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jy 147 Sonntag, den 1. IM 1894. 21. Jahrgang

FuldaerMZeitiing

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Hierzu eine Beilage. ^P|

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juni

* Der deutsche Botschafter in Paris, Graf Münster, ist vom Kaiser beauftragt worden, bei de» Leichenfeier- lichkeiten für den verstorbenen Präsidenten Carnot einen Kranz am Sarge niederznlegen.

♦ Die päpstliche Eucyclika „Praeclarae gratula- tiones“ wird rm Auftrage des Papstes in viele Sprachen übersetzt werden. Speziell mit der lieber« setzung ins Griechische wird ein hoher griechisch-katho­lischer Prälat betraut.

* Der Bnudesrath hat gestern den Ausschußanträaeu zu dem Gesetzentwurf betreffend Aenderungen und Er­gänzungen des GerichtSverfaffungSgesetzeS und der Straf­prozeßordnung, sowie der neuen Gemeindeordnung für Etsaß-Lothriogen mit den vom LandesauSschuß be­schlossenen Abänderungen zugrstimmt. Einer Eingabe sächsischer Haukweber und Spuler, betreffend die Be­freiung von der BerstcherungSpflicht nach dem AlterS- und JavaliditätSgesetz, wurde keine Folge gegeben.

* Die Kommission für Arbeiterstatistik berieth am Dienstag über Arbeitszeit, LehrlingSvechältniffs und Kündigungsfristen im Handelsgewerbe. Es wurde be­schlossen, die zur Ergänzung des vorliegenden Enquete­materials in Aussicht genommenen mündlichen 8er« nehmungen nicht durch Kommissare an Oct und Stelle, sondern vor dem Plenum der Kommission zu bewirken. SS sollen vernommen werden 36 Prinzipale, 36 Ge­hilfen und 10 GeschäftSdiever (Packer u. s. w ). Bei Auswahl dieser AuSkunftSpersonen sollen die ver­schiedenen Branchen (Schnitt-, Kurzwaaren, Lebens­mittel, Cigarren), große, mittlere und kleine Orte, sowie die verschiedenen Gegenden deS Reichs berücksichtigt werden.

* Der Antrag deS Justizausschuss-s des BundeS» raths, der Reichskanzler möge die Bestrafung un­wahrer nicht eidliche« Zeugenaussage» in Erwä­gung nehmen, wird jetzt auch von der.Nordd. A. Ztg/ in Zusammenhang mit einer Berminderung gebracht. Eine solche Verminderung wird schon durch die Novelle zur Strafprozeßordnung angestrebt. Sie wird sich aber schwerlich durchführen lassen, wenn nicht auch unbeeidete Zeugenaussagen, in denen wider besseres Wissen und Gewiffen die Unwahrheit gesagt ist, unter Strafe ge­stellt werden. DaS frühere bayerische Strafgesetzbuch bedrohte derartige unwahre Zeugenaussagen bereits mit Arrest bis zu 8 Tagen oder Geldstrafe bis zu 25 Gulden, und falls eine solche unwahre Angabe in einer Strafsache zum Nachtheil des Anqeschuldigten gemacht wurde, mit Zuchthaus bis zu 12 Jahren, wenn der Angeschuldigte zur Todes- oder mehr als achtjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt wurde, andernfalls aber mit Gefängniß nicht unter einem Monat mb daneben Geld­strafe bis zu 1000 Gulden.

* Der Vorstand des deutschen Bundes für Boden» befitzreform hat an die Gewerbedeputatwn des Ber-

Drrumengist.

Novelle von Ernst Schars.

(10. getrteemtß.)

Trotz der späten Stunde suchte der Mechaniker nicht gleich fern Lager auf, sondern schrieb zu Hause noch einen längeren Brief folgenden Inhalts:

Bericht deS Ludwig Keller, an das Agitations-Komitee.

In Folge des mir im letzten Schreiben auSge- drück.ea Verweises, als sei unsere Sache hier nicht vorwärts gebracht worden und ein Resultat meiner Wirkens nicht zu merken, habe ich zu antworten, daß eine solche Auffassung auf einer vollständigen Ver­kennung der hiesigen Berhältniffe beruht. Hier find die Leute — leider — noch sehr religiös, dabei fleißig und verhältnißmäßig anspruchslos. So find auch, wie bekannt, die früher von Ccefeio aus gemachten Versuche, hier Terrain zu gewinnen, vollständig mchlungen. Nach­dem der Pastor vor den von uns vertheilten Flug­schriften und Broschüren gewarnt, wurden dieselben ohne Weiteres vernichtet. Hier muß deshalb die Be« vöikeruug indirekt bearbeitet werden, langsam und vor» sichtig. Ich darf ohne Uedertreibung sagen, daß ich da« in bester Weise besorgt Hube. Im hiesigen Vereine „Gemächlichkeit" habe ich eS schon zum BorstandSmit-

(inet Magistrats das Gesuch gerichtet, zur Ermittelung der Verluste der Bauhandwerker und Lieferanten Frage­bogen versenden zu wollen. Bei dem Vorsitzenden deS Bundes sind bis jetzt schon privatim über anderthalb Millionen Mark Verluste von Bauhandwerkern bei Schwindelbauten angemeldet worden und es gehen noch fortgesetzt neue Meldungen ein, zum Theil mit Bei­fügung erschütternder Einzelheiten.

* Gesuche «m Gewährung von Veteranen- Pensionen für die Theilnehmer an den letzten Feld­zügen nach Art der EhrensoldeS für die Veteranen von 1813—1815 sind auf Grund einer in der letzten Reichs­tags-Session gegebenen Anregung in großer Zahl der Regierung unterbreitet worden, indeffen scheinen dieselben kaum auf Berücksichtigung rechnen zu dürfen. Die offi­ziösen ,Berl. Pol. Nacht/ schreiben nämlich darüber:

Man macht sich augenscheinlich die finanzielle Tragweite einer solchen Maßregel nicht klar. Unter Zugrundelegung des bei Lebens­versicherungen oder sonst gesammelten thatsächlichen Materials über die durchschnittliche Lebensdauer derjenigen Altersklassen, die an den Kriegen theilgenommen haben, darf angenommen werden, daß sich noch etwa eine halbe Million Männer am Leben befinden, die an den letzten Kriegen thellgenommcn haben, also für die Gewährung einer Beteranenpension in Betracht kommen würden. Die Pension für die Veteranen aus den Kriegen von 1813—1815 betrug schließlich 240 Mark; es ist nicht anzuneh­men, daß Diejenigen, welche die Erweiterung der Penfionsgewäh- rung auf die Veteranen von 1870/71 und auS den vorhergegan­genen Kriegen ausgedehnt zu sehen wünschen, einen niedrigeren Betrag im Auge haben. Eine Pension von 240 Mark für 500,000 Mann macht im Jahre 120,000 Millionen Mark an Penstonen. Gegenüber solcher Summe ist der Hinweis auf den Kapitalüber­schuß des Reichs - Jnvalidenfonds belanglos; dieser Ueberschuß würde nicht einmal für die Deckung der ersten JahreSrente aus­reichen. Die Veteranen-Pensionen würden vielmehr so ziemlich im vollen Betrage den Steuerzahlern zur Last fallen, und zwar angesichts der Thatsache, daß die jetzigen Einnahmen zur Deckung der bereits bewilligten Ausgaben noch nicht hinreichen, die Er- höhungder bestehenden Steuern um etwa 120Mil» Honen Mark im Jahre nothwendig machen. Und zwar gleichviel, ob män die Deckung durch Erhöhung der eigenen Ein­nahmen des Reiches oder durch Ausschreibung höherer Matrikular- umlagen anstrebt. Letzterenfalls würde z. B. für Preußen ein Zuschlag zur Einkommensteuer von 60 Prozent oder etwa von 7 Monatsraten nothwendig werden. Man sieht daher, daß eS sich um Jllufionen handelt, die bei der Prüfung mit dem Rechen- stiste sich in Nichts auflösen.

* Der „Todesmarsch", den das preußische Fuß- artillerie-Batailloli in Ulm von Großbottwar nach Waib­lingen unternahm, gewinnt ein neues Interesse durch die Erklärung ves Ulmer Gouvermmentr. In dieser Erklärung ist gesagt, eS sei bei dem Maische „durch­weg bestimmungsgemäß" verfahren worden; eS feien „keinerlei gebotene Vorsichtsmaßregeln außer Acht geblieben". Der Tod zweier junger Leute und die E krankung einer Reihe weiterer Soldaten gewinnt hiernach den fatalistischen Anstrich, der in solchen Fällen gerade beim M-litar nicht selten ist: es wurde „bestimmungsgemäß" verfahren, folglich Irfft Niemand eire Verantwortung für die verlorenen Menschenleben. Niemand hat sich zu beklagen oder zu beschweren, die beiden Soldaten haben „bestimmungsgemäß" den Tod gefunden. ES ist möglich, daß man sich in Militär­kreisen mit dieser Auskunft befriedigt erklärt, obgleich das Ulmer Gouvernement versichere, die militärgericht­lichen Feststellungen würden trotz der oben erwähnten

gliede — Schriftführer — gebracht. Meine allgemeinen Aeußei ungen find auf guten Boden gefallen. Rur muß man sich hüten, das Kind beim richtigen Namen zu nennen. Die Gründung einer Arbeiter - Bereinigung habe ich eingeleitet. Brauchbare Köpfe, die für unser Unternehmen zu gewinnen sich lohnen würde, gibt's hier nicht; durch die Bank find die Leute ländlich einfältig. Eine Ausnahme ist vorhanden, ein Stück ländlicher Cato. Er hat nur ein Auge; aber mit diesem hat er mehr gelesen und erfaßt, als alle Andern hier zusammengenommen. Meine Bemühungen, ihn zu mir herüber zu ziehen, waren vergebliche. Hingegen habe ich den BereinSpräsidenten, einen beschränkten, hochfahrenden Menschen, so zu sagen in der Tasche.

DaS ist für meinen bisherigen Aufenthalt Hierselbst genug, denn, wie gesagt, ich habe nur Schritt für Schritt vorgehen können. Im Uebrigen find die Ver­hältnisse hier nicht darnach angethau, um des Ver­gnügens willen zu verbleiben. Gesellschaft und Unter­haltung gibt'S in dem Rests nicht, in meiner Stelle muß ich fast pferdemäßig arbeiten, und obennrein ist das Leven hier verhältnißmäßig thmer und schlecht. Wenn ich nicht im Inter-sie her Sache wirkte, der mir überwiesene Zuschuß von 17,50 Mark pro Monat könnte mich nicht dazu befhuimen.

ES bereiten sich Ereignisse vor, deren günstige AuS-

Ergebnisse der Untersuchung noch fortgesetzt. In nicht- militärischen Kreisen, d. h. überall da, wo man in die Sage kommt, Familienglieder zur Erfüllung ihrer Dienstpflicht in die Kasernen abzugeben, wird man jedoch in der Erklärung des kaiserl. FestungS-GouvernementS eine, allerdings unbeabsichtigte Grausamkeit erblicken müssen und keineswegs geneigt fein, sich leichthin zu beruhigen. Die Frage, ob wirklich „bestimmungsgemäß" verfuhren und in der Thut alle gebotenen Vorsichts­maßregeln angewendet wurden, können wir, schreibt die ,Frankf. Ztg.', nicht untersuchen, obgleich die Be­hauptungen der württembergischen Presse hierüber sich mit den militärgerichtlichen Resultaten nicht decken. W-nn aber der Bataillons-Kommandeur „bestimmungs­gemäß" verfuhr, dann sind die traurigen Ereignisse auf der Waiblinger Landstraße neben anderen ähnlichen Vorkommnissen ein Beweis dafür, daß diese Bestimmungen durchaus unzureichend sind, indem sie Leben und Ge­sundheit der Soldaten mitten im Frieden in Gefahr bringen. ES wird alsdann die Abänderung dieser Bestimmungen dringend geboten sein, wenn nicht die „TodeSmärsche" zu alljährlich wiederkehrenden Ereigniffeu werden sollen. Der Kommandeur, der „bestimmungs­gemäß" verfährt, entfällt formell der Verantwortung, die sich auf jene Instanz überträgt, die die Bestimmungen erläßt ober zu vertreten hat. DaS ist im vorliegenden Fall das preußische Kriegsministerium, das alle Ursache hat, die Ergebniffe der Ulmer Untersuchung nachzuprüfen, um unter Umständen die nöthigen Aende­rungen ungesäumt vorzunehmen. Auch der R e i ch S t a g wird nur eine Pflicht erfüllen, wenn er noch energischer als bisher derartigen Borkommnisien feine Aufmerk­samkeit zuwendet und von den verantwortlichen ©teilen mit allen zulässigen Mitteln die Vorbeugung ähnlicher Unglücksfälle zu erlangen sucht.

* Mit Rücksicht auf die Weiterverbreitung der Maul» und Klauenseuche in ben Niederlanden hat der Regierungspräsident zu Aachen die Einfuhr von Wiederkäuern und Schweinen bis auf Weiteres gänz­lich verboten.

• Karlsruhe, 28. Juni. Der Landtag wurde heute 10 Uhr durch ben Groß verzog geschlossen. Die Thronrede sagt über bie Reichs - Finanzreform: bie Erwartungen eines Zustandekommens blieben leider unerfüllt. Er hoffe aber, es werde ben verbündeten Regierungen gelingen, über diese wichtige Aufgabe zu einer Verständigung mit dem Reichstage zu gelangen, damit eine geordnete Fortführung der Finanzwirth- schäft der Bundesstaaten ermöglicht werden könne.

* Hamburg, 28. Juni. DaS 8erzeichiß der Theilnehmer am Deutschen Journalisten- und Schrift- stelleitag weist ca. 500 Namen auS allen Theilen Deutschlands auf. Abends erfolgte die Begrüßung der Theilnehmer im Saale des „Hamburger HofeS".

Ausland.

* Paul Pierre Jean Casimir« Perier, der «uumehrige Präsident der französische« Republik, ist am 8. November 1847 in Paris geboren; er ist also jetzt noch nicht 47 Jahre alt. AIS KabinetS-

Nutzung nicht versäumt werden darf. Die Summt- febrilen fangen an zu stocken und den Webern nur geringen Verdienst zu bieten. Aller Voraussicht nach werden sich diese Berhältniffe noch verschlechtern. Dazu kommt, daß die Fabrikherren mehrfach wegen fehler­hafter Arbeit ganz bedeutende Abzüge machen. DaS erzeugt große und tiefgehende Erbitterung. Geht eS fo fort, dann wird unser Weizen schon blühen. DaS Mittel, um mit einem Schlage unsere Bestrebungen zu sichern, wäre ein Streik. Wie mir früher mitge- thült wurde, find zur Unterstützung eine- solchen keine Mittel tn der Kaffe vorhanden. Jndeß wird auch die Zuwendung einer geringen Betrages einen guten Ein­druck auf die Bevölkerung machen. Ich werde aus taktischen Gründen auf einen Streik hinarbeiten. Sollte ein solcher, was allerdings kaum anzunehmen ist, Er­folg haben, so können wir die den Arbeitern errunge­nen Bortheile als unser eigenes Verdienst preisen; geht aber aller Wahrscheinlichkeit nach die Sache schief, so läßt sich der entstandene große Schaden auf die Hart­herzigkeit der Fabrikherren abwälzen, als ob die ihre Arbeiter tote Sklaven behandelten. Auf jeden Fall wird Erbitterung unter ben Arbeitern erzeugt, und biefe gegen die Arbeitgeber zu leiten, wird nicht schwer sein. Rur auf diese Weise ist hier eine nachdrückliche Entwickelung unserer Sache zu ermöglichen. Die im