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JW 153 Dienstag, den 10. IM 1894.

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21. Jahrgang

eitüiig

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W Keguadigung der frrmMschrn GWere Degony und Delguey

bat überall einen guten E ndruck gemacht. Die außer- deutsche Presse widmet dem hochherzigen Entschlüsse des Kaisers viel mehr, fast überschwängliche Worte, als die deutsche. Aus englischen, österreichischen n. s. w. Blättern liegen zahlreiche Aeußerungen vor, welche dm Be­gnadigungsakt nicht nur als edle menschliche That rühmen, sondern darin auch ein großes und folgen­schweres politisches Ereigniß sehen. Wenn der augenblickliche Freudentaumel der Franzosen, der amt­lich und journalistisch von Dankesbezeuguvgen und Liebe! erklärungcn übe: fließt, zum Maßstab der politi­schen Beurtheilung des Knadenoktes genommen werden dürste, müßte man allerdings glauben, die europäische Abrüstung könne morgen beginnen, die Franzosen er­warten nur noch, daß der Kaiser sie demnächst in Paris besuche, damit sie ihm dort ihre Huldigung und ihren Verzicht auf Elsaß-Lorhringen und Revanche zu Füßen legen könnten.

Wir verwögen indeß, schreibt die .Köln. Volksztg? der jetzigen Stimmung der Franzosen nur eine sehr geringe Bedeutung beizumessen. Nachhaltig wird die Freude und Dankbarkeit nicht sein. Wenn sie erst die Erregung hinter sich haben, in die sie die Er­mordung Carnor'S, die Wahl eines neuen Präsidenten und dar Bewußtsein, die Augen der ganzen Welt wieder einmal auf sich gezogen zu haben, versetzt hat, dann wird bald alles wieder beim Alten sein. Nach wenig Wochen wird man an die Be­gnadigung nicht mehr denken, wohl aber den Revanche- Gedanken weiter pflegen. Die überschwängliche B> geisterung für Kaiser Wilhelm wird ihnen schon sehr bald als nicht recht patriotisch vorkommen. Ja, wir möchten einmal sehen, wie eS dem erginge, der in dem j-tzigrn BegeisternngS - Stadium die politische Frage ziehen wollte, zu sagen: „Also versöhnen wir unS, und verzichten wir!" Daß der erste Ewdrvck der Be- gnadiguvg zweier Spione groß war, ist um so be­greiflicher, als die Franzoien deutsche wegen Spionage verurtheilte Offiziere wohl nie und nimmer begnadigt hätten. Den Minister oder Präsidenten möchten wir sehen, der es wagen würde, eine solche Begnadigung zu befürworten. Man würde ihn als Berräther steinigen. Als die beiden jetzt begnadigten Offiziere zu der m erwartet melden Festungsstrafe verurtheilt wurden, waren die Fran­zosen über diese Großmath ebenfalls entzückt und priesen es in überschwänglichen Au! drücken, daß man die ehrenhaften Beweggründe der Berurtheilten aner­kannt bade. ES war daS eben auch etwas für die Franzosen Unbegreifliches. Aber an der Stimmung in Frankreich unS gegenüber hat die Milde nicht daS Serrng ste geändert.

Eher mögen die Recht behalte» haben, die meinten, eS werde durch dies« Müde dar Selbstbewußtsein

Novelle von Ernst Scharf. (16. Fsrtfetznng.)

Eine gedrückte Stimmung hatte si h d,S Bo standeS bemächtigt. „Jetzt kommen wir auch noch vor Ge­richt!" seufzte niedergeschlagen der Präsident. „Und daS kommt davon, daß ich genau deine Ratschläge befolgt habe!" fügte er, vorwurfsvoll zu Keller ge­sprochen, hinzu.

Dieser lachte lustig auf. „Seid dcch nicht so klein- müthig! Höchstens kommt ein Strafbefehl von 3 Mark dabei heraus, und den bezahle ich. Keiner von Euch wird auch nur nnen Pfennig zu zahlen haben. Ich komme für alles auf! Ihr körnt wich hier beim Wort nehmen: wenn dar nicht zutrifft, so habe ich ein Fäßchen Bier verloren! Wer hätte auch denken können, daß der verdammte Einäugige uns die Polizei auf den Hals hetzen würde? Der Mensch bat mich zuerst schmähl'ch verleumdet und dann versteckt er sich hinter den Rücken der Polizei. Gewiß, ich bin früher Mit­glied einer Gewerkschaft gewesen, die sich die Vertretung der Arbeiter-Jnterisien zum Ziele machte, aber muß man deshalb Jemand in der Weise als geheimen Send- ling an den Pranger stillen, wie eS Mertens mir gegen­über gethan? Alles, waS er fugte war Lug und Trug!"

Ungeachtet d.S Zwischenfalles hatte Keller sich nicht nur schnell zurechtgefunden, sondern auch schon seinen Plan gefaßt hinsichtlich der MertenS gegenüber einzu-

des chauvinist« chm TheileS der Franzosen gestärkt, weil sie die Mttve für Schwäche halten würden. Wir Deutsche aber denken, daß wir im Bewußtsein unserer Stärke unS diese Milde ohne Gefahr gestatten können. - Die .Harnb. Nachr.' freilich äußern wieder die Be- sorgnrß, der Gnadenakt möchte jenseits der Vogesen als Schwäche gedeutet werden und sei deshalb ein Fehler gewesen. Schwerlich hat der Kaiser sich Täuschungen über die Wirkung des Aktes bei den ; Franzosen hingegeben; insbesondere wird er nicht ge­dacht haben, sie dadurch versöhnen zu können. Er hat aber geschickt den Moment gewählt, um aber- mal? vor aller Welt zu bekunden, wie friedliebend man in Deutschland ist uvd wie redlich man darnach ! strebt, den Gegner von dieser friedlichen Gesinnung zu überzeugen. Wenn einige Revanche schreier so närrisch sein sollten, den Franzosen vorzureden, die Begnadigung der beiden Spione sei aus Angst vor der Rache Frank- ■ reichI erfolgt, dessen Unüberwindlichkeit den Deutschen immer klarer werde, so kann uns daS sehr kalt lassen, um so mehr, als die lettenden Politiker in Frankreich i die Dinge sicher e heblich anders beurtheilen werden, i In den Augen aller UrtheilSsähigen bedeutet der i Gnadenakt, daß man sich in Deutschland stark genug fühlt, nmGnade walten lassen s zu können.

Aehnlich aber hoffnungsreicher spricht sich die ,Frkf. i Ztg.' auf, indem sie bemerkt: Der erste Eindruck wird sich, daran ist kein Zweifel, bei den Franzosen ab-

; schwächen, wird es doch in Frankreich und leider auch | in Deutschland nicht an Bemühungen zn diesem Zwecke f. fehlen; aber eben so sicher ist, daß trotz aller entgegen- k gesetzten Bestrebungen ein gewisser günstiger Eindruck l der Handlung des deutschen Kaisers bei einer großen - Zahl unserer Nachbarn dauernd haften wird und daS । kann nur dazu beitragen, den Revanchegedanken, der, ; was immer auch die ChauvinS hüben und drüben sagen f wögen, durch den natürlichen Lauf der Dinge ohne- s hin mehr und mehr verblaßt, weiter in den Hinter- I gründ zu drängen.

Die ,D. ReickSztg/ schließt einen Artikel über die« ! selbe Frage folgendermaßen: Jedenfalls wird noch i lange Zeit vergehen, bis man auch in Frankreich er« ! kernt, daß der erfolgreiche Kampf gegen Sozialdemo- \ kratie und Anarchismus sich nicht mit der jetzigen ; Unsicherheit des europäischen Frieders und lieber» i anfpannung der Militärlasten verträgt. Die I rothwendige wirthschaftlich - soziale Erneue- ; rung ist durch den Bruch mit dem Militarismus i bedingt, und dahin können wir nicht eher kommen, k als bis Frankreich auf die militärische Revanche und ' die Wiedereroberung vollständig verzichtet hat. Jede i Veresterung der Beziehungen zwischen Frankreich und ' Deutschland ist ein Schritt vorwärts auf diesem Wege; aber es gehören viele Schritte dazu, um ein weilen» weites Ziel zu erreichen.

schlagenden Taktik. Di» Würfel waren gefallen, sein Spiel von MertenS aufgedeckt, jetzt galt es, rücksichtslos auf das Ziel lorsteuern. Dem gefährlichen Gegner gegenüber vlieb kaum etwas anderes übrig. Er wußte giftiges Mißtrauen und Haß gegen denselben säen, um den Eindruck seiner Rede abzuschwächen. Und daS besorgte er mit vielem Gesch ck und Erfolg. Schon der Verdacht, daß MertenS die Polizei bestellt habe, welche Aeußerung bald allenthalben verbreitet wurde, erregte vielfach böseS Blut. Semper aliquid haereat! ES bleibt immer etwas hängen, und daS Publikum ist allgemein nur zu leicht geneigt, einer Verdächtigung Gehör zu geben.

Wenn Keller die MertenS'schen Bor würfe als ge­meine Verleumdungen zurückwieS, so trat er anderer­seits jetzt offen für die Sozialdemokratie ein, unbe­kümmert um den Widerspruch, in den er sich hierbei verwickelte. „Die Sozialdemokratie sei", so führte er aus, „die einzige Partei, die den Arbeitern helfen könne und helfen werde, eben weil sie aus Arbeitern bestehe. In dieser Welt sorge nun einmal ein jeder für sich selbst. Bo» den wohlhabenden Klaffen sei nichts für die rothleidenden Weber zu erwarten. Der Beweis liege ja vor: wer komme jetzt den Webern in ihrer traurigen Lage zu Hilfe? Niemand! Sie könnten ein­fach zu Tode verhungern, ohne daß Jemand einen Finger rühre. Die Macht, welche die Arbeiterschaft, wenn einmal zu einem großen Ganzen geschlossen, in sich berge, werde von den beffer gestillten Gesellschaftr-

deutsches Reich.

Berlin, 7. Juli.

• Der Bundesrath dürfte am Montag seine letzte Sitzung vor de« Ferien abhalten und in derselben über den ReichStagSbeschluß über Aufhebung des Jstuiten- gesetzeS und über den Antrag Boyern über Wieder­zulassung der Redemptoristen verhandeln. Die Wieder- zulaffung der Jesuiten wird, wie man in unterrichteten Kreisen wissen will, mit großer Mehrheit abgelehnt, die der Redemptoristen mit großer Mehrheit ange­nommen werden. — Die ,Nationalztg.' fügt dieser Nachricht noch hinzu: Bon Bayern auS hat sich die Regierung und dem Anschein nach auch der Prinz- Regent lebhaft dafür bemüht, daß der BundeSrathS» beschloß vom Anfang der siebziger Jahre, wonach die Redemptoristen den Jesuiten „verwandt" sind, abge­ändert werde. Das preußische Staatsministerium hat sich dem Bernehmen nach damit einverstanden erklärt, und eine Anzahl anderer Stimmen wird dafür abge­geben werden in der Erwartung, daß durch dieses Zu» geständniß endglltig für die Aufrechterhaltung des JesuitengefetzeS der ganze BundeSratb, einschließlich Bayerns, gewonnen weide." Auch die Nationalliberale Korresp/ theilt mit, daß nach einer ihr „^gegangenen zuverlässigen Information" die Lösung der Jesuiten­frage im BundeSrath nahezu mit Sicherheit dahin zu erwarten ist, daß der bayerische Antrag auf Aus­nahme des Redemptoristen ordens von dem Jefnitengefetz angenommen wird. Die,Kreuzztg.' gibt diese Meldung mit dem Bemerken wieder : „Wir haben Grund, diese Darstellung der Sachlage für durchaus zutreffend zu halten."

* Der sozialdemokratische .Vorwärts' ver­öffentlicht eine durch BertrauenSbrvch in seine Re­daktion gelangte vertrauliche Verfügung der LandrathS deS Kreiser Niederdarmin bei Berlin an die Bürgermeister und Gemeindevorsteher deS Kreises. Danach ist höheren Orts angeorbnet worden, daß von den für den Militärdienst auSgehobeuen Mannschaften diejenigen bei Gelegenheit der Aushebung dertkaulich namhaft gemacht werden sollens A, welche 1) eine ge­mischte Führerrolle innerhalb der sozialdemokratischen Partei eingenommen haben oder 2) wenigstens als zielbewußte Vertreter ihrer Bahnen gelten ober 3) deren Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie nach ihrer Haltung alL zweffelloS erliefen antzenömmM werden muß — unter Trennung dieser drei Kategorien B, als Anarchisten gelten. Die Bürgermeister und Gemeinde- Vorsteher werden demgemäß ersucht, die zur dieSjährigm Aushebung heranzuziehenden Mannschaften der gedachte» Art aus dem betreffenden Orte spätestens bis znm 5. Juni d. I. vertraulich mittheilen zu wollen. @8 ist ganz in der Ordnung, daß sich die Behörden die Mög­lichkeit zu verschaffen suchen, denjenigen Sozialdemokra­ten, welche in die Armee eintreten, auf die Finger zu sehen und zu verhindern, daß der revolutionäre Seist klaffen wohl g würdigt. Dchtzalbsuche man die S-^ial- dewokratie alS Inbegriff aller Gefährlichkeit, aT8 fluch­würdige Einrichtung zu braudma ken, um so den be­fangenen Arbeiter durch Borurtheile von ihr fernzuhatten. Die Aufklärung breche sich immer mehr und mehr Bahn, und die 1,714 000 Stimmen der Sozialdemo, kratie bei der letzten ReichStagSwahl zeigten, daß die Zeit nicht fern fei, in der ihr auch die Macht auf ge- s'tzliche Weise zufallen werde. Dann werde auch für den Arbeiter die goldene Zett aybrechen."

Diese geschickte Propaganda, die Keller j'tzt uner­müdlich in kieinerrn und größeren Kreisen betrieb, blieb nicht ohne Einwirkung, wenn eS auch vorab meist die jüngeren Leute iparen die sich durch den schönen Zu» kunstStraum berücken ließen.

Mit Jansen hatte Keller eine lange Auseinander- Atzung unter vier Augen. Der WeltverbefferungS- Apostel brachte hier nicht nur noch einmal und ein­dringlich seine Lehre vor, sondern er faßte auch den jungen Mann an feiner schwachen Stelle: an der Eitelkeit. Er stellte ihm vor, daß er (Keller) nicht ohne schwerwiegende Gründe besonders Jansev'S Freund­schaft gesackt habe, denn eS sei in ganz Rahlen und Umgegend keiner wie er geeignet, eine führende Rolle zu übernehmen. MertenS könne wohl schwätzen, aber er sei auch weiter nichts als ein Schwätzer; Jausen aber sei der Mann der Ueberlegung und des Handelns. Die Sozialdemokraten bedürfen solcher Männer, nicht nur als Führer, sondern auch als Vertreter an höherer