Einzelbild herunterladen
 

21. Jahrgang

Samstag, den 16. Juni 1894.

135

FiildaerMZeitlliig

Wie man stch irren kann.

Humoreske von Karl Köhler.

„Timotheus, nimm Dich um's HrmmelL Willen vor unerfahrenen Backfischen und allzuerfahrenrn Wittioen, diesen gefährlichsten aller Männerfallen, in Acht,-, pflegte vor Jahren feine Mutter selig zu sagen, wenn sie ihn im Verdacht hatte, dah er sich nach einem Ehe« gesponst umschaue. Und damit hatte sie ihm, da er überaus schüchterner Natur war, einen so nachhaltigen Schreck eingejagt, daß er sofort instinktiv vor jeder Berübrung mit dem zarten Geschlechte zurückbebte und schließlich auf dem Wege war, als solitärer Hagestolz seine Tage zu beschließen. Es war dies umsomehr zu bedauern, al- er wirklich olle Tugenden besaß, die eine Durchschnittsgattin glücklich gemacht hätten. Ec hatte weder große noch kleine Fehler und selbst der nationalen Untugend deS WirthShauSlebenS zog er einen beschaulichen Spaziergang in die freie Natur, eine mittelmäßige C-garre vor. Eine zu Sardinen- predigten aufgelegte Frau würde ersteres allerdings schmerzlich vermißt baden, aber sie hätte ja immer noch ans die verbotene C'garre zurückfallen können, um ab und zu die Würze der Glückes und die nölhigenden reinigenden Wetterwolken am ehelichen Himmel zu liefern. Bei zweckmäßiger Behandlung hätte er sich, wie man zu sagen pflegt, um den Finger wickeln

Deutsches Reich.

Berlin, 14 Juni

* Die neue Verstärkung -er Schutztruppe für Südwestafrika, 8 Offiziere und gegen 260 Mann­schaften, wird dem Kaiser erst morgen Nachmittag vor-

Sn der Cholerakonferenz, welche am Montag in Danzig stattfand, und deren Berathung durch ein kurzes Referat des Herrn Oberpräsidenten von Goßler eingeleitet wurde, beteiligte sich auch Herr Geheimer Rath Professor Dr. Koch-Berlin. Derselbe betonte die Nothwendigkeit, daß em U e b e r w a ch u n g S d i e n st auch zu Lande, namentlich in den an den Ufern der Weichsel gelegenen Landkreisen eingeleitet werde, um jeden verdächtigen Fall sofort zur Kenntniß der Behörden bringen und choleraverdächtige Personen bei Zeiten unterbringen zu können. Ferner sei die sorg- sättigst- bacteriologische Untersuchung dringend geboten, die allerdings eine Vergrößerung deS Danziger bacterio­logischen Instituts bedinge. — Nach einer kurzen Debatte fanden die getroffenen Schutzmaßregeln Billigung; ganz besonders wurde die große Gefahr Hervorgehoben, die in dem Genuß von Weichselwasser liegt, vor dem nicht genug gewarnt werden könne.

* Ueber die »Reich« - Finanzreform" verbreitet eine Korrespondenz, der man Beziehungen zu leitenden Kreisen der Reichsregierung nachsagt, folgende Mittheilung:

Es besteht bei den verbündeten Regierungen letzt em weit­gehendes Einverständniß darüber, daß der dem Reichstage tn der letzten Session vorgelegte Steuerreformplan etn zu Bieles umfassender gewesen sei. Die Möglichkeit, an der Reichs-Finanzreform in dem Sinne fortzuarbeiten, in dem dies insbesondere vom Finanzminister Dr. Miquel urgirt wurde, ist dadurch für die nächste, um nicht zu sagen für absehbare Zett, durchaus in Frage gestellt. Jedenfalls darf als sicher bersch­tet werden, daß in der nächsten ReichStagS-Sesfton das ReichS- Finanzreform-Gesetz nicht wieder zur Vorlegung gelangen wird. WaS daneben bereits über Pläne verlautet, die in Bezug aus die Umarbeitung des Tabak st euer-Gesetzes beständen resp. verfolgt wurden, so kann auf das Positivste behauptet wer- den, daß alle bezüglichen Nachrichten den Ereignissen weit vorauS-

Hierzu erfährt das,Berl.Tagebl.', daß die Wein­steuer jedenfalls nicht wiederkommen wird, daß da­gegen Mmister Dr. Miquel an der Tabak st euer vor« läge festhatten zu wollen scheint. Ob dieselbe eine veränderte Gestatt erhalten solle, steht roch nicht fest; eine Umarbeitung scheine der preußische Finavzminister übrigens nicht für sehr schwierig zu halten.

* Der preußische Laudwirthschasttminister vo« Heyde» hat einen beachtenSwerthen Erlaß an sämmt- ltche provinziale und kommunale LandwirthschastSvereine gerichtet. ES wird darin darauf hingewiesen, daß in verschiedenen Gegenden der bäuerliche Besitz in hohem Maße bei den Sparkassenhypotheken bethriligt ist und den landwirthschaftlichen Kreisen empfohlen, dar Be­streben, diese Hypotheken in Amortisationshypotheken umzuwandeln, thunlichst zu unterstütze«. Die in den Sparkassenverwaltungen tbätigen Lanowirthe sollen die Aufnahme entsprechender Bestimmungen in die Statuten,

geehrter Herr Doktor, dem beabsichtigten Unternehmen gefälligst fern bleiben zu wollen, wir könnm eS sonst nicht verhindern, wenn in Ankunft von den Gewerbe­treibenden Moabit'S nur solche Herren Aerzte in An­spruch genommen werden, welche dem genannten Waaren» hause fern stehen." m Ä

* Die bekannte Berliner Firma Rudolf Herzog hat zum Garantiefonds der Berliner SewerbeauS- stellung im Jahre 1896 den Betrag von 150,000 Mark gezeichnet.

* Nach den ,Berl. Polit. Nachr.' erstrecken sich btt geplanten Abänderungen in Bezug auf den Tarif für die Beförderung der Zeitungen durch die Post ut erster Reihe darauf., daß die Gebühren nach der Häufigkeit deS Erscheinens und dem Gewichte der Einzelnummer deS Blatter bemessen werden sollen.

* Die Vorstände der Zweigvereine zur Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschifffahrt haben beschlossen, die Regierung um ein erneuter Eintreten für den Mittellandkanal, eventuell zunächst für den Dort- mund-Rheinkanal zu ersuchen. Die Ablehnung der Letzteren seitens deS Abgeordnetenhauses erfolgte be­kanntlich im Wesentlichen mit Rücksicht auf die gegen­wärtig- Finanzlage.

* Zur Probe sind der «Post' zufolge vor Kurzem 400 Stück Bajonette in der königlichen Gewehrfabrik zu Spandau angefertigt und an verschiedene Truppen« cheile verausgabt worden. Die neue Waffe ist etwa halb so leicht wie da« bisherige Seitengewehr.

Ausland.

* Pest, 14. Juni. Beim Grafen Alada Andraffy findet heute eine Konferenz statt, welcher die Minister Wekerle und Szilagyi beiwohnen. Die Mmister werden den oppositionellen Magnaten die Konzessionen bekannt geben, welche sie ihnen zu machen gedenken. Demnach dürfte die Ehegesetzvorlage, welche am Mittwoch be- rathen werden soll, zur Annahme gelangen. Wie noch verlautet, soll die obligatorische kirchliche Eheschließung nach der bürgerlichen bewilligt werden. (Trau, schau, wem 1)

* Pari«, 12. Juni. Weit entfernt, unter dm sog. „gemäßigten" Ministerien sich in irgend etwa» zu verbeffern, wird die Lage des Klerus und der Katholiken in Frankreich von Tag zu Tag schlimmer, weil die gegen die Kirche und deren Ein­richtungen erlassenen Gesetze nach wie vor in Kraft bleiben. DaS Nebel wurzelt in diesen Gesetzen selbst. DaS Ministerium Dupuy hat dar Nebel weder unter- drückt noch gemildert, da eS die Aufrechterhaltung die- fer unseligen Gesetze will. ES ist vom katholischen SefichtSpankle aus nicht mehr werth als die vorher- gehenden Ministerien, und die «irchenverfolgung wird unter seiner Regierung nur noch weitere Fortschritte machen. Die Maffe der in den religionslosen Schulen in der Unkenntniß GotteS und in der Mißachtung deS Priesters erzogenen Schüler wird noch mehr Zuwachs erhalten; die Zahl der Familien, in denen die Ehe schon nichts anders ist, als ein Conkubinat, wird noch gestützte und mit kleinen Fähnlein gezierte Leinwand­zelt sich blähte, au» deffen Innern bereits Musik von der Sorte, die Steine erweichen und Menschen rasend machen kann, ertönte, um Schaulustige anzulocken.

Zugleich mit Herrn Timotheus Gotthelf trat eine hübsche schlanke Brünette, an der Rechten ein Schwesterchen, an der Linken ein Brüderchen, zur Kasse und begehrte mit ungemein melodischer Stimme BiüetS. Der Zusall wollte — denn -S ist kaum anzunehmen, daß Herr TimothenS mit Absicht in den Bereich dieser Gazellen- äugen gerieth daß die drei auch dicht neben ihn zu sitzen kamen. Rur da» Schwesterchen trennte ihn von dem gefürchteteck und doch so reizenden Wese«, welcher er nicht umhin konnte — dar heißt, wenn er völlig sicher war, ihrem Blicke nicht zu begegnen —, zuweilen verstohlen anzuschauen. Und jedeSmal, wenn er dies zu Wege gebracht, hielt er sich eine innerlche Straf- predigt, bezeichnete -S als unverantwortlich, daß er nicht schon längst so ein herziges Wesen helmgeführt und einen Sonnenstrahl in sein dumpfer Hagestolzthum gelassen, wobei eS an Titrlchei wie Hasenfaß rc. nicht

Völlig unbewußt, daß sie daS Jnterefle ihres Nach­bars in so hohem Grade erregt, saß indessen Bertha da, — Brüderchen sowohl wre Schwesterchen hatten sie schon Dutzende Male so genannt — bemüht, dir neugierigen Fragen der Kleinen zu beantworten ode

soweit solche Bestimmungen bisher nicht vorgesehen, thunlichst betreiben, sowie auf zweckentsprechende Hand­habung dieser Bestimmungen hinwirken. Ferner sollen sie Sorge dafür tragen, daß von der gewährten Mög­lichkeit der Aufnahme von Amortisationsdarlehen seitens der ländlichen Bevölkerung, insbesondere der bäuer- . lichen, möglichst allgemein Gebrauch gemacht wird.

* Zur Ausführung des neuen Kommuual- stenergesetzeS wird heute offiziös Folgendes kund und zu wissen gegeben:

Wegen der Gebühren für die Untersuchung deS in öffent­lichen Schlachthäusern ausgeschlachteten Fleisches hat § 11 des Kommunalabgabengesetzes es bei dem bisherigen Rechte be­wenden lassen, wonach die Höhe der Tarifsätze so zu bemessen ist, daß die für die Untersuchung zu entrichtenden Gebühren die Kosten dieser Untersuchung nicht übersteigen dürfen. Dagegen können die Gebühren für die Untersuchung des nicht in öffent­lichen Schlachthäusern auSgeschlachteten Fleisches über die Kosten der Untersuchung hinaus in einer den Gebühren für die Schlachthausbenutzung entsprechenden Höhe bemeffen werden. Die Zulassung dieser Erhöhung ermöglicht einen ange­messenen Ausgleich zwischen den auf die Benutzung emes öffent- lichen Schlachthauses angewiesenen Schlächtern und bcnjcmgen Gewerbetreibenden, für welche bei dem Verkaufe des von aus­wärts eingeführten auSgeschlachteten Fleisches der Zwang zu einer solchen Benutzung nicht besteht. Mit dieser Angabe der Absicht des Gesetzes sind die Voraussetzungen, unter welchen, und die Grenzen bezeichnet, innerhalb deren die Vorschrift des Gesetzes zur Ausführung zu bringen ist.

Man wird der Regierung und ihren offiziösen Organen gewiß für jede Erläuterung deS Kommunal- steuergesetz?S und für jede Belehrung bmsichtlich der Durchführung desselben dankbar sein müssen, aber der Werth dieser Erläuterungen und Belehrungen wird doch dadurch erheblich beeinträchtigt, wenn letztere in einer offiziösen Korrespondenz nur tropfenweise ver- schänkt bezw. verkauft werden. Wäre eS nicht besser für alle interessirten Kreise, wenn die Erläuterungen und Belehrnr gen über daS Kommunalsteuergesetz weniger stückweise, sondern in einem gewissen Zusammenhänge im ,Reichsanzeiger' veröffentlicht würden?

* In Sachen des „Waarenhaufes für Aerzte" ist, wie die .Deutsche Handelszeitung' mittheitt, vom Vorstande deS „Vereins selbständiger Gewerbetreibenden Moabit'S" an die Aerzte diks-S Berliner StadttheilS in einem gedruckten Rundschreiben eine Vorstellung ge­richtet worden, worin eS heißt: „Die Herren Aerzte sind unseres Erachtens gewissermaßen auch Gewerbe- treibende, und l-tzlere hatten wir für verpflichtet, stch in der jetzigen traurigen Zeit gegenseitig zu unter- stützen. Durch die Gründung der Waarenhäuser für Offiziere und Beamte, deS Lehrer-BereinS, des Post« beamten-VereinS, deS Eifeubahnbeamten-VereinS u.f.w. ist den Geschäftsleuten die Kundschaft dieser Vereine verloren gegangen und dadurch denselben em großer Schaden erwachsen, welcher sogar viele schon ruinitt und die Existenz der Mehrzahl in Frage gestellt hat. Die Aerzte zeigen durch den Beitritt zu dem neuen Unternehmen, daß ihnen die Existenz ihrer Patienten gleichgiltig ist, sie tragen wesentlich dazu bei, daß der kleine Geschäftsmann zu Grunde gerichtet wird. Aus diesen hier geschilderten Gründen bitten wir Sie, hoch- lassen, und da er etn hübsches Einkommen besaß, weder zu lang noch zu kurz, weder zu dick noch zu mager und beinahe hübsch zu nennen war, hätte er einen recht begehrenSwerthen Ehemann vorgestellt. Schade, daß er so excessiv schüchtern war, daß er sich schließlich fest vorgenommen hatte, überhaupt nicht mehr zu hei« rathen. , „ ,

Indessen, sein 37. Geburtstag sollte diesen Ent­schluß auf eine harte Probe stellen und seinem Jung- gesellenthum möglicher Weise vrrhängnißvoll weid-m Born Bureau nach Hause schlendernd, laS er nämlich die verlockende Annonce einer Kunstreitergesellschaft, welche die Stadt gerade mit ihrem Besuche beehrte, und da er, wie gesagt, sein Geburtstag war und der Abend unfreundlich zu werden versprach, so gedachte er sich nach kurzem Besinnen Etwas zu „leisten" und stch den „Hochgenuß" einet CirkuSvorstellunq za gönnen. In Erwartung desselben und gleichsam als „ahne" ihm Etwas, würgte er sein bescheidenes Mahl ungewöhnlich hastig hinab, ersetzte den während des TageS Last und Müh-n verschwitzten Papierkcagen durch einen frischen, riß sich mehrere graue Haare aus und wandte sich alsdann mit großen Schritten dem Pferdemusentewpel zu. Dieser war wie üblich ans dem freien Platze vor dem Rathhause errichtet. Den Mittelpunkt bildete ein stattlicher Mast, von welchem eine Flagge wehte, während ringsum das konisch geformte, hier und da