Einzelbild herunterladen
 

r

l

t l

>

r

21. JahrgMg

Donnerstag, den 12. Juli 1894.

JV 156

FuldacrWZkitnlig

Novelle von Ernst Scharf.

(18. Kvrlfetzms.)

Sine kurze Pause trat eia. Der junge Mann hatte rS vermieden, dem Blicke der Frau zu begegnen und daS Auge zu Boden gehestet. „Frau Jansen", klang eS gedehnt und bitter von seinen Lippen, „Ihr über­schätzt mich. Den Düsseldorfer kann ich nicht vertreibe», am «rvigsten avS der Gesellschaft Eurer Mannes. Glaubt nickt, daß ich diese- leicht auSspreche. Als ich Euren Brief erhielt, ahnte ich, daß er der Gegen­stand unserer Besprechung sein werde. Aber hier ist nicht- zu machen. Wenn die Leute sich bethören und betrüg« und in« Elend bringe» lasten wolle», kau« Niemand sie hindern!"

„Aber", rief Elise in zorniger Aufwallung, „gibt er denn keine Gesetze, keine Polizei, die er verhindern, daß daS Bolk so verführt und in'- Elend getrieben wird? In nvserer Nachbarschaft wohnt eine alte Frau, deren Sohn auch mitstreikt. Die arme Mutter klagte mir weinend chre Roth. Such früher feien die Fab­riken schon einmal schlecht gegangen, dann habe man sich durchgebracht, so gut er eben ging. Aber nun gar die Arbeit niederzulegen und gar nicht» zu verdienen, da« nöthige betteln zu gehen! Dar habe man allein dem Düsseldorf« zn verdanken, der ihren Sohn um­garnt habe! Ich meine, wenn Ihr eine» Brief an die

deutsches Keich.

Berlin, 10. Juli.

* Im Laufe der nächsten Woche werden die prmßischen Staatsminister dm üblichm Sommer- m-lanb antreten, wobei es wieder so gehalten wird, daß immer mivdestmS zwei Minister hier anwesend find. Am spätesten dürste der Reichskanzler Gras Caprivi verreise», der sich auch in diesem Jahre wieder zum Kurgebrauch nach Karlsbad begeben wird.

• Der BnndeSrath hat gestern u. «. noch die Resolution deS Reichstages zum Biehsmchmgesetz dem Reichskanzler überwiesm und sich mit dem Abschluß eines Abkommens zwischen dem Reiche und Spanien wegen gegmseitiger Ablieferung von Deserteuren der Kriegsmarine einverstanden erklärt. Der Entwurf einer »mm Beiordnung, betr. die Kautionm der bei den Militär- und Mariye-Berwaltuvg angestelltm Beamtm wurde angenommm.

♦ Auf Grund deS Gesetzes über die Aushebung direkter Staatssteuern ist dm Städten mit über 5000 Einwohnern bekanntlich die Verpflichtung auferlegt wordm, vom 1. April 1895 ab die Erhe- Bm»g der direkte« StaatSsteueru, der Domänen-, Rentenbank- und SrundstmermtschädiguugS - Renten kostenfrei zu übemehmm. D-r Herr Finanzminister macht nun vmerdingS darauf aufmerksam, daß durch die beschlostme Aufhebung von Gtmerkastm zahlreiche Rentmeister und BollziehungSbeamte dis­ponibel würdm, deren Uebernahme in den Kom­munaldienst befürwortet wird. Der Minister will diese Uebemahme thunlichst erleichtern vnd hat stch bereit erklärt, 1. bett für den Uebertritt stch mtschei- dmden Beamtm die Aufrechterhaltung chrer PensionS- ansprüche dem Staate gegmüber in Höhe deSjmigm BettagS zuzusichern, der denfelbm nach Maßgabe der bestehend« Vorschriften von ihren pmfionSberechtigtm Diensteinkommen ans der Staatskasse zu bewilligm gewesm sein würden, falls sie zur Zett ihres lieber« tritt- in den Kommunaldienst in dm Ruhestand ver­setzt wordm wären; 2. in Höhe diese« BettagS solchen Kommunalverbändm, welche die genannten Beamten unter Zusicherung der Anrechnung der im Staatsdienste verbrachten Dimstzeit bei eintreteober Dienstunfähigkeit übemehmm, Zuschüsse zu bet von ihnen zu zahlmbm Pensionen auS bet Staatskasse zu gewähre»; 3. int Falle deS Bedürfnisse- a) dm übertretenden Rent­meistern, sofem ihr demnächstige- reine- Dimsteinkom* mm im Semeindedimst dm Betrag de- seitherig« reinm DimsteinkommmS derselben nicht erreicht, Zu- schüsie bi- zur Höhe deS letzteren, jedoch nicht über dm Betrag von 4200 Mk. zuzüglich deS seitherigm WohnungSgeldzuschusieS, b) bett übertretenden Voll- ziehungSbeamtm unter der gleichen BorauSsetzung Zu- schüsie bis zur Evteichung der seitherigm Besoldung und deS Wohnung-gewzuschusieS zu bewilligm.

• Die.Hamb. Rachr.' bericht« über wiederholt längere Besprechungen, welche der CentmrnS-Abgeord-

«cheint ttalich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Inserate kosten die «infpalüge 9**« deren «anm 15 W, bei Wiederholun^n «tfree*«**

Nierteljiihrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blümer? m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfemng.

> nete Dr. Lieber in dm letztm Tag« in Berlin mit dem Staatssekretär des Reichrschatzamtes, Graf« v. PosadowSky,7:gehabt habe.

• Ahlwardt hat in Dortmund eine seiner üblichen Reden gehalten und dabei nach der ,Dortm. Ztg.' gegen die sozialdemokratische Rheinisch-Westfälsiche Arbeiter­zeitung eine bemerkenSwerthe Ausführung gemacht. Da» sozialistische Blatt hatte Hnm Ahlwardt Feig­heit vorgeworfen, weil er ein Eintrittsgeld von 30 Pf. erhebe, um keine starke Gegnerschaft zu haben. Hiergeg« meinte Ahlwardt, „er und seine Familie wollt« auch leben, und er müsse deshalb was ein­nehmen, nachdem ihm vor 4 Monaten das Gehalt abgesprochen wordm sei, weil er sich geweigert habe, ein Schriftstück zu unterzeichne», auf Grund dessm er auf jede öffeutliche Parteithätigkeit verzichte". Diese letzteren Worte machen eile Aufklärung noth- wendig. Wer hat dem entlasienen Berliner Rektor ein Schriftstück vorgelegt, daS sein« Verzicht auf jede öffentliche Parteithätigkeit enthalten sollte, fragt die .Germania'.

* Der internationale Textilarbeiterkongreß wird nunmehr definitiv am 24.Juli in Manchester eröffnet werden. Da in der Hauptsache nur die Gründ­ung eines intervattonalen TextllarbeiterbundeS beschlossen werden soll, so wird der Kongreß voraussichtlich schon am 27. Juli bemdigt fein. Ursprünglich war sür dm Kongreß eine BerhandlungSzeit von einer Woche in Aussicht genommen. Nach den bisherig« Anmeldungen werd«, mit Ausnahme von Deutschland, alle In- dustriestaaten osfiziell aus dem Kongreß verttetm sein. Wahrscheinlich ist jedoch, daß die Textilarbeiter deS Rheinlands und Berlin» sich noch in letzter Stunde entschließen werden, je einen Delegirtm nach Manchester zu smden.

* Au» Saarbrücken, 8. Juli erhält die .Germania' folgende Zuschrift: Eine hier erschienene anonyme Gegenschrift gegen die vom hochw. Bischof Dr. Komm herauSgegebme Schrift „Wunder re." sucht diesem Buche jeglichen Glaub« abzusprechm durch den Hin­weis bar auf, daß die Mitglieder der Kommission, von der die vorgekommmm Heilungen geprüft wurden, nicht gmanvt sei«. ES ist richtig, daß sie nicht im Buche gmannt find, aber bekannt warm sie seit langer Zeit in der ganzen Diözese, vnd ist diesem vom Anonymus beklagten Uebelstande sehr rasch abzuhelfen. Die Kom­mission bestand au» dm Herren: Dr. K o r um, Bischof, PrSfidmt; Mitglieder Scheuffgen, Dompropst, Prälat de Lorenzi, Domdechant, EndreS, Dom­herr und RegmS der PriesterseminarS; Dr. Einig, Professor der Dogmattk am Priesterseminar; Dr. Staub, praktischer Arzt, SanüätSrath: Dr. Srisar, SretSphyfikuS, SanilätSrath; Dr. WillemS, Sekretär. ES scheint, als ob der Herr Bischof bei Herausgabe des Buches nur die Aktenstücke selbst, die Zeugnisse der Aerzte, welche vor und nach der Heilung bte Kranken untersucht hatten, sprechen last« wollte und eS bamm nicht für angebracht hielt, bie Autorität

Polizei schriebt, Aller auSeinandersetzttt, wie hier ein Fremder unsagbares Elend anrichte . . . ."

„So würde daS nichts nutz«!" unterbrach sie Mertens mit gepreßter Stimme. „Die Volks»«- führuvg ist d« Sozialdemokraten frei gegeb«. Man kann ihnen nur etwas anhabm, wenn sie gegen die Sefitze verstoßen. Die Agitatorm find aber meistens geschulte und erfahrene Leute, und der Düsieldorfer erst r cht. Dagegen ist nun einmal nichts zu machm. Man kann die Leute nur vor Bethörung und Ver­führung warnen. Damm schickt Euch in die Lage, so gut eS eben geht. WaS weiter komm« wird, steht bei Gott! Zum Schluffe, Frau Jansm", und bitterer wurde seine Stimme, währmd seine Linke krampfhaft daS Holz des WebstuhleL umklammerte, „ich biu Eurer Auf­forderung gefolgt und werde auch in Zukunft immer« bat zu Euren Diensten stehen. Aber laßt uns das, wmn eS eben angeht, schriftlich abmacken. Ich habe hente nicht leichten Herzm» mein« Schritt hierher gelenkt. Alte Waiben drohen aufzureißm, Gedanke», die man von sich weisen soll, rnächttg empor zu wucheru!"

Elise senkte da» Haupt. Sie war nicht nur in ihrer Hoffnung getäuscht, sie machte auch die tief schmerzende Wahrnehmung, daß der Mann, den sie in ihrer Roth gerufen, fie noch immer, immer liebte, mochte f e auch längst dar Wsib eine» Andern ge« wordm fein. ES schnitt ihr durch die Seele, zu sehen,

der Kommission noch wirk« zu kaffen durch Nennung bet Namen ihrer Mitglieder; diese hatte ja auch keine ander« Unterlag« als die Zeugnisse der Aerzte, welche, mit Ausnahme eines Falle», mit vollem Namen unterzeichnet find. E» ist ja einer der Ge­heilt« in Berlin selbst, in dem Sitze der Intelligenz und der Hochschule der Medizin, der Sohn de» Chor- dirigent« Wecker av St. Hedwig, der von zwei Aerzten (Dr. Köllen vom HedwigS-Krankmhause und Dr. Schultze, Hausarzt von Wecker) untersucht Word« ist; ersterer bescheinigte ihm am 1. Oktober 1891 „nach menschlicher Berechnung unheilbar". D« Knab«, der jetzt 7 Jahre alt ist, kann jeder Berliner ausfragen und untersuchen. Aber ich glaube, daß eS Mensch« gibt, aus die daS Wort deS Heilandes paßt: „Sie haben MoseS und die Prophet«; wen» sie denen nicht glaub« wollen, würden fie auch nicht glaub«, wenn Jemand von den Tobten aufer­stehen würde. (Luk. 16, 31.)

* Stuttgart, 10. Juli. Bon der Stadtdirektiou find Fragebogen versandt worden, worin Auskunft verlangt wird über Art uud Menge der Tabak- Fabrikation, über d« Vertrieb der Erzmgniffe und über die Zahl der Tabakarbeiter.

• Leipzig, 10. Juli. Da» Reichsgericht hat die von dem Abgeordneten Ahlwardt geg« da» Urtheil der II. Strafkammer des Berliner Landgericht» einge­legte Revision verworfen. Ahlwardt war durch das­selbe wegen Beleidigung deS preußischen Beamten, standeS, begangen in einer zu Esi« gehaltenen Rede zu drei Monat« Sefäugniß verurtheilt mord«.

Ausland.

* Bern, 7. Juli. Im Jahre 1889, währmd der Pariser Weltausstellung wurde bekanullich zum erst« Mal em internationaler Kongreß, betreffend die Arbeiterunfälle abgehatt«. Lin zweit« Kongreß folgte in Bern im Jahre 1891. BunbeSrath Droz, Chef beS Auswärtigen, «öffnete dmselben. Der dritte Kongreß soll vom 1. bis 6. Oktober 1894 in Mai­land stattfinden. Eben find die Einladung« vnsmdet worden. Am Äongrtffe kann Jeder theilnehmm, b« 10 Fr. entrichtet. Der Kongreß ist rein privater Natur. NammS deS italienischen Organisationskomitee» unterzeichneten die Einladung al» Präsident: Bigom, Maire von Mailand, al» Vizepräsidenten: Smator Annoni und Abgeordneter Luzzatti, d« früh«e Minist« de» Schatzamtes. In den Bereich des Arbeitn-Unfall- kongreffeS wurde, gemäß einem in Bnn gesaßtm Be- schlaffe, die Versicherung geg« Krankheit und Alt« gezogen. DaS OrganisationSkomitee hofft auf eine starke Theilnuhme am Mailäuder Kongreß.

• Pari«, 9. Juli. Die Kommission der Kamm« nahm einstimmig den Vertrag mit Deutschland weg« der Abgrenzung deS Hinterlandes von Karnern« an. D« Vertrag dürfte vorn Plenum dies« Tage ohne Debatte gmehmigt wndeu. — Die Strafnovelle gegen die Anarchisten bestimmt im Einzeln«, daß wie er so bewegt dastaub, vergeblich geg« feine un­glückliche Neigung ankämpfmd. ES drängte sich chr der Gedanke aus, wie Alles, Alles hätte anders komm« können, wmn sie sich früher nicht durch Aeußerlickkeit hätte bestimmen lasten. Welch« Untnschied zwischen diesem charaktervoll« edlen Menschm, d«, mit unge­wöhnlichen GeisteSgabm auSgrstattet, bescheiden üb selbstlos nur für eine gute Sache kämpfte nnb ihrem Manne. Sie schanberte zusammen, baß fie ein« solchen V«gleich hatte anstellen können! Ihr Lebens­weg war nun einmal unverrückbar vorgezeichnet, ein Minen von bemselbm, selbst tu Gedanken, wäre sünd« haft gewesen!

„Hoffentlich wendet sich noch Alles zum Bestem!" enbete die junge Frau die bedrückmde Stille. Habt Dank für Euer gütiges Bemüh«."

Sie stand auf und reichte befangen Mertens die Hand hi», die dies« nur leicht mit dm Fiugnspitz« berührte.

„Gute Nacht, Frau Jansen!" Und hastig wandte er sich um und eilte mit sichern» Schritt hinaus, während Elise kopfschüttelnd steh« blieb und sich Vorwürfe machte, daß sie ihn nutzlos zu sich bestellt habe.

Als Mertens den Weg am Schupp« des HaufeS mtlang nahm, glaubte er in dem Halbdunkel eine Ge- statt um bie Ecke verschwinben zu sehen. Er schärfte den Blick, al» n in der nächsten Sekunde an der