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141 Samstag, den 23. Juni 1894. 21. Jahrgang

FiiIdlikrWZeitiing

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□ Einen Vorgeschmack des „Zukunststaates" können alle „Genossen" und diejenigen, welche er werden wollen, erhalten, wenn sie den „Bierboykott" betrach­ten, wie derselbe kürzlich in Berlin und anderen Städten in Scene gesetzt worden ist. Wenn man einen Hund werfen will, kann man schon einen Stein finden, sagt ein Sprüchwort; so haben auch die Sozialdemokraten die Gelegenheit, dm Bierkrieg zu erklären, förmlich vom Zaune gebrochen, weil ste die Brauereiarbeiter am besten organisirt glauben und bei deren durch­gängig guter Bezahlung von ihnen erwarten, daß sie dm Streik am längsten aushalten werden. Das ist aber eine gewöhnliche Erscheinung bei Ausstände«, wie sie von den rothen Führern angezettelt werdm; mehr als gewöhnlich ist indeß die Tyrannei, mit welcher die Biersperre durchgeführt wird, und das Spionir- System, wie es dabei zu Tage tritt. Sonst wittern die Rothen überall „Lockspitzel" und geheime Organe der Polizei, sie selbst aber haben, wo sie die Arbeiter­schaft beherrschen, ein so ausgedehnter Retz von Spähern, wie es sonst Jedermann behördlich für unzulässig halten würde.

Ein „zielbewußter" Genosse ist in der Regel kein Temperenzler und MäßigkeitS-Apostel, er hält eS viel­mehr meist für feine Pflicht und Schuldigkeit, einen bedeutenden Prozentsatz seines Lohnes und Einkommens in Bier — oder anch Schnaps — anzulegen, nnd deshalb sind int Ganzen die Sozialdemokraten keine schlechten Kunden der Wirthe. Ein „Genosse" hat aber, wie schon früher festgestellt wurde, trotz der Freiheitsphrasen der Sozialdemokratie, keineswegs das Recht, fein Glas Bier zu trinken, wo er will, die Partei darf ihm sein Lokal — vielleicht anch dar Mindestmaß — vorschreiben. Liebknecht selbst hatte sich vor etwa zwei Jahren in einer Berliner Volks­versammlung darüber zu verantworten, weil er einige Glas Bier in einem Lokale getrunken hatte, desim Saal nicht für sozialdemokratische Versammlungen frei hergegeben wurde. WaS aber fitzt in der Terrorisirung der Arbeiter und Wirthe in Berlin und anderwärts auS nichtigen Gründen geschehen ist, geht doch über die Hutschnur und zeigt so recht, wie sehr Jedermann auf feine persönliche Freiheit verzichten muß, wenn er sich der „Freiheit-Partei" anschließt, sowie daß der Sozialdemokratie jedes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele recht ist, gleichviel ob der arbeitende und Erwerbs- stand dadurch auf daS Schwerste geschädigt wird. ES wurde nicht die geringste Rücksicht darauf genommen, ob ein Wirth zur Sozialdemokratie gehörte, bei Partei- Sammlungen sich regclmäßig willig brandschatzen ließ, jetzt aber, da er bei der Brauerei, welche ihm daS Bier lieferte, tief „in der Kreide" sitzt, in die schwierigste Lage kam — er wurde genöthigt, einfach auf den Be­such der Genossen, woraus seine Kundschaft sich zu- sommenfttzte, zu verzichten oder daS verschalte Bier abzus Haffen. Wie im vorigen Jahrhundert die be- rüchttgten „Kaffeeriecher" liefen die Abgesandten der Sozialdemokratie, meist junge Burschen, die noch nicht trock-n hinter den Ohren sind, von Wirthschaft zu

Krunuengist.

Novelle von Ernst Scharf.

(4. Fortsetzung.)

Unterdessen hatte Elise ihre Schlafgemach ausgesucht. ES war ein kleines Gemach mit weißgetünchten Wänden. Verschiedene Oeldruckbilder gaben ihnen ein freundliches Gepräge. Langsam legte sie ihren Schmnck ab. ES war ihr heiß und schwül; daS ungewohnte viele Tanzen und der Wein hatten die Sinne erregt. Dazu kamen die Eindrücke, die sie vom Balle mitgenommen hatte. „Vergessen werde ich Sie nie!" Es war dieses ja nur eine allgemeine Bemerkung, die Jansen gemacht hatte, ober sie klang immer wieder in ihrem Gemüthe nach. Ein junges Mädchenherz gleicht manchmal einer frisch gestrichenen Bank; wer zuerst damit in Berührung kommt, bleibt kleben oder nimmt die Farbe mit.

Elise war nie eitel gewesen, daS bewies der kleine, halbblmde Spiegel in Der Ecke. Das Glas war ge­sprungen, die Qrkcksilberlcgirung an mehreren Stellen lo-gelöst. Jetzt betrachtete sie beim matten Schein des Lichts ihr Bild mit den erhitzten Wangen. War sie wirklich schön? Die Frage stellte sie sich zum ersten Male, doch nur vorübergehend, dann schritt sie, wie unwillig über sitz selbst, auS Fenster. Boll Behagen athmete sie die kühle Nachtluft ein. Es drängte sie

; Wirthschaft und verlangten särnrntliche Räume zu be- ; sichtigen und besonders die Keller, ob nicht etwa ver- l botenis Bier sich finde. DaS Auftreten dieser Bier- : riecher war das denkbar impertinenteste, ein Wirth, der | sich nicht vollkommen den „Herren" zur Verfügung ä stellte, erhielt Grobheiten über Grobheiten; wehe aber l demjenigen, bei welchem Kontrebande in Gestalt ge- ' boykotteten Bieres gefunden wurde! Wenn sich ein I Wirth, der auf solchen Sünden ertappt war, damit entschuldigte, daß er zu Grunde gehen müsse, wenn er nicht das Bier von dem Lieferanten, der zugleich sein z Gläubiger war, nehme, wurde die schnöde Antwort ge- I geben, das kümmere die Partei nicht, es gingen auch Arbeiter zu Grunde. In der Rächt selbst war ein förmlicher Spionendienst in den Straßen Berlins ein- i gerichtet, um zu erkunden, ob nicht etwa insgeheim eine Fuhre verpönten Trunkes in den Keller eines Wirthes geschafft wurde! In Dresden begnügte man sich mit der Spionirerei nicht, sondern zerschlug leere Bierflaschen, hielt die Bierwagen an, verhöhnte die Kutscher, kurz benahm sich, wie der ausgesuchteste Pöbel. Zugleich wurde eine „schwarze Liste" von 600 Geschäftsleuten veröffentlicht, welche das verbotene Raß zum Verkaufe brachten. Wege« Aufforderung zum Boykott war der Redakteur einer Dresdener fozialisti- scheu Zeitung verhaftet worden. Wir wissen nicht zu entscheiden, ob sich diese Maßregel aufrecht erhalten läßt, aber das Entrüstungsgeheul, welches sich über diese „Gewaltthat" in der ganzen sozialistischen Presse erhob, stimmt sehr schlecht zu dem grenzenlosen Terro­rismus, mit dem die Sozialdemokratie zuerst vorging, und der Rücksichtslosigkeit in der Ausnutzung ihrer Macht zur Einengung der persönlichen Freiheit.

Dar ganze Verfahren der Sozialdemokratie bei diesem Boykott beweist auf dar Klarste, wie dieselbe, sobald sie nur etwas Macht erlangt hat, dieselbe sofort benutzt, um dar ganze Lebe« und Thun der von chr Beeinflußten in Fesseln zu schlagen. Rur lesen, was die Partei vorschreibt, essen und trinken, was die Partei gestattet und wie sie er gestattet, Weib und Kinder hungern lassen, wenn die Partei eS so befiehlt, die Parteisteuern reichlich und pünktlich entrichten, sich auf Befehl der Partei nach deren Programm amüsiren und dabei sich anbetteln lasten, damit die Agitatoren sich gut füttern können, diesen vorschriftsmäßig zujubeln, sich nicht mucksen, wenn der eine oder andere derselben als Halunke entlarvt wird, in Allem hübsch Ordre poriren und an der Seine gehen — daS sind so etwa die zehn Gebote für einen „biederen Genossen", wie die „Proletarier" Singer, Liebknecht, Bebel ihn brauchen können. ES ist geradezu unbegreiflich, wie Arbeiter, welche noch über etwas Denkkrast verfügen, sich in die Sklaverei einer solchen Partei begeben können. Man hört ja manchmal in Jndnstriegegenden sagen: „Man schlägt UNS die Knochen entzwei, wenn wir nicht mit- thun!" — Diese „liebevolle Zurechtweisung" ist frei* lich echt sozialdemokratisch, aber eine volle Entschuldi- gung bildet sie nicht. Üeberall, wo sich die christlich gesinnten Arbeiter auf rafften und sich in christlichen Vereinen zusammenfanden, haben sie mit Leichtigkeit

hinaus auS dem beengenden, schwülen Gemach in dm Garten, der an die zu ebener Erde gelegene Kammer stieß, um da draußen in dem Frieden der Natur die irrenden Lmpfindungm zu beruhigm. Mit einem Sprunge war sie draußen. Laue Lüfte hauchte die Maiennacht. In reicher Blüthmpracht standen die Kirschen- und Pflaumenbäume da, gleich riesigen weißen Blumensträußen ragten sie zum Himmel empor, um» fluthet von des Mondes Silberglanz. Feucht dampfte das Gras, über das der Fuß des jungen Mädchens lautlos hinglitt.

Es schritt einer Strauchgmppe zu, wo sich eine Ruhebank, fein Lieblingsplatz, befand. Ein erfrischender, kühler Hauch entstieg dem Bache, der hier seine Wasser mit einförmigem Geplätscher über eine Schleuse drängte. An den Sträuchern grüßtm die erster Springen mit ihrem schweren aromatischen Duft. JmjeitS des BacheS wallte der Nebel geisterhaft über die Wiesen und ge» heimnißvoll schauten die Konturen des nahen WaldeS in verschwommenen Umrissen hindurch. Lautlose Stille ringsum. Tief athmend ließ das Mädchen sich auf d-r Bank nieder. Es bemühte sich, seine Gedanken zu sammelm, die wirren Schwingungen der Seele zu ordnen. Weit spannte sich der Gedankenflug: zurück in die glücklichen Tage der Kindheit und bann voraus bis zur feinen Zukunft Ja, wai bot die Zukunft? Wohl

den sozialdemokratischen Bann durchbrochen, es ist nur daS W o l l e n und etwas Energie nothweudig. Gerade die Erfahrungen, welche der tyrannische Bier-Boykott gezeitigt hat, sollten die christlich denkenden Arbetter belehren, daß ihre Kraft in ihrem Zusammenhalten liegt, dann wird sich auch an ihnen gegenüber der sreiheitsfeindlichen Sozialdemokratie das Wort bewähren: Die Wahrheit wird euch frei machen!

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Juni.

* Bezüglich der Verwendung von Sparkaffen' überschüffen hat eS der Minister des Innern aß unberechtigt erklärt, daß durch RegierungSpräsidialver fügung die zur Berwmdung von Sparkassenüberschüssen ertheilte Genehmigung als erloschen bezeichnet wird, wmn die Verwendung nickt innerhalb der laufmdm Rechnungsjahres erfolgte. Er stehe indessen kein Be­denken entgegen, die einstweilige Uebersührung der Hälfte der Überschüsse solcher Sparkassen, deren Reserve­fonds 5 pCt. der Einlagen erreicht hat, in einen besonders anzulegenden Ueberschußfonds unter der Bedingung zu genehmigm, daß die thatsächliche Ver­wendung dieser Betrages zu gemeinnützigm Zweck« seiner Zeit von Ertheilung einer anderweitig zu er­bittenden Genehmigung abhänge. Gegen die Auf­nahme von Bestimmungen über denUeberfchuß- fondr in die Statuten derjenigen Sparkaffen, deren Verhältnisse die Ansammlung einer derartigen Fonds Wünschenswerth machen, sei nichts zu erinnern.

* Die ungläubige Wissenschaft, deren Vertreter sich in ihrem grenzenlosen Eigendünkel für „unfehlbare Götter" halten, führt namentlich in unserer Zeit einen erbitterten Kampf gegen die Religion überhaupt und gegen den Katholizismus insbesondere. In welcher Weife dabei manche Universitätsprofefsoren, zumal die der Medizin, gegen den Glauben wühlen, zeigt wieder ein Artikel in der ,Theologisch praktischen Quartalschrift', 47. Jahrgang, Heft 1, der auch in weiteren katho­lisch« Kreisen bekannt zu werden verdient. Unter bem Titel „Chloroform unb Morphium" schreibt man auS Bayern: Ein UniverfitätSproftsscr bozirte: „Als letzte wichtige Jnbikation, meine Herren, für Morphium nenne ich Ihnen die Agonie. Denken Sie sich, ein Sterbender, der noch bei Bewußtsein ist, weiß, daß er von der Welt Abschied nehmen, daß er Aller, waS ihm lieb und theuer, verlassen muß, et sieht Frau und Kinder und Verwandte um sich weinend oder mit Mühe sich die Thränen zurückhaltend, schließ­lich zünden sie eine Kerze an und fangen an zu beten und zu lamentiren — das meine Herren, kann auch den größten Philosophen zur Ver­zweiflung (so!) bringen, das ist grausam für ihn, und hier hat der Arzt die Pflicht (!) zu rechter Zeit eine genügende Dosis Morphium zu geben." Mein Gewährs­mann, ein sehr tüchtiger Arzt und gläubiger Katholik, fügt bei: „Welch' ein Bekenntniß eines stolzen Univet- sitätSprofessorS und welche Feigbeit gegenüber dem gläubig Sterbenden." Soweit der Herr Einsender.

war sie als Verwandte noch auf Jahre hinaus, so lange der Oheim lebte, gesichert, vielleicht, daß sie auch später bei ben erwachsenen Konsilien ein Unterkommen finden würde. Aber unsicher, ungewiß schien ihr dieses Loos. Sollte es ihr nicht beschieden sein, am eigenen Herde zu wirken? Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihre eigenartigen Verhältnisse über­dachte. Ja, ste galt für reich, sie hatte das oft an­dern Benehmen der Leute schließen können. Und doch verfügte vielleicht mancher Fabrikmädchen im Orte über größeres erspartes Eigenthum, als fie. Dank den Be­mühungen des OstkelS, der damit seine selbstsüchtigen Zwecke verfolgte, mußte sie sich in erborgtem Ansehen vewegen. Unv so wurde vielleicht ein Mann, der fie glücklich machen wollte und konnte, fern gehalten durch falschen Schein.

Sie war über sich selbst überrascht, wie sie auf einmal zu diesem Gedanken kam. Sie war keine groß angelegte, leidenschaftliche Natur, und bei ihrer nüch­ternen und praktischen Lebensauffassung suchte ihr auf­geregtes Gewüth dieselbe Richtung inmitten der süß- drückenden Regungen der ersten Liebe, welche mit ge- heimmßvoller Sehnsucht daS Herz beschlich.

Plötzlich wurde sie aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und mit einem leisen Angstschrei sprang fie auf. Ein Schatten war neben ihr aufgetaucht, em Mann stand