jV 127 DvMerstag, den 7. Juni 1894. 21. Jahrgang
FiildllkrVZkitiing
UebrigenS hat der Finanzminister sich ja bereits bescheiden gelernt. An die vierzig Millionen, welche den Einzelnstaaten aus neuen Einnahmen des Reicher überwiesen werden sollen, glaubt ec selbst nicht mehr.
Läßt sich von der Session überhaupt nicht viel Lobendes sagen, so haben die Katholiken noch be- so ideren Grund zur Unzusriedenheit. Schon bei früherer Gelegenheit haben wir, so schreibt die .Köln. Bolksztg.' die Haltung des Kultusministers Bosie gegenüber de« au- dem Centrum zahlreich erhobenen kirchenpolitischen Beschwerden als eine „höflich abweisende" gekennzeichnet. Dar gilt namentlich auch in der Paritätsfrage, welche zum ersten Male, und zwar beim Kultus-Etat, in entschiedener Weise zur Sprache gebracht worden ist. Man weigert sich hier noch, ernstlich Rede und Antwort zu stehen, zum Theil unter dem Vorwande oder auch in dem Glauben, es handele sich für das Centrum nur um ein taktischer Manöver.
* Die preußische Landtags-Session, welche am 31. Mai ihren Abschluß gefunden hat, hat 91 Tage mit 75 Sitzungen gedauert. Die Zahl der erledigten Gesetzentwürfe beträgt 17. Aber Leistungen, von denen man noch reden wird in den fernsten Tagen, sind nicht viele aufzuweisen. Vielleicht, daß die Bauern Md kleinen Landwirthe später über die Landwirth- schaftSkammern und deren Bescheerungen sich ärgern werden, vielleicht auch, daß daS protestantische Synodalgrsetz den liberalen Protestanten noch lmge Zeit Kopfschmerzen bereitet, aber mit diesen zwei Punkten ist auch die Zahl der nennenswerthen Schöpfungen der Session voll. Zwei andere Gesetze von weittragender Bedeutung, daS Kali • Gesetz und die Dortmund-Rhein-Kanal-Vorlage, hat daS Abgeordnetenhaus abgelehnt, daS erste zum Verdruß, das andere zur Schadenfreude der Konservativen.
Ihre eigentliche Signatur hat die Session vom Reichstage aus erhalten. Handelsverträge und Reichs-Steuervorlagen haben den breitesten Raum in den Verhandlungen beider Häuser des preußischen (wie auch vielfach des bayerischen) Landtages eingenommen. Das preußische Herrenhaus hat in seiner Schlußsitzung etnmüthig Herrn Miquel mit der Resolution für die Reichs-Steuerreform unter die Arme gegriffen. Daß hier aber die Mache sehr geschickt war, läßt sich kaum behaupten. Wenn sonst eine parlamentarische Körperschaft die Regierung auffordern will, dies oder jenes zu thun, so pflegt sie sich wenigstens so viel Mühe zu geben, daß sie den Gedanken und seine Begründung aus Eigenem leistet. DaS Herrenhaus aber hat sich nicht nur seine Resolution vom Abgeordnetenhaufe vormachen, er hat sie sich auch von dem Finanzminister selbst ausführlich begründen lassen. Also, Herr Miquel sagt: Bitte, meine Zerren, fordern Sie mich doch gefälligst auf, energisch für die ReichS-Steuerreform einzutreten! nnb ohne daß Jemand aus dem Haufe sich zu einer nennenswerthen Begründung der Resolution bequemt hätte, nimmt man sie an unter dem Ausdruck des Dankes für den Minister, daß er so schön gesprochen. Und das soll dann dem Reichstage als Votum deS Landtages des größten deutschen Staates iwponiren! Im Abgeordnetenhause war die Sache wenigstens etwas geschickter in Scene gesetzt. Man hatte sich dort doch wenigstens einen Bericht über die Finanzlage, wenn auch mit Miquel'scher Super-Revision, anfertigen lassen. Daß beide Häuser wegen ihrer Zusammen- setzung nicht beanspruchen können, für mehr als eine Vertretung einseitiger Interessen zu gelten, und daß demnach ihr Votum von keiner besonderen Bedeutung ist, wo er sich um die Frage handelt, ob der breiten Masse der Bevölkerung noch weitere drückende indirekte Steuern auferlegt werden sollen, damit die reichern Klassen mit weitern direkten Steuern verschont werden, die sie selbst heraufseschworen haben, ist schon oft hervorgehoben.
Mercedes de Moron.
Bo« Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie UeBerfefcung von Philipp Freibank.
(56. Fortsetzung.)
13. Kap tel.
Die Hinrichtung.
Eine heftige Bewegung herrschte in XereS. Heute handelte es sich aber nicht um Stierkämpfe oder Ringel- rennen, sondern um die Hinrichtung von sieben Mitgliedern der „Schwarzen Hand" durch die Garotte. DaS war ein seltener Fall in der Geschichte Spaniens: Sieben Männer, sieben Spanier, in so grausamer und barbarischer Weise vom Leben zum Tode gebracht zu sehen. Dieses geschah im Monat Juli 188 .
Wie wir schon im Laufe der Erzählung gesagt haben, war die „Schwarze Hand" eine jener Vireinigungen, welche in kurzer Zeit den ganzen Süden Spaniens in Schrecken versetzt hatte.
Die „Schwarze Hand" wurde zu dem Zwecke geschaffen, um die foziale Revolution vorzubereiten. Im Gegensatz zu den Industriestaaten Europa'- hatte diese Gesellschaft von Umstürzlern die Wurzel ihrer Kraft im Stande der Landbevölkerung. Kleinbauern und Tagelöhner waren eS zumeist, welche der Verführung Mterlagen, im Bunde und unter dem Befehle unbekannter Oberen die bekannten Greuelthaten im Süden Spaniens zu verüben.
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rend die RegulirungSwerke der Elbe zufolge des hohen WasierstandeS bedauerlicherweise nur wenig in die Erscheinung traten, konnten von dem besonders interessanten System der Regulirung der Saale genaue Kenntniß genommen werden. Nicht nur die Beamten der Elb- uferstaaten, deren Bezirke berührt wurden, sondern auch die Vertreter der betheiligten Gemeinden, Deichverbände und sonstige Interessenten kamen in großer Zahl der an sie ergangenen Aufforderung nach, um dem Aus- schuß ihre Wünsche betreffs der Wasserverhältnisse vorzutragen. Diese Wünsche bezogen sich fast auSschließ- lich auf Verbesserungen deS Hochwasserbettes; über die ausgeführten RegulirungSarbeiten wurde nur eine einzige Beschwerde erhoben, die übrigens sofort allseitig als unberechtigt erkannt wurde.
* Der soeben erschienene Jahrgang 1893 der v. Löbell'schen Jahresberichte über die Veränderungen und Fortschritte im Militärwesen äußert sich in seiner Uebersicht über die Taktik der Infanterie ungemein günstig über die Einführung der zweijährige» Dienstzeit, indem er Folgendes sagt: „Die im Jahre 1893 für die deutsche Infanterie eingeführte zweijährige Dienstzeit hat einen Einfluß auf den taktischen AuSbildungS- gang der Truppen nicht geübt. Man ist nicht allein maßgebenden Orts, sondern auch in der Truppe selbst schon längere Zeit der Ansicht gewesen, daß bei der intensiven und wohldurchdachten Art der infanteristischen Ausbildung im deutschen Heere zwei Jahre vollkommen genügen, um einen Soldaten zu erziehen, der militärisch wie taktisch den Anforderungen der modernen Kriegs- führung gewachsen ist. Die Einführung der zweijäh- rigen Dienstzeit hat sogar dazu beigetragen, einen Bor- theil von großer taktischer Bedeutung, den die deutsche Infanterie so wie so schon vor allen an« deren Jnfanterieen besaß, noch zu vergrößern. Der Friedensstand der deutschen Jufanterie-Kompagnie ist nunmehr im Frieden auf 150 Köpfe im Minimum erhöht worden. Das bedeutet aber nicht allein eine taktische Ausbildung und Verwendung, die den Ber- hältniffen deS Krieges näher kommt als in irgend einer andern Infanterie des Kontinents, sondern eS bedeutet auch einen sehr beachtmSwerthen Bortheil in der taktischen Zuverlässigkeit der Infanterie im Kriege selbst. Diese Momente müssen demnach bei der Abschätzung deS taktischen WertheS der deutschen Infanterie sehr in Betracht gezogen werden."
* Nach einer amtlichen Nachweisung über den Stand der Thierseuche» im deutschen Reiche am 31. Mai d. I. pirschten Rotz in zusammen 45 Gemeinden rc. und 49 Gehöften, Maul- und Klauenseuche in 264 Gemeinden rc. und 767 Gehöften, Lungenseuche in 16 Gemeinden rc. und 21 Gehöften.
Ausland.
• Wien, 4. Juni. DaS österreichische Abgeord- netenhau s hat sich am SamStag vertagt. In seiner Schlußansprache theilte der Präsident Chlumecky mit, daß er in Uebereinstimmung mit dem Wunsche der
Kaum war ein Verbrechen begangen und die Untersuchung eröffnet, so kam die Nachricht von einer noch schrecklicheren Mifsethat. Kurz, die Obrigkeit stand der „Schwarzen Hand" beinahe machtlos gegenüber.
Von Zeit zu Zeit faßte die Polizei zwar irgend einen Anhänger dieser Mordbande, ober trotzdem gelang eS nicht, über die Organisation der „Schwarzen Hand" etwa« Greifbares zu erfahren.
Die Bevölkerung befand sich in steter Aufregung. Man verbarrikadirte Abend» Fenster und Thüreu und bei Eintreten der Nacht war z. B. in XereS für kein Geld der Welk ein Kutscher zu bekommen, selbst nicht ein Polizeiagent, nm mit seiner Hilfe irgend einen Besuch in der Nachbarschaft der Stadt abzustatten.
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Zwei Monate waren seit der Abreise Raouls ver- floffen, als ein Nachtwächter eines Morgens auf einer öer Ruhebänke des Platzes de RocoletoS einen voll- ständig betrunkenen Menschen fand, welcher auS vollem Halse sang. .
Auf die Aufforderung, den Lärm einzustellen, schrie der Vagabund doppelt so laut wie zuvor.
Der Nachtwächter nahm den schlecht gekleideten Strolch am Arm, um ihn auf das Polizeibureau zu führen. Derselbe machte keine Schwierigkeiten, stellte aber nichts destoweniger das Singen nicht ein.
Auf dem Transport zum Gefängniß stieß der Mann
Deutsches Keich.
Berlin, 5. Juni
* Veränderungen in den obere» Berwaltuugs- stelle» sollen im Herbst in größerer Zahl eintreten. Die Verhandlungen, welche über solche Personalfragen zunächst in der Ministerialinstanz ftattzufinden haben, sind wie der ,Hamb. Korresp.' erfährt, bereits abge- schloffen. Die bezüglichen Vorschläge liegen nnnmehr dem Kaiser znr Entscheidung vor. Ob die letztere bald erfolgen werde, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Neugierig darf man fein, ob und inwieweit der Herzenswunsch der .Nat.-Ztg.' nach einer größeren Berücksichtigung der nationalliberalen Partei dabei sich erfüllt.
• Bei der mit dem 11. medizinischen Kongreß in Rom verbMdenen wiffenschaftliche» Ausstellung erhielten, wie bereits mitgetheilt, das kaiserlich deutsche Gesundheitsamt den überhaupt nur einmal verliehenen höchsten Preis, daS große Ehrendiplom. Von 35 Ehren- diplomen fielen 18, von 31 goldenen Medaillen 9, von 128 silbernen Medaillen 56 und von 107 bronzenen Medaillen 26 auf deutsche Aussteller. Auf Deutschland entfielen, abgesehen von Italien, mehr Preise als auf irgend eine ander e Nation.
* Bon einer staatlichen Ueberwachung des deutsche» Schiffbaues ist Abstand genommen worden, nachdem sich die darüber eingeholten Gutachten nahezu einmüthig dagegen ausgesprochen haben.
* Der Landeseifeubahnrath beschloß gestern, AuS- nahmetarife für Paddelkohlen zu Gunsten der Eisenindustrie im Siegerland mit Rücksicht auf die dortige Nothlage zu empfehlen.
♦ Der Ausschuß zur Untersuchung der Waffer- verhältniffe in den der Urberschwemmnngsgefahr besonder« ausgesetzten Flußgebieten hat im Anschluß an seine letzten Sitzungen eine Bereisung der Elbe von Riesa bis Magdeburg und der unteren Saale bis in die Gegend von Gr.-Rosenberg vorgenommen. Wäh-
Dieser Haufe von Banditen war eine ähnliche Verbindung wie in Frankreich zu Anfang dieser Jahrhunderts die „Cauffeurs", welche bekanntlich in einzel- stehende Wohnungen eindrangen und die Einwohner dadurch marterten, daß sie glühende Kohlen an ihre Fußsohlen legten, um herauizupresseu, wo daS Geld verborgen wäre.
Die Oberen der „mane grona“ gehörten jener Klasse von Unzufriedenen an, wie sie sich in allen Ländern der Welt aus den Halbgebildeten und auS Intelligenzen, deren Lebeusschifftein gestrandet -ist, zusammenzusetzen pflegt. Mit einem Worte gesagt: Sie gehörten der internationalen Anarchistengesellschaft an, welche ganz Europa unterwühlt hat.
Die Affilirten dieser Oberen, welche sich, Dank der schlecht organifikten und ohnmächtigen Polizei in Spanien, täglich vermehrten, fanden sich in allen Ständen, und fo kam eS, daß die Verbrechergesellschaft die Polizeiorgane überwachte und kontrollirte — nicht umgekehrt; daher kam es, daß sie drei Jahre lang ungestört ihre schreckliche Herrschaft auSüben konnte.
Andalusien war der Hauptsitz ber „Schwarzen Hand". Aus allen Theilen dieser fruchtbaren Prooinz meldete die Presse von Mordihrten, Brandstiftungen, frechen Diebstählen und Mißhandlungen. Mit einer Kühnheit sondergleichen wurden olle diese Grwaltthaten, sogar am Hellen Tage, von Männern mit geschwärztem oder mit einer Maske versehenem Antlitze ausgeübt.