fraglich ist, ob feine Anhänger in in der That Grund haben, ihn ob des Vorhergesagten zu rühmen. Herrn v.Bennigsen'S Streben ging darauf hi«, dem sogenannten wohlhabenden und „ge» bildeten" Bürgrrthum, da» in allen Ländern nur auf feine eigenen materielle» Inter­essen bedacht ist, maßgebenden politischen Einfluß zu verschaffe«. In jeder andern Hin­sicht war er nichts weniger denn liberal. Wo es galt, dem ander« Thell der Ratto« Handschellen anzulegen, war er stets mit dabei. Er war ein entschiedener und verbissener Gegner der Katholiken, und zwar fast in allm Streitfragen, die feit feinem Auftreten im politischen Leben durchgefochten wurden. Wäre er in der That oer weitblickende und kluge Staats­mann, zu dem ihm feine Freunde so gern machen wolle«, so hätte er «ach der «ifinbung des Reicher Manches thun können, um bie Politik des Reichskanz­lers in gedeihliche Bahnen zu lenken. Statt beffm hat er aber nichts gethan, als sich an der Aussaat des konfessionelles und sozialen Hasses zu be­theiligen. «am

Bezeichnend für ihn ist auch der ihm zugeschriebene Ausspruch: „Ich habe eine andere Meinung in dieser Frage, als die (nationalliberale) Partei. Aber ich bin ihr Mhrer und also muß ich ihr folgen." Jm Gegen- theil; wen« eS sich um Fragen von größerer Wichtig­keit handelt, so ist eine solche Nachgiebigkeit nicht Klug­heit, sondern Schwäche, und zwar Schwäche nicht nur der Politik, sondern auch dkS Charakters! Hinter feinen tönenden Reden verbargen, wie hinter einem Schleier, die Jungen ihre anf Ausbeutung der Volkes beregneten Pläne. Während er im Reichstage, in der Preffe und in Versammlungen mit seinen Reden einen dichte« Rebel produzirte, gründeten seine Anhänger BMken ttnb Industrie-Gesellschaften unb bauten Eisen­bahnen. Es gelang ihnen sogar, ihn zum Präsidenten der berüchtigten Hannover-Altenbekener Eisenbahn-Ge­sellschaft zu machen, an der viel Kapital verloren wor­den ist unb welche unter bie verkrachten Grünbungen gezählt würbe, bis bet Staat fie ankaufte. Die ge­schäftige Reklame in bet liberalen Presse, bie, selbst im Materialismus versunken, eines Manner nothweubig beburfte, welchen fie zum Idealisten stempeln unb so bem Volke in bengalischer Beleuchtung zeigen konnte, schaffte ihm in ben Augen bet Laien einen glänzenden Nimbus, bet aber bei Weitem nicht so begründet ist, wie diese Preffe thut.

Der dicke Weihrauchnebel, de« die Rationalliberalen bei der Bennigsen - Feier um fich und ihrm „zweit­größten Staatsmann des Jahrhunderts" verbreiteten, gab biefer abgelebten Gesellschaft erst recht baS Ansehen hohläugiger Gespenster.

und fi« ist gestern Abend schon mit dem Einäugigen nach Düsseldorf gefahren. Der Briefträger SaSpar hat fie Beide auf dem Bahnhofe gesehen. SS ist eine Schande, wie die Zwei eS treiben!"

Die Geschmähte kannte die Stimme, S wat eine Ftan MS bet Nachbarschaft, beten Bruder unter ben Angeschulbigten saß. Ihr Athem stockte, Zorn nnb Schmerz drohte« fie zu bewältige«. Unb doch mußte fie fich aufrecht hatten, baS Empörendste ruhig Hin­halten, da in diesem Augenblicke draußen im Gange die Glocke ertönte, daS Zeichen zum Beginn der richter­liche« Verhandlung.

Drei Richter in schwane« Talaren mit Garnrnt» tragen nahmen Platz an dem großen, schwarz über­zogenen Tische, wo der Staatsanwalt zur Linken mtb bet GetichtSschteiber zur Rechten schon saßen. Der Präsident tief zuerst die Angeklagten auf, machte dann die Ausnahme - Patagraphm bekannt, welche die Ge­schworene«, bie in verwanbtschastliche« ober sonstigen Beziehungen zu einem Angeklagten stehen vom Amte ausschließen, worauf die Bildung deS Geschworenen­gerichtes begann.

Die Namen bet 27 Geschworenen waren auf kleinen Täfelchen verzeichnet, welche auS einer Urne gezogen nmrben. Da nur 12 Geschworene bie Richter­bank bilden, stanben dem StaatSarwalt 7 und den

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juli.

* I« Berlin ist ein Eholerafall vorgekommen. Zafolge einet im Kaiser!. Gesundheitsamt: eingegan- genen Meldung ist bei einer am 18. b. M aus St. Petersburg angekommenen und in ihrer hiesigen Woh­nung erkrankten Frau nach ihrer Uederführung in da» Moabittr Krankenhaus Cholera festgestellt worven. Die DeSinfrttion der Wohnung ist angeordnet, auch find alle sonstigen Vorsichtsmaßregel« ergriffen, so daß eine Gefahr der Writerverbreitung der Krankheit nicht besteht.

* 3« Betreff deS Gesundheitszustandes' de» hl. Vater» schreibt der römische Korrespondent deS »Courier de Bruxelles":

„Seit vier oder fünf Jahren habe ich die Beobachtung ge­macht, daß man im Monat Juli periodisch falsche Nachrichten über den Gesundheitszustand des hl. BaterS verbreitet. Die Telegramme verkünden sogar, daß man in Paris das Gerücht vom Tode deS Papstes verbreitet habe. ES handelt fich in diesem Falle um keinen Zufall, sondern um einen wohlüberlegten und wenig ehrenhaften Plan, dessen Fäden man leicht bis in die Bureaux der stalienischen Regierung verfolgen könnte. Die ,Tribuna", ein liberales Blatt in Rom, hat zuerst die falsche Nachricht in einer zweifelnden Frage lancirt und unter Ein­schränkungen, die wohl die Charakteristrung einer judasähnlichen Perfidie verdienen. Man verfolgt damit nicht nur ein finanzielles Ziel, um die Börse zu beeinflussen, sondern besonders auch ein religiöses und politisches Ziel. Die Idee ist, nach und nach die Welt an die Nachricht von dem Tobe des Papstes zu gewöhnen, um eine bedeutende Mrkung zu verhindern, wenn die Kata­strophe wirklich eintritt. Die italienische Regierung hat dasselbe Spiel während der letzten Jahre Pius IX. getrieben, die gött­liche Vorsehung aber verettelte die Pläne der Seltner, und Viktor Emmanuel ist dem Papste Pius IX. im Tode voran­gegangen. Man muß fich wohl vor all'diesen falschen Nachrichten hüten, welche periodisch die Runde durch die Preffe machen. Leo Xin. erfreut sich einer sehr guten Gesundheit, er ertheüt Audienzen, genießt etwas Landaufenthatt in dem engen Umkreise der Gärten deS Vatikans und könnte wohl trotz seines Alters noch so manchen seiner Feinde überleben. ES ist dar keine ein­fache Phrase, waS ich da schreibe, eS ist die Wirklichkeit. Gott scheint dem Papste wunderbare Kräfte verliehen zu haben, um alle Lasten seines furchtbaren und erhabenen Amtes tragen zu können. Wie der hl. Martin, sagt er zu seinem Gotte: Non recuso laborem (ich weise die Arbeit nicht zurück) und er arbettet mit Eifer, um die Kirche zu regieren. Wir wollen wünschen, daß die Wünsche der Feinde sich alS eitel erweisen und daß daS Schifflein Petri noch lange Jahre von diesem erhabenen SreiS gelenkt werde, welchen die Völker achten und verehren.""

Die alarmirenoen Gerüchte über ben Gesundheits­zustand des Papstes bementirt jetzt auch bet römische Korrespondent der ,B T." in folgender Form: „Die nunmehr auch in offiziöse deutsche Blätter übergegan­genen Nachrichten über den Schwächezustand deS Papstes sind völlig grundlos. Der Papst nährt sich keines­wegs noch von Bouillon, fonbern genießt täglich Fleisch. Ein römischer Marchese, ein hervorragendes Mitglied des päpstliche« Patric.atS, der heute ftüh annähernd eine Stunde bei bem Papst wellte, erzählt mit soeben daß bet Papst während bet ganzen Audienz unermüd­lich, ja mit raschen Schritten auf unb ab ging. Da» Allgemeinbefinden Sr. Heiligkeit ist tu jeder Hinsicht befriedigend."

* Ein Handelsvertrag zwischen Deutschland nnd de« Bereinigte» Staate« besteht nicht. Beide behandel« fich auf dem Fuße bet meiftbegünstigteu

Bertheidiget« 8 sogenannte „Ablehnungen" zu, das heißt, eS konnte« auSgelooste Geschworene auS dieses oder jenen Gründe« abgelehnt werde« bis «och 12 übrig blieben. Die Geschworenen, die nach mehrfach erfolgten Ablehnungen endlich vollzählig wate«, mußten einen Eid leiste«, bie Pflichten eine» Geschworenen «ach bestem Wiffen und Gewisse« getreu zu erfülle«. Hierauf hatten die Zeuge« vorzutreten. Der Name Keller wurde wiederholt vergeblich gerufen. Der Staats­anwalt bemerkte, daß bie Ladung zutückgekommen fei, weil bet Zeuge in bet angegebenen Wohnung zu Köln, wohin er angeblich verzogen fei, nicht habe aufgefunben werden können. Et bedauere das Nichterscheinen diese- Zeugen, stelle aber deshalb weiter keinen Antrag. Die übrigen Zeugen mußten, nachdem fie vorn Präsidenten auf bie Wichtigkeit unb Heiligkeit beS EideS aufmerksam gemacht mürbe« waren, den Gerichtes aal verlassen uub m baS Zeugenzimmer abtreten, nur zwei al» Sach­verständige geladene Aerzte verblieben. Der Gericht»- schreibet verlas bie Anklageschrift, worauf daS Verhör der Angeklagte« begann. Die Anklage lautete gegen sammtliche Angeschulbigten auf Landfriedensbruch, außer­dem g'gen Jansen auf schwere Körperverletzung. Der Präsident tief zuerst Jansen auf.

Derselbe gab die Möglichkeit zu, Steine auf daS Mettens'sche HaEgeworfen zu haben, bestritt aber,