21. Jahrgang
Freitag, dm 6. Juli 1894.
JM 151
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Deutsches Reich.
Berlin, 4. Juli.
• Dos Kaiserpaar ist gestern Abend nach guter Fahrt in Stavanger eingetrrflen und wurde daselbst von der Bevölkerung festlich empfangen. Die Stadt war illuminirt und der Hafen beflaggt. Heute sollte die Reise in den Hardanger TjordS fortgesetzt werden. — Die kaiserlichen Kinder treten am Sonnabend Vormittag diesReise von Potsdam nach Schloß Wilhelms« höhe bei Kassel an.
* Zur Affaire Kotze erfährt der „Lokal-Anzeiger", daß Herr von Kotze, gleichviel wie die Untersuchung endigen wird, definit,v aus dem Hofdienst ausscheiden wird.
* Einer nach den Berichten der beamteten Thierärzte im Kaiserlichen Gesundheitsamts zusammen gestellten Nachweisung über den Stand von Thiersenchen im deutschen Reiche zufolge, herrschten am 30. Juni d. I. der Rotz (Warm) in 52 Gemeinden rc. und 62 Gehöften, die Maul- und Klauenseuche in 297 Gemeinden rc. und 1055 Gehöften, die Lungenseuche in 10 Gemeinden und 15 Gehöften.
* Die Reichskommission für Arbeiterstatiftik erörterte in ihrer Sitzung vom 27. Juni die Frage, ob dar ihr vorgelegte statistische Material über die Arbeitszeit in Getreidemühlen eine sichere und zuverlässige Grundlage für ein weiterer Vorgehen abgäbe, inwieweit er der Ergänzung bedürfte, und anf welchem Wege diese Ergänzung zu beschaffen wäre. Die erstere Frage bejahte die Kommission. Sie beschloß ferner, den Reichskanzler zu ersuchen, zur Beurtheilung der Einflusser der festgestellten Arbeitszeiten auf die Gesundheit der Müllergesellen ein Gutachten des Kaiserlichen Gesundheitsamts einzufordern. Die hinsichtlich verschiedener Punkte noch nothweudige Ergänzung des Materials empfahl die Kommission dnrch schriftliche Befragung von Arbeitgeber-, sowie Arbeitnehrner-Ber- tretangtn, und demnächst durch mündliche Vernehmungen von Auskunftspersonen zu beschaffen. Die au die Vertretungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu richtenden Fragen wurden im einzelnen berathm und festgestellt. Ferner wurde die Auswahl der Vertretungen von Arbeitgebern aus der Wassermüllerei, sowie von Arbeitnehmern auS der Wasser- und Windmüllerei vorgenommen. Die Auswahl von Arbeitgebervertretungen auS der Windmüllerei dagegen dem Vorsitzenden übertragen. An den Berathungen nahmen drei Müllermeister und drei Müllergesellen theil.
• Frau Dr. Prager, die bekanntlich kürzlich durch die Gnade des Kaisers auS dem Zuchthause Sauet entlassen wurde, ist dem „Börsen-Courier" zu Folge, wegen Anstiftung zum Meineid wieder in Untersuchungshaft genommen wordey. Er soll sich hierbei um den beim Kammergericht noch schwebenden EhescheidungS- Prozeß der Prager'schen Eheleute handeln.
* Auf dem diesjährigen deutschen Auwaltstag der vom 11. und 12. September d. I. in Stuttgart statt-
Drrnmengist.
Novelle von Ernst Scharf.
(13. FortiHuug.)
Keller war stehen geblieben. Scharf lauerten unter der gefurchten Stirn seine etwas versteckt liegenden grauen Augen zu der Versammlung und zu Mertens hinüber, der unbeweglich auf seinem Stuhle stand. Sie glichen zwei Führern, die sich feindlich gegenüber standen, nur daß der Kampf ans dem Gebiete des Geistes anSgetragen wurde. Der Düsseldorfer war klug genug, seinen Gegner nicht zu unterschätzen; er wußte, daß diesem eine gefährliche Beredsamkeit zur Verfügung stand und, waS noch gefährlicher war, eine kaltblütige Besonnenheit. Nur von diesem Einzigen stand zu befürchten, daß die so ganz nach Wunsch verlaufende Versammlung in eine andere Bahn lenken könnte. Der Düsseldorfer hatte denn auch umfassende Vorkehrungen getroffen, diesen Gegner unschädlich zu machen.
Mit Befriedigung gewahrte er, daß die Mehrzahl der Anwesenden für Schluß der Debatte war; indrß eilte er nicht, daS Resultat der Abstimmung bekannt zu geben. Dar Handaufheben wirkte bald ermüdend und verschiedene Arme hatten sich wieder gesenkt, ehe Keller die Prüfung der Abstimmung vorgenommen hatte und anscheinend gleichgilttg, aber doch nicht ohne eine leise Erregung rief: „Der Antrag auf Forffetzung der Debatte ist von der Majorität abgelehnt worden."
findet, wird u. A. über folgende Gegenstände verhandelt: Schleunige Fertigstellung des bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich, Beschränkung der freien Advokatur und gesetzliche Regelung der Schreiberwesens.
* Breslau, 3 Juli. Der Ober Präsident von Schlesien, Dr. v. Seydewrtz, hat jetzt seine Versetzung in den Ruhestand zum 1. Oktober beantragt. Ob die Regierung die, Gelegenheit benutzt, ihren Sinn für Parität durch Ernennung einer katholischen Ober- Präsidenten für die überwiegend katholische Provinz zu bethätigen, wollen wir abwarten.
* Münster, 3. Juli. Zum Generalvikar der Diözese Münster an Stelle des verstorbenen Prälaten Giese ist Domkapitular von No öl, der bisher als Geistlicher Rath beim Generalvikariate fungirte, ernannt worden.
Ausland.
• Am letzten Freitag fand, wie schon erwähnt, der siebente ungarische Katholikentag in Preßburg statt. Er hat hochbedeutsame Kundgebungen gebracht. Tausende von magyarischen, deutschen und slovakischen Katholiken waren zusammengeströmt, verhandelten in drei Sprachen, aber mit einer überwältigenden Begeisterung, und legten das feierliche Gelöbniß ab, nicht die Waffen vor der nr christlichen Gesetzgebung des Landes zu strecken, und daS Programm, welches die genannten Führer und besonders Graf Ferdinand Zichy entwickelten, wurde mit einer elementaren Begeisterung angenommen, dis große Ereignisse ankündigt. SS wurde u. A. folgende Resolution angenommen: Der Katholikentag in Preßburg schließt sich den Beschlüßen des am 16. Januar 1894 in der Landeshauptstadt Budapest stattgehabten Landeskatholikentages im vollen Umfange an, und bei dieser Gelegenheit wird noch insbesondere erklärt: 68 sei auf katholischer Basis ein LandeSkomite zu konstituiren zu dem Zwecke, um den Schutz der von dem konfessionslosen Staate auf ollen Gebieten gefährdeten Rechte der katholischen Kirche und der christlichen Gesellschaft auf gesetzlicher Grundlage im ganzen Lande zu organifiren. Zn diesem Behafe werden sich die Veranstalter der Katholikentage von Komorn, Debenburg, Szabadka, Sillein, Groß-Tapolcsan und Preßburg, unter Führung der Veranstalter des LanderkatholikentageS in Budapest zu einem LandeSkomite vereinigen. Um dieses Ziel realisiren zu können, wird dar BeranstaltangSkomite des Preßburger Katholikentages für ständig erklärt, und in diesem Sinne ihm der Auftrag ertheilt.
* Paris, 3. Juli. (Senat.) Der Justizminister verlieft unter lebhaftem Beifall folgende Botschaft des Präsidenten Perier:
„Meine Herren Senatoren, meine Herren Deputirtenl Bon der Nationalversammlung zum ersten Beamten des Landes berufen, bin ich nicht der Mann irgend einer Partei, sondern gehöre Frankreich und der Republik an. Ein verabscheuungswürdiges Verbrechen, welches von dem nationalen Bewußtsein verdammt wird, hat dem Baterlande den unbescholtenen Bürger geraubt, der während sieben Jahre der eifrige Wächter unserer Institutionen war. Möge daS Andenken an diesen Helden der Pflicht mich leiten und führen! DaS Gewicht der Verant-
! Wörtlichkeit ist zu groß, als daß ich es wagen könnte, von meiner Erkenntlichkeit zu sprechen. Ich liebe mein Vaterland zu heiß, um an dem Tage, an welchem ich sein Oberhaupt werde, glücklich zu sein. Möge es mir vergönnt sein, in meiner Vernunft < und in meinem Herzen die nöthige Kraft zu finden, um Frank- ; reich würdig zu dienen. Der Akt der Nationalversammlung, ; welcher die Uebertragung der Gewalt in wenigen Stunden sichert, '• ist in den Augen der Welt eine neue Weihe der Institution der ; Republik gewesen. Ich spreche meinen Dank auS für die vor- ' gestrige bewundernswerthe Kundgebung der Dankbarkeit und Achtung. Ein Land, welches inmitten so grausamer Prüfungen ' sich einer solchen moralischen Disziplin und einer solchen poli- ! tischen Kraft fähig zeigt, wird auch die beiden sozialen Kräfte • zu vereinigen wissen, ohne welche die Völker zu Grunde gehen, - die Freiheit und eine Regierung, welche entschlossen ist, die für : eine republikanische Demokratie nothwendigen sittlichen Eigen- . schäften zu entfalten. Es ist meine feste Absicht, die Geschicke der t Republik nach den sieben Jahren, für welche sie mir anvei traut : sind, anderen Händen zu übergeben. Mit Ehrfurcht vor dem Willen i der Nation und durchdrungen von dem Gefühl meiner Berantwort- k lichkeit werde ich die Pflicht haben, die mir von der Verfassung anver« i trauten Rechte weder verkennen noch irgendwie verkümmern zu j lassen. Frankreich, das seiner selbst sicher ist, das aus seine Armee und z seine Marine vertrauen kann, und das soeben von den Regier- l ungen und den Völkern einstimmige rührende Beweise der Sym- f pathie erhalten hat, Frankreich kann erhobenen Hauptes seine ; Liebe zu einem seiner selbst würdigen Frieden versichern. ES i wird eine große Stätte für das Licht des Geistes, die Toleranz f und den Fortschritt bleiben. Senat und Kammer werden ver- i stehen, den Wünschen des Landes zu entsprechen, indem sie sorg
sam alle Maßregeln prüfen, welche dem guten Rufe Frankreichs I dienen können, und dazu beitragen, Ackerbau, Industrie und i Handel weiter zu entwickeln und den öffentlichen Kredit mehr zu s stärken. Das Parlament wird den Beweis zu liefern wiffen, daß i die Republik weit entfernt ist, eine unfruchtbare Rivalität per- s sönlichen Ehrgeizes zu bedeuten und fortdauernd bestrebt sein f wird, in materieller und moralischer Hinsicht ihr Bestes zu suchen, die nationale Bethättgung fruchtbarer Gedanken und edler Leidenschaften, dies reine Wesen einer Regierung zu sein, welcheI unverdienten Leiden gegenüber nicht unempfindlich ist, deren Mitglieder niemals diejenigen täuschen werden, welche nichts anderes haben können als Hoffnungen. Diesen Ideen zu dienen, fordert Sie die Regierung auf. Die Vergangenheit gab uns Lehren, Frankreich aber muß in die Zukunft blicken. Seine Zeit verstehen, an den Fortschritt glauben und ihn wollen heißt die öffentliche Ordnung und den sozialen Frieden sichern."
(Cepaiirtentammer.) Math prdfibirt. Dupuy verlast unter cmdalten em Beifall die vb-n mitgeheilte
I Botschaft des Präsidenten. Baillant beantragt, eine » Kommission zu ernennen mit dem Auftrage eine Ant« 5 wort auf die Botschaft vorzuschlagen. DaS Centrum < erklärt sich gegen den Antrag. Baillant stellt die Bor« ? frage, die mit 450 gegen 77 Stimmen gemhangt wird. \ Am Donnerstag findet die Prästdentenwahl statt.
* Paris, 3. Juli. Casimir-Perier empfing heute ’ Nachmittag, umgeben von Dvpuy und dem Militär« i staute, das diplomatische Korps in feierlicher ; Audienz. Der päpstliche Nuntius hob in feiner An« i spräche hervor, das diplomatische Korps sei keiner ' Regung in der schmerzlichen KrisiS fremd geblieben, ’ und gedachte des Schreckens, den die Ermordung j CarnotS im Auslands verursachte. Beweise der Theil« j rahme seien von Überall her eingetroffen. Frankreich | bewahrte die einer großen Ratio r würdige Ruhe und i übergab würdigen Händen die oberste Gewalt, welche | die schmählichsten Attentate überdauert. NamenS aller Souveräne bringen wir unsere Glückwünsche dem her«
„Sehr richtig!" ertönte es darauf von einzelnen Stimmen.
„Ich erbitte nochmals daS Wort zur Geschäftsordnung!" erklang ruhig Mertens Stimme.
Der Schriftführer zögerte einen Moment, unklar Über das was er thun sollte, dann entgegnete er kurz: „Herr Mertens hat noch einmal zur Geschäfts- I ordnung daS Wort."
„Ich muß konstatiren," bemerkte Mertens, „daß \ wieder nicht richtig parlamentarisch verfahren worben ; ist. Die Zahl der Abstimmung ist nicht genau festge- ’■ stellt worben. Wollen Sie es mir unmöglich machen, J daß ich Ihnen Dinge aufkläre, über welche Sie fich , nicht wenig verwundern, so verlange ich, daß dieses i nach Recht geschieht." Biele schauten bei den letzten ! Worten überrascht auf, ihre Neugierde war geweckt ’ worben. „Krakehker!" „Stänker!" riefen einige bet Fremben bazwischen.
Keller schüttelte heftig die Klingel. „Verehrte Anwesende! Sie haben fich Alle überzeugt, daß die Majorität dieser Versammlung fich dagegen erklärt hat, daß Herr MertenS noch Über den Streik reden soll. DaS ist auch ohne Abzählung feftgefteüt worben. Herr MertenS weiß baS auch ganz genau. Es scheint bem Herrn nur barum : zu thun zu fein, Störung in bis Versammlung zu s bringen unb uns zu djtcaniren!" Die Gäste, die sich : schon mehrfach durch Beifall zu den Keller'schen AuS- \ sührungen hervorgethan hatten, klatschten stürmisch.
Aber andererseits machte die Stimmung zu Gunsten MertenS Fortlchritte, weil Biele sich von einer Fortsetzung der Debatte Krakehl v-isprachen. „DaS regt die Gemüther an. DaS wird interessant!" hieß er. „Die komme sich an de Köpp!" bemerkte ziemlich laut ein älterer Weber, indem er sich im Vorgenuß einer scharfen Auseinandersetzung behaglich eine neue Pfeife stopfte.
Auf einmal klang MertenS Stimme scharf durch den Saal. Er unterließ er diesmal, nm'S Wort zu ersuchen, wohl in der Befürchtung, daß eS ihm verweigert werden könnte. Deshalb mußte er den Gegner Überrumpeln.
„Ich muß btem Herrn Redner erwidern, daß er, statt bei der Geschäftsordnung zu bleiben, sich einen persönlichen Ausfall gegen mich erlaubt hat. Wollte ich Gleiches mit Gleichem vergelten, so würde die Versammlung Dinge zu hören bekommen, die sie sich nicht träumen läßt. Wer mich kennt, weiß, baß ich nichtS anbereS will, als mein Recht!" Da hat er Recht! WaS mag er zu sagen haben? 6r spricht richtig! DaS gibt Radau! W-iter sprechen! Weiter sprechen! So gingen bie Bemerkungen jetzt durcheinander.
MertenS hatte angesichts der Gefahr, als Redner niebergefhmmt und als angeblicher Störenfried durch Entziehung des Wortes munbtobt gemacht zu werden, das beste Mittel ergriffen. Durch die dunklen Andeutungen war die Neugierde dec Leute lebhaft angereg