JU 160 Dienstag, den 17. Juli 1894. 21. Jahrgang
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X Die Moral ohne Gott, n.
Es kündigt sich in unserm Innern ein sittliches Gesetz an, welcher wir uns nicht selbst gegeben haben und welcher auch von keiner menschlichenAntorität herrührt, weil wir uns durch dasselbe ohne unser Zu- thun und ohne dar einer Anderen innerlich verpflichtet fühlen. Wir haben «nS dar Gesetz selbst nicht gegeben; denn wer wäre so thöricht, sich ein Gesetz auf- zuladeu, das zu erfüllen manchesmal so viele Schwierig- ketten bietet, und dessen Uebertretung unS ohne unseren Willen mit so starken GewisienSbissen heimgesucht? Andere Menschen haben eS uns auch nicht gegeben?; denn wer von dm anderen Menschen könnte mich zwingen, ihm kraft seiner bloß eigenen Autorität zu gehorchen und mich feinen Anordnungen gegenüber im Gewissen verpflichtet zu fühlen? Man würde jebett anderen einfach auSlachm, der einem ein oft so schwer drückender Gesetz, dar für alle Zetten und für alle Umstände Grltnng hat, auferlegen wollte. Wir finden aber, wenn man ander- ehrlich gestehen will, daß fich diesem Gesetze alle Menschen verantwortlich fühlm, wmn sie sich selbst nicht belügen wollen. Wenn aber die Menschm fich dieser Gesetz selbst nicht, wenn andere Menschm eS nicht gegeben haben tonnen, und wmn eS doch in jedem Menschen ohne seinen Willen klar vorhandm ist, wer könnte er dmn anders in die menschliche Ratnr hineingeschaffen habw, als der Schöpfer der menschlichen Ratnr selbst und daS ist Gott? DaS natürliche Sittmgesetz, welcher unser sittlicher Verhalten im Allgemeinen regelt, ist also ein göttlicher Gesetz. Such gibt unser natürlicher Bewußtsein nnS Zmgniß für die verpflichtende Kraft diese« Gesetze». Denn eS ist eine erfahrungsmäßige Thatsache, die nicht geleugnet werden kann, daß eine Mich gute Handlung in uns stets Ruhe und Zufriedenheit zur Folge hat, auch wenn wir gar kein Lob und gar keine Belohnung von Mmschm dafür zu erwarten haben, währmd eine sittlich böse Handlung unS Unruhe und Rme bereitet, auch wenn wir gar keinen äußeren Rachtheil davon zu gewärtigen haben. Wir fühlen uns eine: höheren Macht in nnferrn Innern verpflichtet, beten Belohnung wir für daS Gute gewinnen und deren Bestrafung wir nur durch da» Böse zuziehen. Wir tonnen angesichts dieser Ausführungen nichts andere» fagen, al» daß der Wille Gotte» für unter Verhalten Gesetz sei.
Ist eS also möglich, oder auch nur denkbar, daß e» eine allgemein verpflichtende Moral ohne Gott geben kann? Religion und Moral find unzertrennlich. Gott allein ist der Urheber der SittmgesetzeS, er allein hat die sittliche Ordnung unter dm Menschen begründet. Gott ist auch der letzte Zweck der sittlichen Ordnung. Alle Geschöpfe haben die Verherrlichung deS Schöpfer» zu ihrem höchsten Zwecke. Der Mmsch insbesondere soll dem Allerhöchsten die Verherrlichung frei darbringen durch Beobachtung der fittlichm Ordnung, «er nun diese sittliche Ordnung von Sott loSreitzt, trennt sie von ihrer Bestimmung, Gott zu verherrlichen, ja er reißt dm ganzen Mmschm von Sott seinem
| Endziele loS. Ungestraft läßt aber Gott die Menschen nicht von sich loSreißen! Wird man bald die
9 furchtbaren Explosionen begreifen? Wird die Gesellschaft bild einseheu, daß Gott durch diese Katastrophen zu erlernten geben will, daß er dennoch existirt, wie sehr man auch bemüht sein mag, seine Existenz abzuleugnen?
Gott ist auch daS Vorbild und die Grundlage der Michm Ordnung. Wenn wir fragen, warum etwas feiner Natur nach gut oder böse ist, so mflffen wir zurückgreifen auf die Wesenheit Gottes, auf feine Heiligkeit, Alles, was feinem heiligen Willen entgegen« steht, ist böse. Der Wille Gottes hat den Unterschied zwischen guten und bösm Handlungen unabänderlich festgesetzt, daran kann eine weltliche Macht und Autorität nichts ändern!
Und wer soll unS in unserem Innern, in unserem Gewissen verpflichten können? Wer ander- als die höchste Autorität (Botte» allein! Gott allein, der in» Verborgene sieht, der alle Grdankm der Mmschm wahrnirnmt und abwägt, vor dem wir unS nie verbergen können, er allein hat die Macht, unser Gewissen zu beherrschen und kein Mensch auf Erden, wenn er nicht mit göttlicher Autorität umkleidet ist
Jede- Gesetz bedarf der Sanktion und diese besteht darin, daß von bem Gesetzgeber eine Belohnung bestimmt wird für diejmigm, welche da- Gesetz erfüllen, und eine Strafe für diejenigen, welche da- Gesetz übertreten. Aber ohne Gott gäbe e» keine ausreichende Sanktion für die sittliche Ordnung. Wa» soll dm Mmschm mitten in dm Stürmen der Leidmschaftm allezeit unerschütterlich auf dem Wege der Tugend bewahren? Wa» soll ihn vermögm, seine Pflicht über sein Jutereffe zu setzm, und ihr im Rothfalle Alle», selbst fein Leben zu opfern? Am Schreibttsche nehm« sich Ausdrücke über die reine Liebe zum Guten, Gemeingeist, Menfchmkiebe, Begeisterung für sittliche Ideale ganz artig ans. Aber im praktischen Lebm ist wmig damit geholfen. Und nehme man erst die großen Staffen, wie sie tagtäglich in Roth und Elmd, Kampf und Berfuchnng aller Art lebm. WaS foll nun diese Unglücklichen ihr ganze» Leben hindurch an ihre Pflicht fesseln, wenn mit dem Tode alle» au» ist, wenn eS keinen Gott gibt, der Über da» Grab hinan» alle Leiden tröstet und alle Mühen belohnt, wenn eS keinen Sott gibt, der da- Gute belohnt und da» Böse bestraft?
Mit einem Sittmgesetze, daS von Gott loSgerissm ist, wird man nie die Gesellschaft umgestalten. Die französischen Machthaber tonnen noch so viele Gesetze anSdmten, wie sie wollen, sie werden den Anarchismus und besten entsetzliche Thatm nie au» der Welt schaffen, wenn sie nicht darauf bedacht find, eine Moral verkünden zu laffm, die auf Sott, dm Allgütigen und Gerechtm basirt ist und die allein die Mmschm zur Sinnesänderung umftimmen kann. SB am sie aber nicht hörm wollen auf die Stimme der Vernunft, werden ihnen schon die Anarchisten die richtige Dialektik einpaukm! Ohne Besternng von Oben herab, ohne da» gute Beispiel der Gewalthaber, ohne ein wahrer und richtige- sittliche» Berhaltm der oberen Zehntausend,
ohne den Glauben an den breipirsönlichm Gott, dm Urheber der sittlichen Ordnung, ohne eine auf bem christlichen Sittengesetze bafirte Gesetzgebung unb Erziehung in Schule unb HauS geht die Gesellschaft bem Untergänge entgegen. Möge Gott in seiner Güte baS Schlimmste gnäbig verhüten!
Deutsches Keich.
Berlin, 15. Juli.
• Hebet bie Ordnung des Lehrerbesoldungs- wesens wirb offiziös geschrieben, baß es wesmtlich darauf ankommen werde, die Mittel für die vollständige Ausbildung der System- staatlicher Dienst« alterSzulagen in den Rahmen der derzeitigen Gesammtaufwendung für da- BolkSschulwesen zu gewinnen, also ben Staat nicht mit neuen erheblichen Ausgaben zu belüften. Die Freigebung ber Realsteuern zur kommunalen Besteuerung, bte in Aussicht zu nehmmbm höhern staatlichen Aufwenbungm nnb bie an manchen Stellen burch bie Einkommensteuer-Beran- lagung klargelegte höhere Leistungsfähigkeit würbm eine Kürzung de- Fond- zur Unterstützung leistungsschwacher (Bemeinben bei Aufbringung beS DiensteinkommmS ber Lehrer gestatten. Dagegen werbe an die allgemeine Ermäßigung der Stelles- Beiträge au- dem Gesetze, wegen Erleichterung ber BolkSschul-Lastm, nicht gedacht werben können. DaS verbiete fich angefichts der LeistungSschwSche eine» großen Z-eileS der ländlichen und kleinstädtischen Schnl- gemeinbeu und angesichts ber Zusammensetzung be» LanbtagS ganz von selbst. Ungleich diskutabler sei ber (Bebaute, die Beihülfe an die Großstädte nicht nach der Zahl der vorhondmm Schulstillen, fonbern nach derjenigen Zahl von Schnlstellen zu bemefien, Welche nach dem Durchschnitt des Landes auf die Zahl der großstÄckischm Schulverbände entfällt. Dies würde angesichts der finanziellen Vortheile, welche ben Großstädten au» ber Zuwendung staatlicher AlterSzulagm erwachsen, nicht unbillig, bei ber vergleichsweise geringen Bedeutung der Summe für den städtischen Haushalt kommunal-finanziell unbedenklich sein, und in so fern im Interesse der Städte selbst liegen, als ihnen dadurch bie volle Bewegungsfreiheit in Bezug auf bie Entwickelung ihres Schulwesen« gegenüber ber Staats- Finanzverwaltung gesichert bleibt, Währmb anberufallS es angesichts ber staatlichen Zuschüsse für jebe neue Lehrerstelle auf die Dauer kaum zu vermeiden sein Würde, auch staatticherseitS in die Prüfung des Bedürfnisses zur Rmerrichtung von Schulstellm mit einzutreten.
* Aus Magdeburg wird berichtet: DaS jetzige Bvrgehm ber Polizei gegen bie sogenannten „Statt« knrsmaffe« Ansverkimfe" rc. hat schon recht gut gewirkt. Man sieht hier zur Zeit nur noch selten bie rothen und gelben Plakate mit der großgedruckten Aufschrift „KonkurSmassm-AuSverkauf", „RestbestSnbe der Xschm Konkursmasse" oder wie die Reklamm sonst heißen wögen in dm Schaufenstern prangen. Rach einer Entscheidung der Reichsgerichts ist die unreelle, schwindelhafte Reklame al» Betmg zu betrachtm,
schläge. Vorab packt mit an, wir wollen ihn auf'» Bett legm." Richt ohne Stühe wurde der verletzte dorthin gebracht. Dann eilte Sterten» wieder hinunter. Er war auf wettere Demolirung seine» Eigmthnrne» gefaßt. Aber Alles blieb still. Sollte da» eine Lisi sein? Er glaubte diefe» annehmen zu mflffen, weck sich zeitweilig draußm ein schlürfender Schritt vernehmen ließ, ber sich mitunter ber Thüre nnb bem Fenster näherte.'
Draußen stand Jansm. Mit einem wüsten Empfinden von Wnth nnd Berzweiflung schritt dieser auf und ab. Trotz seiner Betrunkenheit war er ihm klar geworden, daß er wahrscheinlich große» Unheil angerichtet hatte. Wäre der verhaßte Einäugige getroffen worden, so würde da» Befühl befriedigter Rache die Beben len über bie That betäubt haben. Aber jetzt war ein Unschuldiger, ein harmloser Mann, ben er gut kannte, von seiner Hand schlimm verletzt worben. WaS sollte er nun beginnen ? ES kam ihm ber Gebaute, mit ber Frau zu reben, ihr zu sagen, baß fie nur mhig fein solle, daß er für Alles auskommen werbe. Aber wozu fich unröthig bloSstellm? Mußte er benn jugeben, ber Thäter zu fein? Niemand hatte es gesehen, und wmn die Gmossm ihn nicht verriethen, wer wollte ihm dann die That beweisen? Ja, bie
Hrmmengifi.
Novelle von Ernst Scharf.
(22. Fortfetzung.)
Merten» lag mit seinem jüngeren Bruber — an brat er, da die Eltern seit einer Reihe von Jahren gestorben, quasi Vaterstelle vertrat — in bem Hinteren Zimmer zu Bette. Die übrigen Räume hatte er seit Kurzem an die Familie Scheven vermiethet, nm bei dem geringer gewordenen Verdienst einen Ausgleich zu schaffen. Da» Gepolter der niederschlagendm Steine schrecke ihn an» bem Schlafe. Eilens fuhr er in bie Kleider nnb forbette feinen Bruber auf dasselbe zu thun. Währmb dem suchte er fich über bie zu ergreifenden Schritte klar zu werden. Daß man irgend etwas gegra ihn unternehmen werde, baranf war er schon seit einiger Zett gefaßt, er hatte fich auch entsprechend vorgesehen. Ein geladmer Revolver lag auf bem Tische. Er glaubte ein Vorgehen gegen seine Person befürchten zu müssen; daß man fein Eigmthum beschädigen werde, daran hatte er nicht gedacht. Da erklang dar Jammerge- fchrei der Frau Scheben. „E le, Anion, eile!" drängte er dm vor Angst zitternden Klemm. „Hose, Schuhe und Joppe gmügen. Du mußt so schnell olr möglich zu DeilkerS laufen und bestellm er möge mit feinen
Knechten mit zu Hilfe kommen, fowie ben GenSdarm benachrichtigen. Du hörst, weshalb."
Möglichst behutsam, doch nicht ohne ein schwache» knarrende- Geräusch vermeidm zu tonnen, öffnete er daS Fmstet. Mit angehaltmem Athem lauschend, vernahm er nicht», al» die dnmpfm SchmerzeuSruse der Frau Scheben vorn oberen Stockwerk und da» Pochm seine- aufgeregtm Herzens. In der Recht« dm Revolver, öffnete er mit ber Link« leise die Thüre und trat in ben (Bart«. Alles blieb still. „Komme Anton", flüsterte er bem Knaben zu, ber fich furchtsam an ben Bruber schmiegte. Unb auf ben Zehenspitzen schlich« fie burch ben (Barten. Merten öffnete daS nach bem Walde zu gelegene Pförtchen. „Run laufe!" Und wie ein Pfeil schoß der Kleine über ben Wiesmgruub dahin.
Der Weber eilte in baS HauS zurück, wo er im (Bange Fran Scheben antraf. „Kommt, helft!" jammerte fie. „Man hat meinen Mann mit einem Ziegelsteine tobtgeworfm!"
„Rur still, still!" gab er zur Antwort. Er horchte noch einen Augenblick, bann eilte er bie Treppe hinauf. In bem ärmlichen Zimmer lag bet Mann bewußtlos am Bob«. Aus einer breiten Wunde an der linken Stirne fickerte das Blut hervor. „Macht kalte Um-