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21. Jahrgang

Mittwoch, den 13. Juni 1894.

JV 132

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heute

dienste käme«, so ergingen sie sich in Gotter freier Natur; dabei blieb ihr Kopf klar, ihr Magen gesund, ihre Seele frisch. Wir wollen durchaus nicht die Be­hauptung aufstellen, daß überhaupt keine großen wirth- schaftlichen Nothstände mehr existiren. Leider ist die» noch lange nicht der Fall, im Gegentheil, es ist noch viel, sehr viel zu thun, um die sozialen Mißstände zu heben, und um den arbeitenden Klassen eine auskömm­liche und zufriedenstellende Existenz zu sichern, und eS muß an diesem Werke unablässig weiter gearbeitet werden. Aber wenn der Genußsucht kein Damm ent- gegengefttzt wird, dann können die besten sozialen Ge­setze und die eifrigsten Bemühungen einsichtsvoller BolkS- freunde nichts helfen. Die früheren Kleiderordnungen und gesetzlichen Verbote der Böllern schränkten aller­dings die persönliche Freiheit ein, aber in wirthschoft- licher und sozialer Hinsicht wirkten sie heilsam. TS fällt unS natürlich nicht ein, für die Hebung der erwähnten Mißstände die Hilfe des PolizeistockS anzurufen; viel­mehr sind wir der Meinung, daß die Selbsterkenntniß, wie in anderen Dingen, so auch hier der sicherste Weg zur Besserung sein wird. Bedenke Jeder, daß er nicht für sich allein da ist, sondern ein Glied in einer großen Kette bildet. WaS er thut und treibt, bleibt nicht ohne Einfluß auf die anderen. Er werde sich also seiner Verantwortlichkeit im Kleinen und Großen bewußt.

Zug der Berurtheilten nahte sich durch die Straße der Kapuziner dem Schaffot.

Seit zwei Tagen befanden sich btt zu diesem schreck- lichen Tode Berurtheilten in der Kapelle des festen Gefängnisses, um unter dem Beistände von Kapuzinern diese Frist in geistlichen Betrachtungen zuzubringen und sich auf den Tod vorzubereiten.

Um sieben Uhr wurde den Berurtheilten mitgetheilt, daß ihre Hinrichtung bevorstävde; nach Verlauf von einer halben Stunde, welche Gelegenheit die Verbrecher zu einem Frühstück benutzen konnten, mußten sie die Karren besteigen, welche sie zum Richtplatze zu bringen

In der Mitte der zum Tode Berurtheilten befand sich auch Luiz Mandrilla, bleich wie der Tod und mit

Mercedes de Moro«.

Von Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freibank.

(61. gottfegung.)

Fünf lange Monate hatte Raoul Mercedes nicht gesehen, und nur dreimal in dieser Zeit kurze Briefe erhalten, welche mit den Worten endigten: „Geduld uud Muth!" Der Konsul beruhigte Raoul, ohne ihm aber die eigentliche Beweggründe, welche ihn zum Her- beirufen Raouls bewogen, mitzutheilen.

Zwei Tage verlebte er bereits in XrreS, ohne von Mercedes Näheres z» hören. Am Morgen des dritten TageS suchte der Konsul Raoul schon in aller Frühe auf und lud ihn ein, der Hinrichtung der sieben Ver­brecher beizuwohnen. Diese Aursicht entzückte Raoul nicht sonderlich, doch unterwarf er sich den Bitten deS Konsuls und folgte ihm nach dem Richtplatze. Auf dem Wege dahin begegneten die? Beiden dem Chulo Antonio, welcher sich freute, Raoul wiederzusehen, und

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Juni.

Da» preußische Staatsministerin« hielt unter Vorsitz deS Ministerpräsidenten Grafen Eulenbvrg eine Sitzung ab.

* Ueber die Verwendungszwecke der Kommunal- steuer» wird offiziös geschrieben: Die Regel, wonach die Erhebung der Kommunalfieuern sich aus beit noch« wenbigen Bedarf zu beschränken hat, schließt auS, baß Gemeinbevermögen, besten Einkünfte in Zukunft zur Deckung ber Gemeinbe-AuSgaben bienen sollen, burch Steuererhebung an gesammelt werde. Sie hinbert dagegen nicht, daß Fond» für bestimmte Zwecke (Schul­bau-, Pflasterungskosten u. s. w), deren Beschaffung auf einmal den Steuerpflichtigen zu schwer fallen würde, im Laufe der Jahre allmählich angesammelt werden. Sie würde auch der Bildung einer Betriebsfonds (sogenannten eisernen Fonds) nicht im Wege stehen, aus welchem die Gemeinde-Ausgaben alljährlich, so lange Steuern noch nicht erhoben werden können, vor­läufig zu decken sind.

* Ueber die Einführung von Laudwtrthfchafts- kammer» sollen die Provinziallandtage nach einer offi­ziösen Meldung erst dann gehört werden, wenn die Einzelheiten der Organisation festgestellt sind.

* Der Agrarreform wird, soweit dar A ner ben- recht in Betracht kommt, nach einer osfiziösen An­deutung in dem ,Hamb. Korresp.' der in der Agrar­konferenz von dem Präsidenten der Generalkommission Metz emgebrachte Antrag zu Grunde gelegt. Der AnrragMetz,der auch vom Grafen Zedl tz-Trütschler

hatten. . „ ,

An der Spitze der traurigen Zuges marschirte eine Abtheilung GenSdarmen, dann folgten die drei Karren mit den Verbrechern, von einer Abtheilung Linientruppen mit geladenen Gewehren begleitet. Jeder der Berurtheilten hatte einen Kapuziner zur Seite, welcher die Sterbegebete sprach. Ein weiteres Picket Soldaten schloß den Zug.

In dem Augenblicke, wo diese Karren vor dem

△ Du soziales Uebel.

Nichts hört man so häufig als dar Jammerlied: „Wir können nicht auskommen, der Lohn, das Gehalt ist zu gering." ES hieße nun gewiß die Augen vor offenkundigen Thatsachen verschließen, wenn m.n leugnen wollte, daß diese Klagen in vielen Fällen vollauf be­rechtigt sind, dagegen muß man aber auch hinwiederum sagen, daß in gar manchen Fällen etwa- anderes als der geringe Verdienst daS Nicht-Auskommen verschuldet. Und dieses „Andere" ist die Prunk- und Ber- gnügungSsucht. Manche Leute, manche Familien könnten ein behaglicher Leben führen, wenn jene Sucht sie nicht ergriffen hätte und mit sich fortrisse. So ist z. B. der KleiderluxaS bi» in die untersten Schichten der Gesellschaften eingedrungen. Manche Mägde, Fabrik­arbeiterinnen ic. unterscheiden sich kaum noch von reichen Dame«. Können sie eS auch in Güte deS Stoffes den vornehmen Herrschaften nicht gleichthun, fo lassen sie eS boch an Schmuck unb buntem Flitterwerk, an feinen Schühcheu, Hüten, Säubern, Handschuhen, Sonnen­schirmen nicht fehlen. Junge und alte Männer sind ebenfalls manchmal vom Kleiderluxus nicht freizu­sprechen, aber noch weit mehr verfehlen sich dieselben in überflüssigen Genüsse«. SS gehört in ben Kreisen junger Leute vielfach gewissermaßen znm guten Tone, sich einander im Biertrinken und im Rauchen zu über­biete«. Sieben, acht GlaS Bier trinken wird noch nicht zu den Heldeuleistungen gerechnet. Mancher junge Mann moderner Richtung verjubelt an Bier täglich den Betrag der Mahlzeit für die ganze Familie. Jüngelchen fangen schon mit der ersten Hose an, dem Nikotin zu huldigen und sich einen Glimmstengel zwischen die Zähne zu klemmen. An Sonn- und Feiertagen strömen die Familien, welche am lautesten über die schlechten Seiten klagen, Mann, Frau und Kinder, zu bat BergnügungSlokalen unb thun sich an Bier, Schinken- unb Käsebutterbroden gütlich. Die Tanz-, Concert- unb Trinkhänser sind mancherorts an Sonn- und Feiertagen überfüllt und die Frauen und Kinder, die zu Hause besser ausgehoben wären, bilden einen großen Theil dieser Vergnügungssüchtigen.

Stellte man solche überflüssige Ausgaben ein, so würde man in vielen Fällen wohl viel weniger Grund zu Klagen haben. Solche Ansichten werden freilich in der Regel mit einem verächtlichen Kopfschütteln beant­wortet oder man sagt: „Jeder muß in der Lage sein, ein menschenwürdiges Dasein zu führen." Mit dem Letzteren sind wir vollkommen einverstanden, aber daS Maßhalten ziemt sich für jeden Stand unb in jeder Lebenslage, unb ber Uebergenuß führt nicht zu einem menscheuwürbigen, sondern zu einem menschenunwürdigen Dasein. Rationen, bei denen der Uedergenuß zur Regel wird, verlumpen und versumpfen und verschwinden zu­letzt von der Weltbühne. Wir Deutsche haben alle Ursache, Einkehr bei ur8 selbst zu halten und gegen die immer weiter wuchernde Genußsucht energisch zu Felde zu ziehen. Unsere Voreltern gaben sich m hr dem Naturgenusse hin; wenn sie aus dem NachmsitagrgotteS-

und von ben Professoren Schmöller unb Paasche unter» stützt würbe, hatte folgenden Wortlaut: „Bei lieber« nähme eines ländlichen Grundstücks durch einen Erben (Anerben) können die Miterben ihre Erbtheile nicht in Kspital, sondern nur in fester Geldrente verlangen. Auf Antrag eines der Betheiligten kann diese Rente in eine Amortisationsrente verwandelt und diese bei vorhandener Sicherheit auf Antrag eines Miterben gegen Abfindung in Rentenbriefen auf die Rentenbank Übernommen werden."

* Der zehnte allgemeine VereinStag der dentfchen laudwirthfchaftttche» Genoffenschafte», welcher in Hannover stattfand, nahm folgende Anträge und Resolutionen an: 1) »Der allgemeine VereinStag wolle beschließen, der Anwalt möge dahin wirken, daß § 56 deS GenossenschaftS-GesetzeS dahin näher bestimmt werde, daß der Verbands - Vorstand jedem Amtsgerichte ein Berzeichniß Über die dem Verbände angehörendm Ge­nossenschaften einzureichen hat, die in dem betreffende« Amtsgerichts-Bezirke ihren Sitz haben." 2) a. „ES ist dahin zu wirken, daß dem Reichstage keine Aende- rangen deS Margarine - Gesetzes vorgeschlagen werden, als die vom allgemeinen Verbände landwirthschastlicher Genossenschaften im Einverständniß mit demMilchwirth« schastlichen-Berein beantragten, b. Der sogenannte Butterklieg durch Ankauf unb Untersuchungen von Butter- proben ist energisch fortzusetzen unb auf möglichst viele deutsche Stäbte auSzudehnen." 3) „DaS Publikum ist durch Wort und Schrift darüber aufzuklären, daß ben Konsumenten durch Herstellung ber Margarine kein Bor« theil, bnrch bie Vermischung ber Butter mit Margarine ober erheblicher Nachtheil erwächst." 4) „Der X. All« meine VereinStag empfiehlt ben Verbänden dringend, den angeschlossenen Kreditgenossenschaften anzurathen, überschüssige Bestände der damit verbundenen Gefahren wegen weder bei Banken noch in Werthpapieren anzu« legen, sich hierzu vielmehr ausschließlich ber GeldauS« gleichstellen (Eentralkassen) zu bedienen." 5) „Der X Allgemeine VereinStag empfiehlt ben Central - Kredit- anstalten der Verbände behufs gegenseitiger Aushilfe m Geschäftsverbindung zu treten unb ersucht öte Anwalt­schaft, die zur Anbahnung dieser Beziehungen und zmc Nachweisung deS bei den einzelnen Central - GeldauS« gleichstellen vorhandenen UeberschusseS oder Bedarfs er­forderlichen Maßnahmen zu treffen."

* Wie sehr bie Einfuhr von Getreide abhangt von ber heimischen Ernte, zeigen bie Daten ber Ein­fuhr für 1893—94. Bei Brobgetreibe stellte sich bte Einfuhr wie folgt: Roggen 1891—92 8.031,911 Doppelzentner, 1892-93 4.556,402, 1893-94 1,176,431; Weizen 1892-93 10,746,743, 1893-94 6,220,977. Der namentlich für Roggen schlechten Ernte für 1891 folgte in Deutschlanb bekanntlich 1892 für Wintergetreide eine bessere, 1893 eine gute Ernte. Sanz ander» bewegte sich bie Einfuhr ber zu anderen, namentlich zu Futterzwecken verwendeten Getreideartetr. Sie gestaltete fi» folgendermaßen: Gerste 1892-93 5 801,966 Doppelzentner, 1893—94 9,389,971; Hafer 1892—93 883,049, 1893—94 2,938,707; Mali

Die sieben Todeskandidaten erklommen mit Hülfe der Kapuziner die Treppen zum Schsffot, wo sie von ebenso vielen Henkern in Empfang genommen unb schneller als eS beschrieben wirb, auf ihre Sitze gehoben würben. Arme unb Seine ber Berurtheilten waren im Nu an ben Richtpflock festgeschnallt und bte Halse derselben unter das fatale Halsband gelegt. Zwischen jedem ber Berurtheilten befanb sich eme hölzerne Scheibewanb, so baß keiner ben andern erblicken K^Nachbe« bie» geschehen, nahm bin ter jedem der Verbrecher ein H'enker Platz unb ergriff bie verhängmß« volle Schraube zum Zuziehen de» HalSeisens.

Luiz Manbrilla mußte vor ber Reihe der zu« Tode Berurtheilten, ebenfalls an einem Richtpflock an« geschlossen, Platz nehmen. Seine Arme waren ge­fesselt; in dieser Sage mußte er der Hinrichtung feiner Genossen anwohnen. Diese Strafe hatte der Geiichtr- hof außer der Zwangsarbeit über ihn ausgesprochen.

Die Kapuziner begannen auf ein Zeichen des Ge­richtshofes, welcher der Hinrichtvng anwohnte, bal De proftmdis zu beten.

Da» war daS Zeichen für bie Henke, ihre ent­setzliche Arbeit zu beginnen .... Doch Men wir lieber ben Schleier über diese entsetzliche Massenhln- richtung. — In wenigen S künden standen bte -Ver­brecher vor ihrem ewigen Richter. Die Häupter der

ihm herzlich die Hand drückte. In dem »ugenbltcte, wo otefe Karren vor oem

Inzwischen rückte die Znt der Hinrichtung heran Schaffot ankamen, gab sich der Abscheu der Menge unb die Sonne begann bereits heiß auf die Köpfe der gegen die Verbrecher durch drohendes Rufen utw Heulen Menge zu brennen. Endlich schlug es acht Uhr unb kund; dann folgte wieder tiefe, beinahe fe>erliche s>tule.

in den Volksmassen machte sich eine große Bewegung In der Mitte der zum Tode Berurtheilten befand bemerkbar. Die laute Unterhaltung bet Menge bet- „ -

finmmte unb machte einer tiefe« Stelle Platz. Der vor Furcht schlotternbe« Gliedern