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Beilage zu Nr. 136 der.Fuldaer Zeitung'.

= Fügungen Gottes?)

Skizze von Er. Krafft.

1.

Vor dem stattlichk« Bürtzermeistershause der Rhein« strdt B. hntt om FasLingSsonvtag, kurz vor 8 Uhr Abends, ein elegantes G-führte. Der Kutscher fprastg vom Bock und öff tete den Wagenschlag.

Eine zierliche Dameng«statt hopste auS dem Innern deS leichten Einspänners, befahl dem Wagenlenker ein wenig zu warten und verschwand sodann unter dem Portale deS Hauses. In dem Vestibüle derselben an« g«kommen, blickte sie frohlächelrd und grüßend in die Höhe; auS der offenen Thüre eines Zimmers im ersten Stock lugte nämlich ein prächtiges Mädchen der an« kommenden Dame entgegen. Dasselbe drohte mckffch mit dem Zeig« finger der Rechten und rief der hastig die Toppe Hinausfiürmerden zu:

„Endlich, Lilli, endlich! Ich habe bereits ein Viertelstündchen auf Dich gewartet und fürchtete schon, daß wir zu spät zum FffchirgSballe länten.“

Sie streck e Lrlli, bte nun bei ihr angekommen war und tiefathmend vor ihr stand, beide Hände zum Will­kommen entgegen und zog sie zu sich herein in- Z-mmer.

Diese warf flink ihren Pelzmantel ab, postirte sich dicht vor die Freundin, sodaß ihr glänzender Faschings« koftüm derselben recht in die Augen leuchten mußte, und blickte ihr erwartungsvoll in's Gesicht.

DaS Bürgermeistertöchterlein sah bewundernd an der eleganten Gestalt auf und nieder; vor Staunen brachte sie kein Wort hervor.

„92an?“ fragte Llli und lachte silberhtll auf.

„Wie schön bist Du, meine Freundin, wie wunder­schön!“

Lilli fühlte sich geschmeichelt. Ihr Au ie blitzte hell auf, als sie si h kokett umwandte, um der Freundin auch die andere Seite der Kostüms in vollem Lichte zu zeigen.

„Ja, das meinte auch meine Mama“, sagte sie mit bezauberndem Lächeln. „Nicht wahr, Frieda, das Kostüm „Rose“ kleidet mich gut?“

Dabei fuhr ihre kleine, weißbchandschuhte Rechte glättend und zärtlich über den gold'ch llernden Ailas« rock, der in zierlichen Falten zur Erde wallte und am Saume mit kleinen Roserkgolpen umkränzt war. Ihr Mndrr, auS blattgrünem Sammt gefertigt, zackte sich wie die Kelchblätter der Rose zum Nacken em« por, in ihrem blonden Gelock duftete eine vollerblühte Centifolie.

Frieda Kestel antwortete nicht auf die letzte Frage Lillis. Ihr Auge wanderte von der glänzenden Robe der Freundin auf das eigene Fastnachtsgewand. Auch dieses war sckön und finnig, aber bei weitem nicht so frei und kokett wie das der Freundin. F.äulein K-stei stack in der züchtigen Gewandung ew.es „Gretchen“ und war recht lieblich anzusehen.

Nachdem Lilli einige belobende Worte auch über Friedas Kostüm gefprochen, schlüpften die beiden Mädchen in ihre Pelzmäntel, fitzten die Larven auf und ba» ließen das Bürgermeisterhaus. Die beiderseitigen Eitern waren schon aufgebrochen, um durch ihre Anwesenheit die Mädchen nicht kenntlich zu machen.

Lilli war sehr erregt. Die Röthe der Aufregung hatte schon im Bürgermeisterhause auf ihrem ganzen Antlitze sich breit gemacht, während der Fahrt zum Maskenball aber zitterte sie fast vor Ecwarturg.

Die Maskerade wurde in einem großen Saale der Stadt abgehalten. Wie duftigklares Mondlicht flutheten die elektrischen Lichtwellen von den schönen Kronleuch­tern in die prächtig geschmückten Räume hernieder und hüllten ein Publikum in ihren zauberischen Glanz, so bunt und vielfarbig und übermüth g, wie man eS selten zusammer findet. Die Charakterkostüme und Phantasie« arzüge waren schier zahllos, so daß Frieda und Lilli, als sie auf der Schwelle des SaaleS erschienen, davon fast geblendet wurden.

Allein ihr Staunen hielt nicht lange an. Sie stürzten sich in frischem Urbermuthe in das Gewühl der auf- und abwogenden Menge und schlürften in vollen Zügen den Becher des Vergnügens ein.

Ein eben beginnender Tanz trennte die zwei Freun­dinnen, Frieda lehnte an einer Säule und sah zu, während sich ßüi ungestüm an den Arm eines schmucken Troubadours hängte und bald mit ihm in schnellem Tanze durch den Sc al sauste.

So ging es eine Slunde und mehr in Jubel und tolle« Freudentaumel fort. Die Freundinnen trafen ab und zu zusammen, wurden aber immer wieder von einander getrennt.

Ermüdet vom Tanzen, hatte sich Fiäulein Kestel eben einmal auf einen Ruhs,fiel niedergelassen, der in einer Nische der TanzsaalcS stand. Die letzten Töne einer raschen Galrppade waren gerade verklungen ; die Knäuel der Tänzer entwirrten sich. Es war ein über-

*) Nachdruck nicht gestattet.

Sonntag, den 17. Juni 1894

anS farbenprächtiges Bild, dos sich vor den Augen Friedas entrollte. Sie war ganz in das Anschauen derselben versanken, als sie p ötzlich L-ll-s schmucke Gestalt auf sich zurennen sah

Die „Rose“ bebte merklich am ganzen Löcher, als sie sich neben Ftteda niederließ und in gebrochenen Wirten flüsterte:

„Frieda, ich fühle mich etwas unwohl. Mein Blut jagt wie rasend durch die Adern, das Herz pocht mir zum Zerspringen.“

„Um GotteS Willen, Du wirst doch nicht kcank geworden sein?“ frug die andtre besorgt. „Es ist wohl nur die große Aufregung, die Dich etwas an- greift. Setze den Tanz eine Weile aus und bleibe hitr an meiner Seite, bis Dein Blut sich wieder be­ruhigt hat.“

L-lli gehorchte. Doch schien eine Beruhigung bei ihr nicht einzutrcten. Unruhig drehte sie sich auf dem Sessel hin und her, und Frieda, die ihre Hand er­griff .« hatte, dünkte eS, als ob sich der Sturm des Blutes mit jedem Momente noch steigere.

„Ist Dir noch nicht besser, liebe Freundin?“ hauchte sie ihr nach wenigen Minuten in's Ohr. AuS ihrer Stimm: klang die Angst um die Freundin merklich hervor.

„Leider nein“ — die Stimme der jmgen Dame zitterte heftig —, „wir wollen unsere Ettern aufsuchen; ich möcht: heiwfahren.“

Sie richtete sich mit Mühe en por und legte ihren Arm in den der Freundin. Ihr Herz schlug so stürmisch, daß Frieda eS deutlich wahrnahm

In einem Nebensaale fanden die Beiden ihre Elter«. Die Bestürzung derselben war nicht klein, als sie von drm Unwohlsein Lillr's erfuhren.

Düse nahm ihre Larve vom Gesichte und ließ sich auf ein Srpha nieder. Ihr Gesicht war blutroth, die Augen glühten, die Lppe« zuckten fiberhast.

„Mein Kind, mein Kind!“ jammerte ihre Mutter, eine groß', stattliche Matrone, und lehnte das feuer­heiße Köpfchen der geliebten Tochter an ihre Brust; „war ist Dir?“

„O, es ist nichts, Mütterchen. Etwas überhastet habe ich mich beim Tanze, es wird gleich vorüber fein. Ich bitte — um — ein — Glas — Wasser.“

Frieda stürzte fort, dar erfrischende Naß zu holen; die Mutter Lilli'S rang in Verzwe fl rng die Hände und starrte wortlos auf ihr Kind. Nur Bürgermeister fit ft <1, Frieda'-- Vater, behielt so viel Geistesgegenwart, nach einem Arzt zu schicken.

Zufällig war ein solcher auf der Maskerade. Allein als er zu Hilf: eilte, war eS fchon zu spät. Lillr's Augen hatten sich mit einem Male verdreht, das Gesicht war a!wechselnd pmpurroth und schneeweiß geworden, ihre Glieder hatten sich krampfhaft verzerrt und unter dem Rufe: „Mutter, Mutter, Frieda, Gott sei mir gnädig!“ hatte sie ihr Leben anSgehaucht.

Der Arzt konstatirte Herzschlag.

Die S taation war unbeschreiblich: Lilli lag als „Rose,“ voll Glanz und Flitter, tobt aus dem Ruhe­bette; ihre Eltern waren untröstlich, besonders die Mutter gebährdete sich wahnsinnig. Frieda war leichen­blaß und brachte vor Erschütterung kein Wort über die fahlen Lippen. Eine Menge Zuschauer, in den buntesten, verschiedenartigsten Gewändern, drängte sich um die Leiche. Die Musik und der Jubel waren ver- stumsnt: der Tod hatte mit rauher Hand mitten in den Faschingstrnbkl gegriffen und sich die schönste Mädchenblume gepflückt. Jamm-r und Seelenelend waren an die Stelle der Freuden getreten, Angst und dumpfer Schrccken hatten sich über die Festtheilnehmer gelegt, wie Mehltau über eine lachende LenzeSlandschaft.

2.

Lilli schlummerte bereits seit einem Jahre in kühler Erde. War die überlebenden Angehörigen infolge ihrer plötzlichen HinscheidenS gelitten, ist unaussprechlich. Aber auf Niemanden hatte der Tod d:S jungen Mäd­chens einen mächtigeren Eindruck gemacht, als auf Fttcda Kestel. Sie war seit jenem unglückseligen Fasch ngSabende wie umgewandelt. Sie floh und mied jedes Vergnügen, ernst und in sich gekehrt, lebte sie nur ihrer BerufSpflrcht und Gott. Zuletzt hatte sie sich sogar entschlossen, ganz der Welt zu entsagen und sich als Ocdensfrau völlig in den Dienst Christi zu begeben. Ettern und Verwandten war es nicht leicht ge­worden, sich mit diesem Vorhaben Friedas vertraut zu machen; allein alle Vorstellungen waren ar dem festen Willen deS Mädchens gefcheitert. Sie trat in den Orden der barmherzigen Schwestern ein und wurde gerade am ersten Jahrestage des TodeS der geliebten Freundin als Novize in den Ordensstand eingeführt.

Die frommen Schwestern hatte« nämlich, um dem Heilande einigermaßen genugznthun und Ihm ein Ent­gelt zu bieten für die vielen Beleidigungen, die Ec an den FastnachtStagen erfahren muß, die Aufnahme der neuen Novizinnen in ihre Genossenschaft auf FafchingS- sonntag verlegt.

Ans den Straßen der Stadt tobte, wie immer, der tolle U'bermuth der Faschings-rohen, und als die Dänmrnng ihre dunklen Schleier über die Rheingegmd cusbreiüte, vermehrte sich der Jubel noch um ein Be­deutend-s. Die Weltmenschen hatten eS schon verg-ss n, daß im vorigen Jahre die mahnende Hand GotteS so sichtlich in ihr Treiben eingegriffen, und lebten in SauS und BrauS weiter.

Welcher Gegensatz zwischen dem Faschingsstraßen- bild in B. und dem Inneren deS stillen Kirchleins der barmherzigen Schwistern! Dort Hasten und Jagen nach Erde- und Fleischeslust, tolles Ueberschäumen der Ber- gnügungSlaune, — hier st ll-r Friede, fromme Gott­ergebenheit und Seelevlüst im Herrn.

Die Kirche war schön g«schmückt mit Kränzen und Guirlanden und strahlte in hellem Kerzenschein. Biele Andächtige hatten sich eingefnuden, um der Einkleidung dec Bürgermeisterstochter anzuwohnen. Die Eltern der Braut Christi und diejenigen der verstorbenen L'lli knieten in der vorder st m Bankreihe und konnten sich kaum der Thränen enthalten, als sie sahen, mit welcher Andacht und Seelenruhe Frieda bei dem hl. Akte der „Einkleidung“ sich benahm. Fest vnd vernehmlich ant« wartete sie auf alle an sie gestellten Fragen und ge­lobte dem Herrn unverbrüchliche Treue als Dienerin und Braut. Manches Auge wurde «aß, und als «ach Schluß der hl. Ceremoniev des herrliche Danklied „Großer Gott, wir loben Dich!“ gesungen wurde, konnten viele vor Schluchzen diesen Ambrosianischen Lobgesarg nicht mitsingen.

Frieda aber strahlte vor innerer Glückseligkeit: ihr Auge leuchtete, ihr Mund stimmte ein in den wunder- baren Gottesgesang, das „Te Deum“, und ihr Herz war voll des Danke? gegen den Leuker des mensch­lichen Gesch'ckeS, der sie so wunderbar geführt hatte.

Als die junge Braut Christi aber später im Fremdeu- saale deS Klosters sich verabschiedete von ihren Eltern und Verwandten, flüsterte sie leise der Mutter L-llr's in's Ohr, die sich noch immer nicht trösten wollte Über den Verlust ihres Kindes:

„GotteS Wege sind nicht unsere Wege. Ich werde für Lilli zeitlebens beten, damit wir uns im Himmel wieder vereinigen und in ewiger Glückseligkeit mit Gott mb den Heiligen leben körnen.“

Vermischtes.

* Der Rnsen-Elephant auf dem Festplatze für daS XI. deutsche Bundesschieße« zu Mainz Ohne etwas Apartes thnn <s die Mainzer nicht. Der Festplatz befindet sich auf der Höhe der „Neuen Anlage", woselbst eine förmliche hiflzerne Feststadt aufgebaut ist. Der „Clou" dieser Schützenfestbaulichkeiten dürfte der Elephantenthurm sein, den die Maincer Firma Flcckenstein errichten ließ. Dieses originelle Bauwerk hat im Ganzen eine Höhe von 35 m Die „Knochen" des Elephanten bestehen aus einer kräftigen Eisenkonstrnktion, die volle Gewähr dafür bietet, daß die Schützenfestbesucher den „Aufstieg" vollkommen gesahrlcs unternehmen können Die Körperformen sind auS einem Draht- g, flecht, das mit einem Gypsüberzug versehen ist, hergestellt. Vier Maurrwerkb'.öcke von je 7 Kubikmetern Inhalt, auf denen die Füße ruhen, geben dem Bauwerk die nöthige Stabilität Die zu dem Elephanten nebst Thurm verwendete Eisenmasse hat ein Gewicht von 30 000 Kiw. Jin Rumpfe des Elephanten befindet sich ein prächtig ausgestalteter Champagner-Salon, zu dem 4 eiserne Wendeltreppen in den 4 je 2i/i m im Durchmesser hal­tenden Beinen hinaufführen. Im Elcphantenkopfe sitzt eine Musik­kapelle. Der auf dem Rücken des Elephanten stehende Thurm hat 3 Stockwerke. Der Paiterrestock ist zu einem Tanzboden eingerichtet; in den beiden oberen, von denen aus man einen schönen Ueberblick über den Festplatz hat, befindet sich ein Blumen- und Postkartenverkauf, ferner eine Druckerei, die besonders für die Herstellung von Verlobungs-Anzeigen eingerichtet ist. Den Abschluß des Thurmes bildet eine große Champagner flasche.

* Ilm eine Henne. Bei einem Picknick im Walde fing, wie auS Wien mitgetheilt wird, einer der Theilnehmer in seinem Uebermuthe eine herumlaufende Henne, welche aus einem nahen Gehöft entwichen war. Die Beute wurde geschlachtet, gebraten und srohgemuth verzehrt. Die Sache war ober richt unbemerkt geblieben und — die ganze Gesellschaft, Herren und Damen, wurden des Diebstahls und der Diebstahlstheilnahme angeklagt und für schuldig befunden. Drei der Bernrtheilten verloren in Folge dessen ihre Stellen und einer, Vater von 3 Kindern, er­schoß sich aus Gram darüber, daß nun Schande und Elend über seine Familie hereingebrochen war. Bonden verurtheilten Damen aber wurde eine von ihrem Bräutigam verlassen, weil er eine „Diebin", die im Gefängniß gesessen habe, nicht zu seiner Frau machen könne. — Wenn unwahr, ist es wenigstens gut erfunden.

* Ein scharfer Bierkrieg wüthet im nordamerikanischen Staate Indiana «Die Temperenzler hatten vor einigen Wochen die einzige Gastwirthschaft in Burlington unter dem Oberbefehl des Bürgermeisters gestürmt, alle Borräihe an Getränken in die Gosse geschüttet und das Gebäude selbst vollständig verwüstet. Der Witth und sein Schankwärter wurden schwer mißhandelt und dann grfesselt über die Stadtgrenze befördert, während der Janhagel dazu Lieder sang Trotz diesen lösen Erfahrungen hat der Wirth jetzt in Burlington eine neue Wirthschaft errichtet. Sie ist nach Art der alten Blockhäuser erbaut, auf allen vier Seiten des Hauses befinden sich Schießscharten und ein tiefer Grälen ist um das Gebäude gezogen, über das eine Hängebrücke sührt, die der Wirth beim Einbruch der Dunkelheit in die Höhe zieht. Er wie sein Schankwärter schlafen abwechseind in der Bier- feste und ihr Schlafzimmer gleicht einem Arsenale. Drei Bull­doggen umstreifen das Gebäude bei Nacht und außerdem sind im Graben elektrische Drähte um das HauS gezogen, welche zu Berthcidigungszwccken dienen. Das Lokal wurde unter ungeheurem Zudrang durstiger Seelen von Nah und Fern eröffnet. Die Temperenzler sollen aber bereits aus neue Handstreiche gegen den Wirth sinnen, der geschworen hat, daß sie ihn lebend nicht aus seiner Biersestnng treiben würden.