Vk 134 Freitag, den 15. Juni 1894. 21. Jahrgang
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♦ Das zweite Ministerium WeKerle.
Wie schon berichtet, haben die Dinge in Ungarn wieder eine bedauerliche Wendung genommen, Wekerle ist wieder Ministerpräsident. Wir stehen also vor einem überraschenden Abschlüsse einer Aktion, die mit den bekannten Garantieforderungen des jetzt zu erneuernden KabinetS Wekerle ihren Anfang nahm. Sie schien zu mißglücken. Der Monarch lehnte den Pairsschub ab, nahm die darauf folgende Demission des KabinetS an und betraute den Grafen Khuen- Hedervary mit der KabinetSbildung. Ob der BanuS diese überhaupt ernst genommen hat, möchten wir nach manchen Anzeichen bezweifeln. Genug an dem; Dr. Wekerle ist, statt sich zusammen mit demselben nach Budapest zu begeben und den neuen Vertrauensmann der Krone vorzustellen, um einige Stunden srüher nach Budapest gereist, hat sich eine Ooation darbringen und gegen Wien demonstriren lassen. Tags darauf wurde der neue Vertrauensmann der Krone dadurch abgelehnt, daß Seitens der Partei das ,tiefgefühlte Bedauern" über den Rücktritt der Wekerle'schen Regierung auSge- drückt, ihr für ihre „männliche Haltung" in der Aufwerfung inkonstitutioneller und respektswidriger Forderungen der unvergängliche Dank auSgedrückr und den Herren Wekerle und Minister kvllegen unerschütterliche Anhänglichkeit und Vertrauen ausgesprochen wurde uad sie ersucht wurden, die Führung der Partei fortzu- führen. Der Antragsteller sagte dabei von dem ganzen Kampfe: „Dieser Kampf wird unter den edelsten Traditionen des ungarischen BerfasiungSlebenS allezeit in Erinnerung bleiben." Und richtig wirkte das. Dr. Wekerle war der „einzige Kandidat" für das Präsidium. Aber er sollte nur ohne Szilagyi dar Kabinet bilden. So endet die bald vierzehntägige Krisis, welche das > Ministerium Wekerle und insbesondere Herr v. Szilagyi : mit beispielloser Leichtfertigkeit herausbeschworen, wohl i mit einer argen Bloßstellung der KabinetS und der ; Partei, aber doch auch mit einer Witdererstehung deS s Ministeriums, wie sie wohl Niemand erwartet hatte. ; Wir sind nicht in der Lage, zu ermessen, welche Gründe ; diese überraschende Wendung herbeigeführt haben. Eben \ so wenig vermag man augenblicklich zu beurtheilen, ' ob wirklich die letzte Woche spurlos an den Plänen j und an der Politik vorübergegangen ist, die das neu erstandene Kabinet Wekerle zu verfolgen gedenkt. Das müssen die nächsten Tage und Wochen klarmachen. Eines ist uns aber über jeden Zweifel erhaben: Knüpfen die Herren Dr. Wekerle und Szilagyi noch weiter ihre Existenz an die bisher von ihnen 6er- । tretens Kircher Politik, dann wäre eS ein verhängniß- voller Jrrthum, zu glauben, daß daS heutige Ergebniß der KabinetSkrise die Parlaments - und LandeSkcife verhindern werde. Wir können nicht hoffen, daß sie sich mit anderen Absichten tragen und mit anderen Mitteln dieselben verfolgen werden, als bisher. Wir müssen auch fürchten, daß sie keine erfreulichen Resultate für Ungarn und die Monarchie erzielen. Und damit
ist auch die Haltung für jeden Patrioten dem neuen Kabinet Wekerle gegenüber gegeben. Sowie eS bisher unsere Pflicht war, diese Minister und ihre Politik zu bekämpfen, so wird eS auch fernerhin noch zwingendere Pflicht sein, dies zu thun. Wir fürchten nicht, daß der endliche Erfolg dieses heiligen Kampfes auSbleiben wird. Im Gegentheile, die liberale Partei und ihr neues Ministerium haben sich so betragen, daß dessen Beseitigung und die Herstellung einer allezeit verläß- ' lichm Regierungspartei leichter denn je gewortea, ■ zumal dann, wenn inkonstitutionelle Stützung dieser ? Politik auch fernerhin nicht zvgestanden wird. Sollten ; aber jene politischen Faktoren, die durch ihre seltsame ■ Stellungnahme zur liberalen Kirchenpolitik • schon bisher soviel von den Ereignissen in Ungarn zu i verantworten haben, auf den Einfall kommen, auS : politischen Gesichtspunkten neuerdings den Weg dieser Politik aufnehmen zu sollen, so werden sie immer wieder Enttäuschungen erleben. Die einzig richtige Politik ist die, welche nicht blvs dem Kaiser gibt, was des Kaisers ist, sondern auch Gott, waS Gottes ist.
Deutsches Reich.
Berlin, 13 Juni
* Der Kaiser läßt sich morgen die Offiziere und Mannschaften vorstellen, welche am Sonnabend mit dem Dampfer „Lulu Bohlen" von Hamburg zur Verstärkung der SLutztruppe nach Südwestafrika ob- gehen sollen. Er find das gegen 260 Mann.
* Die Bildhauerarbeiten sür das Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms I. sind dem Vernehmen nach etwa dir zur Hälfte vollendet. Das Gußmodell der Reiter- gestalt muß in zwei Theilen auSgeführt werden, weil eS in seiner ganzen Höhe, die etwa neun Meter erreicht, weit über die Decke des Ateliers hinauSragt. An den Köpfen der Figuren abeilet Prof. Begas ausschließlich selbst, während die He: stellurg der anderen Theile unter Leitung deS Meisters den Mitarbeitern obliegt.
* Der BundeSrath hält morgen seine übliche Wochensitzuvg ab, auf bereit Tagesordnung u. A. die Resolutionen deS Reichstages betreffend daS Verbot der Abgabe von Wacren seitens der Konsumvereine an Neätmilglieder und betreffend die Veröffentlichung einer Konkursstatist, k, sowie die Ausführungsverordnung zum Ges tz über den Schutz der Waarenbezeich- nungen und über den Schutz von Gebrauchsmustern stehen.
* Die landwirthschaftliche Ausstellung ist am Montag Abend 6 Uhr geschlossen worden. Dieselbe ist während ihrer fünftägigen Dauer i«Sg> summt von 165,400 Personen besucht worden, obgleich es Tag ; für Tag in Strömen regnete. Die vorjährige Münchener i Ausstellung der deutschen LandwirthschaftSgesellschaft, i deren Be'uchSzffer die aller ihrer Vorgängerinnen ■ erheblich übertraf, zählte nur 106,557 Besucher. Von den 60 ausgestellten R^montepferden si->d 48 vom
Kriegsministerium zu Preisen von 1250 bis 1300 Mark angekauft worden.
* In Berlin hat sich heute Nachmittag ein «eues Bauunglück ereignet und zwar bei dem Neubau zur Erweiterung des ReichSpostamtS. Eine Anzahl eiserner Träger im Gewichte von je 200 Kilogramm stürzten von dem Gerüst in Höhe des zweiten Stockwerks in daS erste herab, wo dem Zimmermann Krüger die Schädeldecke zertrümmert wurde, so daß der Tod auf der Stelle eintrat. 2 Arbeiter wurden durch Arm« bezw. Beinbrüche schwer, 3 andere leichter verletzt.
* Die Frage deS FortbildungsuuterrichtS an Sonntagen wird die Berliner Kreissynoden, die am 11. und 12. Juni tagen, beschäftigen anläßlich einer Vorlage deS Konsistoriums über die Einrichtung von Frühzottesdiensten in den Fortbildungsschulen. Der Evangelische Oberkirchenrath hat sich zu der Vorlage dahin geäußert, daß die Einrichtung besonderer Gottesdienste sür die Fortbildungsschüler sich nicht empfehle. , Dagegen sei eine Meinungsäußerung darüber erwünscht, ; ob, um wenigstens für den Unterricht im Zeichnen s eine Möglichkeit am Sonntag offen zu halten, durch s Einrichtung von Frühgottesdiensten in den Räumen \ der Fortbildungsschule bei Beginn derselben ein Ersatz \ deS für die Schüler der Fortbildungsschule einzu« ! richtenden Gottesdienstes geboten werden kann.
* Die .Bautzener Nachrichten' bringen in ihrer ; Nummer 128 vorn 6. Juni d. I. unter „Eingesandt" i folgenden, auS der ,Allgern. Sv.»Luth. Kirchen« i zeitung' entnommenen Artikel, der zur Illustration der Tendenz der ersteren wie deS letzteren Blattes verdient, etwas niedriger gehängt zu werden. Nachdem von der Stötunq bei der Zentenarfeier des hochseligen Papstes Pius IX. durch daS bekannte Pamphlet die Rede gewesen ist, heißt eS wörtlich weiter:
„Man läßt jetzt durch den Papst Thiere segnen. Jndeß, e als man ihm neulich eine Ziege vorführte, schreckte er etwas betroffen zurück. Aber der Bischof, der die Pilgergruppe leitete, ; erklärte dem Papste, daß die Ziege ein krankes Kind säugen sollte. ! Hierauf streichelte Leo XIII. das zierliche Thier. Als andere ' Pilger ihm einen Hund vorführten, sagte der Papst lächelnd: ' „Ein Bullenbeißer, nein, das ist doch zu stark!" Aber man er« \ klärte ihm, daß der Hund einer in Andalusien berühmten Raye angehöre und wenn er deS Papstes Segen erhalte, so würden ! die Heerden wohl gehütet werden und weder die Wölfe noch die ! Tollwuth zu befürchten haben. So segnete denn der Papst und die spanischen Pilger kehrten in ihre Berge zurück, glücklich über das gute Andenken, welches sie von Rom und dem Papste mitnehmen."
Daß die,Allgem. Ev.-Luth. Kirchenzeitung' ihren „gebildeten" Lesern solchen Blödsinn als baare Münze vorsetzt, ist traurig, aber in gewisser Beziehung erklärlich, daß aber ein Amtsblatt, wie die,Bartz-ner ; Nachrichten', daS als Verordnungsblatt für fämmtliche ; Behörden der Kreishauptmannschaft Bautzen auch von ; einer nicht unbedeutenden Anzahl Katholiken ex officio ; gehalten und gelesen werden muß, solche die katholischen Leser aus's Tiefste verletzende Artikel bringt, muß zum mindesten als unver—froren bezeichnet werden, zumal sich die Redaktion deS betr. BlaiteS darin zu gefallen,
Mercedes de Moro«.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.
(Schluß.)
Im Nachhausefahren dachte Mercedes über die Ankunft Raouls in XereS nach. Sie fühlte sich wirklich beunruhigt dadurch, daß Konsul Leclerc Raoul einge- i laben hatte, nach XereS zu kommen, ohne sie zu be- - nachrichtigen. Sie (Mercedes) hatte Raoul in ihrem j letzten Briefe doch inständig gebeten, nicht eher nach , XereS zu kommen, bis sie ihn riefe. Unter welchem i Vorwande konnte bet Konsul ben Grafen früher hierher , berufen haben?
t Mei cedeS schloß auS ihrer heutigen Unterredung : mit ihrer Tante, daß auch ihr Vater der Verbindung ; mit Raoul nicht mehr widerstrebe, und ihre Freude darüber wäre vollständiger gewesen, hätte sie sich nicht daran erinnern miisftn, welch' schmerzliche Empfindung die Superioriu hatte Niederkämpfen müssen, ehe sie, wie geschehen, Beschluß gefaßt hatte.
Inzwischen mußte der Herzog, so kombinirte Mercedes, seine Schwester, die Aebtissiu besucht haben, und klopfenden Herzens erwartete sie mit feiner Rückkehr den Ausgang der Unterredung.
DaS geringste Geräusch ließ Mercedes erzittern, und sie fürchtete, als sich die Rückkehr ihres Vaters immer noch verzögerte, er habe noch in letzter Stunde;
ein Hinderniß sich der Erfüllung ihrer Herzenswunsches entgegengestellt. So vergingen der Tag und die Nacht in ängstlicher Erwartung.
Endlich sah sie des andern Morgen gegen 11 Uhr ihren Vater vor dem Palais ihrer Großtante anfahren.
Der Herzog begab sich in den Salon, wo ihn feine Tochter bereits erwartete.
Auf den ersten Blick sah Mercedes, daß ihre Siebe den Sieg davon getragen hatte. Sie warf sich mit Freubenthränen im Auge ihrem Vater in bie Arme.
Der Herzog zog feine Tochter neben sich auf ein Sopha und erstattete derselben Bericht von der Hinrichtung und von dem Bekenntniß seines früheren Intendanten. Auch der Aebtissiu hatte der Herzog den Verlauf der Hinrichtung und deren seltsame Aufklärungen erzählt.
„Merc-deL", sagte der Herzog endlich, „ich kenne den Inhalt Deiner Unterredung m;t meiner Schwester Margarethe nicht, aber sie hatte mich, ehe sie wußte, daß der Vater Raouls unschuldig war, vollständig besiegt und dazu brstimmt, meine Zustimmung zu Deiner Vermählung mit dem Grafen Fei Lire zu geben. @8 ist nun bissen Sache, sörmlich um Deine Hand anzuhalten. Ich kann ihn doch nicht bitten, gütigst mein Schwiegersohn werden zu wollen!"
„Theuerer liebster Vater, wie gut bist Du!" jubelte Mercedes.
„Ich wußte übrigens im Voraus, daß der Vater Raoul» kein ehrloser Manu sein konnte," fügte sie hinzu.
„Nun, liebe» Kind, trockne Deine Thranen und siehe danach, daß wir bald biniren können. Inzwischen besuche ich ben Konsul L cler c. Bist Du nun zufrieden?"
Anstatt einer Antwort gab Mercedes ihrem Vater einen herzlichen Kuß. ,
An demselben Tage noch hielt Raoul, emgesührt und vorgestellt vom französischen Konsul, feierlich und förmlich um die Hand Mercedes an. Zuerst war in Erinnerung an die Vergangenheit der Verkehr zw scheu dem Herzog und 'dem Grafen etwas kalt und sörmlich, doch wurde im Verlauf der Unterhaltung die Stimmung der beiden früheren Gegner wärmer und schloß mit einer vollständigen Harmonie.
DaS EiS war gebrochen; eS verblieb noch eine andere Förmlichkeit zu erfüllen. . .
Am anderen Tage besuchte Raoul in Begleitung dkS Herzogs von Moron und Mercedes, seiner Verlobten, das Kloster der Augustinerinnen.
Als die Aebtilsin am Sprechgitter erschien, warfen i sich Raoul und Mercedes auf bie. Kniee und erboten ben Segen bet Dame, welche dem Herzen des alten Grafen so nahe geftanben hatte. Unter Thranen freudiger Rührung segnete bie ehrwürdige Dame daS verlobte Paar, daS so viele Prüfungen und Drangsale erleiden mußte, ehe eS sich zusammenfinden durste.
Tie Vergangenheit verg'ßt sich so rasch und auf