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Samstag, den 7. Juli 1894.

21. Jahrgang

JV 152

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Regelung der Strashlmr-Arbeit.

Unter den berechtigten Klagen, welche seitens der Mitglieder deS Handwerkerstandes seit Jahren und bisher leider vergebens geführt worden sind, obgleich man den Handwerkern gegenüber stets das ihnen ent­gegengebrachte Wohlwollen der Regierung betont hat, nimmt auch diejeuige über die in den Strafanstalten hergestellten Handwerksarbeiten einen hervorragenden Platz ein. Die dem Handwerkerstande auS dem in den Strafanstalten bis jetzt üblichen Betriebe erwachsene Schädigung seiner berechtigten Interessen ist schon sehr häufig hervorgrhoben worden, ohne daß jedoch bis zur Stunde die wünschenswerthe und unserer Ueber- zeugung nach auch dringend nothwendige Aenderung nach dieser Richtung hin erfolgt wäre. Verkennen läßt eS sich ja allerdings nicht, daß eine durchgreifende Aenderung bezüglich der StrafhauSarbeit immerhin auf einige Schwierigkeiten stößt, allein, das darf in den maßgebenden Kreisen kein Grund sein, die erforderliche Reform auf die berühmte lange Bank zu schieben und sie gar nicht in Angriff zu nehmen. Der Stand, welcher hier in Frage steht und der nicht nur der Versicherung, sondern auch der Bethätigung des Wohlwollens der Regierung bedarf, wenn er vor dem drohenden Unter­gang bewahrt bleiben soll, hat vor Allem ein Anrecht darauf, zu verlangen, daß staatliche Institute, wie Ge- sänguiffe eS sind, ihm nicht eine für ihn höchst unan­genehme Konkurrenz machen. Schützt man andere Stände hinsichtlich ihrer Eistenz durch Gesetze rc. dann ist eS nicht mehr als recht und billig, daß man auch dem Handwerkerstande wenigstens das gegenüber thut, welches die Mehrzahl seiner Mitglieder als geeignet ansehen, i den Krebsgang des Handwerks zum Stillstand zu ' bringen und dem Handwerk ein Emporblühen zu er» ! möglichen. Bisher ist leider trotz mancher schönen und viel versprechenden Worte sehr wenig zur wirklichen Verbesserung der Lage der Handwerkerstandes geschehen und er selbst in materieller Hinsicht in Folge der ihm fehlenden thatkräftigen Unterstützung allmählich so sehr zmückgegangen, daß man gerade kein Pessimist zu sein braucht, um an eine bald eintretevde bessere Zukunst für den Handwerkerstand nicht zu glauben. An der bedauerlichen Lage der Dinge bezüglich deS Handwerks tragen allerdings — wir machen unsererseits kein Hehl daraus — auch sehr viele Mitglieder des altehr­würdigen, heutzutage von Manchen so wenig in seiner wahren Bedeutung für Staat und Gesellschaft ge­würdigten Standes mit die Hauptschuld und zwar deshalb, weil sie, wie man zu sagen pflegt, Gottes Waffer überGotteS Land laufen lassen und sich absolut picht um die Interessen ihrer Stander kümmern. Der­gleichen Handwerker findet man namentlich unter den besser fituirten Mitgliedern der in seiner Existenz so sehr gefährdeten Standes; sie selbst kommen gut durch'- Leben und deshalb glaube» sie, nicht verpflichtet zu sein, ihrerseits etwas zur Hebung des gesammtm Standes thun zu müssen; die kleineren und kleinen Handwerker fiud aber auf die Unterstützung ihrer „größeren" Stan-

Drunnengifi.

Novelle von Ernst Scharf.

(14. Fortsetzung.)

Keller aber nahm einstweilen gar keinen Vermerk von der Rückkehr drS Präsidenten der „Gemüthlichkeit" und schwang nachdrücklich die Schelle. „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!" fuhr er dröhnend unter die auf­geregten Geister, und allgemach trat Stille ein. „Berthe Freunde", fuhr er dann in sanfter Tonart fort, „ich bitte herzlich, Alles zu unterlaffev, wodurch diese Versammlung, in der so Wichtiger zur Berathung steht,Zin Aufregung gebracht wird. Er ist keine Frage mehr, daß die Versammlung den Gegenstand der heutigen Berathung für genügend aufgeklärt erachtet, so daß in die Diskussion über die Art der Ausführung des Streiks getreten werden kann."

„Man hat mich vorhin als geheimen Agenten der Fabrikhrrren bezeichnet. Das ist eine niederträchtige Verleumdung! Dagegen behaupte ich — und ich habe den Beweis meiner Behauptung in der Tasche — daß wirklich ein geheimer Agent hier im Saale ist, der nicht im Jntereffe der Weber, sondern im Auftrage einer auswärtigen Gesellschaft handelt. Wenn man mich jetzt nicht sprechen taffen will, werde ich nach Schluß der Berfammlung im Wirlhkzimmer Jedem, der sich überzeugen will, meine Beweise vorlegen."

dergenoffen angewiesen, namentlich dann, wenn eS gilt, Hilfe vom Staate zu erlangen; denn nur, wenn dar gefammte Handwerk für feine Forderungen eintritt, wird man sich regierungsseitig für verpflichtet halten, an einer Reform zu Gunsten des Handwerks zu arbeiten. Daher kann nichts mehr gewünscht werden, als daß alle Mitglieder deS Handwerks, gleichviel ob sie zu den Befferfttuirte« oder den Minderbemittelten gehören, ein Korpsgeist erfüllen möge, der sie anspornt, Aller, waS irgend möglich auf gesetzlichem Boden ist, für die Ja- tereffen der gesammten Stander zu thun. Ein Korps­geist, der auch bereit ist, für die gemeinsame Sache Opfer zu bringen, muß und wird mit der Zeit auch Denjenigen impouiren, welche den Handwerkerstand be­reits zu den Tobten zu zählen lieben und vor Allem wird er es fein, der auf die Gesetzgebung zu Gunsten deS Handwerks einen entscheidenden Einfluß auSübt. Wenn eS jetzt heißt, daß man an maßgebender Stelle bemüht ist, eine Reform hinsichtlich der StrafhauS- Arbeit eintreten zu taffen, und zwar zunächst dahin, daß die Strafanstalten, um den Wettbewerb, der dem freien Handwerk aus der Strafanstalts-Arbeit erwächst, zu beschränken, fortan in größerem Umfange zur An­fertigung des Bedarfs an Bekleidungs- Gegenständen für das Heer herangezogen werden sollen, dann ist das zwar ein kleiner, aber immerhin erfreulicher Fortschritt, der durch die fortwährenden Kundgebungen der zielbewußten Handwerker erreicht worden. Hieraus aber läßt sich auch erkennen, daß nur eine unbedingte Solidarität der Handwerker aller Kategorien im Stande ist, dem Handwerk das zu schaf­fen und zu sichern, was zu feiner Erhaltung, zu feinem Blühm und Gedeihen erforderlich ist und deshalb kön­nen wir nur den Wunfch auSsprechm, daß man sich in allen Kreisen deS Handwerkerstandes immer mehr deS einen Nothwendigen: der solidarischen Vertretung der Interessen des Handwerkerstandes bewußt werden und danach handeln möge. Solidarität, Korpsgeist aller seiner Angehörigen, das ist eS, was das Handwerk in erster Linie zu seinem Blühm und Gedeihen bedarf!

Deutsches Keich.

Berlin, 5. Juli.

• Das Kaiserpaar hat gestern Nachmittag von Stavanger aus die Reise nach dem Norden fort­gesetzt. Vormittags hatte der Kaiser einen Ausflug nach dem Lyfefjord unternommen.

* Der preußische Kultusminister Dr. Buffe war in der letzten Zeit von einem akuten Anfall von Gallen­stein-Kolik, einer außerordentlich schmerzhaften Krankheit heimgesucht worden. Seit gestern ist nun eine erfreuliche Wendung zum Befferm eingetretm.

* Unter Mitwirkung eines vom Berliner Gewerbe- gericht konstituirtm EiuigungSamts, hat heute die erste Besprechung in der Frage des Bier-Boykott» zwischen Vertretern der Arbeiterschaft und deS Vereins der Bier- brauereim Berlins und Umgegend stattgefundm. Ueber

Ruhig blieb Wertens, nachdem er hastig, aber doch verständlich und eindringlich diese verblüffenden Worte in die Versammlung geschleudert, stehen. Nach seinem geschickten Schachzuge war tiefe Stille eingetreten, die Wirkung war eine bedeutende. AuS dem Verdächtigten war plötzlich ein Ankläger geworden, der seine Anklage beweis n wollte. Und wer war der geheime Agmt in der Versammlung? Werten- hatte vorsichtiger Weise keinen Namen genannt, man war nur auf Bermuthungen angewiesen, und das rief allgemein die Neugierde wach. „Reden!" „Weiter reden!" erscholl eS zuerst vereinzelt, dann vielfach von den verschiedenen Tischm.

Keller hatte die Schelle dem Vorsitzenden der „Ge- müthlichkeit" hingeschoben. „Präfidire Du weiter!" sagte er kurz. Dann rieb er sich mit dem rothen Taschentuch über die Stirne, wie um seine geistigen Kräfte aufzusrischm. Er hatte geglaubt, dm ländlichen Cato durch die Verdächtigung als geheimes Werkzmg der Fabrikanten moralisch unschädlich zu machen. Und nun wurde diese Beschuldigung zum Patthenpfeil, der auf den Schützen zurückprallte. Mertens nahm dm Kampf auf, aber statt sich zu vertheidigm ging er gleich mit allem Nachdmck zum Angriff über. Daß der Einäugige Beweise hatte, war zweifellos, wenn­gleich Keller vergeblich darüber uachgrübelte, wie sein Gegner sich solche hatte verschaffen können. Was war

das Ergebniß der Berhandlungm ist bis jetzt noch keine Nachricht eingegangm.

* Der preußische Handelsminister hat die kauf­männischen Korporationm, Handelskammern usw. ersucht, sich über eine Anzahl von Abänderungsvorschlägen gut­achtlich zn äußern, welche im Hinblick auf die durch das neue bürgerliche Gesetzbuch zu ermattenden Aende- rungm der Rechtslage von verschiedenen Settm behufs Abänderung der Ko«k«r»ord»nng gemacht wordm find.

* Der,Reichsanzeiger' veröffentlicht.die Ausfüh­rungs-Verordnung zu dm Gesetzen über den Schutz der Waareubezeichumrge« und über den Schutz der Gebrauchsmuster. Für die auf Waarmzeichen be­züglichen Angelegenheiten wird im Patentamt eine be­sondere Abtheilung für Waarenzeichm gebildet. Für Beschwerden gegen die Beschlüffe dieser Abtheilung, so­wie für die Erstattung von Gutachten gemäß § 11 des Gesetzes über dm Schutz der Waarenbezeichnungm ist die Beschwerde-Abcheilung I des Patentamts zuständig. Insoweit in Angelegenheiten deS Schutzes von Gebrauchs­mustern das Patentamt zur Erstattung von Gutachtm ermächtigt wird, sind hierfür die Beschwerde - Abthei- hingen zuständig.

* Die ,Rat. Ztg.' veröffentlicht eine Eingabe der deutsche« Kolonisten in Jaffa und Sarona vorn 12. Juni d. I. an den deutschen Konsul in Jeru­salem, worin sich diese über Beeinträchtigung durch daS Bestreben türkischer Behörden zu freiem Eigenthmu erworbenen Grundbesitz für solchm zu erklären, an dem die türkische Regierung ein Obereigenthum hat, be- schweren und die Bitte auSsprechm, bei der hohen Pforte dahin zu wirkm, daß die für die dmtschen Kolonisten so verderblichm Maßnahmen der beteiligten türkischen Behördm zurückgenommen würdm.

• Die neue militärische Beschwerdeordumtg liegt jetzt im Wottlaut vor. DaS Wichtigste daraus ist Folgendes. Jede Beschwerde ist dem Kompagnie- rc. Chef unmittelbar und mündlich vorzutragm. Bisher war sie beim nächsten Vorgesetzten, also meist beim Unteroffizier anzubringen, von wo sie dann stufenweise weiterging. Ob die Augst vor der Beschwerde bei dem gestrengen Herrn Kompagnie-Chef geringer sein wird, als vor der beim Unteroffizier, müssen wir da­hingestellt fein taffen; jedenfalls gelangt sie aber jetzt direkt an die richtige Adresse, währmd eS bisher unter­wegs wohl nicht an Aufenthalt gefehlt hat. Die Ent­scheidung ist dem Beschwerdeführer „ihrem wesentlichm Inhalt nach mitzutheilen", und er kann daraufhin weitere Beschwerde führen. DaS ist ebenfalls ein Fortschritt. Der Soldat darf niemals während des Dienstes oder unmittelbar nach Beendigung deS Dienstes, sondern erst am folgenden Tage feine Be­schwerde anbringen. Das wird wohl die Zahl der Beschwerden vermindern, sowohl der leichtfettig« als der begründeten. Am anderen Tage ist der Schmerz od w der Zorn gewöhnlich schon sehr abgekühlt; der Soldat, der im ersten Eifer nach einer Mißhandlung den Muth hatte, sich zu beschweren, wird fich am jetzt zu thun? Evmtuell Alle- ableugnen? Oder sollte er durch Tumult der iustruirtm Genoffen dm Redner niederschreien lassen?

Diese Gedankm durchblitzten sein Hirn und er blieb unentschlossen, währmd die Unmhe m der Bersamm- ung immer stärker wurde. Der Präsident schaute mnend vor sich hin. Die lauter werdmden Zwischen- rufe störten ihn nicht; er blieb damit beschäftigt, eine Ansprache zu memoriren. Etliche Ungeduldige fingen an zu trampeln.

Jansen erhob sich endlich. „Hochansehnliche Ver­sammlung!" begann er. «Fidibus unitis! sagt der Lateiner. Einigkeit macht stark! Ich bitte um Ruhe!" unterbrach er sich dann, als das Geräusch anbanette und er klinaelte heftig, was er vorhin in Gedanken über seine Rede vergessen hatte. Keller schaute über­rascht auf, als er daS Latein auS dem Munde seines Gefährten vernahm. Er verstand eS ebenso wenig, wie die Andern, und so kam Jansen um einen, wem auch nicht gewollten HeitetteitSersolg. „Also vor Allem, Einigkeit", redete Jansm weiter, „und die Kund­gebung dieser hochansehnlichm Versammlung wird eine bedeutende fein, wenn wir einig bleiben. Und in diesem Sinne wollen wir weiter handeln!"

Enttäuscht blickte er drein, nachdem er geendet, alS die seiner Ansicht nach so bedeutenden Sorte ohne jeden Eindruck blieben. „Weiter reden!" erscholl eS ungestüm.