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JV 161 Mittwoch, dm 18. Juli 1894. 21. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 16 Juli

* Zur Affaire Kotze schreibt man der ,Saale« Ztg.': Wie die Dinge liegen, dürste absolut nicht aus die Entlarvung der wahren Schuldigen zu rechnen sein. Der wahre Schuldige soll sich in einer sehr hohen gesellschaftlichen Stellung befinden, welche an­scheinend eine wider ihn zu richtende Aktion „normaler" Art ausschließt. Das stimmt mit anderen Gerüchten überein, wonach zwei sehr hochgestellte und engver- wandte Personen zu den anonymen Schmähbriefen in enger Verbindung stehen sollen.

* Mehrere russische Blätter machten die Be­gnadigung der in Glatz internitten französischen Offiziere zum Gegenstände politischer Reflexionen, kommen aber dabei zu verschiedenen Resultaten. Die .Rowoje Wanja' äußert sich dahin, ei werde sich binnen Kurzem erweisen, welche diplomatischen Absichten Deutsch­land mit seinem Versuche, in intimere Beziehungen zu Frankreich zu treten, verfolgte. DaS Blatt glaub also im Ernste an ein Bestreben Deutschlands, sich Frankreich zu nähern und wittert unter diesem Be­streben bestimmte diplomatische Absichten. Der Poli­tikus der .Rowoje Wremja' wäre bereit, die Sache mit Sleichmuth hinzunehmen, „wenn Frankreich dabei den Hauptzweck der russisch-französischen Liga nicht auS dem Auge läßt: das europäische Gleichgewicht im Namen des Friedens zu hüten, die völlige AktionSfrei- heit zu wahren und ein Gegengewicht gegen die den befreundeten Mächten feindlich gesinnten Bestrebungen des Dreibundes zu bilden." Kühler nrtheilen die ,Rowosti'; sie findm eS begreiflich, daß der vom dmtschen Kaiser geübte Akt der Barmherzigkeit einen sympathischen Eindruck auf die Franzosen gemacht hat. Dir .PeterSburgskaja Gazeta' hingegen spricht dem Fall jede politische Bedeutung ab «nd drückt die lieber* zeugung auS, daß Frankreich die Vergangenheit erst dann vergessen werde, wenn Elsaß aufgehört haben wird, deutsches Besitzthum zu fein, und wenn die Elsaß Statue auf der Place de la Concorde von der Trauerhülle befreit sein werde. ES sind dies lauter recht unschuldige HerzenSergießungen.

• lieber genossenschaftlicher Zusammenwirken als Schutz gegen Schleuder-Konkurrenz sagt die Zett* schrift für gewerbltchen Rechtsschutz: Zn seinen Be­ttachtungen über die Entwickelung des wirthschaftlichm Lebens behauptet Eduard v. Hartmann, daß die Wirth« schaftliche Ausbeutung, insbesondere der Handwerker, ersichtlich in der Abnahme begriffen sei. Herr v. Hartmann, scheint aber zu übersehen, daß die großen Ramschbazare die Ausbeutung der Rothlage des Hand­werkers heute in ein völliges System gebracht haben. Bon Handwerkern, die aus zeitweiligem Mangel an regelrechtem Absatz ihre Maare, um zu leben, um je­den Preis loSzuschlageu gezwungen sind, wird da der ganze etwa vorhandene Borrath zn Schundpreisen auf- gekauft oder die Handwerker werden gegen Gewährung

Novell« von Ernst Schars. (23. Forttetznng.)

Der erst nach längerer Zeit eingetroffae Arzt fand den verwundeten Arbeiter noch immer ohne Besinnung. Er konstatirte eine erhebliche Gehirnerschütterung bezw. Verletzung.

Wie von Windeshauch verbreitet, war das nächt­liche Ereigniß am nächsten Morgen im ganzen Orte bekannt, wie gewöhnlich mit starken Uebertteibnngen. Der Vorgang wurde, je »ach den Parteiverhaltnissen, die sich entwickelt hatten, entsprechend beurtheilt. Bon den Streikende« und deren Anhang wurde von den Beziehungen deS Einäugigen zu der Frau Jansen als wie von einer Thatsache gesprochen, die Sühne er­heische und nur bedauert, daß ein Unschuldiger statt deS Schuldigen getroffen worden war. Verschiedene Weiber gaben verdächtige Vermuthnngen kund, die sie schon früher gehegt, aber nicht hätten anSsprechen wollen. Die Verleumdung erhob so stech ihr Haupt und machte Manchen, der Wertens bislang für sittenstreng gehalten, zweifeln. ES mußte doch etwas daran fein; wie hätte sonst die Angelegenheit eine solche Wendung nehmen können.

MertenS ArbeitSgefährten wiesen die Anschuldigung zwar meistens zurück und hielten Alles nur für einen Vorwand, der die Ausschreitung rechtfertigen solle,

des nothdürftigsten Unterhalts für solche stille Zeiten ganz vom Bazar-Inhaber beschäftigt, und oft verblei­ben sie für immer in diesem AbhängigkeitSverhältniß. Zahllose deutsche Handwerker werden systematisch zu Lohnsklaven der großen Ramschbazare herabgedrückt. Da ist eS denn kein Wunder, daß diese Bazare selbst gute Handarbeit zu wahren Spottpreisen verkaufen können und dadurch auch dem besser situirten, noch unabhängigen Handwerk eine unerträgliche Konkurrenz machen. Die Handwerker werden sich auS dieser Zwangslage nur retten können, wenn sie durch ge­nossenschaftliche Produktion und Gründung von Kredit« und Absatz-Genossenschaften sich selbst die Vortheile des Großbetriebes verschaffen. Sie gewinnen dadurch billigem Einkauf der Materialien, Verminderung der Konkurrenz, bessere ArbeitStheilung, Schaffung eines größer« Absatzgebietes und lohnende Beschäftigung der sonst brachliegenden Arbeitskraft.

* Zur Neuorganisation der Eisenbahnverwal­tung macht die .Köln. Ztg.' auf Bedenken aufmerksam, welche sich auS der Begründung der Regierungs-Denk­schrift ergeben. Diese Bedenken gehen einmal nach der Richtung einer zu starken Anspannung der Anforderungen an die Arbeitsleistungen der Beamten, welche die Be­fürchtung auftreten lasse, daß dieser Anspannung der Kräfte schon nach verhältnißmäßig kurzer Zeit ein Nach­lassen folgen werde, daS um so verderblicher und kost­spieliger für dieStaatSkaffe wirken müsse, je später die Ueberanstrengung erkannt und durch Einstellung ver­mehrter Arbeitskräfte gemildert werde. Sodann theilt die .Köln. Ztg.' mit, daß der Einfluß des Finanzmini« sterS sich in bedenklicher Weife zu Gunsten einer Ver­minderung der Ausgaben für Gestaltung des Eisenbahn­oberbaues geltend mache. Aus dem Finanzministerium sollen Anregungen auSgegangen sein, den Oberbau der Nebenbahnen in Zukunft nut au? leichten Schiene« und kürzeren Schwellen zu gestalten und ebenso auf den Hauptbahnen nur die leichteren Schienm und kürzeren Schwellen zu verwende», falls nicht nachgewiesen wer­den könne, daß dadurch die Betriebssicherheit gefährdet werde. Es werde sehr schwer fein, mit rechnerisch unan­fechtbarer Bestimmtheit die genaue Gr »ze anzugeben, bei welcher die Betriebssicherheit durch die Leichtigkeit der Oberbaues gefährdet wird, eS fei aber dem Tech­niker nicht zweifelhaft, daß die Verstärkung deS Ober­baues bie Betriebssicherheit erhöht, die laufenden Unter­haltungskosten am Oberbau und Fahrmaterial ermäßigt «rb eine Fahrgeschwindigkeit gestattet, die bei leichterem Oberbau tue Nerven der Fahrgäste bedenklich schädigen würde. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die von | den Eisenbahnverwaltungen oft mit erhl blichen Kosten angestelllen Versuche und die gesteigerten Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Lokomotiven und Wagen haben dahin geführt, betr Oberbau bet Eisenbahnen immer mehr zu verstärken.

* Der Otben bet Redemptoristen, dessen Nieder­lassungen »ach dem Beschluß deS BnudeSrathS das deutsche Reich wieder geöffnet ist, sosern nicht die

konnten sich aber doch befremdlicher Gedanken nicht enthalten, als ihnen dargetha» wurde, daß ihr Führer heimlich Abends die Fra« Jansen bei Abwesenheit des ManneS aufgesucht habe. So war die Stimmung meistens für Jansen, bei dem man eS begreiflich und entschuldbar fand, baß er, wen» auch in verkehrter Weise, bie Ehre seines HauseS hatte rächen wollen. Allgemein hielt man ihn allein für ben Thäter deS ganzen Zwischenfalles; bie anderen Betheiligten waren bezüglich ihrer Mitwirkung still tote bie Mäuse.

Elise hatte für bie Nacht ihr Lager nicht aufge­sucht. Nach dem Weggänge ihre- Mannes hatte sie sich an den Tisch gesetzt und war in trübeS Sinnen über ihre Lage verfallen. Wo war das Glück der Ehe, besten Vorahnung einst, tote bet so mancher Braut, verheißungsvoll bie Brust geschwellt? Vieles war in ber Prosa deS ehelichen Lebens untergegangen, nun brohte sie gar Schiffbruch zu leiben an bem Funda­mente des häuslichen Glückes; an ber Liebe zu ihrem Manne! Vernunft nnb Ehrgefühl lagen im Kampfe mit tiefer Liebe. Gewiß, eS bürste nicht fein, nnb ihr Herz klagte sie an, baß sie Alles selbst verschuldet, daß sie unverzeihlich unvorsichtig gewesen, als sie Mertens zu einer heimlichen Zusammenkunft bestellte. Aber da­gegen regte sich ihr tödtlich verletztes Ehrgefühl: der Mann, der doch in ihr Gemüth wie in einen kleinen - Bach scheu konnte, auf bloßen Schein hin traute er ihr daS Schlimmste zu! Und dann, tote war er sonst?

Landergesetzgebung ihnen ihrerseits einen Riegel vorschiebt, hat seinen Ursprung in Italien. Die Kon« gregazione bei San Rebentore würbe im Jahre 1732 von AlfonS Signori in Neapel gestiftet unb erhielt im Jahre 1749 die päpstliche Bestätigung. Auf öster­reichischen unb brutschen Boden wurde der Orden durch Kiemen- Maria Hoffbauer (1751—1820) verpflanzt; die Zahl der Niederlaffungen des Ordens war in Deutschland immer eine sehr beschränkte. In Bayern wurden sie 1841 an ben Wallfahrtsort Altötting be­rufen. 1846 wurde eine zweite Niederlassung an dem Wallfahrtsort Vilsbiburg genehmigt. Am 17. Februar 1848 erschien ein Ministerialerlaß, ber König Ludwig halte bie Rebemptoriste t für Bayern nicht geeignet; ihr HauS in Altötting fei also aufzulösen. Kurz barauf dankte ber König ab, unb Max II. genehmigte 1857 eine 3 Niederlassung in GarS. Außerdem hatten sie bis 1873 in Bayern noch 4 kleinere Stationen, da­runter in Fährbrück. In Preußen siedelten sich bie Redemptoristen 1849 in Koblenz an. Die Station Koblenz wurde jedoch bald wieder aufgegeben. 1859 gründeten sie ein Haus zu Aachen. Außerdem hatten sie Häuser zu Trier, zu Bochum, zu Homikolt in ber Diözese Paderborn und zu Bornhofen in der Diözese Limburg. DaS Jesnitengesetz verbot dann ihre Thätig- leit auf deutschem Boden, 1880 traf sie in Frankreich dasselbe Schicksal.

* Fürst Bismarck hat sich heute von Schönhausen »ach Barzin begebe».

♦ Z«m Oberpräfidenteu von Schlesien ist, wie jetzt bestimmt verlautet, ber RegierungS-Präsibent in Liegnitz, Prinz Handjety ernannt worden.

* Ein neuer Modus wird in diesem Herbste bei ber Beförderung der Reservisten nach ihren resp. HeimathSorten Platzgreifen unb zwar ähnlich wie bei ber Einziehung von Rekruten, bmch Crnttoli* sation ber nach bestimmten Gegenden abzuschickenden Reservisten, welche dann in großen Trupps mittelst Extrazügen ihrer Hsimath resp. der Provinz-Hauptstadt zugeführt werden. So werden z. B. beim GardrkorpS bie Reservisten brigadeweise in Berlin zusammengezogen und durch Extrazüge nach Hannover, Köln, Königsberg, BreSlau rc. befördert. DaS Gleiche soll bann auch, uachbem dieser ModuS zunächst bei der Garde auf seine Zwecksienlichkeit hingeprüft worden ist, bei ben anbeten Armeekorps im nächsten Herbste stattfinden.

• Heber ein furchtbares Unwetter, von welchem am Sonnabenb einige Theile Oberbayerns,nament­lich bie Bezirke EberSberg unb Schrobenhausen heim­gesucht würben, wirb im Einzelnen folgendes gemeldet: 200 Anwese» wurden zerstört. Die Ortschaft Forst­innig wurde durch eine Windhose total zerstört, von 150 Wohnhäusern wurden 80 dem Erdboden gleich gemacht. Selbst ältere Waldbestände wurden förmlich niedergemacht. In ben Ortschaften MooS unb Schwabenhausen find viele Häuser demolirt. In Forstern hat ber Sturm ben Kirchthurm niedergeschmettert, liebet all ist die Ernte vernichtet. Der Schaden ist

Wie hatte er sie hinsichtlich seines Wesens und Cha­rakters enttäuscht! Die Achtung vor ihm mußte schwin­de», weil er sie in ihrem heiligsten Gefühle nicht zn achten verstand. Wie Todtengtäber arbeiteten solche Empfindungen an ber zukünftigen Gestaltung ihrer Zusammenlebens. Dann dachte sie auch wieder anders; sie stellte sich im Geiste vor, wie sie ihm Alles be­friedigend aufllären wollte und daß sie hierzu MertenS selbst als Zeugen anführen konnte. Was sie gethan, war ja nur auS Liebe zum Gatten geschehen! Dann mußte er beschämt sein Unrecht eingestehen und als Opfer für bie Verzeihung konnte sie bie Einstellung beS Verkehrs mit bem Düsseldorfer verlangen. Ja, ber war an Allem schuld!

So dachte und sann sie widerspruchsvoll.

„Schwachheit, dein Name ist Weib!" läßt Shakespeare seinen Hamlet sagen. Rann man nicht mit mehr Recht vielfach das Weib beklagenSwerth nennen ?

Sein langer Ausbleiben fing an, sie zu beunruhigen. War ihm ein Unglück zugestoßen? Die Stunde« wurde« ihr z« unfaßbaren Zeitläufen. Sie füllte die ausge­brannte Lampe mit neuem Del und wartete weiter, bis schließlich ihr müdes Haupt aus der Hand ans bie Tischkante sank unb ein von toteren Träumen erfüllter Schlaf ber gequälten Seele Erleichterung bot.

AIS sie erwachte, lugte das helle Tageslicht durch bie Ritzen ber Fensterläden. Auf bem Tische brannte