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JV 143 Dienstag, den 26. Juni 1894. 21. Jahrgang

FuldoerKZeiNing

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Deutsches Reich.

Berlin, 23 Juni

* Der Kaiser nahm heute, Sonnabend, an Bord der Dacht „Meteor" an der Regatta deS Norddeutschen Regatta-Vereins in Kiel theil. Die Kaiserin wohnte auf dem Aviso „Grille" der Regatta bei. Auf der Noidkandreise wird die Kaiserin den Kaiser nur etwa 14 Tage begleiten und sich dann auf Schloß Wilhelms« höhe bei Kassel begeben, woselbst inzwischen die kaiser­lichen Kinder zum Sommeraufenthalt eingetroffen sein werden. Prinz Adalbert kehrt nach der Ei» stellungr feier in Kiel direkt nach Potsdam zurück.

* Für den Fall, daß die Cholera in diesem Jahre in Preußen Verbreitung finden sollte, besteht die Ab­ficht, an den Binnenschifffahrtsstraßen, wie früher, Stationen zur gesundheitspolizeilichen Ueberwachung der SchlffSbevötkerung und zur Desinfektion der Fahrzeuge einzurichtea. Behufs Besetzung dieser Stationen, soweit die dafür bereits verfügbaren ärztlichen Kräfte nicht auSreichen sollten, hat der Minister der geistlichen u. s. w. Angelegenheiten eine Bekanntmachung erlassen, durch welche rüstige Aerzte aufgesordert werde», sich bei dem RegierungkPräsidenten ihres Wohnbezirks zu melden. Die Vergütung für die Dienstleistung beträgt 20 Mk. täglich.

* Zu der Verhaftung des CeremovienmeisterS von Kotze kann die .Kreuzztg.' aus destunterrichteter Quelle folgendes mittheilen: Er »st nicht richtig, daß Herr Rittmeister v. Kotze vom Chef des Milttärkabinets, General der Infanterie und General-Adjutant v. Hahnke, zur Haft gebracht worden »st, sondern Herr v. Kctz: hat sich, als er hörte, er werde mit den anonymen Briefen in Verbindung gebracht, aus freien Stücken zu dem General v. Hahnke und mit diesem nach dem Militär-Arresthaus begeben, um sich dort einer Ber- ? uehmung durch einen Untersuchungsrichter zu unter- " ziehe:. Nachdem Hcrc v. Kotze erklärt, daß er mit - der ganze» Angelegenheit nichts zu thuu gehabt, der Schein aber ihn belaste, so laz eS in seinem eigenen Interesse, ihn in Untersuchungshaft zu nehmen, damit, wenn trotz feiner Einschließung noch weiterhin die frag- ’ liehen anonymen Briefe erschienen, dargethan werden \ könne, doß Herr v. Kotze unbetheiligt "au deren Er- ’ scheinen fei. — Wie man hört, sind nun inzwischen die j anorymen Briefe, ungeachtet der Abschließung des Ritt- ! meisterS von Kotze, tyatsächlich weiter geschrieben und \ versandt worden.

• Die englische Regierung hat gestern Nachmittag \ hier die amtliche Mittbeilung gemacht, daß sie auf den ; Art. 3 des englisch - kougostaatlichen Abkommens, ' betreffend die „Pacht" dcS 25 Kilometer-Streifens an ■ der westliche» Grenze von Deursch - Ostasrcka verzichte.

* Die Kommission für Arbeiterstatistik ist heute hier zusammengetreten. Auf der Tagesordnung stehen: Untersuchung über die Arbeitszeit im Böcker- und Kon­ditorgewerbe, Untersuchung über die Arbeitszeit in Ge­treidemühlen und Untersuchung über Arbeitszeit, Kün­

digungsfristen und Lehrlingsverhältnisse im Handels­gewerbe.

* Die Kommission für die 2. Lesung deS Entwurfs eines bürgerliche» Gesetzbuches für das deutsche Reich hat in ihren letzten Sitzungen die Berathungen über die allgemeine« Vorschriften über letztwillige Ver­fügungen zu Ende geführt und einen Theil der beson­deren Bestimmungen erledigt.

* Prinz Albrecht von Preuße», Regent von Braunschweig, wird am Monrag m der Kirche zu Sonnenburg in seiner Eigenschaft als Herrenmeister des Johanniterordens gegen 80 Ehreuritter des Ordens durch Ertherlung des Ritterschlages und der Investitur als R^chttritter dieses Ordens aufnehmen. Darunter befinden sich u. A. Landgraf Alexander Friedrich von Hessen und der ehemalige deutsche Botschafter in Wie«, Prinz Reuß.

* Hannover, 21. Juni. Eine ebenso scharfe, al- wohlverdiente Heimleuchtung ist von evangelischen Geistlichen unserer Landes den Agitatoren deS Evan­gelischen Bundes zuTheil geworden, welche letztere nämlich von ihrem Hauptquartiere in Barmen ab auch unsere Lutheraner aufforderten, beim BundeSrathe Protest gegen die Zulassung der Jesuiten zu erheben. Darauf hin wurde, wie die lutherische .Deutsche Volkszeitung' mittheilt, v.n einem lutheri­schen Geistlichen folgende Antwort gegeben:

„p. P.

D«e mir heute übermittelten Schriftstücke betreffend Petition an den Bundesrath wider die Zulassung der Jesuiten sende ich anbei zurück mit dem ergebensten Bemerken, daß wir m. E. vornehmlich zu kämpfen haben gegen die Feinde im eigenenLager (Protestanten-Vereinler, Ritschlianer, Harnackia- ner u. s. w.) in der festen Ueberzeugung, daß 100 dieser Feinde im eigenen Lager weit gefährlicher sind, als 1000 Jesuiten. Es ist eine unerhörte Anmaßung und eine Beleidigung vieler wahren Baterlandssreunde, wenn, wie das in der eigenen Anlage geschieht, denen der Patriotismus abgesprochen wird, welche aus Gründen der Billigkeit die Auf­hebung des Jesuitengesetzes für angebracht halten. Es ist ein klägliches testimoninm paupertatis (Armuthszeugniß), wenn man von der Rückkehr einiger Jesuiten Gefahren für das deutsche Reich und für die evangelische Kirche fürchtet. Nicht mit Aus­nahmegesetzen, die allezeit Gewaltmaßregeln sind, sondern mit dem lauteren Gotteswort allein haben wir gegen Rom zu kämpsen. Gerade durch das von Ihnen empfohlene Borgehen wird m. E. der konfessionelle Friede gestört. Wie würden Sie darüber urtheilen, wenn etwa dar katholische Spanien die Evangelischen des Landes verweisen wollte? Die Jesuiten unterliegen den Bestimmungen deS Strafgesetzbuches, das kann uns begnügen. Uebrigens finde ich es auch naiv, wenn Sie im Hannoverlande, in welchem die Gläubigen der großen Mehrzahl nach zu dec von Ihnen geächteten welfischen Partei gehören, Unterschriften sammeln wollen unter eine Pe­tition, welche bin Männern der Rechtspartei den Patriotismus abspricht. Wir sollten lieber mit den gläubigen 8 Katholiken gemeinsam den Unglauben bekämpfen, i welcher immer frecher sein Haupt erhebt. Wo ist denn der ’ evangelische Bund, wenn eine mit dem Glauben der \ Bäter verfallene Theologie mit dem kirchlichen und ; politischen Liberalismus int Gefolge das apostolische Glau» bensbekenntniß augreist? Der Name „Protestant" hat für diese Christus leugnende Theologie nur noch insofern einen Sinn, als sie protestirt gegen die Grundwahr­heiten des Christenthums. Evangelisch nennt sich der i Bund, welcher meint, die katholische Kirche bekämpfen zu können. Rom lächelt über diesen evangelischen Bund, und mit Recht,

Ibenn ein großer Theil desselben hat läugstdasEvangelium von Christo, dem wahrhaftigen Gottessohn, seinem stellvertreten­den Leiden und Sterben über den Haufen geworfen. Und nachdem man die Waffe des reinen, lauteren Gotteswortes und des festen kirchlichen Bekenntnisses bei Seite gelegt hat, will man mit den im Geisteskampfe völlig unbrauchbaren Waffen der Ausnahmegesetze streiten. Lassen wir die Jesuiten getrost zurückkehren und sorgen wir dafür, daß wir zurückkehren zu Gottes Gesetz und Seinem hl Evangelium."

Dieser Z-ugniß im Jntrreffe der Wahrheit und Ehrenhaftigkeit verdient um so mehr Beachtung und Anerkennung, als deffen Urheber, als wahrhaftem Pro- trstanten gegen alles unchristliche Gebühren, nun von anderer Seite wohl die Auszeichnung „protestantischer Jesuit" zugesprochen werden wird, womit unsere pro­testantischen Positiven schon längst von den Liberalen f beehrt wurden. Männer von Ueberzeugung machen sich auS solchen Verunglimpfungen allerdings nichts, denn nachgerade begreift Jedermann, wo die wirklichen „Je­suiten" zu suchen und zu finden sind, nämlich im Lager deS — liberalen Protestantismus.

Ausland.

* Ueber die Annahme der Civilehe im unga­rischen Magnatenhause wird berichtet:

Budapest, 22. Juni. (Oberhaus). Fstrstprima» Baszary beantragte die Aufnahme deS Wortes „Civil- ehe" in den Titel des Gesetze«. Nach kurzer Debatte wurde der Antrag abgelehnt. Bei § 25 beantragte VaS- zary, gesetzlich festzusetzen, daß auch bei einem ReligionS- wechskl das Orden« gelübde ein Ehehinderniß bilde. Der Justizminister Szilagyi erklärte, man könne die Vor­schriften einer Religion nicht auf Jemanden anwenden, der sich nicht mehr zu dieser Religion bekenne. Der Antrag VaSzary wurde abgelehnt, wobei dis der griechisch-katho­lischen Kirche angehörigen geistlichen Mitglieder de« Ober­hauses nicht für den Antrag stimmten. Bei § 39 brachte Keglevich den von ihm bereit« angekündigten Anttag ein, wonach die Civilfunktionäre die Parteien darauf auf­merksam zu machen haben, daß durch die Civilirauung den kirchlichen Anforderungen nicht genüat werde. FürstprimaS VaSzary stillte drei nur im T>xt von einander sich unterscheidende Anträge, nach denen die kirchliche Ehe­schließung der Cioileheschließung vorangehen soll. Der Justizminister sprach sich gegen die dreiAnttäge auS, weil sie das Prinzip der Vorlage verletzten. Den Antrag Keglevich hielt der Minister für überflüssig, da das Ge­setz in einer alle Theil» befriedigenden Weise werde durch­geführt werden, sobald die Bischöfe ihre Organe anwiesen, mit den Civilbeamten einträchtig zu wirken. Wer nur im Geiste des Gesetzes vorgehe, werde gewiß dahin wirken, daß mit der Aufrechterhaltung der gesetzlichen Erforder- nffse Alles geschehe, was die Kirche in ihrem Wirkungs­kreise befiehlt. Graf Aladar Andrassy beantragte die Einschaltung eine» neuen Paragraphen, der lauten soll: »Dieses Gesetz läßt die religiösen Pflichten unberührt." Der Justizminister hielt auch diesen An­trag für überflüssig, weil derselbe etwa« Selbstverständliches enthalte, wenn er jedoch zur Beruhigung des Hauses diene, habe die Regierung nicht» gegen die Einschaltung diese» Anttage» al» vorletzten Paragraphen. Keglevich zog hierauf feinen Antrag zmück, lehnt aber den Anttag An- drasiy ab, da dieser da» JnSlebentreten des Gesetzes verzögere. Die Anträge VaSzarys wurden abgelehnt und der Antrag Andrassy mit 114 gegen 79 Stirn«

Drurmengist.

Novelle von Ernst Schars.

(6. Fortsetzung.)

Mit Fritz Jausen und Elise Gehlen kam eS, wie eS so oft gekommen: sie sahen sich zuerst dann und wann, später häufiger und wurden ein Paar. Allgemein wunderte man sich über daS Glück, daS Jansen zu The l geworden war, denn die irrigen BorauSfitzungrn über Elisens BermögenSverhältniss- blieben bestehen. Wohl klärte d»S Mädchen seinen Verlobten über die Verhältnisse auf; aber dieser machte sich nicht viel da­raus. nur litt sein Stolz er mcht, daß die Sache weiter bekannt wurde. Der Moorbauer war über daS Borkomrnniß tief ergrimmt und hätte die Nichte gleich vom Hofe weggejagt, wenn er nicht ein so praktischer Rechner gewesen wäre. Denn ein solcher Schntt würde die Leute im Dorfe gegen ihn aufgebracht haben und dar konnte seinem einträglichen Kohlengeschäft, an daS er immer zuerst dachte, schaden. Bei dem unerquick­lichen Berhältniß, daS Platz ergriffen, hatte die Braut gegen ein baldiges Aufgebot nicht» einzuwendrn. An die nächtliche Unterredung mit MertevS hatte daS junge Mädchen Anfangs häufig wie an einen beängstigenden Traum zurückgedacht und unter diesem Eindruck zog sie mehrfach Erkundegunaen über Jansen ein. Im

>5 zu Mertens Warnung war der Bescheid

immer ein günstiger. Er mußte also ein schwarzsehender Nebenbuhler gewesen sein, der so hart über den Ge­liebten urtheilte. JansenS Bestrebungen gingen dahin, die Hochzeitsfeier in ungewöbnlicher Weise zu gestalten und er ließ sich in dieser Hinsicht auch durch die Bitten der Braut nicht beeinflussen. DaS zeigte sich schon bei der sogenannten Litsch (dem ersten kirchlichen Aufgebot), wobei im Orte die Sitte herrscht, daß an dem be­treffenden Sonntag Morgen das Brautpaar von allen Bekannten, Jünglingen und Mädchen, aufgesucht wird. Die Mädchen bringen zu ihrem Glückwunsch auch Ge­schenke mit. Während hterbei gewöhnlich für die Männer ein Klarer (Kornbranntvein) uno für die Mädchen Anisette verabreicht wurde, gab es bei Jansen etwas Seltenes: Vanilleliqaeur, sodann Cognac. D:m ersteren wurde denn auch derart zugesprochen, daß die vorhandenen sechs Flaschen nicht auSreichten, worauf der Cognac für Alle h-rhalten mußte. Dem Brauche entsprechend beschloß Abends die ganze Gesellschaft den Tag im Wirthshaus. Elise konnte sich mit dem ge- räuschvollen Treiben nicht recht befreunden, ober sie mußte sich den Gebräuchen fügen. Dazu kam auch die große Menge der Geschenke, von denen zwar viele von schlechter Qualität und geringem Werthe waren, welche ungewohnte Aufmerksamkeit mdeß das beglückte Mäd­chen angenehm berührte.

Die Hochzeitsfeier fand, daS Herksmm'n außer Acht

lassend, nicht bei der Braut sondern im „Anker" statt. Etz war zwischen dem Moorbauern und Jansen ein Kompromiß zu Stande gekommen. Der erstere hatte sich gesagt, daß die Hochzeitsgäste in seinem Hause hochgespannte Ansprüche stellen würden und er sich so nicht „lumpen" lassen dürfe. DaS WirthshauS war für ihn ein neutraler Boden; wurden hier die Leute nicht zufrieden gestellt, so konnte man die Schuld dem Wirtbe beimeffen, der gegen eine bestimmte Summe das Ganze übernahm. Jansen gab übrigens noch einen Zuschuß, damit nur das Beste geboten werden sollte. Auf den Rath eines Bekannten — der Düsseldorfer genannt — eines erst seit einiger Zeit im Orte wohnenden erfahrenen und gewandten jungen Mannes, der al» Mechaniker in ber Fabrik beschäftigt war, wurden zwei den Bewohnern unbekannte Deli­katessen: Gervaiskäse und Hummer dem Menu beige« sügt. Die geheimnißvollen Andeutungen von den seltenen lukullischen Genüssen, welche sich rundsprachen, versetzte die Hochzeitsgäste in angenehme Erwartung.

Als der Hochzeitszug mit der überaus einfach ge­kleideten Braut von der Kirche zurückkehrte, blätterte unterwegs ein Freudenschuß nach dem andern. Auf dem Hofe vor dem „Anker" hatte der Verein „Ge- müthllchkeit" Ausfftellung genommen, und der im schwarzen Anzuge und weißen Handschuhm erschienen Dirigent schwang den Taktstock zum „DaS ist de*