142 Sonntag, den 24. Juni 1894. 21. Jahrgang
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L Die Gefahren der Fremde.
ES ist in der letzten Zeit wiederholt dazu gemahnt worden, daß man größeres und allgemeineres Interesse dem so wichtigen Dienstbotenstande zuwenden möge «nd zu dem Zwecke in erster Linie dafür Sorge trage, daß allenthalben in größeren Orten Mägdevereine und Mägdehospize gegründet würden. ES sind hierbei viele und wichtige Gründe angeführt worden, welche diese Fürsorge für den Dienstbotenstand als nicht nur wüsschenSwerth, sondern vielmehr dringend noth- wendig erscheinen lassen. ES sei uns gestattet, noch ein Moment hinzuzufügen. Die gutgesinnte Puff- hat ja schon wiederholt auf die großen Gefahren aufmerksam gemacht, welche das Dienstsachen in der Fremde, in großen Städten oder gar im Auslande im Gefolge hat. Da werden in öffentlichen Blättern Dienstbotenstellen ausgeschrieben für Hamburg, Berlin, Leipzig oder irgend eine andere Stadt; Anmeldungen bei X. Z. in 2). Arg- lose, unerfahrene Mädchen, welche das bohr Lohnangebot reizt, reisen dorthin, das Handgeld wird gegeben und angenommen und nun wird daS Mädchen rn eine andere Stadt an eine Adreff; gewiesen und geräth dort in em Haus, wo es moralisch uod physisch zu Grunde geht. Oftmals reist auch solch' eine alte Hyäne von WeibSbud umher, um für irgend eine Welt- oder Großstadt Dienstboten anznwerbm. Einem unerfahrenen Mädchen er-ählt sie von einer ausgezeichneten Stelle in einer „feinen" Familie: schweren Lohn nnd w-nig Arbeit; diese Stelle könne sie ihm verschaffen. Das Mädchen willigt ein, die Hyäne, welche ihm die Reise und olles andere aus'S Bereitwilligste bezahlt, reist mrt dem Mädchen und einer ganzen Schaar ähnlicher Opfer ab- Am Orte der Bestimmung oehen den armen Mädchen die Tugen auf; es findet sich ganz anderswo, als in der Dienstbotenftube einer vornehmen Familie. Um jeden Preis möchte es zurück, ober eS fehlt ihm an Reisegeld; es km« auch w der großen, ihm ganz wildfremden Stadt nirgends ein Unterkommen finden, als in dem Haufe, in welches die Hyäne es geführt har. Anfangs widersteht es trotz alledem allen Ver- locktmqen und Drohungen; aber fchbeßlich von Allen verloffen, mittellos, schutzlos fällt eS in die ihm gelegten Fallstricke.
W-.r wollen hier nur ein Beispiel dieser Art vor- führen. Ein Dresdener Blatt erzählte vor einiger Zeit: „Zwei junge Herren bestiegen mit fünf jungen Mädchen in Dresden den Zug nach Berlin. I« Augenblicke der Abfahrt fing das eine Mädchen bitterlich an zu weinen und erzählte, um die Ursache gefragt, dem Reisenden einer Dresdener Firma, daß sie auS ihrer Heimath Lobvsiz in Böhmen nach Dresden gekommen wäre, um dort einen Dienst zu suchen; eine Bermiethsfrau habe ihr auch einen solchen nachzewiesen in der SchießhauS- straße, bei dessen Aatrirt ihr die Prinzip ckin Zu- murhungen gemacht, auS denen ihr klar geworden, daß eS sich hier um etwas ganz anderes handle. Da sie fich dem Willen der Frau nicht gefügt, habe sie Prügel bekommen, nichts zu lffen und nach 4 Tagen eine Rechnung von 50 Mk.; vm deren Benag fei sie sodann wegen mangelnder Zahlung an einen eben auS Hamburg angekommenen Herrn abgegeben und mtt vier
; anderen Mädchen, die aber mit der Uebersiedelung ein- verstanden waren, zur Bahn gebracht worden. Der junge Kaufmann theilte die Geschichte zwei anderen Reisenden mit, man telegraphirte auf der nächsten Station an die Berliner Bahnpolizei, der Menschenhändler, ein Hamburger Wirth, wurde festgenommen und die vier Mädchen per Schub in chre Heimath befördert, während die junge Böhmin von ihre« zwei Beschützern dar nöthige Reisegeld zur Rückkehr nach Böhmen erhielt."
ES ist geradezu unerläßlich, daß stellensuchende Dienstboten vor dem Antritte eines ihnen durch Annoncen, Agenten und Stellenvermittler angebotenen Dienstes in einer fremden Stadt bei einer vertrauenswürdigen Person sich Raths erholen. Ohne im Besitze eines festen, nachweislich anständigen Engagements zu fein, sollte kein honnettes Mädchen nach einer fremden Stadt gehen. Die Versuchung und nicht allein diese, sondern auch die Hinterlist und der rohe, plumpe Betrug lauern allenthalben, um ein armes, weltunerfahrenes Geschöpf um sein geringe« Hab und Gut zu bringen oder um er in die Fallstricke des Lasters hineinzaziehen, von dem es bis dahin kaum den Namen noch gehört hat. Wie sehr segensreich könnten nun gerade in dieser Beziehung zum Schutze der Dienenden Mägdevereine und Hospize wirken! Darum möge man allenthalben wacker Hand an'S Werk legen; Jeder, der hierbei durch Rath und That mitwirkt, macht fich um die Wohlfahrt eines großen und wichtigen Standes höchst verdient.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Juni.
* Das preußische Etaattministerinrn hielt heute unter Vorsitz der Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg eine Sitzung ab. lieber den Gegenstand der Verhandlung ist nichts bekannt.
* Der Bundesrath hat gestern den Gesetzentwurf, Erweiterung der Unfallversicherung betreffend, den zuständigen Ausschüssen zur Borberathung überwiesen. Der Entwurf soll dem Reichstage sofort bei dessen Zusammentritt im November d. I. zugehen. Ferner hat der Bundesrath gestern die Ausführungsverordnungen zu den Gesetzen über den Schutz der Maaren- bezeichimsgen und den Schutz der Gebrauchsmuster angenommen. Dre Resolution des Reichstags betreffend die Veröffentlichung einer KonkurSstatistik wurde dem Reichskanzler überwiesen.
* Der Ceremonienmeister Lebrecht von Kotze ist verhafret worden, nachdem in ihm der Autor anonymer Briefe und Karten entlarvt worden ist, mit denen seit nahezu vier Jahren die Spitzen der Berliner Gesellschaft heimgesucht wurden. Die Schriftstücke enthielten die schlimmsten persönlichen Verdächtigungen. Sie waren in verstellter Schrift, nachgeahmler Druckschrift, geschrieben. Die Verhaftung erfolgte auf direkten Befehl des Kaisers durch den Chef des Militär- kabinets Graf v. Hahnke. v. Kotze wurde in das Berliner Militärgefängniß in der Lindenstraße, im Bolkrmunde „Vater Philipp" geheißen, eingeliefert. Der Vater des Verhafteten ist im Jcrenhause gestorben.
* Der Oderlandforstmeister Donner, sowie zwei höhere Beamte haben sich im Auftrage deS pceuß. Staatsminifteriums zum Studium der Eichenschälwald- wirthschaft nach Siegen begeben. Die Veranlassung dazu Haven die Anträge ans Einführung eines Zoll« auf Quebrochoholz gegeben. Das Quebrachoholz macht als Gerbstoff der heimischen Eich-nlohe vielfach empfind- liche Konkurrenz.
* Gegen die vernünftige Bestimmung in dem Gesetzentwurf über die Landwirthschafttkammer«, nach weicher diesen Kammern eine Mitwirkung bei der Verwaltung der Pioduktenbörsen und bei den Preisnotirungen bei diesen, sowie bei Märkten sollte über- ' tragen werden können, hatten sich die Vorstände | aller großen deutschen Getreidebörsen prtitionirend ! an das Abgeordnetenhaus gewendet. Die Vorstellungen f dieser Vertretungen haben nicht nur iSrer. Zweck nicht er- \ reicht, sie haben sogar einen negativen Erfolg gehabt. ! In ihrem soeben ausgegebenen Jahresbericht für 1893 ; kcitisiren die Bo-sicher der Stettiner Kaufmann- i schäft den Verlauf und den AuSganq der Berathungen des AbgeordnetenhouieS über diese Vorschrift wie folgt:
„In der Kommission zur Berathung deS Gesetzentwurfs ist mit 19 gegen 4 Stimmen beschlossen worden, daß den Land- wirthschastskammern nach Maßgabe der für die Börsen und ; Märkre zu erlassenden Bestimmungen eine Mitwirkung bei der ' Verwaltung und den Preisnotirungen der Produktenbörsen über- 1
tragen werden solle, ungeachtet der Herr Landwirthschastsminifter darauf aufmerksam gemacht hat, daß eine obligatorische Bestimmung dieser Art nur durch die Reichsgesetzgebung getroffen werden könne. Noch mehr aber: nach dem Kommissionsbericht ist als Grund für die verschärfte Fassung geltend gemacht worden, gerade weil der Handel sich energisch gegen die Einmischung von Landwirthen in seine Geschäfte verwahre, muffe man um so mehr Mißtrauen haben und eine Mitwirkung bei den Preisnotirungen verlangen! Aus die Weise lassen sich freilich auch die unbequemsten Einwendungen mit Leichtigkeit beseitigen, aber einer guten Sache dient man nicht mit solchen Mitteln. In der That wäre eS allzu traurig, wenn wir nur vor einem übereilten Beschlüsse zu warnen brauchten, um ihm in dem gesetzgebenden Körper eines GroßstaatS den Beifall der Mehrheit zu sichern." —
Diese konstitutionelle Sorge der Vorsteher der Stettiner Kaufmannschaft ist wahrhaft rührend, doch wird man sich sehr wenig daran kehren. Der Sern der Sorge ist die Angst, daß die Vertreter der Land- wirthschaft bei Preisfestsetzung und Lieferung!qualität an den Produktenbörsen em ernstes Wörtlein mitteben werden. Dann ist er außer der Sorge, das „Geschäft" strenger beaufsichtigt zu sehen, daS Gefühl, ferner nicht mehr so ganz unter sich sein zu können, daS sie zu ihren Protesten gegen die betr. Bestimmung deS LandwirthschaftSkammergesetzeS veranlaßte.
* Der .Staatsanzeiger' berichtet: Im Waisenhause zu Bunzlau erkrankten am 18. d. M. noch weitere Alumnats-Zöglinge in gleicher Weise, wie diejenigen, auf welche sich die gestrige Mittheilung bezog, und einer der früher dem städtischen Krankenhause übergebenen Fälle hat einen gefährlichen Charakter angenommen. Der Medizinal-Minister hat einen Kommissar nach Bunzlau entsandt.
* Aus den Erhebungen über die ArbeitSverhält« «iffe im Bäckergewerbe ergibt sich hinsichtlich der Lehrlingshaltung, daß von 4551 befragten Bäckereien die Hälfte ohne Lehrlinge arbeitete; von den übrigen hatten 10 pCt. nur Lehrlinge, 25,4 pCt. weniger Lehrlinge als Gesellen, 42,4 pCt. ebenso viele Lehrlinge wie Gesellen; in 22,2 pCt. der Betriebe Überschritt die Zahl der Lehrlinge die Zahl der Gesellen. In bex meisten dieser letztgenannten Betriebe kommen auf einen Gesellen zwei oder mehr Lehrlinge. Dieses Verhältniß findet meist statt in Betrieben von 3—5 Personen, seltener in größeren Bäckereien, am häufigsten im nordöstlichen Deutschland, am seltensten in Süddeutschland. In den Orten unter 2000 Einwohnern batten 33,9 pCt. der Bäckereien nur Lehrlinge und 12,9 pCt. mehr Lehrlinge als Gesellen. Letzteres erklärt fich daraus, daß die Bäckereibetriebe in kleinen Orten einen so geringen Umfang haben, daß durchweg der Bäckermeister selbst sein eigener Geselle ist.
* Die badische zweite Kammer hat sich, wie schon erwähnt, vom Mittwoch voriger Woche bis zum Dienstag dieser Woche mit den CentrumSan trägen über die Zulassung der Orden und ordensähnlichen Kongregationen, die Aufhebung deS Verbotes der Abhaltung von Missionen durch auswärtige Ordens- leute und über die allgemeine wissenschaftliche Vorbildung der Geistlichen beschäftigt. Vertreten wurden die Anträge in würdiger und energischer Weise, besonders durch die CentrumSavgeordneten Wacker, Frhr. von Buol und Fischer. Dagegen sprachen der Erzkulturkämpfer Kiefer und die Altkatholiken Fieser und Leimbach. Die Debatten zeigten, wie arg der Liberalismus in Baden zurückgeblieben ist. Die abgestandensten Redensarten und dümmsten Gehässigkeiten, die man in anderen deutschen Parlamenten nicht mehr vorzuttagm wagt, wenn man sich nicht bei den eigenen Parteigenossen lächerlich machen will, hier wurden sie von den Nationalliberalen noch munter verzopft. Eine tolle Hetzrede gegen die Orden hielt auch der Sozialdemokrat Rüvt, der sich in der Rolle der ausschlaggebenden Partei fühlte und sich durch Schimpfen dafür schadlos halten zu wolle« schien, daß er schließlich doch für die Umgebung der Orden nach den sozialdemokratischen Prinzip-en stimmen mußte. DaS Ergebniß der Verhandlungen war die Annahme deS Antrages betr. die Missionen, mit dem sich auch der Kultusminister Nokk einverstanden erklärt hatte, mit 34 gegen 27 Stimmen und Ablehnung der übrigen mit 32 gegen 30 bezw. 31 Stimmen. V el ist das Erreichte ja nicht, aber d-.e Katholiken kommen doch vorwärts. Sie werden auch noch wehr erreichen und nicht am wenigsten dann, wenn die Nationalliberalen so verblendete Kulturkäwpser bleiben Wie bisher.
* München, 22. Juni. Nach den Ziffern der amtlichen Berichts über den Saaienstan d in ganz Boyern um M-tte dieses MonarS, wobei die Ziffer 1