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Beilage zu Nr. 153 der »Fuldaer Zeitung"

Sonntag, den 8. Juli 1894.

der Faulheit ergeben, wie soll dann der kommunistische Staat die Mittel zum Bestehen seiner Gemeinschaft erwirken. Wenn nicht Alle verhungern sollen, doch nur durch Zwang! Also dann kommen wir bezüglich der Arbeit gerade so weit wie jetzt, nur, daß der Zwang im ZukunftSstaate ein viel schlimmerer sein wird. Also dann fällt das verlockende TruggebUde vom fozialdemokratischen Zukunftsstaate in stch zusammen. Und nun gar das Familienleben, wie eS der sozial« demokratisch; Apostel Bebel entwirft, z. B. die zu­künftige Erziehung der Kinder durch den Staat. DaS tiefste und beglückendste Gefühl, dar sich in der Menschenbrust birgt, die Mutterliebe, wird gewaltsam auS dem Herzen gerisien. Arme Kinder in der Pflege ohne Mutterliebe; arme Mütter, die ihr Letzter vom Munde abzusparen vermögen und sich doch hochbeglückt fühlen in der Aufopferung für ihren Liebling! Matter­glück, Familrenglück hat im ZukunftSstaate leinen Platz! Und schließlich wehe uns Allen unter der sozialdemo- kratischen Herrschaft. Ein Hauptziel drS Sozialdemo­kraten ist die Bekämpfung der Religion, denn er weiß zu gut, so lange der Mensch noch Religion hat, wird er kein Mana der Umsturzpartei.

„Unb war würden wir, die wir als Arbeiter nun einmal unser Dasein fristen müssen, auf dieser Erde haben ohne Religion? Mit ihr tragen wir geduldig unser LooS, mag eS unS auch unter Umständen schwer fallen, wir erfüllen treu und gewissenhaft die Pflichten, welche daS Gemeinwesen verlangt, nicht nur auS Pflicht­gefühl und Zwang, sondern weil die Religion eS ge­bietet. Und so nehmen wir auch geduldig Drangsal und Leid auf unS, denn wir erwarten dereinst ewige Glückseligkeit im Himmel für treue Pflichterfüllung auf Erde«. Der Glauben an Gott ist unser Halt, unsere Zuversicht, unser Alles und lehrt uns muthig durch alle Bitterkeit« der Lebens schreit«, ja nimmt der Todesstunde ihren unheimlichen Schrecken! Das Alle- wollen unS die Sozialdemokraten rauben! Was bieten sie uns dafür? WaS ist der Menfch ohne Religion? Er arbeitet dann nur noch mit Widerwillen, mit Ber« druß, nicht aus fteiem Antriebe, wie wir, fondern nur, weil er muß, und fein aufgehetztes Gemüth verzehrt sich in Verbitterung und Haß gegen den besser gestellten Nachbar. Die Strafgesetze vermögen allein dm natür­lichen Hang zum Bösen im Menschen nicht zu zügeln. Er folgt feinen Leidenschaftm, verfällt leicht de« Laster und hofft bei teilten Übeln Thaten der weltlichm Ge­rechtigkeit zu mtgehm, denn sie ist Menschenwerk und so nur mangelhaft. Nur Gottes Auge wacht überall.

Macht Euch daS Leben hübsch und schön, Kein Jenseits gibt'S, kein Wiederseh'n!

Das ist die Religion der Sozialdemokraten. Da­bei gehen sie, ich betone das nochmals, systematisch daraus aus, dm Menschen unzufrieden zu machen, zu verbittern. Ist er soweit, dann wird er aufgehetzt gegen die Besitzmdm. Sein Glaube ist ihm vergiftet, er ist um jedm moralifchm und religiösen Halt gebracht wor­den, seine innere Glückseligkeit ruinirt. Dann ist er nur noch eine gezähmte Bestie in Menschengestalt, von der einst der berühmte Anthropologe Schaaffhausm sprach. Blindlings glaubt er dm Bolksverführern und ihrem fluchwürdigm Schwindel von dem gäukelhaften Phantom des ZukunstrstaateS. Man hat ihn so elend gemacht, daß chm eine Verschlimmerung seiner Lage nicht denkbar scheint. So ist er reif, um auf dm Um­sturz der bestehenden Ordnung hinzuarbeiten.

Ich könnte Euch die Apostel der modernen Volks- beglückung auch noch von einer andern Kehrseite zeigen: aus Mannheim, Crefeld, Bonn rc., zu Dutzenden liegen die Fälle vor, wo die sozialdemokratischen Agitatoren und Kasstrer mit den Beiträgm, den sauer verdimtm Groschen der atmen bethörtm Arbeiter durchgebrannt sind. Da- ist auch so eine Probe, wie die Sozial­demokratie dar Wohl der armen Manner fördert. Doch die Welt will nun einmal betrogen sein. Der Kluge läßt sich nicht bethörm, er bleibt sparsam und fleißig; dämm freut er sich seiner Errungenschaft, ist für den Fall der Roth geborgen nnb ißt ba8 süße, unbezahlbare Brob ber Zufriedenheit.

Unb nun zum Schluffe eine persönliche Bemerkung alr Antwort auf bie mir mtgegmgeschlmberte Bet« bächtigung: ber geheime Agmt, ber iu unserem Orte im Dimste ber Sozialdemokratie thätig ist und dafür bezahlt wird, ist ber von Auswärts hier zugereiste Schriftführer ber „Gemächlichkeit", Herr Keller.

Ruhig, wie er gesprochen, stieg Mertens vom Stuhle herunter unb trank gleichmüchig bmRest seines Bieres aus.

Tobtmstill blieb'S, als er geendet. Die Wirkung seiner Worte legte sich wie ein Alp auf bie Gemächer ber meisten Zuhörer. Evblich fingen einige ber Rah- lener, stolz darauf, daß einer der Ihrigen eine solche Rebe zu haltm vermochte, an, Beifall zu klatschen unb balb fanb baS Beispiel lebhafte Nachahmung. Die Augm richtet« sich nach dem plötzlich alr sozialdemo­

kratischen Agitator hingestellten Schriftführer am Bor- staadstische unb auch der Präsident starrte verblüfft zu seinem Nachbar zur Rechten hinüber. Dieser hatte mit Spannung ber angekündigten Beschuldigung entgegen gesehen. Auch hierin hatte Mertens eine kluge Taktik befolgt. Erst im letzten Satze schleuderte er dem Gegner die Anklage zu. Wollte dieser sofort antworten — und dazu war er nach Lage der Sache gezwungen — dann blieb ihm keine weitere Zeit zum Ueberlegen. Dre Be­schuldigung hielt sich allgemein, aber Keller sühltt, daß auch hierin sich eine Falle verbarg, daß sein Gegner sich den Beweis anffparte, um im gegebenen Augen­blicke einen weiteren, schweren Schlag zu führen. Dem überlegenen Geiste gegenüber fühlte sich Keller zaghaf^ unsicher. Wohl besaß er Scharfsinn und er war auch in hohem Grade redegewandt, aber von der ungewöhn­lichen geistigen Befähigung des einfachen Webers wurde er bedrückt. Und doch mußte er eingreifen, augenblick­lich, denn der geschienene sichere Erfolg der heutigen Versammlung, die mit so großer Mühe inscemrt vor- den, war dahin, wenn er nicht sofort bie gewaltigen Schläge bes Gegners geschickt zu panren verstaub. Und so erhob er sich. «Liebe Frennbe!" begann er sanften Tones, «zunächst will ich bem Herrn Vorredner aus daS Sachliche, das er gegen den Streu ausgeführt, antworten. Wenn also bie Arbeiter zusammentreten, sich vereinigen, um ihre Lage zu verbessern, so ist daS Svzialbemvkratie" ,, , . ...

Mein!" fuhr «Werten« Stimme scharf dazwischen. Keller reagirte aber auf diesen Zwischenruf nicht, son­dern fuhr fort: «Wer nimmt stch denn ber Arbeiter an, wenn sie nicht selbst ihre Rechte geltenb machen? Niemanb! Unb wenn man einem gemeinnützigen Unter« nehmen bie Bezeichnung «Sozialdemokratie" beilegt, wird er dadurch geschändet? Mn Sprüchwort sagt mit Recht: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Unb wir wollen uns selbst helfen, wollen - - wir wollen - - Ich bitte um Ruhe!" Der Präfibent fuchtelte mit ber Klingel durch bie Lust, boch Gedränge und Unruhe am Eingänge der Saales hielt an. „Platz gemacht hier!" ertönte es in befehlendem Tone unb durch die zusammengestaute Menge preßten sich zwei GenSdarmen. Sie schritten auf den VorstandSttsch zu, wahrend eine lebhafte Bewegung durch den Saal ging.

Gelassen schaute Keller den Wachtern des Gesetzes entgegen. Sie kamen ihm nicht ungelegen. Er ward so unerwartet au8 einer peinlichen Sage, die leicht zur Niederlage werden konnte, befreit, „geigen Sie mir die polizeiliche Anmeldung dieser Versammlung! wandte sich der erste Gen8darm an Keller, den er für beit Leiter ber Versammlung ansah. .

«E8 ist keine Versammlung, sonbern nur eine 8er- ein-sitzung ber „Gemächlichkeit", zu ber eS einer poli­zeilichen Anmelbnng bedarf!" entgegnete kaltblütig bet Schriftführer. Ä

DaS wirb sich fiuben", repl'cirte ber Beamte. Dann wanbte er sich zu den Anwefenben mit erhobener Stimme: «Die Versammlung ist hiermit aufgelöst. ES ha« ben bie Anwefenben sofort baS Lokal zu verlassen.

Allgemeine unb vielfach Peinliche Ueberraschung war bie Folge. Die Auflösung der Versammlung wurde von den Meisten mit Mißbehagen aufgenommen; heftig bebattirenb und geräuschvoll entfernten sich lang­sam die Leute. Die Fremden schimpsten laut darüber, daß eS eine Schande fei, bie Polizei auf bie Arbeiter zu Hetzen, wenn biefe ihre Angelegenheiten. in einer Versammlung besprechen wollten. Jnbeffen diese Aus« fühtung« warm doch mehr äußerer Schern; die Ge­noffen benutzten die willkommene Gelegenheit, gegen bie Polizei zu schüren, währmb sie innerlich froh waren, baß bar Rebebnell zwischen Keller mü) dem blaff« einäugigen Mmschm nicht zum mtscheibenbm AuStrag gekommen war. Bei der seltenen Beredffamkelt des Letzteren stand zu befürchten, daß er bie Meinung ber Versammelten mbgültig bestimmen werbe. Gegenüber ben Fremden, die sich von ber Polizeigewalt als unter- drückt unb unschuldig gemaßregelt darstellten, waren die Ortsbewohner anfangs von dem Vorfälle unange­nehm berührt toorben, benn bie polizeiliche Auflösung einer Versammlung war hier noch nicht dagewesen. DaS machte sie» mißtrauisch unb befangen bezüglich ber ganzen Veranstaltung; sie hielten bieselbe für unerlaubt, ungesetzlich. Bon ben Bestimmungen beS VereinSge« setzeS hatten bie schlichten Leute keme Schmmg. Erst als bie Fremben ihnen klar machten, baß eS sich nur nm ein einfaches formelles Versehen wegen der Nicht« anmelbnng ber Beiffammlung handele, ba stimmten sie, Wenn auch scheu unb znrückhaltenb, mit ein m die Vermtheilung deS polizellichen Vorgehens. Der Em- druck des schweren Vorwurfes, ber gegen Keller er­hoben worben, war durch bie polizeiliche Intervention abaeschwächt unb verwischt worben. Einer bet GenS« bannen hatte inzwischen die Namen der BorstanbSmit» glieder notirt, während ber anbere bie Leute zum HinanSgehm drängte. (Fortsetzung folgt.)

Novelle von Ernst Scharf.

(15. Sortfepmg.)

Wit Bewohnet von Rahleu können allein beschließen, WaS wir zu thun unb zu lasse» haben! folgten wir ihrem Rathe, bann wäre ber Streik ba, auf den Streik folgte großer Elend, unb bann wären wir reif für bie Sozialdemokratie! Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann eben Alles wagen! Männer von Rahlen, Euch gelten meine Worte. Bon Jugend an hoben wir zu­sammengelebt in Eintracht und Frieden, wie es unsere Väter gethan, unb wir sühlteu uns glücklich in diesem Verhältnis. Auf die jetzige GeschäftSflaue folgt auch wieder eine bessere Zeit. Gewiß wäre es schönet, wenn Wir Herten statt Arbeiter sein könnten. Aber Bet« schiedmheit der Stände hat eS von Anbeginn an ge­geben und muß eS geben, so lange unser Erdball Mmschm trägt. „Genieße ftoh, WaS dir beschiel)«, entbehre gern, WaS du nicht hast!" Handeln wir dar­nach, dann können wir mit dem Loose, daS uns Gottes Botfehnng angewiesen, glücklich sein, wie eS unsere Väter waren. Richtet man sein Sinnen nur auf irdischen Genuß, wo ist bann bie Grenze zu fiuben, wo biefe Wünsche erreicht sinb? Eine solche gibt'S nicht, nnb so auch keine Befriedigung, kein Glück für des Mmschm Herz. Wir müssen arbeiten in dem uns nun einmal zngetheilten Wirkungskreise, aber wir können in Zu­friedenheit unS auch besten freuen, waS unS beschieden ist, nnb bann ftnb wir glücklicher, als bie Reichen. Unb hoben wir ben Posten hieniedeu gut ausgefüllt, so winkt unS ber ewige Lohn im Himmel! Das, waS wir zum Leben nöthig haben, finden wir bei Fleiß und Sparsamkeit auch bei einer weniger guten Ge­schäftszeit. DaS heißt, mir sollten eS finden! Aber anders ist leider der Zug ber Zeit. Früher hatten Wir hier nur einen Verein, bie Schützengesellschaft, jetzt haben wir außerdem noch einen Gesangverein, eine kameradschaftliche Bereinigung, einen Kegelklub und eine Sotteriegesellfchaft. Mancher ist Mitglied mehrerer Ber« eine. Wie viel Zeit geht hierbei verloren durch Proben, Versammlungen rc., die man nutzbringmb in Haus unb Garten verwerthm könnte? Wie manche Ausgabe entsteht bei biefen Zusammenkünften, Festen unb Nach« fitzungm, die unnöthig ist? Unsere Bätet kannten biefen Ueberfluß an gefellschaftlichen Bereinigungen nicht, aber bafiir wußten sie zu spaten, hinterließen nur Haus unb Acker unb Vermögen; wir bagegen klagen übet schlechte Zeitm unb geben unser Geld für Ver­gnügungen und Beteinszwecke auS, statt etwas für den Fall ber Roth zurückzulegen. Hier ist ber eigentliche Ursprung unfeter jetzigen schlechten Lage zu suchen, beim wir haben eS verlernt, uns für schlechte Zeiten votzusehen. Gewiß Jebern sein Vergnügen, aber mit Maß! Diese Vereins- unb Vergnügungssucht führt uns zum Ruin, und nicht die Verschlimmerungen im Gewerbebetrieb durch Maschinen rc., wie es bie Sozial« bernokratie behauptet. Diese meine Ausführungen wer­den Tuch vielleicht schlecht gefallen, aber sie sinb wahr, nnb bie Wahrheit ist meistens bitter. Und nun zu ber Sozialbemokratie, welche hinter ber Einberufung biefer

' Versammlung lauert."

Betschiebene ber Fremden, welche bie Rede unruhig angehört, stießen ein höhnischer Lachen aus. Mertens ließ stch durch nichts beirren. Boll Begeisterung in bie Rebe sich hineinlebend, schien seine Gestalt zu wachsen und bie Zuhörer in ihren Bann zu ziehen.

„Die Sozialdemoktatte", fuhr er nachdrücklich fort, «streckt überall ihre Fangatme nach bem Arbeiter aus, unb wer ihr einmal verfallen, ber ist bechört unb ver­loren für Zeit unb Ewigkeit. Diese Versammlung hier ist auch eine Masche in bem Netze, baS nach ber hiesigen Gegenb geworfen würbe. Bearbeitet würben hier bie Geister schon längere Zeit. Bei ber schlechten Geschäftslage hält man allgemach bie Zeit für ge­kommen, bestimmter vorzugehen. ES ist ein Jammet, baß eS gestattet wirb, bie vetberblichen Lehren de- Umsturzes zu predigen und junge Leute, die vonWelt- orbnung unb sozialem Leben überhaupt noch leinen Begriff hab«, zu bechör« unb anfzuhetzen. Fragt man, was bie Sozialdemoktatte ist, waS sie will, so erhält man allerhand schöne und verlockende Redens­arten, wie im Wege der StoatSgenoffenschast Alles geändert und geregelt, für Alle gleich werden soll. Meine Freunde von Rahlen, daS ist Schwindel aller- gefährlichster und alletschlimmstet Art. Soll der sozia­listische Zukunstsstaat Platz greif«, dann müssen vochet erst Ströme von Blut da- Bestehende wegschwemm«. Und bann — ich nehme einmal an, das Ungeheuerliche wäre gescheh« unb wir wären nach dem Chaos der Betwüfttmg und des Jammer- noch glücklich am Leb« geblieb« — wie soll'- dann geh«? Wird der Fleißige ruhig zuseh«, wie er mH bem Faulleuzet an seiner Seite b« gleichen Lohn theilt? Wird et bann nicht auch faullenz« ? Und wenn so folgerichtig sich Alle