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JV 144 Mittwoch, den 27. Juni 1894. 21. Jahrgmg

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* Das Detroleum-MosopoL^

welcher schon so lange gedroht hat, ist nun so gut wie fertig. Die Petroleumversorgung der Welt vollzieht sich in der Hauptsache theilS auS Amerika, theilS aus Rußland. Früher hatte Amerika die Petroleum- Versorgung fast allein in der Hand. Dorr hat die Standard-Oil-Company in Newyork nach und nach die ganze Petroleum - Industrie an sich gerissen. Ihr intelligenter und rücksichtsloser Präsident und Haupt- eigenthüwer Rockefeller verstand eS, alle anderen Unter­nehmer zu Grunde zu richten. Es bildete sich zunächst ein Spekalanteuring, an dessen Spitze Rockefeller stand und der sich des Handels bemächtigte, au den Bahn­stationen große Petroleum-BassiuS baute, Raffinerien errichtete, in Röhren daS Petroleum viele Tausende von Meilen weit leitete und dar BerfrachtungSgeschäft im Großen betrieb. Im Jahre 1872 wurde mit den Eisen- bahnkönigen ein geheimer Vertrag geschlosfm, wonach daS Petroleum des Ringes zu außerordentlich niedrigen Preisen befördert wurde, so bog die anderen Unterneh­mer nicht mehr konkurriren konnten und meist in den Ring aufgehen mußten. Im Jahre 1874. monopolifirte der Ring die Röhrenleitungen, indem er eine Zeit lang aller Petroleum unentgeltlich beförderte, ja noch Prämien darauf bezahlte, so die übrigen Leitungen entwerthete und aufkaufte. Mächtiger geworden, verbot der Ring den Eisenbahnen, Petroleum - Sendungen auS anderen Raffinerien zu befördern und pachtete zur befielen Ueber- wachung den ganzen Petroleumwagenpark. Biele Raffi­nerien wurden fo zu Grunde gerichtet und mußten ihre Werke dem Ringe billig verkaufen. DaS moderne Ranbritterthum, für das es leider noch immer weder Galgen noch Zuchthäuser gibt! Formell abge­schlossen wurde der Rmg durch die Gründung einer sogen. Trustgesellschaft im Jahre 1882 unter dem Namen der Standard-Oil-Company. Diese Gesellschaft beherrscht daS gesammte nordamerikanische Petroleum­geschäft, selbst die Ausfuhr nach Europa. Sie hat fast alle Petroleumgraben in Besitz, Pacht oder Betriebs- aufficht; ihr gehören sämmtliche Petroleum-Röhrenlei- tungrn in einer Länge von 15,000 Meilen, unter ihrer Aufficht stehen gegen 1000 Petroleum-Lagerbecken,

Nachdem die Gesellschaft die Herrschaft über den amerikanischen Markt erlangt hatte, ging fie an die Monopolisirung der PetroleumhandelS in Europa. Zunächst nahm fie das Geschäft mit Eng­land selbst in die Hand. Sodann veranlaßte sie dar bedeutendste JmporthauS des Kontinents, Alb. Nik. Schütte & Sohn in Bremen, sich ihr anzuschließen

Drmwengtst.

Novelle von Ernst Scharf.

(7. Fortletznng.)

Gegen 5 Uhr erhob sich dar neuvermählte Paar, um eine Hochzeitsreise nach Düsseldorf anzutreten. Der Borstand der „Gemüthlichkeit" erklärte, dem Paare dar Geleite »ach dem etwa eine halbe Stunde mifernt ge­legenen Bahnhof geben zu wollen. Das Knallen der Pistolen- und Revolverschüffe verkündete ben Aufbruch.

„Erne solche glänzende Hochzeit ist hier noch nicht gefeiert worden!" bemerkte mit Wohlgefallen der Vereins- kassirer, der Holzschuhmacher SchiefferL zu Jansen. Dieser antwortete nicht, aber auf seinem Antlitze spielte sich ein Lächeln stolzer Befriedigung, während die junge Frau ziemlich ernst dreinschaute.

„WaS bedeutet der Lärmk" fcug sie etwas unge­halten, als plötzlich vom Hofe der Wirthfchaft ein lautes Durcheinander von Stimmen ertönte.

Die Aufklärung wurde bald gegeben. Zänkers, nicht «ehr ganz nüchtern, hatte bei« Kaffeetrinken ein Stück Kuchen in seiner Tasche verschwinden kaffen. Seinem Tischnachbar, obschon auch ziemlich angetrunken, war diese- nicht entgangen, und da drefer ohnehin grollte, weil er vom Gervaiskäse durch Zänkers Begehrlichkeit nichts zu kosten bekommen hatte, sann er auf Rache

und ihre Geschäfte für ei« großer Absatzgebiet in Europa zu übernehmen. In Bremen wurde die Deutsch-Amerika­nische Petroleum-Oil-Company begründet, in Hamburg und Stettin wurden die Firma August Sanders & Co. und SiemerS * Co. veranlaßt, sich dieser Gesellschaft anzuschließen. In Belgien und Holland wurden ähn­liche Gesellschaften gegründet. Die Firma Schütte in Bremen hatte im Verein mit Wilh. A. Riedemann in Geestemünde schon früher Tankschiffe gebaut, um den Transport von Petroleum billiger zu machen angesichts des wachsenden UebergewichteS Hamburgs und der Kon­kurrenz des russischen Petroleums. Da die Tankdampfer nur für den Petroleumtransport zu gebrauchen sind und die Standard-Oil-Company die PetroleumauSfuhr in Händen hat, so wurde auch die Rhederei durch den Gebrauch dieser Dampfer von der Company abhängig. Die Company stellte selbst Tankdampfer her, kurz, Alles gerieth in Abhängigkeit von ihr.

Die einzige Konkurrenz von Bedeutung, die die Standard-Oil-Company hatte, war die des russischen Petroleums, welches bei Baku am Kaspischen Meere in ungeheuren Mengen auS der Erde strömt. Hier betrieben zuerst die Gebrüder Nobel daS Petro­leumgeschäft, die im Anfang der 70er Jahre an die Ausbeutung des unerschöpflichen Naphthagebietes gingen. Durch ihre Erfindung der Tankschiffe wurde die Ver­frachtung erheblich erleichtert. Von 1875 bis 1885 vermehrte sich die Nophthagewinnung von 100 Mil­lionen auf 1900 Millionen Kilogramm; in Jahre 1890 betrag fie 3900 Millionen und hatte damit die Erzeugung PevnfylvanienS überflügelt. Im Jahre 1883 war die transkaukasische Eisenbahn eröffnet und hierdurch der bis dahin für daS russische Pettoleum unerreichbare europäische Markt. Damals erfolgte auch das erste Eingreifen des Pariser HaufrS Rothschild in daS russische Petroleumgeschäft und zwar im Zu­sammenhänge mit dem KaukasuSbahnbau. Rothschild machte Nobel eine mörderische Konkurrenz, wie Manche vermuthen, im Einverständniß mit der Standard-Oil« Company. Ec soll zuweilen wochenlang 500—600 Wagen voll Petroleum in Baku haben auf den Schienen stehen lassen und dafür hohe Strafgelder bezahlt haben, um widerstrebenden oder gefährlichen Konkurrenten (nicht die Gebrüder Nobel allein betrieben dar Petro- leuwgeschäft) durch eine fömliche Frachtsperre die Bersendung, vertragsmäßige Lieferung und schließlich jeden Mitbewerb unmöglich zu machen. Ebenfalls eine Erzgaunerei, die mindestenr mit Zuchthaus bestraft werden müßte! Er wollte auch eine Petroleumröhren­leitung von Baku nach Batum in Länge von 800 Kilometer legen, wodurch er dar Handelsmonopol er­langt hätte, erhielt aber die Genehmigung der russischen Regierung nicht. Die kleinen Konkurrenten wurde« vollständig verdrängt, nur Nobel nicht. Nachdem die Standard-Oil-Company so groß geworben war uvb auch bar russische Geschäft nur noch in wenigen Händen lag, wurde wiederholt der Versuch gemacht, alle unter einen Hut zu bringen. Er scheiterte aber an dem Widnstande der Gebrüder Nobel.

und folgte JäakerS beim «ufstehen nach dem Hofe, verschiedene Bekannte mitnehmend. Hier wollte er nach einer Bemerkung über dir Ausdehnung des Jänker'schm Rechtsbegriffes diesem den stibitzten Kuchen aus der Tasche ziehen. Zänkers setzte fich zur Wehre, aber nach einem kurze» Handgemenge hatte sein Widersacher daS zerdrückte Stück Kuchen mitsammt dem abgeriffenen Rockjchoße in Händen. Darob allgemeiner Halloh; Zänkers ergriff wütheud den ersten besten Gegenstand, einen Spaten, und wollte auf den Berderber feines Rockes Einbringen, aber Andere sprangen dazwischm und JänkerS, der allgemein Mißliebige, wurde ht eine Ecke geworfen. Eine Schüssel mit Bratensauce, die an dem anliegenden Küchenfenstrr gestanden, flog ihm im nächsten Augenblicke an die Brust und gab seinem schwarzen Anzuge ein braunes Colont. Mit Jubel wurde dieses ausgenommen, während der Attoqairte in dem Bemühen, die Flüssigkeit abzup»tzen, diesrtbe noch mehr in die Kleidung hineinstrich.

„Ihr seid eine gemeine Bande!" keuchte er mit vor Wuth kaum verständlicher Stimme. „Mein bester An­zug ist verdorben! Ich werde Euch Alle verklagen!"

Schallendes Gelächter war die Antwort, was den so übel Mitgenommenen noch mehr aufbrachte. „Ja, lacht nur, Ihr schlechtes Pack!" schimpfte er weiter, während er durch das Thor auf die Straße schritt,

Nunmehr ist dar Monopol so gut wie fertig. Rothschild und N o b e l, die die russische Pettoleum- Industrie, die Standard-Oil-Company, die die ameri­kanische Industrie beherrscht, haben sich vereinigt und den Petroleumbedarf der Welt unter sich vertheilt. Der amerikanische Ring beherrscht Amerika, Westeuropa bis zur russischen Grenze und Westaftika, während der russische Osteuropa, Ostafrika und ganz Asien übernimmt. Die Mannheimer Raffinerie und Großhandlung Philipp Poth, die m Blissingen große Anlagen besitzt und ihren Bedarf an Rohpetroleum von de« wenigen noch unabhängigen Produzenten bezog, hat sich bisher noch geweigert, sich dem Monopolring zu unterwerfen. Die Monopolver­abredungen machen es nun dem amerikanischen Ring zur Pflicht, bett Wiberstanb PothS bis Ende Juni zu brechen dadurch, baß er ben Händlern das Petro­leum billiger verkauft, als der Gegner eS einkaufe» kann. Hält Poth den PreiSdruck nicht auS, so liegt das Monopol in der Hand der russisch-amerikanischen Ringes. Bis dahin harten die Konsumenten über die Entwicklung nicht zu klagen, denn die Preise blieben niedrig und sanken fortdauernd; die miteinander kämpfenden Konkurrenten unterboten eben einander; einmal fuchte man sich in Amerika ein­ander zu unterbieten, und dann suchte man von Amerika auch dar russische Pettoleum zu unterbiete». Ist dar Monopol aber fertig, so haben die wenigen Inhaber eS in der Hand, den Preis der ganzen Welt zu diktiren, und da werden sie ihn gewiß so hoch schrauben, wie fie könne«. DaS wäre dann eia netter Segen der vielgepriesenen freien Konkurrenz.

Ob und welche Machtmittel Poth noch zur 8er- fügung stehen, um sich der drohenden Erdrückung zu erwehren, entzieht fich unserer Kenatniß, wir fürchten, daß wir in kurzer Zeit der Thatsache deS russisch- amerikanischen Weltmonopols gegenüberstehen. Ist daS so, so hat sich zum ersten Mal vor unseren Augen der theoretisch schon so oft erörterte Borgang abgespielt, daß eine mannigfach zersplitterte Weltindustrie mit zahlreichen Nebengewerben von einer einzigen große» Unternehmung überwältigt, aufgesogen und vernichtet ist. Die Russm, denen der Untergang drohte, haben fich behauptet und Antheil am Monopol gewonnen, ober in Amerika ist Mr. Rockefeller über wirthschoftliche Leiche« hinweg zu feinen Erfolgen ge­schritten. Produzenten von hohem Del, Raffinerien, Exportgefchäfte sind von ihm in Menge ruinirt. In Europa find die Importeure, die Makler, die Versand« geschäfte, der Zwischenhandel in den Binnenland- und kleineren Küstenstädten um ihr Einkommen gebracht. Der Kleinhandel ist vom Monopol abhängig gewordea, die SeeschiffS-Rhederei hat einen ihrer blühendsten Betriebszweige, den Transport von Petroleum m Fässern und Kisten verloren. DaS Einkommen, daS fich ehedem auf viele unabhängige Unternehmer ver« theilte, fließt jetzt einer Keinen Gruppe von Großvater- nehmern und ihren Angestellte« zu. DaS ist eine im höchste« Grade unerfreuliche Erscheinung auS unserer gegenwärtigen wirthschaftlichen Ordnung.

wo die Neuvermählten standen. „Du, Präfident, sollst Dich schämen, daS Haupt einer solchen Bande zu sein! Aber von Deiner Hochzeit wird mau am Gericht noch sprechen, ich werde Euch Alle verklagen!" Und gefolgt vom Johle» mehrerer Kinder, die riefen: „Der drei­eckige TöaneS kommt!" schwanke er heimwärts. Alles lochte, nur auf Elise mochte der Borfall einen pein­lichen Eindruck. „Laßt uns zur Bahn gehen," drängte fie. Das lärmende Gelage war ihr zuwider geworden.

Der herbstliche Tag neigte sich seinem Ende zu, als die Gesellschaft am Bahnhofe anlangte. Janfen gab noch eine Runde Bier zum Besten. Dafür bot zum Schluß die Begleitung noch eine Ueberraschung. AlS der Zug eingelaufen und daS Paar in seinem Wagen« abtheil Platz genommen hatte, st'mmtm die SaugeS» brüder plötzlich ein Quartett an: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt!" Jansen nahm vom Koupeefenster auS selbstgefällig diese Aufmerksamkeit entgrgen. Plötzlich wurde der Gesang jäh unterbrochen. Der StationSgehilfe fuhr dazwischen. Dieser war w gen Rückstände seines Beitrages aus der mit der „Gemüthlichkeit" verbundenen Lotterie-Gesell­schaft auf Antrag deS KassirerS SchiefferS gestrichen worden. Jetzt bot sich Gelegenheit, diese- heim zu zahle». „Ihr habt oen Mund zu halten, hier ist kein Concert« lokal!" schnauzte er die Sanger an. SchiefferS Mund-