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21. Jahrgang

Samstag, den S. Juni 1894.

wandte sich an sein Gegenüber mit den Worien: „Haben Sie die Güte, mir Feuer (in den spanischen Gkfälig- nisien ist den Gefangenen das Rauchen erlaubt) zu geben."

Der Chulo war nicht der Mann, sich fo leicht auf den Saud fetzen zu lasten; indesten begriff er, daß er dir Sache nicht befonderS geschickt angefangen hatte, und fühlte sich deshalb etwas befangen.

„Ich rauche nicht und besitze daher auch lewe Zündhölzer," erwiderte Antonio trocken.

„Hören Sie, lieber Mann, wir wollen mit offenen Karte« spielen. Ich werde Ihnen einen Handel Vor­schlägen. Sie haben mich einmal gründlich hineingelegt, leugnen Sie er nicht; eiv zweiter Mal werden Sie mich nicht an der Nase herurnführev. Sie sind ver­haftet, weil Sie Mitglied der „Schwarzen Hand" sind; war Ihrer erwartet, dürfte Ihnen vollständig klar fein. Auf ein Verbrechen mehr oder weniger, welcher der „mano negra* zugeschrieben wird, kommt er ganz gewiß nicht an. Sagen Sie vor dem Ge­richtshöfe au-, daß die „Schwarze Hand" Maria Ordonnez hat tödten lasten und ich werde über Ihre persönliche Thätigkeit bei dem Morde schweigen. Be- weisen Sie durch Ihr Zrugniß, und dar macht Ihnen ganz gewiß keine Gewissensbisse, daß die arme Frau im Auftrage Ihrer schrecklichen Genossenschaft ermordet worden ist. In diefim Falle verschweige ich, daß ich

Sie wiedererkannt habe, und daß Sie er sind, welcher mich bewußtlos machte, mich bestahl und seine Hand mit dem Blute der Weiber befleckt hat. Ich will «och ein Wort hinzufügen: Der Wirth der Cafe-, in welchem Sie mich schmählich hlntergmgen und der Besitzer der Kneipe „zum Affen" werden nicht zögern, gegen Sie ein vernichtender Zeugniß abzulrgen. Run, war sagen Sie zu meinem Vorschläge?"

Der Bandit erwiderte spöttisch: „Ihre Erzählung macht Ihrer Einbildungskraft alle Ehre; aber ich kmne Sie nicht und vermag keine Silbe Ihres Romans zu begreifen, obwohl ich denselben interessant finde. Bitte, fahren Sie fort, wenn eL Ihnen gefällig ist.

Antonio bemerkte ernst: „Wollen Sie meinen Vor­schlag annehmen? Ich gebe Ihnen Seif, bis ich drei gezählt habe. Ich zähle eins . . . zwei - - -

9 ’ „Sagen Sie mir," flüsterte Jose, indem er Antonio S Ellbogen berührte, „sagen Sie mir, ob Sie s« derThat an Ihre Erzählung glauben? ES gibt vielleicht ein Mittel, die Angelegenheit zu regeln, ügte er weiter hinzu, sich umblickend, ob Niemand lausche.

Ich kenne Sie nicht, auf mein Wort; aber Sie ivtereskiren mich. Er kann ja in der That Jemand eristiren, der dar Verbrechen begangen hat und an dessen Stelle Sie hier sitzen. Bitte, erzählen Sie weiter.

Verschonen Sie mich mit Ihren Scherzen, rief ! Antonio, dessen Zorn aus's Höchste gestiegen war.

tiSwuS und Unduldsamkeit, wie sie den „Pfaffen des Unglaubens" eigen zu sein pflegt. Die Trierer Wall- fahrt ist für ihn „ein ganz natürlicher Ausfluß lener Macht, gegen die sogar Götter vergeblich kämpfen . Er spottet über die Anschauung, nach welcher „Gott die Menschlein im großen Marionetten-Theater der Welt am Fädchen hin und her Hüpfen läßt"; auf Grund dieser Anschauung „werde man eS freilich durch­aus möglich und billig finden, wenn Bott em Püpp­chen einen auffallend großen Hopser machen läßt. Selbst Voltaire hätte sich vielleicht diese» „Beweise- gegen die Möglichkeit des Wunders geschämt. Dann wirft er dem Bischof von Trier ein „Taschenspieler- Kunststückchen" vor, spricht vor „irrsinniger Ueber- schätzung unserer Erkenntniß", Von einer durch die große Menge der Pilger im Einzelnen erzeugten „Art Geisteskrankheit, die man treffend als Menschenwahn­sinn bezeichnet hat", und sührt als «eußerungen dieses Wahnsinns neben der Wirkung der Trierer Wallsahrt an - „die schauerliche Freude des Volkes an springen­den Köpfen zur Zeit der französischen Revolution" und „die gräßlichen Lynchscenen in Amerika"! Ebenso geist­voll wie höflich! Weitere Beweise für die Bildung des Kritikers können wir uns ersparen; die erwähnten sind übrigens noch nicht die schlimmsten.

Wer einem Manne wie der Bischof von Trier tn der hochmüthigen Pose der .Köln. Zig.' entgegentntt — „bewaffnet mit der ganzen Bildung meines Jahr­hunderts," wie der eitele Lassalle ein Mal von sich tagte — von dem darf man verlangen, daß er mit wuchtigen Beweisen anrückt und namentlich dasjenige Material, auf dar es doch in erster Linie ankommt, nämlich die Aktenstücke, gewissenhaft prüft. Das hat der Kritiker sich sehr leicht gemacht. Andert­halb Spalten füllte er großentheils mit Deklamationen, Spässen und Frivolitäten, die sich auf die kurze Em- l-iiuns M Bischofs von Trier beziehen; br reinere Rest ist den „Aktenstücken" gewidmet. Die elf Berichte über wirkliche Heilungen werden in kurzem Auszüge vorgeführt und glossirt, aber wie! Selbst eine flüchtige Vergleichung ergibt eine Reihe von Schiefheiten, Aus­lassungen und direkten Unwahrheiten. Hier drei Fälle, die für Jedermann direkt erkennbar sind.

„Die Kommission", sagt dar Blatt, „setzt an den Schluß gewöhnlich ohne eingehende Begründung em Ignoramus: „Wir können die Heilung nicht aus natür- leche Weise erklären." Diese Wendung kommt vor wörtlich nur in einem von elf Fällen; in weitern sechs Fällen erfahren wir als Ansicht der Kommission, „daß die Heilung nicht natürlich erklärlich »st (4), daß sie „eine natürliche Ursache nicht annehmen zu können glaubt" (5), „diese Heilung als auf natürliche Weise nicht erklärbar ansieht" (6), „daß bte Heilung sich nicht auf natürliche Weise erklären lasse" (7), daß die Heilung „auf natürlichem Wege nicht erklärlich erscheint" (8), daß „die schnelle Heilung vom ärzt- ließen Standpunkte unerklärlich ist" (9). In den übrigen vier Fällen bezeichnet die Kommission bte natürliche Heilung als „ausgeschlossen." Damit

über „Wunder und göttliche Gnadenerwerse bei der Ausstellung des hl. Rockes zu Trier" erfreut sich nicht beS Beifalls der liberale« Preffe und besonders «rcht ber .Köln. Ztg.'. Das war vorauszusehen, schreibt bie .Kölnische Volkszeitung'. Herr «orum gehört Nicht zu ihren Lieblingen, unb tn Sachen bei hl. Rockes hat sie schon zu viele Beweise von Takt, Duldsamkeit, strenger Wahrheitsliebe und Schonung des religiösen Gefühl- abgelegt, al- baß man bei bieser Gelegenheit etwas Anderes hätte erwarte« können. Höchsten- mag man sich darüber wundern, daß ihre zweiemhalbspalttge Krtttk des Buche- ein solche- Maß von Gehässigkeit unb Verdrehung aufweist.

Er fällt uns durchaus Nicht ein, eS der .Köln. Zig. Übel zu nehme«, daß sie überhaupt an de« Berichten Über „Wunder und Gnadenerweise", bte ber Bischof von Trier zusammengestellt unb mit Einleitung und Schlußwort versehen hat, Kritik übt. Das ist ihr Recht, falls sie eS kau«. Der bischöfliche Verfasser selbst bemerkt im Vorwort (S. 5) anSbrücklich: „daß Niemand int Gewissen verpflichtet ist, an den wunderbaren Charakter ber Heilungen zu glauben . Wer Gründe hat, an ber Zuverlässigkeit ober Beweiskraft dieses oder jenes Berichtes zu zweifeln, mag er nun als Arzt oder Priester medizinische ober theologische Bedenken habe«, ober als Laie sonstige vernünftige Einwände Vorbringen können, der möge eS thun. Wir verlangen nur, daß er dabei die Regeln ber Wahrheit, ber Logik unb beS Taftes wahrt. _ ,

Der Gelehrte ber .Köln. Ztg.' 'st anberer Ansicht. Er glaubt nun einmal nicht an Wunber unb wurde sich in Folge besten für berechttgt halten, mit feinem Urtheil fertig zu fei«, bevor er bas Buch gelesen hat. Gleich im ersten Satz legt er sich bie Frage vor, ob er nicht wie Do« Quixote gegen Windmühlen anrenne, beschwichtigt diesen Zweifel aber mit der Erwägung, daß er gegen eine Idee kämpfe, bie auch heute noch eine gewaltige Macht darstelle. Nun sind allerdings vor der Geburt dieses Kritikers und merkwürdiger Weise auch nach derselben sehr viele kluge Leute der Ueberzengung gewesen, bie Möglichkeit unb Thatsachlich- leit übernatürlicher Vorgänge sei anzuerkennev ober doch picht ohne Weiteres abzuweisen. Daß zu dieser «roßen Zahl hervorragender Männer — Katholiken wie Prote­stanten — auch ein katholischer Bischof gehört, könnte der Wunderfeind ihm allenfalls zu gute halten, denn da» kaiholische Christenthum ist nun ein Mal auf den Wunderglauben begründet, unb ein Bischof, ber bte Möglichkeit von Wundern und damit die Gottheit Christi leugnete, hätte damit aufgehört, ein Mitglied der Kirche zu fein.

Der Kritiker Hai denn auch bte Gewogenheit anzu­erkennen, „baß baS Buch bnrchauS kein fanatisches Gepräge oder eine feindlich zugespitzte Tendenz anf- wetst, sondern eher durch eine gewiße Duldsamkeit aus­gezeichnet ist". Bon diesem Zugeständniß erholt er sich aber schleunigst durch ein gerütteltes Maß von Fana-

Mercedes de Moro«.

Bo« Lambert be St. Croix.

Autorisirte freie Ueberfetzung von Philipp Frei dank.

(58. Kortfetznng.)

Der Bandit wurde zwar von einem hestigen Zittern befallen, besten er nur mit hoher Anstrengung Meister werden konnte, obwohl er eine wenig furchtsame Natur war unb sich nicht leicht aus ber Fassung bringen ließ. Doch faßte er sich sofort, ging auf ben Chulo zu, zog seine Mütze und sagte ruhigen Toner unb äußerst höflich:

„Man hat mir gesagt, mein Herr, daß Sie mich zu sprechen wünschen. Ich habe nicht bie Ehre, Sie zu kennen. WaS wünschen Sie vo« mir?"

Bon bieser kaltblütigen Frechheit beS Banditen stark verdutzt, sah Antonio denselben etwas von ber Seite an, nahm sich aber sosort zusammen unb er- widerte mit spöttischem Lacke«:

„Sie erkennen mich nicht toieber? Sie haben mich an jenem Tage, als Sie Maria- Ordonnez ermordet haben, lange genug gesehen!"

„Maria Ordonnez? Wer ist bieS?" sagte Jose, der Brigant, immer noch in derselben Ruhe. Dann nahm er einen Stuhl, setzte sich Antonio gegenüber an den Tisch, zog ein Büchelchen Cigarrettenpapier unb eine Tabaksdose au- der Tasche, rollte eine C^garrette und

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FliidlicrWZntilng

vergleiche man nun das „gewöhnlich" ber ,Kölnischen Zeitung'! , ~ ,

„Fran Stinner litt seit 4*/g Jahren an einem chweren Unterleib-leiden, das vorn bl. Rock geheilt wurde. Der Pfarrer glaubt es als £-13 bezeichnen zu können, das ärztliche Zeugmß stellt jedoch nur eine chronische Entzündung mit einem ganzen Heer hyste­rischer Beschwerden fest, das lokale Leiden sei kern bösartiges, jedoch da- Nervensystem sehr zerrüttet gewesen. Dieses ärztliche Zeugniß (S. 60) rührt von einem der bekanntesten Frauenärzte Köln« her, besaß also für die Leser ein hervorragendes Jntereffe. Der obige Auszug der »Kölnischen Zeitung' schließt leider genau an derjenigen Stelle, wo dar Gutachten dem Kritiker unbequem wird, denn es heißt in dem ärztlichen Zeugniß weiter: „DaS lokale Leiden war kein bösartige-, da- Nervensystem ledoch so zerrüttet, daß ich an eine vollständige Heilung nie­mals dachte. Heute stellt sich die Frau wieder vor. Dieselbe ist blühend, während sie sonst bleich und elend aussah. Das ganze Heer der subjektiven Be- schwerden ist nach ihrer Au-sage vollständig geschwu»' den; auch die Blutungen sind geschwunden. Man sieht, was nicht paßt, ist einfach unterdrückt.

Noch tendenziöser ist folgender Auszug der »Köl­nischen Zeitung': „Helene Daniel konnte mit dem rechten Ange nicht sehen, mit dem Unten nm wenig. .... Seitdem (nach der Berührung deS hl. Rockes) kann das Kind, wie auch ber Arzt festgestellt hat, mit beiben Augen sehen. Hierzu ist zu bemerken, baß ba- Kinb in wissenschaftlichem Smne burchauS nicht blmb war; in bem ärztlichen Zeugnisse heißt es: „Die patho- logischen Beränberungen beS Sehnerven unb seine AuS- breitmig waren betört, baß ich eine Wiederherstellung der Sehkraft diese- Ange- nicht mehr erwartete. .... Uebrigens heißt eS in ber später« Bescheinigung de- Lehrer-, daß da- Kind später mit dem rechte« Auge „mit einiger Anstrengung ungefähr so gut lesen konnte, wie früher beide Augen zusammen es konnten." Hier bezeugt also der Lehrer ganz «ar, daß keines der Augen jemals ganz erblindet war. ES kommt natürlich darauf an, WaS ber Lehrer unttr früher" versteht; bekanntlich haben auch stockblmbe Leute „früher" oft vo.tresfl ch sehen könne« Schlägt man nun bas Zeugniß deS Lehrers (S. 30) auf, so finbet man die Feststellung, „daß doS nach atzt- licher Bescheinigung verlorene Auge mit einiger Anstrengung" u. s. w> (folgt ber Rest be- wieder sorgfältig verstümmelten Cüats). Zwei ärztliche Atteste aber (S 25, 27) konstatiren ben „gänzlichen Verlust ber Erbfähigkeit be« affizirten AugeS , unb daß „Helene Daniel mit dem rechten Auge die Bewegungen meiner Hand nicht mehr unterscheiden

Dar sind starke Stücke. Wir haben hier weder über das Buch des Bischofs von Trier im Allgemeine« noch über die Berichte im Einzelnen ein Unheil ab» ruaeben, aber Jeder, der lesen kann unb lesen will, muß sagen: Der Kritiker der .Kölnischen Zeitung' hat