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Dienstag, den IS. Juni 1894. 21. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 16 Juni

* Die zur Verstärkung der Schutztruppe in Süd­westafrika bestimmten O fijiere und Mannschaften wurden gestern Nachmittag in Potsdam dem Kaiser vorgestellt. Die Ausrüstung unterscheidet sich ziemlich wesentlich von der TropenauSrüstung. Die Anzüge be­steh:« aus geringstem graubraunen Plüsch. Den Kopf bedeckt ein großer grauer Hut, an dessen rechtsseitig aufgeschlagener Krampe die ReichS-Kokarde angebracht ist. Die Fußbekleidung besteht aus gelben Schnürstiefeln, zu welchen bei den Reitern noch bis über daS Knie reichende, gleichrfalls gelblederne Gamaschen treten. Gelb ist überhaupt alles Lederzeug. Aufschläge und Kragen der joppenartig geferligten Waffdrücke sind von blauem Tuch und mit einfachen Äarderodelitzen versehen. Sonstige Abzeichen bei den Offizieren und Unteroffizieren sind genau dieselben, wieder unserem Landheere. Der Kmsir richtete eine Ansprache an die Offiziere und Mann­schaften, in welcher er dringend ermahnte, sich keiner Ausschreitungen schuldig zu machen.

* Ueber die RcichsFiuanzreforrn verbreiten die für offiziös geltenden Blätter die widersprechendsten Nachrichten. Nach den „Caprivi-Offiziösen" soll daS eigentliche Finanzreform-Ges. tz dem Reichstage in der nächsten Sestion nicht wieder vorgelegt werden, sondern nur daS Tabaksteuer-Besitz. Die „ Miquel -

Zrunnengist?)

Novelle von Ernst Scharf.

Der Rhein, der schönste und verkehrreichst: Strom Europa's, bietet in seinem weiten Gebiete em ungleiches Bild.

Ober- und Miltelrhein sind reich an berühmten, landschaftlichen Schönheiten. Bon den Bergen grüßt die Romantik verklungener Zeiten: altersgraue Rainen auf stolzen Felsenhöhen; Revengelände, auf denen der kostbare Rheinwein reift, und dunkelbewaldete Berge tauchen ihr Bild in die blau-grünen Fluchen; reiche Städte, hübsche Töifer und prachtvolle Billen umsäu­men daS Ufer, das die Welle schäumend küßt.

Bei Bonn, am unvergle chlichen Siebengebirge, ändert sich die Landschaft; die Ufer werden eintönig. reizlos. In Köln, der mächtig aufstrebenden rheinischen Metropole, deren hehreS Wahrzeichen, die Thürme deS DomeS — wie zwei Finger hoch zum Schwur, an einer Riesen Hand! — meilenweit sich abbebt, ist auch daS Hauptziel der Prachtdampfer, die den Rhein durchfurchen. Rast­los plätschere» Vie Wllen weiter an dem großen, vor- Nehmen Düsseldorf vorbei durch die niederrheimsche ! Ebene dem fernen Meere zu. Einförmig, fast melancholisch ! wird die Umgebung, überall Werden und Felder in ermüdender Monotonie. Dar Auge sucht oft vergeb­lich nach einem Ruhepur kt, und bet dem geringen Ge­fälle zieht der Strom langsam und träge, wie ein müder Greis, seine Bahn.

*) Nachdruck verboten.

Offiziösen" leugnen dieS unter Hinweis darauf, daß , noch gar keine Entscheidung im BundeSrathe gefaßt fei. Daneben kommen dann Andeutungen, daß man in Preußen \ den Paritätrforderurgm der Katholiken ein wenig ent- i gegen kommen wolle, um daS Centrum für die Steuer- - Vorlagen zu gewinnen. Auf die bayerischen CentrumS« Mitglieder rechnen die Offiziösen für die Tabaksteuer- Bor läge ohnehin schon. Daß das Cmtrum sich durch die Anstellung der einen oder andern Katholiken in einem höheren Amte — vorläufig merkt man ja von derartigen Absichten auch noch nichts — nicht bewegen kaffen würde, für Vorlagen zu stimmen, die eS für ver­werflich hält, v rsteht sich von selbst. Im U.brigen kann das ganze Gerede unbeachtet bleiben.

* Auf der Landwirthschasts - Ausstellung zu Tr,p ow ist zum Schluß derfelven unter Den ausgestellt gewesenen Rindern die Klauenseuche auSgebrochen, so daß mehrere Rmder nach dem Polizei - Schlachthause übergeführt wero-n mußten.

* Für die Berliner Gewerbeausstelluug im Jahre 1896 haben sich bereits ca. 2500 AuStteller rechtsverbindlich verpflichtet. Em Zuwachs van ca. 1000 Ausstellern ist in nächster Zeit noch zu ermatten. Der GarantiefondS beträgt gegenwärtig 4V2 Mill. Mark, f Mit der Ausstellung werden verbunden: eine deutsche Kolonial - Ausstellung; eine Fischereiausstellung und Sport - Ausstellungen der S 'g-l, Ruder, Angler, n. s. w. Vereine. D:e durch die Blätter gegangene Mittheilung, daS Berliner Kunstgeweibe gedenke unab­hängig von der Gewerbe-Ausstellung eine Sonder-Aus- stellung zu veranstalten, hat sich als unbegründet er­wiesen.

* Der Bundesrath hat gestern den Entwurf der Ausführungsverordnungen zu den Gesetzen über den Schutz der Maarenbezeichnungen und den Schutz von Gebrauchsmustern den zuständiger: Ausschuss u und die Resolution des Re chstags fowie Eingaben, betreffend daS Verbot der Abgabe von Maaren Seitens der Konsumvereine an Nichtmitglieder, dem Reichskanzler überwiesen.

* Der Justizausschusi deS BundeSraths hat i beim Plenum beantragt, den Reichskanzler zu ersuchen, die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs in Betreff der ; Bestrafung unwahrer (nichteidlich';) Zeugenaussagen j in Erwägung zu nehmen. DaS Änfeden der EideS- \ leistung leidet, wenn bei jeder Bagatelle eine EideS- ■ leiftung erfordert wird. Der Justizausschuß beantragt ferner beim BundeSraih die Annahme der Novelle zum GerichtSverfcffungrgefetz und zur Strafpiozeßordnung mit einigen Abänderungen, die angeblich nicht erheb­lich sind.

* lieber die Frage der Sonntagsruhe im Eisen­bahngüterverkehr ist im ReichSeisenbuhnamt unter Theilnahme von Vertretern der Regierungen von Preußen, Boyern, Sachsen, Württemberg, Baden, H ssen,

Ist so der Contrast in der landschaftlichen Erschei- ] nung ein großer, so bietet auch der Charakter der Be­wohner einen leicht merklichen Unterschied In dem entzückenden Rheinthaleund in den verk-hrreichen Städ'.en wohnt em heiteres Völkchen, der eigentliche Typus des lebensfrohen Rbeinlänvers. Viele Tausende von Frem- i den sind eine Quelle mannigfachster und reicher Ein­nahmen, die man am Niederrhein, wohin sich fetten ein Tourist verirrt, entbehrt. So ist der Bewohner der Ebene in feinem härteren Kampfe um's Dasein ernst r und stiller, als sein Stammverwandter an den ; Rebenhügeln. i

Aus weiten Gebieten des N.ederrheines ist neben j dem Ackerbau die SammtinSusttre vorherrschend. Sie i ist eine abstumpfend einförmige Beschäftigung, sowohl auf dem Webstuhl wie in der Fabrik. Der Geist hat j keine Gelegenheit, fördernd ein ^greifen; die Hauptsache sind gesch ckte mechanische Griffe, und Ausdauer und * Fleiß kommen allein in Betracht.

Auch in bim Dorfe Rahlen, dar unweit der still i durch GraSweidiii sich binziehenden NierS langgedehnt! liegt, ist die Sammtweberei der Haupterwerb. Ver- einzelt arbeiten die Bewohner zu Haufe auf ihren - Sammtstühlen, die meisten aber in den mtchanifchen Fabriken der nahegelegenen Stadt. Verstreut liegen die Häuser und Häuschen umher, von Bäumen und Gärten umgeben. Die Grundstücke geben Gelegenheit zu gesunder Nebenbeschäftigung und die Produkte bilden eine werthvolle Bereicherung deS Haushaltes, für den nicht, wie in der Stadt, Alles zu theuren Preisen auf dem Markte eingekauft zu werden braucht.

Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg weiter verhandel worden. Auf Grund der von den einzelnen Regier­ungen angestellten Erhebungen und der ans einigen Bahnmtzen, namentlich den preußischen Staatrbahnen bereits gemachten Erfahrungen wurde ein Einverständniß dohin erzielt, daß eS angängig fein werde, auf allen deutschen Eisenbahnen den Güterverkehr an Sonn- und Festtagen, abgesehen von der Zeit deS stärksten Ver­kehrs, wenn auch nicht ganz einzustellen, so doch wesentlich e inzus chr änke n. Es ist in Aussicht genommen, nach Beendigung der nötbigen Vorbereit­ungen in diesem Sinne weiter vorzugehen.

* Em Brüsseler Blatt meldet aus angeblich autorifuter Quelle, Deutschland fei entschlossen, falls es nicht dem englisch kongostaatlichen Abkommen gegenüber Ge- nugthuuag erhalte, die Neutralität deS Kongostaates nicht mehr amueifenner.

* Köln, 15. Juni Der Vorstand deS Afrika­vereins deutscher Katholiken bewilligte für die in den deutschen Schutza-dieten thätigen MissionSgesell« fchafteu ausS Neue 105,000 Mk.

Ausland.

* Wien, 16 Juni. Die ersten Berichte über die Grubenkatastropbe in Karwin waren leider nicht über­trieben. Mindestens 200 Menschenleben sind ver­loren. Die genaue Anzahl der Verunglückten ist augenblicklich darum nicht festzustellen, weil viele Ge­rettete unmittelbar nach dcm Unglück ohne Anmeldung heimeilten. Unmittelbar nach der ersten Explosion fuhren der Betriebsleiter Kohout, der Schichtenmeister Kurz und der Steiger Lrdnik in den Johannschacht ein, während Bergrath Grey, die Afsistenteu Binder und Razek und die Obersteiger Flame und EliaS, so­wie der Oberhauer Opiol in den FranziSkaschacht ein* fuhren. In diesem Augenbl cke erfolgte eine zweite Erp'osion, durch welche Kohout zurückgeschleudert wurde und ohnmächtig liegen blieb, während Kurz, Lednik, Razek, Flame und Opiol getödtet wurden. Trotzdem setzten sie unter Führung Grey's mit größter Lebens­gefahr dar Rettungswerk die ganze Nacht hindurch fort und förderten 13 lobte, sowie 13 Verwundete zu Tage, bis nach der fünften Explosion alle R-ttungs« arbeiten aufgegeben und fämmtliche Schächte und Ventilationen gefchloffen werden mußten, um den Grubenbrand durch Luftabschluß zu ersticken. Bisher wurden im Ganzen 18 Tobte geborgen, deren Anblick ein grauenerregender ist. Die Körprrhaut ist total gebräunt, viele Gliedmaßen sind verstümmelt. Er­schütternde Scenen spielten sich am Schauplätze ber Katastrophe ab. Hunderte von Frauen und Ange­hörigen der Verunglückten umstehen in stiller Ver- zwe flung weinend und händeringend die auf Stroh­lager gebetteten Leichen. Es werden Monate ver­gehen, bis die übrigen Leichen geborgen und bet Brand

Einfach und still geht hier der Menschen Leben hin. Die Hauprsestlichkeit im Jahre ist der Neujahrs- tag, dann die Kirmeß und daS damit verbundene Schützenfest. Dann ist prächtiger Aufzug, Tanzver­gnügen und große Schmauserei.

Erst in letzter Zeit ist es anders geworden; die Vergnügungssucht ber Gegenwart trägt ihren Wellen­schlag bis ins stillste Dors. Auch Rahlen war nicht frei davon geblieben. Verschiedene Vereine entstanden, und nun gab es eine Reihe Stiftungsfeste und Ver­anstaltungen, die man früher nicht kannte. An den althergebrachten Gebräuchen hielt die konservativ ge­sinnte Bevölkerung jedoch fest. Zu den eigenartigsten gehörte die „Herrn - Wohl" und Die „Mädchen • 8er* .steige;ung" am StefanuStage.

Der neue „Herr" wird am 2. Weihnachtstage von dem abtretendey alten „Herrn" mit einem Strohkranz geschmückt. Am nächsten Neujahrrtage ist er bet viel­besuchtere Mann im Orte. Für Jeden, der da kommt — und es kommen Biele —, ein glücklicher Neujahr anzuwünschen, muß Schnaps und ein Zuckerbretzel zur Verfügung stehen. In ber Nacht vorher hat der Herr auch wenig Ruhe; punkt 12 Uhr wird von den Burschen Neujahr angeschosfen, und wer beim Glockmschlaz 12 den ersten Schuß that, bekommt einen Riesenbretzel, den auch bet Herr stellen muß. An dem nöthigen Getränk darf es natürlich hierbei auch nicht fehlen. Das Pendant zum Herrn ist die „Hetrenftau", die der Erstere sich wählt; sie hat die Pflicht, die Jungfrauen deS O.teS mit einem „Süßen" zu bewirthen. Dafür werden dem Paare aber auch allerhand Ehrenbezeugungen zu Thnl;