Beilage zu Nr. 159 der„Fuldaer Zeitung
Sonntag, den 15. Juli 1894.
habt!" ließ sich die Stimme einer Gefährten vernehmen. „Mertens hat seit einiger Zeit einen Theil des Hanse- an den Tagelöhner Scheden vermiethet und bewohnt ein kleines Zimmer nach dem Garten zu."
„Alle Teufel! Warum habt Ihr mit das nicht früher gesagt!" fluchte Jansen. Und er machte den Versuch, über die hohe Gartenhecke zu klettern. Aber er ritzte sich an den scharfen Dorne« die Finger blutig.
Lautes durchdringendes Jammergeschrei einer Frauenstimme klang jetzt aus dem oberen Raume: „Hufe, Hilfe, mein Monn ist tobt!“
Bestürzt fuhren die Excedenten zusammen; trotzdem sie angetrunken, rauflustiger Stimmung waren und dem verhaßten Mertens alles Böse wünschten, so brachte doch der Umstand, daß hier ein Unschuldiger anscheinend schwer verletzt oder gar getödtet worden war, sie zur Ernüchterung und Besinnung. „Der Jansen hat'S ge- than!" raunte Einer dem Andern zu. Die erhobene« Ziegelsteine wurden weggeworfe«, bald verschwandm die Gestalten im Dunkel der Rächt.
(Fortsetzung folgt.)
Eine bedrückeude Stille trat ein; diese Mittheilung kam für Alle zu Überraschmd. Jansen hatte bei dm ersten Worten ausiahren wollen, dann empfand er mit Benugthuung, wie Keller in höchst geschickter Weise eine böse Stimmung gegen MertmS entfachte, ohne daß auf seine Frau auch nur ei« Schatte« fiel.
„Ja, dar ist wahr!" bestätigte er dann Keller- Ausführungen. Verdiente so ein gemeiner Kerl nicht, daß ihm dar Fell einmal gründlich gegerbt würde?
„Jawohl! DaS ist eine Schande!" riefm verschiedene der Zuhörer. Wenngleich bislang gegen Mertens in moralischer Beziehung auch nicht dar Mindeste vorlag, so war doch andererseits absolut kein Grnnd vorhanden, an der Anschuldigung, wie sie vorgebracht wurde, zu zweifeln. In sittlicher Hinsicht war bei dm Bewoh- nern Rahlen'- «och keine laxe Moral eivgerissm; Ungehörigkeiten dieser Art waren selten und wurden schwer verurtheilt. Zu dem Haß, der bei den meisten Streikmden gegen MertmS als Seteitler ihrer verzweifelten Bestrebungen wachgerufen worden wat, gesellte sich jetzt die Entrüstung über eine schlimme That. Sine gewiße freudige Erregung griff Platz; hatte man doch jetzt gewissermaßen eine moralische Berechtigung, gegen Mer- tmS vorzugehen.
Einen durchzuprügelv, daraus machte man sich nicht viel, nnd wenn Einer gelegentlich Haue bezog, so unterließ dieser eS, deshalb daS Gericht anzumfen. Man trug die Sache liebet unter sich aus. Daß der Einäugige Prügel verdient hatte, darüber wat man sich längst klar geworden, wäre doch ohne ihn der Streik jeden- falls allgemein geworden. Rur die Furcht vor gerichtlicher Anzeige, die sie bei MertmS besürchtetm, hatte sie bislang abgehalten, de« Gedanke« in die That um- zusetzen.
Keller verließ bald mit Rücksicht auf seine starke Erkältung, wie er sagte, daS Lokal. Draußm nickte er besriedigt mit dem Kopfe. „Unheil, du bist im Zuge!" konnte er wie einst Markus AntoninS, der an der Leiche Julins CäfarS die römischen Bürger aufgewiegelt hatte, sagm.
Jansen ließ int Lause deS Abends noch mehrere Runden, je nach Belieben Schnaps oder Bier, bringen, und der Alkohol fing bald an, in bett Magen der schlecht genährten Leute seine berauschende Wirkung aus- zuüben. ES bedurfte nur der hingeworfenen Anregung eines jungen Butschen, ob man dem Einäugigen nicht dir Baracke einwerfen solle, und sosort wurde der Plan gutgeheißen. Man bedauerte, daß MertenS und seine Kollegen bei der vorgerückten Zeit schon von der Arbeit zurückgekehrt warm, sonst hätte man ihm auf- gelauert und im Rothfall- auch den Anderen ihren Theil mitgegebm. r
Es wat schon spät geworden, als die Gesellschaft daS WirthShauS verließ, um sich nach der etwas einsam in der Nähe deS Waldes gelegenen MertenS'schm Wohnung zu begeben. Unterwegs kam man an einem Neubau vorbei. Hier trennte sich die Gesellschaft in zwei Gruppen. Der größere Theil packte so viel Ziegelsteine auf, als er tragen konnte, die Anderen hingegen hielten sich zurück und nahmen auch keine Steine mit. „Die Sache kann brenzlich werden!" sprachen sie untereinander. Aber mitansehen wollten sie sich daS Bevorstehende doch. .
DaS MertmS'sche Besitzthmn, eut altes Häuschen, von einem ziemlich großen Garten umgeben, lag rechts am Wege. In der Dunkelheit wat kaum die weißgelbe Farbe der Lehrnwände zu erkennen. An der linken Seite des Weges zog ein tiefliegender Bach hm, dessen Böschung mit Gehölz und Dorngeftrüpp bewachsen war.
Lautlos näherten sich die Männer bis aus einige Schritte dem Hause. Die unteren Räume, deren Fenster dicht verschlossen waren, wiesen anscheinend kein Licht auf; hingegen drang ein schwacher Lichtschimmer auS dem in Höhe deS ersten Stockes befindlichen Giebel- fenstet.
Grimmig starrte Jansen aus die ärmliche Behausung. „Wir wollen die Sache aus Kommando machen, wenn ich .kos' sage", murmelte er heiser. „Also los“. Und die Ziegelsteine flogen gegen die morschen Fensterläden, dieselben zum Theil zertrümmernd, gegen die Thür, sowie aus das niedrige Dach, die alten Pfannen durchschlagend. Nut Jansen wars nicht; den Stein fest in bet Hand haltend, glühten seine Augen zu dem Fenster hinans. Die Anderen langten unterdessen nach den mit» gebrachten Steinen, wie eine zweite Salve ertönte das Ausschlagen der schweren Steine gegen die Fenster und auf die Dachpfannen. Jetzt wurde daS Giebelfenfiet geöffnet, ein Kopf kam zum Vorschein. Und mit Macht warf Jansen seinen Stein hinaus, ein durnpser Auf- schrei ertönte, vermischt mit dem Klirren zerbrochener Fensterscheiben. ., .
„Ha, dar war gut gezielt!“ rief Jansen m wilder Freude, „er wird ihm einen ordentlichen Denkzettel ab- gesetzt haben."
„Wenn Ihr nur nicht den Verkehrten getroffen
Novelle von Ernst Scharf.
(21. Fortsetzung.)
Bei dem Stoß gegen bie Wanb hatte sie eine Verletzung on der Schulter erlitten, ihr grÜnfarbeueS Kattunkleid hatte bie weiße Tünche ber Wand abgerieben. Doch bie junge Frau fühlte keinen Schmerz; sie hatte bie Haut, auf das wild pochende Herz gelegt, wie um befien zuckeubeSWeh zu beruhigen. Trotz ihrer Aufregung sah sie klar, wie sie unb ihr Mann nur daS Opfer einer Jntrigue war; bösen Schein benutzenb, hatte man ihn verblenbet unb nun spielte er ahnungslos bie Rolle, die ber Düsseldorfer, den sie instinftiv für den Urheber des ganzen Zwischenfalles hielt, ihm zugetheilt hatte. Es regte sich in ihr die Liebe und daS Mitleid mit dem bethörten unb, wie sie merkte, etwas angetrunkene« Manne, eS br äugte sie, ihm Aufklärung zu geben, ihn von feinem schlimmen Wahn zu befreien. Aber ba stauben bie Fremden störend im Wege und dann bäumte sich auch ihr so brutal verletztes weibliches Ehrgefühl dagegen auf. Wie konnte Jansen auf eine bloße Behauptung, die sich einfach lösen ließ, sie so schmachvoll verdächttgen? Im wir- belnden Widerstreit der Empfindungen zwischen Liebe und Ehrgefühl kam sie zu keinem Hitschluffe; eS war ihr unmöglich, in Gegenwart ber Anberen nach ber gemeinen Berbächtigung ein ausklärenbeS unb versöhnendes Wort zu finden.
Der Düsseldorfer wandte sich jetzt höflich an sie. „Entschuldigt, daß wir wider Willen Zeugen dieser peinlichen Zwischenfalles geworden sind. ES ist am beste«, wenn wir gehen. Komm, Freund!" bemerke er sanft z« Jansen und saßte dessen Arm. Unb sie gingen, wenngleich Jausen etwas zögernbeu Schrittes. Regungslos starrte Elise ihnen nach, bau« burchschLt- teile eS sie wie Fieberfrost. Sie trat an bie Wiege, nahm ihr Kind unb küßte seS inbrünstig, währenb ihr Schmerz in heißen Thränen sich auflöste. Sie hatte doch noch Eines: ihr Kinb.
Draußm aber hob ber Düsseldorfer mit salbungsvoller Stimme an: „ES war verkehrt, lieber Freund, gleich die Frau so anzubrüllen. Der Hauptschuldige ist doch immer der Mann, in diesem Falle Mertens. Diesem falschen Heiligen würde ich den Buckel einmal gründlich durchklopfen. Verdient hat er er jedenfalls schon lange und in reichstem Maße!“
„Ja, Du hast Recht!" bemerkte Jansen ingrimmig. „Wir müssen den Einäugigen einmal vornehmen."
„Hilfe werdet Ihr genug dazu finden!" stimmte Bürger- bei.
„Gehen wir in den „Anker". Dort treffe» wir Verschiedene an," sprach Jansen sinnend. „Ich gebe heute Freibier." 1U ,
„Ich kann leider heute nicht lange bleiben!“ be- merkte Keller. „Meine starke Erkältung läßt er nicht zu. Ich hätte eigentlich dar Zimmer nicht verlassen sollrn."
Die Drei fanden die Ankerwirthschaft gut besucht. Die meisten der Streikende« hatten sich eingefunden, wenn ihnen auch dar resultatlose Bemühen der Deputation schon vorher bekannt geworden war. Man wollte sich über die Lage aussprechen und dann hoffte man auch bei dem sicheren Erscheinen der Präsidenten, daß derselbe, wie es in letzter Zeit mehrfach geschehen, etwas traltiren werde. Beim Eintreten in bie Stube zeigte Jansen eine erzwungene Heiterkeit und war imrch- anS nicht niebergebrflift, wie man baS nach bem fehl- geschlagenen Unternehmen erwartet hatte. „Liebe Genossen," sprach er nach freundlichem Gruß, „wir haben zwar heute noch nichts erreicht, aber wir brauchen auch nicht zn verzagen. Wer verzagt, hat sich selbst ver- loren. Deshalb wollen wir Eins trinken. Eine Runde für alle Mitglieder!" wandte er sich an den Wirth. „Unsere Sache würde nicht so schlimm stehen, wenn die verdammten Mucker nicht für einen Apfel und ein Stück Brod darauf los webten und so unser Bemühen vereitelten. Schande über diese Bande!“
„Jawohl, daS ist richtig! Die sind an Allem schuld!" ertönte eS im Chore zur Antwort.
„Ja, Freünde, was meintJhr wohl," hob jetzt der Düsseldorfer mit scharfer Tonart an, „ber Anführer dieser schmachtlappigen charakterlosen Schaar, ber einäugige Heilige, der so rührend von Religion und Sitte zu rede« weiß, war meint Ihr wohl, was dieser Heuchler auf dem Sündenregister hat?“
„Nun? Was denn? Was ist mit bem los?" klang ein Dutzend Fragen zugleich.
„Er stellt der Frau unseres allverehrten Präsidenten »ach. Am vergangenen Donnerstag, als Jansen hier in der Versammlung war, hat der Einäugige sich unter faulen Gründen der Frau, die allein zu Hause war, zu nähern versucht, wurde aber natürlich gebührend ab- gewiesen. Hier Jansen unb Bürgers können baS bestätigen.“
Verwischtes.
* Der Pariser „Schneiderkövig" Worth hat jüngst dem Vertreter eines Londoner DamenjonrnalS einige Angaben über sein Geschäft gemacht. Er sagt u. a.: „Meine gewöhnliche Rechnung für ein seidenes Kleid ist 1M0 bis 15M Mk, besonderer Ausputz erhöht natürlich die Kosten beträchtlich. So verfertigte ich einmal ein Hofkleid, bei dem die Schleppe allem 20000 Mk. kostete; sie war mit seinen Seidenspitzen bedeckt. Eines meiner theuersten Kleider kam auf beinahe 100600 Mk. Die Amerikanerinnen gehören zu meinen besten Minden Bor Kurzem hatte ich einer jungen Amerikaner,» ein Ballkleid an- zuprobiren; ihre Zofe erzählte mir nachher mit Stolz, das Kor- set, das ihre Herrin trug, koste 3000 Mk., ihr Spitzenunterrock 600 Mk , ihre Beinkleider, besetzt mit echten alten Spitzen 500 Mk. die Strümpfe und ihre Strumpfbänder mit goldenen Schnallen und je einem Diamant 1200 Mk. Die Unterkleider dieser jungen Erbin repräsentiren also allein beinahe 3000 Mark!!! gfite ,
* Wie ei« Bursche seinen Lieutenant erzog. Der Lieutenant v. H. hatte die böse Angewohnheit, seinen Buchhen stets aufzuwecken, wenn er aus Gefellfchasten oder dem Kasino zu vorgerückter Stunde in fein Junggefellenheim zurückkehrte, um denselben an die Zeit des Frühdienstes und pünktliches Auf- stehen zu erinnern. Der Bursche, ein biederer polnischer Ober- Ulefier, hielt diese sich häufig wiederholende Störung seiner Nachtruhe für recht überNüsfig. Eines Abends kam Herr v. H. wiederum um Mitternacht nach Hause, machte Licht und war im Begriff, sich in die Burschenstube zu begeben und wie gewöhnlich den guten Katzmarek aus dem Schlaf zu rütteln, ater einen aus dem Tische liegenden Zettel bemerkte. Neugierig nahm er denselben zur Hand und las folgende mit großen, unbe- holfenen Buchstaben geschriebenen Worte: „Also Johan weiS schonn solstu um fir ur welken." Johann wurde weder in dieser Nacht, noch späterhin mehr aus seinen Träumen geschreckt. Herr v. H. erhielt nach wie vor rechtzeitig den Morgenkaffee, Katzmarek ließ es auch ohne Erinnerung an Pünktlichkeit nicht fehlen.
* Ueber die moderne Bleististsabrikatiou fprach unlängst vor der Zeichenfektion des Berliner Lehrervereins der Mit- inhaber der Nürnberger Bleistift-Fabrik von H. C. Kurz, Herr Albert Kurz. Der Bleistift oder, wie er richtiger heißen sollte, der Graphitstift, besteht aus dem Graphit und seiner Holzfaffung. Die für die Bleistiftsabrikation hauptsächlich in Betracht kommenden Graphitsorten sind der sibirische und der böhmische. Der letztere ist der beliebtere: von 100 Bleistiften sind vielleicht 95 aus böhmischem Graphit hergestellt. Derrohe Graphit w,tt> zunächst geschlemmt, dann wird die noch flüssige schwarze Masse unter gleichzeitigem Herausdrücken deS Wassers m die Filter- pressen gepumpt und nimmt hier die Form von flachen Kuchen an welche in besonderen Wärmeräumen völlig getrocknet werden. Der Graphit wird dann mit Thon gemischt. Der Thon dient ein Mal als Bindemittel, dann auch zur Härtegrad-Abstufung, je härter der Bleistift sein soll, desto größer muß der Thonzvfatz fein, daher erklärt es sich auch, daß weiche, stark graphithaltige Bleistifte sich schneller abschreiben, als harte, stark thonhalttge. Die Mischung wird nun wieder aufgeweicht und hierauf gemahlen; gewöhnliches Blei passirt 24, ganz fernes bis zu 100 Mal die Mühle. Hieraus resultiren die verschiedenen Preise für ordinäre, mittelfeine und feine Bleistiftsorten. Die Filterpresien treten wieder in Aktion, die Masse wird getrocknet, pulvensnt und schwach angefeuchtet, als plastische Masse m besonders geformte Cylinder gefüllt und mit einem Druck von zehn Atmosphären zu einer Bleischnur geformt, diese nach dem Trocknen in Stücke von Bleistiftlänge, gewöhnlich 17'/. Centimeter, geschnitten. Durch Weißgluthhitze wird endlich noch dem Blei die poröse Eigenschaft benommen und es erfolgt nun die Fassung. DaS hierzu erforderliche Eedernholz wird meist fchon in Amerua zu den für die Bleistiftfabrikation benöthigten Brettchen verarbeitet. Das hierbei gewonnene Sägemehl dient zur Bereitung atherischen Oeles. Das Potiren der fertigen Stifte geschieht meist 'n Haus- industrieen und bildet eine Beschäftigung der Frauen der Fabrck- arbCI*eUnttwartettr Erfolg. A.: „■ ■ . Den jungen Doktor möchte ich keinem als Vertheidiger empfehlen s - B: „Aber er foll doch ein ganz vorzüglicher Redner fern. 81.. „®e-
rade deshalb! Kürzlich hat -r bem. Schwur«nchtt d,e llnschM eines Raubmörders so glänzend geschildert,, bau dieser «vor lau ter Erschütterung gleich nachher ein Gestandniß ablegte .
* Gefährliche Zustimmung. Gattin: „. . .Ja, glaube mir Alfred, ich habe auch meine Fehler! — Gatte: „O, gewiß!" — Gattin (empört): „So?! Willst du mir nicht vielleicht sagen, welche?!" t
* Auch etwas. Richter: „WaS sind S,e denn nun eigent- lich, Angeklagter?" — Angeklagter (stolz':« „Ick habe vor dreißig Jahren bei die Dragoner gestanden!
» Höchste Harmonie. Vater: „Nicht wahr die beiden Jungens ergänzen sich famoS?" — Musikkritiker: „Gewiß Was der eine nicht kann, greift der andere falsch .