21. Jahrgang
Mittwoch, den 6. Juni 1894.
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FuIdaerMZeitling
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Keltisches Reich.
Berlin, 4 Juni
* Zur Durckfüh'llng der am 1. April n. I. em' tretenden Re«orga»ifati«» der preußische» Staat»' dahnverwaltung sollen unter Aufhebung der Eisen- bahnbetriebSämter und der rechtsrheinischen Eisenbahndirektion zu Köln neue Königliche Eisenbahndirektionen errichtet werden in Königsberg i. Pr., Danzig, Stettin, Posen, Kattowitz, Halle a. S., Kassel, Münster i. W , Essen und St. Johann-Saarbrücken. Hiernach werden künftig Betrieb und Verwaltung der Staatsbahnen, unter unmittelbarer Leitung M Ministers der öffentlichen Arbeiten, von zwanzig Direktionen geführt werden.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht nachstehenden Cholerabericht: Im Laufe der letzten Woche sind in dem hart an der russischen und österreichischen Grenze belegenen Ort Myrlowitz (Oberschlesien) 7 Cholerafälle, davon 6 mit tödtlichem AuSgang festgestellt worden. Auch in Schilno, der UebergangSftation russischer Flösser an der Weichsel, sind zwei Arbeiter, sowie der Sohn eines derselben an Cholera verstorben. Zweckentsprechende Schutzmaßregeln sind sofort seitens der zuständigen Behörden ergriffen, insbesondere ist ein UeberwachungS- dienst auf der Weichsel eingerichtet worden. Derartige Vorkommnisse, auf deren Wiederholung man sich bei dem Herrschen der Cholera in einem Theil unserer Nachbarstaaten auch für die Zukunft gefaßt machen muß, haben keinerlei bedrohliche Bedeutung für die Allgemeinheit, da nach den Erfahrungen der Vorjahre erwartet werden darf, daß eS den Behörden gelingen wird, ein weiteres Umsichgreifen der Seuche zu hindern.
* lieber das Landwirthschaftskammern - Gesetz hat Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst sich auf der letzte« Versammlung des Westfälischen Bauernverein- geäußert. Er wie- darauf hin, daß in der Provinz Westfalen Seitens der Landwirthschaftl. ProvinzialverrinS und der Westfälischen Bauernvereins im Interesse deS Bauernstandes Aller wahrgenommen und gethan worden sei, was menschenmöglich gewesen sei. Wenn die Erfolge nicht immer in dem gewünschten Maße eingetreten seien, fo liege daS daran, daß man die Vorschläge der Vereine nicht gehört habe. Wenn daS bei denLandwirthschaftS- kammern bess'r werde, so sei gegen deren Einrichtung gewiß nichts einzuwenden. Aber er müsse den Borwurf zurückweifen, daß eS in Westfalen an einer hinreichenden Wahrnehmung der landwirthschaftlichen Interessen gefehlt habe.
* Zur Organisation de» Handwerk» will dem ,Bolk' zufolge der Handelsminister einen neuen Entwurf ausarbeiten laffen, der bis zum Herbst fertig gestellt sein soll. Es soll darin eine durchaus getrennte Organisation für JnnungS- und RichtinnMgS - Handwerker vorgeschlagen werden.
* Einer unserer namhaftesten Nationalökonomen, Geh. Rath Wilhelm Roscher in Leipzig, ist daselbst
Mercedes de Moron.
Bo« Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.
(55, Fvrtfetznng.)
„Mein Herr," erwiderte der Herzog in weniger frostigem Tonfalle wie beim Eintreten Raoul'S, „Ihre Bitte überrascht mich, offen gestanden, nicht und ich bin eigentlich nur darüber erfreut. Ich liebe klare Sachlagen und ich zolle Ihnen für Ihren Schritt Dank. Sie lieben meine Tochter, sagen Sie? Sie haben vielleicht schon von Ihrer Liebe zu ihr gesprochen und in nicht wohl überlegter HerzenSvewrgung Aut sichten aus ihre Hand erhalten? Es ist indeffen, ehe ich mich auS- sprechen kann, noch Einiges aufzuklären, wovon Sie nicht unterrichtet zu sein scheinen. Ich erfülle, glauben Sie es mir, Herr Graf, eine schmerzliche und peinliche Pflicht, Ihnen eine Enthüllung machen zu müffen, da zwischen uns vollkommene Klarheit herrschen muß, ehe ich, wie ich schon einmal bemerk», auf Ihre Bewerbung näher eingehen kann. Ihr Vater, Graf Georg von Fervtre, ist vor Ihrer Geburt nach Spanien gekommen. Gleich Ihnen begegnete er einer jungen Dame, welche ihm gefiel, wie Ihnen meine Tochter gefallen hat. Er machte dcr Dame den Hof und wurde von deren Familie ausgenommen. Die jungen Leute verlobten sich nach etwa vier Monaten mit Billigung der Familie, der Tag der Vermählung war festgesetzt und . . . am Tage, wo vor dem Altäre die beschworene Treue den Segen
im Alter von 77 Jahren gestorben. Er galt als der bedeutendste Vertreter in der Methode der Nationalökonomie.
* Die Beratungen der Währ««g» • Enquete- Kommisfio« gehen ihrem Abschlüsse entgegen. Voraussichtlich werden die Verhandlungen morgen geschlossen.
* Düsseldorf, 1. Juni. Der Rheinische Provin- zial-Landtag nahm mit sehr großer Majorität den An- trog an, die StaatSregierung zu ersuchen, Maßregeln gegen die schweren Schädigungen zu treffen, die durch die zollfreie Einfuhr der QuebrachoholzeS und dessen Präparate den Waldeigenthümern, insbesondere dem Kleinbauernstande und den waldbesitzenden Gemeinden, sowie den Kleingerbereien erwachsen sind. Den Antrag befür warteten Moritz-Cochem, Freiherr v. Stumm- Halberg, Meußel- Meisenheim, v. Grand-Ry und Friedrichs-Remscheid, dagegen bekämpften ihn Wegeler- Koblenz und Barfeld-Barmen.
* Mainz, 1. Juni. Die Hierherkunft der Großherzogs mit seiner Gemahlin ist nunmehr auf den kommenden Donnerstag festgesetzt. Nach den bis jetzt getroffene» Bestimmungen wird das großherzogliche Paar voraussichtlich bis zum 17. Juni hier blnben. — Die diesjährige Jahresversammlung der Deutschen Buchdrucker-Berufsgenossenschaft findet in Verbindung mit der Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Deutschen Buchdrucker-Vereins in den Tagen vom 8. bis 12 Juni hier in Mainz statt.
Ausland.
* Pest, 4. Juni. Der »Budapester Korrespondenz' zufolge setzte Graf Khuen-Hedervary die Besprechungen mit politischen Persönlichkeiten gestern nicht mehr fort, da er die Ueberzeugung gewann, daß unter den gegebenen Berhältnisfen die Bildung einer KabinetS für ihn unmöglich sei. — Kaiser Franz Joseph traf heute früh hier ein und wurde auf dem Bahnhofe von zahlreichen Mitgliedern der Nationalpartei, sowie von anderen keiner Partei angehörigen Abgeordneten lebhaft begrüßt. Die vor dem Bahnhofe angesammelte zahlreiche Menschenmenge bewillkommnete den Kaiser mit begeisterten Eljen-Rufen. Graf Khuen-Hedervary wurde sofort nach der Ankunft deS Kaisers zu einer Audienz befohlen.
* Bukarest, 4. Juni. Gestern wurde hier eine große Bersarrmlung in Angelegenheit der Berurthei- kung im MemorandumS-Prozeß abgehalten. Um zwei Uhr Nachmittags versammelten sich die Theil- nehmer im CiSmigiu-Garten, und von da setzte sich unter den Klängen von sechs Musikkapellen ein endloser Zug mit zahllosen Fahnen und Bildern der in Klausenburg verurtheilten Rumänen usw. in Bewegung durch die außerordentlich reich 6t flaggten Hauptstraßen zur Chaussee. An dem Meeting nahmen mindestens 40,000 P rsonen theil. Nachdem mehrere Redner gesprochen, wurde eine Denkschrift angenommen und unterschrieben, welche den europäischen Staatsmännern
deS Priesters erhallen tollte, ist der Graf Georg von Ferstre abgereist — für immer abgereist, ohne der Familie und der verzweifelten Braut ein Wort der Aufklärung zu geben. Durch die Schuld dieses elenden Feiglings, Herr Graf, wurde dar LekenSglück deS j ungen Mädchens zerstört und die Mutter der armen Verlassenen starb aus Kummer über die erlittene Schmach."
Der Herzog hatte sich beiden letzten Worten, welche er mit verhaltener Wuth mehr hervorzischte, al« sprach, straff aufgerichtet.
Auf dem Gesichte RaoulS welchselten hohe Röthe mit fahler Blässe und in heftiger Empörung stieß er die Worte auS:
„Sie lügen, mein Herr; mein Vater kann eine ; solch' unwürdige Thal niemals begangen haben. Nennen Sie die Namen der Personen, deren Sie Erwähnung gethan haben."
„Die Mutter, welche vor Kummer starb, ist meine eigene Mutter, die Herzogin von Moron, und dar junge Mädchen; dessen LebenSglück in so gemeiner Weise zerstört wurde, ist meine Schwester. Dieselbe ist gegenwärtig Aebtiffin Der Augustinerinnen zu XereS. Nun, Herr Graf, — ich will Ihre Beleidigungen mit Stillschweigen übergehen — sind Sie noch der Ansicht, der Gemahl meiner Tochter werden zu können?"
Der Herzog erwartete, der Zorn Raouls werde sich nach feinen Worten verschärfen. Wie erstaunt war ! er aber, als er sah, wie der junge Graf nach seine« i
überreicht werden soll und auf die Gefahren der Be' drückang der Nationalitäten in Ungarn hinweist. Eine solche Riesenkundgebung wie dieses Monstrerneeting hat hier noch niemals stattgefunden.
* Pari», 2. Juni. Die Deputirtenkammer wählte den früheren Ministerpräsidenten Casimir Perier mit 229 Stimmen zum Präsidenten. Bourgeois, der Kandidat der Radikalen, erhielt 187 Stimme». Zum Vizepräsidenten wurde Bürde au mit 201 Stimmen gewählt Der Deputirte Paschal Grouffet wird dir Regierung am Dienstag wegen der Dementis, nach welchem die General-Inspekteure der Armee jede Beziehung zu dem Artikel des .Figaro' über die Abrüstungsfrage bestreiten, interpelliren. Die sozialistischen Deputtrten beschlossen, von einer Kundgebung auf dem Kirchhofe Päre Lachaise zum Gedächtniß der im Jahre 1871 erschossenen Kommunarden am Sonntag abzusehen, und forderten alle sozialistischen Parteigenosse» zu demselben Verhalten auf. Die Sozialisten verzichte» in Folge dieser Rathschläge auf die geplante Demo»- stration; dagegen versuchten sie, roihe Kränze tragend, . sich int Zuge nach dem Faubourg du Temple zu be- - gebe», um dort eine Versammlung abzuhalten. Die Polizei verhinderte die Bildung einer Zuges und ließ nur die Träger von Kränzen passiren.
* Aus Bulgarien liegen heute folgende Nachrichtm vor: Wie die ,Agence Balcanique' meldet, ist die von auswärtigen Blättern verbreitete Nachricht von der Verhaftung Stambulow'S und feiner Kollegen vollständig erfunden. Kein Wohnhaus eines der frühere« Minister wird bewacht außer dasjenige Stambulow'S; diese Maßregel ist zur persönlichen Sicherheit Stambulow'S angeordnet worden, der Ein- und AuSgang zu Siambulow ist vollständig frei. Derselbe empfing heute unter anderen Besuchen diejenigen mehrerer diplomatischen Agenten. Die Ruhe in der Stadt ist nicht wieder gestört worden. In den Straßen herrscht dar gewöhnliche Treiben; nur sind in kurzen Zwischenräumen Militärposten aufgestellt. Um Uebrigeu scheint die Rückkehr zu einem normalen Zustande in der Stadt und in der Provinz gesichert. Die,Swoboda' ist seit Dienstag nicht erschienen. Die .Politische Korrespondenz' meldet, der Minister deS AuSwärttgen Ratsche- witsch habe an die diplomatischen Vertreter Bulgariens im Auslande eine Circulardepesche gerichtet, in welcher betont wird, daß der KabinetSwechsel ausschließlich durch Gründe der inneren Politik herbeigeführt sei und keinerlei Aenderung der bisherigen Grundsätze für die auswärtige Politik Bulgariens veranlasse. Die Minister Stoilow und Natschewitsch machte» gestern den diplomatischen Agenten in Sofia ihre Besuche und gaben Erklärungen im Sinne der Programms deS neuen KabinetS ab. Seit gestern Abend ist kein ernsterer Zwischenfall vorgekommm. ES herrfcht ziemlich starkes Regenwetter. Die Truppen fahren fort, de» öffentlichen Sicherheitsdienst zu versehen, was sich sehr gut bewährte.
grausamen Worten sich in sein Fauteuil! zmücklehute und in Thränen auibrach.
Der Schleier vor den Augen RaoulS war zerrisse». Run begriff er die Frage», welche Mercedes im Hause des Konsuls in XereS an ihn gerichtet hatte, als sie wisse» wollte, ob sei» Vater jemals in Spanien gewesen sei.
Nu» war Raoul Aller nur zu klar, vor alle» Dingen die verächtliche Kälte deS Herzogs gegen seine Person und dessen Abneigung, eine Annäherung an Mercedes zu erlauben. ES dünkte Raoul bei der Nachricht vom Kerrath seines Vaters an der Schwester des Herzogs, als ob sich ein Abgrund vor feinen Füßen öffnete.
Er meinte fortgesetzt und glaubte vor Kummer ersticken zu müsse». Ganz geistesabwesend war Raoul nicht im Stande, sich Rechenschaft von der schrecklich« Lage abzulegen, in welcher er sich befand.
Der Herzog betrachtete den jungen Grafen, ohne ein Wort zu sagen. Dieser SchrnerzenSauSbruch Raoul« rührte ihn und innerlich war er ärgerlich darüber, durch seine Mittheilungen seinen Zweck, Raoul bis zum Seußersten zu reizen und zu Beleidigungen zu veranlassen, nicht erreicht zu haben. Er hatte die Fehler deS BaterS in so formloser Weise vor dem Sohne verhandelt und die Grenzen der gesellschaftlichen Höflichkeit überschritten. DieS berührte iha nicht besonders angenehm.
Ein langes Stillschweigen folgte dieser erregten