* Die Dürfe und die Landwirthschast.
Wird nun endlich dar Börsengesetz kommen, welcher den „Giftbaum" unter strengere Kontrolle stellt? AlS vor zwei Jahren die Bankbrüche „angesehener Häuser", wie Hirschfeld und Wolff, Friedländer und Sommerfeld, Maas u. s. w. die Aufmerksamkeit auf die Börse lenktm, wurde eine „BbrsenuntersuchungS« kommisfion" eingesetzt, aber außer einigen Ceutnern beschriebenen und bedruckten Papiers ist dabei bei dem Widerstreit der Meinungen an positives Borschlägev nichts herauSgekommen. Bei der Berathung der Börsensteuer ist in der letzten Reichstagssession wiederum der Antrag angenommen worden, die Regierung zur Vorlage einer BörsengesetzeS aufzuforder», welcher den Erlaß von Börsenordnungen und die Aufsicht über die Börse regeln soll. Die Regierung scheint aber mit der Ausarbeitung eines solchen Gesetzentwurfes keine große Eile zu haben, denn wie eine offiziöse Korrespondenz, die .Berliner Politischen Nach- richten', neulich bemerkte, herrschen im Finanzministerium Bedenken gegen ein scharfe- Vorgehen in Bezug auf die Börse, weil — nun weil die Börsenmilliouäre mit ihren hohen Jahreseinkommen steuerkräftige Leute sind, die ein fiskalischer Finanzminister nicht gern missen möchte. Inzwischen wird daS Streiken an der Börse munter fortgesetzt und fort und fort liest man in dm Blättern, wie dar Börsenspiel um fich greift, wie die Bankiers die Leute verleitm, an der Börse zu spielen und wie dann leider gar zu ost daS Ende Bankerott mit einem Ruin zahlloser kleiner Leute, Unterschlagung und Selbstmord ist. Die Börsenkommissionäre, so erklärte jüngst in einet Gerichtsverhandlung ein vereideter Sachverständiger, „plündern die Leute aus, wie es in der Spielhölle in Monaco nicht besser geschehen könnte." Wmn in Monaco der Spieler sein letzter Goldstück verloren hat, geht er in den Park und erschießt sich. Die Parkwärter bringen seine Leiche bei Seite und — er wird weitergespielt. Ist eS an der Spielhöllebörse anders? Und da- soll ungestört so weiter gehen?
ES ist schon traurig genug, wenn Leute, die kein überflüssiger Geld zu verlieren haben, zum Börseuspiel verleitet werden; noch trauriger ist eS, wenn dar Börseuspiel mit fremden Geldern, vielleicht mit den sauer verdienten und daun verlorenm Spargroschen Keiner Leute betrieben wird. Am peinlichste« aber muß er berühren, wmn die Produktenbörse mit dem Fleiß und Schweiß der Landmannes ein frivole- Spiel treibt oder aber das Brod der armen Arbeiter- vertheuert. Was nützen dem Landwirthe hohe Getreidezölle, war nützt ihm eine reiche Ernte, wenn die Spekulation an der Getreidebörse die Preise „drückt" und „wirst"? Eine bim Landwirth nützliche Steigerung der Getreidepreise leiten die Börsenjobber wohlweislich erst dann ein, wenn das JnlandSgetreide eine gewinnbringmde „Getreideschwänze" sich einleiten läßt, wie eS vor drei Jahren die be—rühmte Firma Ritter und Blummfeld so
Krurmeugist.
Novelle von Ernst Scharf.
(2. Fortsetzung.)
Die Aufführung fand ein zahlreiche- Publikum. Der Wirth satte für die nöthige Reklame gesorgt und sogar ein bezüglicher „Eingesandt" in den,Landboten' gebracht. So waren Biele zur Stelle, die für 30 Pfennige Eintrittsgeld den berühmten theatralischen Kunstgenuß de- Vereins „Gemächlichkeit" erleben wollten. Der Darstellung vorauf ging ein Prolog, gesprochen vom Verfasser, wie der Theaterzettel besagte. Auf ein mächtiger Geklingel hob sich der Vorhang und ein junger schlanker Mann betrat die Bühne. Die schwarze 1 Kleidung ließ die Blässe der Antlitzes noch mehr her
vortreten. Auf den hageren Wangen hoben fich die Backenknochen unschön ab und um die Mundwinkel zog ! sich eine düstere Falte. Sehr mtstellend wirktm die
halbgeschloffenen Lider der fehlenden linken Anger. Um so größer schien dar rechte Auge mit seinem tiefbraunen , funkelnden Glanze hervortreten zu wollen. Die hoch«
! gewölbte Stirn verrieth den denkenden Geist. DaS
Antlitz war häßlich für den oberflächlichen Blick, aber interessant für den aufmerksamen Beobachter. Der junge Mann führte im Dorfe dm Spitznamm „der Gelehrte". Obschon er wie die anderen seinen Unterhalt durch - Weben verdienen mußte, so war er doch durch uner-
21. Jahrgang
Donnerstag, den 21. Ium 1894.
JV 139
FiildakrWZkitling
Erichemt täqlich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf-, bei Wiederholungen entsprechender ÄoSatt Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Briagerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen in Fulda und auswärt- 1 Mark oO Pfennig
„hübsch" i«S Werk gesetzt hat, daß sie schließlich die ungeheueren Getreidepreise einfach dittirte. Es ist ein offenes Geheinmiß, daß diese Firma im Sommer 1891 mit ihrer „Getreideschwänze" mindestens 6 bis 7 Millionen Mark verdient hat, und daß sie erst dann von dem „grausamen Spiel" abließ, als ihr nahe gelegt wurde, jetzt sei e- genug. Diese Börsenmanöver sind verwerflich und für die einheimische Landwirth- schaft schädlich. Aber wa- kümmert das die Börsenjobber, waS kümmert sie überhaupt die Landwirth- schäft? Dieselbe Firma Ritter und Blumenfeld hat neulich den Sack Roggm um 1,50 Mark geworfen unter Anwendung von einfachen Mitteln, an die nur ein richtiger Börsenjobber denken kann, der klug und vorsichtig genug ist, daS Zuchthaus nur mit dem Aermel zu streifen, wie LaSker einmal sagte. WaS für ein „wohlwollendes Herz" die Börse überhaupt für die Landwirthschast hat, zeigt ein in der,Krmzztg.' veröffentlichtes Schreiben der Berliner Getreidefirma Mühsam und Co., worin der Freude darüber Ausdruck gegeben wird, daß der Frost in der dritten Maiwoche auf den Feldern in den nordöstlichen Provinzen Deutschlands von Ostpreußen bis Mecklenburg, der „von unserer Börse mit einer gewissen Genugthuung begrüßt wurde," eingetreten sei. „Steht doch auf unseren Feldern so viel der Segens, daß de» Getreidehandel Deutschlands eine schlimme Zeit bevorstände, wenn alle Aehren sich mit Körnern füllen würden." Pfui! So denkt die Börse über die Landwirthschast! Wie lange noch? —
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juni.
♦ Der Berliner Bierboykott ist am Freitag in ein neues Stadium getreten. Sirre Versammlung von 250 Saalbesitzern beschloß, ihre Säle für sozialdemokratische und anarchistische Versammlungen bis auf Weiteres nicht mehr herzugeben. Der Leiter der Versammlung, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins der Berliner Gastwirthe, Jakobi, versicherte, eS sei Geld genug vorhanden, um jeden Gastwinh , der durch den Boykott Schaden leide, zu unterstützen. Die Abmachungen mit den Brauereien seien so rechtlich bindender Natur, daß sie von zugezogenen Notaren als unantastbar bezeichnet worden seien. Der Kommission der Saalbesitzer seien auch au- allen Kreisen der Industrie die zahlreichsten Zuschrffieu zugegangen, den Angriff der Sozialdemokraten energisch zurückzuweisen, und von allen Seiten Unterstützungen zugesichert. — Während der .Vorwärts' prahlt, es ständen den Sozialdemokraten, trotz der Saalsperre Säle genug zur Verfügung, hat der sozialdemokratische Stadtverordnete, Reichstagsabgeordnete und Gastwirlh Zubeil Won vor einer Woche in einer Rixdorfer Versammlung erklärt, die angekündigte Saalsperre würde ein schwerer Schlag für die gewerkschaftliche und sozialdemokratische Agitation sein. In einer GastwirthSversammlung klagte müdlicheS Studium während seiner freien Zeit auf den verschiedensten Gebieten wohl bewandert. Auf Wunsch deS AnkerwirtheS hatte er eS übernommen, einen Prolog zu schreiben. MertenS — so hieß er — machte eine kurze Verbeugung und hob dann mit melodischer und ausdrucksvoller Stimme an:
Im Mai!
Ein wonnig Ahnen geht durch Flur und Wald Und seliges Empfinden hebt der Menschen Brust: Der Mai ist da! — Nach rauhen Winterstürmen Sind linde Lüfte bei uns eingekehret, DeS Eises frostige Spuren hingeschwunden Und Blüthenschmuck erzeugt des Frühlings Hauch. Auch uns beut' er ein süß' Willkommen, Und freudig jubeln wir dem Lenze zu.
Er weckt in unferer Seele neues Hoffen Und fie vergißt der Sorgen düst'rer Nacht. Zum blauen Himmel hebt sich hoch daS Auge, Wo lebenswarm der Sonne Strahlen glüh'n. M Der Mai ist da! — Im Wechsellauf der Monde Gibt uns die Erde auch deS Erdenwallers Bild, ES prangt jetzt die Natur im Jugendschmucke, Zeigt eig'ner Jugend unersetzbar schöne Zeit.
Ja, unser Hoffen, unser Sehnen, unser Lieben, Es klinget mächtiger wohl in der Seele nach;
ES richtet auch sich auf der schwer Geprüfte Und Balsam legt sich auf sein wund' Gemüth. Der Dornen rankt gar viel deS Lebens Pfad', Und Leiden ist der Menschheit harte- Erbe. Das Schicksal haftet schwer an ihrer Ferse, Unsicher ist der nächsten Stunde Loos.
Zubeil, daß die Sozialdemokratie, waS die Säle anbelange, vorläufig tobt gemacht sei. Weiter erzählte er, daß eS mit den auswärtigen Bierlieferungen schlecht stehe; in Hamburg habe sich nur eine einzige Brauerei zur Bierlieferung bereit, die anderen dagegen sich mit den Berliner Brauereien solidarisch erklärt. Nach der vom .Vorwärts'veröffentlichten Liste sind zwei weniger bedeutende Brauereien während des Boykotts aus dem „Ringe" ausgetreten und haben die Arbetterforderungm bewilligt, zwei gehören dem Ringe nicht an und habm ebenfalls die Forderungen durchgeführt, von vier weiteren, die ihm ebenfalls nicht angehören, liegen Aeußerungen über die Durchführung der Arbeiter- forderuugen nicht vor; vier auswärtige Brauereien, davon eine in Dresden, die übrigen in der Provinz Brandenburg, führen durch Vermittelung der „Bier- Kommission" Bier nach Berlin ein. Ob daS genügt und wie es den „Genossen" mundet, wird nicht mit» getheilt. Jedenfalls halten alle namhaften Brauereien fest. Gewiß möchte diese oder jene gern abspringm, aber sich in die Hände der Sozialdemokraten übergeben und außerdem sich für später der Rache der Großbrauereien in Form einer rücksichtslosen Konkurrenz auSsetzey, ist nicht eben verlockend. Ebenso mag manche kleinere auswärtige Brauerei sich nur deshalb mit den Berliner Brauereien solidarisch erklären und die Bierlieferung für die Kommission der Sozialdemokraten verweigern, um sich nicht die todtbringende Konkurrenz der Großen auf den HalS zu laden. Wenn die Wirthe und Saalinhaber sich meist zu den Brauereim haltm, so thun sie eS zum guten Theil, weil sie finanziell von ihnen abhängig sind und weil die Sozialdemokraten sie durch ihr terroristische- Auftreten reiz«. Mancher, der den „Gmoffen" bisher gute Worte geben mußte, wird froh sein, wenn er fich bei dieser Gelegenheit das sozialdemokratische Joch wenigsten- etwas erleichtern kann.
* Der nationalliberale Landtagsabgeordnete Adolf vom Heede ist gestern in einem hiesigen Hotel durch Selbstmord aus dem Leben geschiedm. Derselbe war Guts- und Fabrikbesitzer in Westfalen. Zerrüttete BermögenSverhältniffe sollen den verhältniß« mäßig noch jungen Mann, er hatte daS 50. Lebensjahr noch nicht erreicht, zu dem Entschlüsse veranlaßt habm, sein geben durch Gift zu beenben.
* Statistische Erhebungen über die verschiedenm Arten der Bererbmtg de» ländliche« Grundbesitze» sind nunmehr durch einen Erlaß des Landwirthschast-» Ministers an die Regierungspräsidenten angeordnet worden. In dem Erlaß wird gesagt, als erster Grundsatz für daS weitere Borgehm auf erdrechttichem Gebiete sei zu erachten, die im Volke herrschmde Rechts« anschauuug zu schonen und Bestimmungen zu vermeide«, die sich mit dem Rechtsgefühl der Bevölkerung nicht decken. Dieses RechtSbewußtsein ober finde keineswegs überall in dem geltenden Jutestaterbrecht seinen Ausdruck, eS äußere sich vielmehr in der Art und Weffe, wie flch die Vererbung thatsächlich vollzieht. Danach sei für die geplante Reform (Anerbmrecht) von gründ»
Und wenn fo Trübsal Dir den Blick verschleiert. So hör' der Lerche Hellen, stohgestionnten Sang: Sie zeigt den Weg Dir aufwärts zu den Sternen, De» Weg zur beff'ren, ew'grn Heimath an!
Eine Beziehung zu der nachfolgenden Aufführung hatte der Prolog absolut nicht und die ttefempfundme« Gedanken fanden bei der Menge wenig Berständniß. Und so blieb eS still, nachdem der Sprecher geendet. Da schlug der in der Ecke deS Saale- stehende Witth seine mächtigen Hände klatschmd ineinander. DaS war daS Beispiel für bieUebrigen und, wie eS häufiger z« gehen pflegt, folgte dann reicher Beifall von der ver« ständmßlosm Menge.
Die so gewonnene Anerkennung machte ans de« Autor absolut keinen Eindruck und nach gemeßener Verbeugung trat er ab. Rach kurzer Pause begann dann die Aufführung.
Gespielt wurde, wie eS zu erwarten stand beiLeutm, die noch nie einer dramatischen Aufführung beigewohnt hatten. Zu« Glück waren die Zuschauer auf diese» Gebiete ebenso unerfahren. Man hatte gut memorirt und auf Anordnung deS RegiffeurS wurde der Dialog stets an da-Publikum statt an die Darsteller gerichtet. DaS war verkehrt, aber eS hatte doch dm einm Bor« theil, daß man Alles ziemlich verstand, waS sonst nicht der Fall gewesen sein würde. Einzelne Bewegung« der Mitwirkenden waren geradezu hölzerne, doch öie