JV 163 Freitag, den 20. IM 1894. 21. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin. 18 Juki.
* Der Kaiser hat heute früh Drontheim verlassen und sich nach Merock im Geiranger Fjord begeben. — Die Kaiserin traf gestern Mittag von Drontheim lammend in Ehristiania ein. von wo aus sie heute Mittag die Reise nach Kiel fortsetzte. Der Ankunft der Kaiserin in Wilhelm-Höhe bei Kassel wird Sonnabend früh entgegengesehen.
• Wie in Berlin so ist jetzt auch in Brann» schweig der sozial-demokratische Bierboykott auf alle dortigen Bierbrauereien ausgedehnt worden.
* Der Bund der Landwirthe fängt an, selbst den Konservativen, wenn auch nicht gerade „fürchterlich", so doch bedenklich zu werden. Mit Hilfe der Bunde- der Lavdwirthe d. h. mit überwiegend konservativen Stimmen find zahlreiche nationalliberale Abgeordnete gewählt worden, die fich hinterher al- Gegner der konservativen Partei entpuppt und auch zum Thril die Versprechungen als Abgeordnete nicht gehalten haben, die fie vor ihrer Wahl dem Bande der Landwitthe gemacht haben. Run gründet der Bund der Landwitthe auch noch ein täglich erscheinendes Blatt,DeutscheTageSzeitung^, beten Oberleitung in die Hände des Dr. RSficke gelegt werden soll, welcher eher nationalliberal als konservativ ist. Wie der.Reichsbote' mittheilt, sollen an di« ,Deutsche Tageszeitung' mit einer einzigen Ausnahme nur liberale Redakteure berufen worden fein. Da ist eS denn sehr erklärlich, wenn den konservativen Blättern nachgerade etwa« ängstlich vor der weiteren Entwickelung des Bundes der Landwirthe wird. Ein Artikel in der patteiosfiziösen .Konservativen Korrespondenz' enthätt, freilich etwas versteckt, aber doch deutlich genug erkennbar, eine leise Warnung vor dem Bunde der Landwitthe und dessen Organisations-Bestrebungen, verbunden mit der Mahnung, „bei aller Sympathie für den Bund der Landwirthe" solltm die konservativen Patteigtnvsien „ihre ganze -rast auf den Ausbau unserer eigenen Organisation richten, also auf die Kräftigung der bestehenden und auf die Gründung von neuen konservativen Vereinen zu konzentriren. Eine machtvolle nnd widerstandsfähige konservative Organisation bildet daS beste Rückgrat für die Bestrebungen des Bundes der Lemdwirthe." DaS heißt mit anderen Worten: „Der Bund der Landwitthe wird konfervattv fein, oder er wird nicht sein." Gewisse Leute können an- diesem Streit über den politischen Charakter de- „Bundes der Landwirthe" ersehen, daß nicht lediglich wirthschaftliche Interessen die Haltung derselben bestimmen, sondern daß das politische Moment bereits einen sehr starken Einfluß auf den Bund der Landwirthe zu gewiunen sucht. Der Kampf um die politische Leitung deS Bundes der Land« virthe spielt sich selbstverständlich nur in den oberen Regionen der BundeSleitung ab. die unteren Instanzen haben pflichtschuldigst der Parole von oben zu folgen, mag diele nun konservativ oder liberal auSfallm. ES
Hrmmengifi.
Novelle von Ernst Schars.
(25. Fortsetzung.)
Der GenSdarm Müller hatte mit größtem Eifer dem ungewöhnlichen nächtlichen Vorfälle nachgespütt und i war bald über die vorhergegangenen Vorgänge unterrichtet. Er strengte allen Scharfsinn an, um den Düsiel- \ dorfer als Schuldigen zu ermitteln, jedoch vergeblich; - dem geriebenen Menschen war nicht» anzuhaben. Der- \ selbe hatte sich nachweislich nur kurze Zeit im „Anker" - aufgehalten und war während der kritischen Zeit zu ; Hause gewesen. Alle, die an dem Abend im „Anker" < gewesen waren, erhielten polizeiliche Bottadung, Bald \ waren die Thäter ermittelt; diejenigen, welche vor- j sichtiger Weise der Sachbeschädigung fern geblieben - waren, suchten sich, als e- ihnen au den Kragen zu gehen drohte, auf Kosten der Betheiligte» rein zu wasche». Die Letzteren, fünf an der Zahl, wurden wegen Landfriedensbruches in Haft genommen. Die Behörde ging mit allem Nachdruck in der Sache vor, um vor weiteren Ausschreitungen die Ausständigen ab- zusckrecken.
-Ob dieser Wendung der Angelegenheit war die Stimmung im Otte vorab eine gedrückte. Verschiedene kluge Frauen stinmt-n Kassandrarufe an, daß die Fest«
kann nicht überflüffig fein, darauf besonders aufmerksam zu machen.
* lieber die gewünschte Verschärfung de- Mar- garinegesetzes von 1887 hat auch die Leipziger Handelskammer ein Gutachten ausgearbeitet, in welchem jede Besteuerung der zu einem fast unentbehrlichen BolkSuahrungSmittel gewordenen Margarine als un- thunlich bezeichnet wird. Eine strengere Ueberwachung der Buttergeschäfte in Bezug auf den Verkauf der Margarine als Butter wird dagegen als wünschens- wetth bezeichnet.
* lieber die Toleranz Friedrich» de» Große« ist eine akademische Preisarbeit ausgeschrieben. Wir glauben uns etwaige» Bewerber» und auch anderen Leuten gegenüber ein Verdienst zu erwerben, trenn wir darauf aufmerksam mache», daß Friedrich der Große (König Friedrich II. von Preußen) fich viel toleranter bewiesen hat, als die heutige deutsche Reichs- regiermtg und als viele andere Leute, die sonst gern daS Wort „Toleranz" im Munde führen, aber nicht üben. Der „alte Fritz" hat nämlich die Jesuiten in Schutz genommen, ihnen ihre Riederlasiungen geschützt und neue gewährt, auch sonst wiederholt sehr rühmend über die Jesuiten fich ausgesprochen. Man vergleiche nur die Briefe Friedrichs des Große» an d'Alembert vom 22. April 1769, vom 2. Juli 1769, vom 3. April 1770, vom 11. März 1774, vom 15. Mai 1774, vom 15. November 1774, vom 5. Januar 1775 und vom 5 August 1775; ferner die Briefe an Voltaire vom 11. Oktober 1773, vom 11. Dezember 1773 und fein Memorial an PiuS VI. vom August 1775.
* Gegen den Bruch der Amtsverschwiegenheit enthält daS Amtsblatt der Reichspostamts eine Verfügung, welche darauf Bezug nimmt, daß in neuerer Zeit wiederholt Beifügungen des Reichs Postamts, Berichte der Ober-Postdirektioueu und sonstige postamtliche Schriftstücke veröffentlicht worden find, die nur durch groben BerttaueuSbruch zur Keuntuiß der ©teilen gelangt sein konnten, welche die Veröffentlichung bewirft haben. DaS Reichs Postamt wünscht bei dem Nachgeordneten Personal keinen Zweifel darüber aufkommen zu lasten, daß die Mittheilung amtlicher Schriftstücke oder ihrer Inhalts, so weit fie unter dem Schutze der DienstgebeimnisteS stehen, an unbefugte Dritte als schwere Verletzung der von den Beamten übernommenen Pflicht der Verschwiegenheit im Amt anzusehen ist, und daß gegen Beamte, welche einer solchen Pflichtverletzung sich schuldig machen, mit den schärfsten Mitteln der Dienstjucht vorgegangen : wird. Bor kurzem ist, wie zugleich mitgeiheilt wird, ein Beamter der Reichspostverwaltung, welcher einen solchen groben VertraueuSbruch begangen hat, aus dem Dienst enllasteu worden. — Ob's helfen wird?
• Der WohlthätigkeitSsinn der Bevölkerung hat sich auch im Jahre 1893 durch Schenkungen und Zuwendungen an inländische Korporationen und andere juristische Personen in reget Weise bethätigt. Soweit ! daS Restort deS Ministeriums der geistlichen rc. Ange- l legenheiten hierbei in Betracht kommt, wurden an evau-
genommenen lebenslänglich im Zachthause verschwinden würden. Aber di« Senosien wußten daS Vorkommniß für ihre Zwecke zu verwetthen, insbesondere der Mei- nung Geltung zu verschaffen, daß eS fich nur um Unterdrückung der Arbeiterrechte handele. Sonst wäre eS keinem Menschen eingefallen, auch nur einen Finger deshalb zu rühren, daß dem Einäugigen einige Ziegelsteine auf'S Dach geworfen worden. Die Fabrikanten hätten die Hand im Spiele, um die auf ihrem Recht bestehendm Weber „klein zu fciegen". Bei diesen Leute» gehe eben Gewalt vor Recht. Diese Bemerkungen in Verbindung mit dem Umstande, daß man »ttgenirt von dem Berhältniß zwischen dem Einäugigen und Frau Jansm alS wie von einer Thalsache sprach, ließ die Verhafteten als Märtyrer einer gerechten Sache erscheinen und daS auch bei Leuten, die dem Vorfälle ferne standen. Durch diese Wühlereien Kellers und seiner Gevoffen griff die sozialdemokratische Anschauung immer wettet um sich. Im Nebligen gingen die Stteikmden zur Selbsthttfe übet. Die noch im Felde stehenden Möhren und Rüben, sowie KappnS und Kohl „bekamen Beine", wie die Lette fich auSdtücktev. Die Kartoffel- Boträthe in den Scheunen und Kellern blieben auch nicht fichet. Hühner und Gänse verschmähte man ebenfalls nicht. Brennholz wurde auS dem Walde in großer Menge geholt. Da fich auch die Diebstähle in der
gelifche Kirchen und Pfarrgemeinden 1,556,520 Mark, an evangelisch-kirchliche Anstalten, Stiftungm, Gesellschaften und Bereine 743,785 Mark, an evangelisch- kirchliche Gemeinschaften außerhalb der Landeskirche und dazu gehörige Anstalten 49,313 Mark, an Bisthümer und die zu denselben gehörenden Jnstttute 653,537 Mk., an katholisch-kirchliche Anstalten, Stiftungen usw. 1,851,189 Mk., an Universitäten und die zu denselben gehörigen Institute 99,400 Mk., an höhere Lehranstalten und die mit denselben verbundenen Stiftungen rc. 221,229 Mk., an BolkSschulgemeinden, Elementarschulen bezw. die den letzteren gleichstehenden Institute 17,704 Mk., an Taubstummen- und Blinden-Austalten 228,150 Mk., an Waisenhäuser und andere WohlthätigkeitS- anstalten 410,900 Mk., an Kunst- und wissenschaftliche Institute, Anstalten rc. 129,828 Mk., an Heilanstalten 57,600 Mk. Zuwendungen gemacht.
Ausland.
• Brüssel, 18. Juli. Diese Rächt nm 1 Uhr Morgen» fand ein Dynamit-Attentat gegen das HauS der Bürgermeisters Frankotte in Hermalle bei Lüttich statt. Der Hausflur, der Altan des ersten Stockes und die Fenster wurden zerstött. Glücklicherweise ist Niemand verletzt worden. Francotte ist Pro- feffor der Physiologie an der Lütticher Universität.
* Paris, 17. r uli. Der Prozeß gegen den Präfi- dentenmörder Caserio ist auf den nächsten SamStag angesetzt worden. Die Anklage vettritt Staatsanwalt Fouchier, dem der Untersuchungsrichter bereits die toten übergeben hat. Wie e» heißt, soll in geheimer Sitzung verhandelt werden; obwohl für die Annahme einer Beschwörung fich thatsächlich kein bestimmter Anhalt ergeben hat, möchte man doch vermeiden, daß die vom Mordbuben direkt angekündigte „große Rede" an wettere Zuhörerkreise gerichtet werde. Caserio äußerte wiederholt feinen Wächtern gegenüber, Casimir Perier werde nicht wagen, da» TodeSuttheU vollstrecken zu lasten. Caserio wird sich darin wohl irren.
* Lissabon, 16. Juli. Ein frischer Hauch de» religiösen Lebens scheint in Portugal fich wieder zu erheben. Dieses Land, welches so lange Zeit hindurch von den fteimaurettschen Setten beherrscht wurde, wo die Kirche fick noch in einem wahrhaft erniedrigen- den Zustande befindet, und wo die Korruption früherer Zeiten sehr tiefe Wurzeln gefaßt batte, erwacht heute aus langem Schlafe und beginnt sich im Glauben zu erneuern. Die Aenderung hat in biefem Jahre begonnen. Bor balb bret Monaten wurde eine große, nationale Wallfahrt nach dem Heiligthum von Mont- Saneiro bei Braga veranstaltet. Mehr als hunderttausend Personen wohnten dort der hl. Mefle bei, die Msgr. Jacobivi auf hohem Berge unter freiem Himmel celebrirte, und empfingen von dem apostolifchen Nuntius den Segen des hl. BaterS. Seit vielen Jahren hatte man in Portugal dar Schauspiel nicht mehr erlebt, baß Tausenbe von Menschen in Heller Begeisterung ihrem gemeinsamen Bater zujauchzten, daß die Bevölkerung auS weitem Umkreise herbeieilte, um in dicht gedrängten Schauren den RantiuS bei seiner Vorbeikunst
Stadt mehrten, wurden die Sicherheitsmaßregeln verstärkt und cm zweiter GenSdarm in Rahlen stationirt. DeS Weiteren suchte« bie Gutsbesitzer sich in der Weise zu helfen, baß eine sogenannte „Wache" eingerichtet wurde. Dieselbe bestaub auS Männern, die abwechselnd RachtS freiwillig die Rn de machten, nm auf die Diebe zu lauern. ES gelang auch, zwei der Letzteren beim Felddiebstahl abzufasteu.
Für Mettens gestalteten fich dieBerhältniste geradezu unerträglich. Daß ihm von den Streikenden und deren Anhang bei allen nur möglichen Gelegenheiten di: beleidigendsten, auf die Frau Jansen Bezug habenden Ausdrücke zuge^chlendett wurden, nahm et mit unerschütterlichem Gleichmnth hin. Hingegen schmerzte e» ihn aus'S Tiefste, wen« er bemerken mußte, wie früher gute Bekannte und Freunde fich mehr und mehr von ihm zurückzoge», seine Gesellschaft mieden. Er buldete und schwieg, einfehend, baß er vergeblich gegen bie verleumbnng, biefer Hydra mit unfaßbaren Köpfen, ankämpfen würbe.
Segen Elise kam der geschütte Haß weniger persönlich zum Ausdruck, doch ersah diese auS de» Mienen der Leute genug. Sie lebte in strengster Zurückgezogenheit, verkehrte mit Niemanden und ging den Leuten möglichst o»8 dem Wege.
In dem Befinden deS Arbeiter» Scheben hat inso-