125 Dienstag, den 5. Juni 1894. 21. Jahrgang
Fuldaer MZkitiing
• Die ReichStagS-Stichwahl iuPla«e» i.V. (23. sächsischer Wahlkreis) hat den Sieg des sozialdemokra- tische» Kandidaten Gerisch ergeben; derselbe ift mit 12,852 Stimmen gegen den nationalliberalen Kartell- Kandidaten Nebel gewählt worden, auf den 10,874 Stimmen fielen. Der Wahlkreis Plauen, früher durch eine Reihe vonLegislaturperioden von dem konservative» Oberstaatsanwalt Hartmann vertreten, zuletzt durch dm konservativen Amtrhauptmanv v. Polmz, dessm Wahl vom Reichstage für ungiltig erklärt werden mußte, ist damit von den Sozialdemokraten erobert worden, die schon bei den Wahlen von 1890 und 1893 in die Stichwahl gekommen waren. Bei diesen Stichwahlen unterlagen 1890 dieSozialdemoklaten mit 10,583 gegen 12,919 Stimmen, im vorigen Jahre mit 12,052 gegen 12,766 Stimmen. Bei der Hauptnachwahl m diesem Jahre fehlten dem sozialdemokratischen Kandidaten nur mehr 374 Stimmen an der Mehrheit, seinem Gegner Nebel dagegen 4293 Stimmen. Sein Sieg in der Stichwahl war daher vorauszusehen. Auffällig ist es allerdings, daß der Sozialdemokrat Gerisch in der Stichwahl nahezu 3000 Stimmen mehr erhalten hat, als in der Hauptwahl (12,852 gegen 9915), und daß derKartell-Kandidat mit nicht weniger als rund 2000 Stimmen in der Minorität geblieben ist. Trotz des -Kartell- der OrduungSparteien" inSachsen stad offenbar auch von Freisinnigen oder von Antisemiten Stimmen für den Sozialdemokraten abgegeben worden, eS ist der Widerspruch gegen die geplanten neue« Reichssteuer« und gegen die „ReichS-Finauz- reform", der hierin zum Ausdruck gekommen ist. Nm» steht auch noch die Reichstags-Stichwahl in Pinne- berg-ElmShorn bevor, bei welcher die Ausfichte« der Sozialdemokraten, diesen Wahlkreis zurückzuerober«, ebenfalls nicht ungünstige find.
Mercedes de Moro«.
Bou Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.
(54. Fortfetzung.)
Als derselbe an einer der Thüren des BallsaaleS angekommen, suchte er sie mit den Blicken und bemerkte zu seinem großen Berdruffe, daß dieselbe gerade mit Raoul tanzte.
Dieser Schlag war hart für den Herzog, und es war ihm unmöglich, seinen Unwillen zu verbergen.
„Der Franzose und immer dieser Franzose! sagte er beinahe laut. ..
Doch mäßigte ter Herzog in weiser Selbstnkenntniß feinen an dieser Stelle durchaus nicht angebrachten Zorn und zog sich etwas in den Hintergrund zurück, um desto ungestörter das in der Sorglosigkeit unbegrenzten Glückes tanzende Paar zu beobachten.
Der alte Herr gewann endlich seine Rahe wieder und zog vor, einem offenen Skandal auszuweichen. Er beschloß daher nach der Bibliothek zu gehen und beim Botschafter Erkundigungen über Raoul einzuziehen. Bor allen Dingen mußt- er erfahren, wie der Graf dazu kam, zu dem Feste in der Botschaft eivgeladen zu werden. , , . ,
Der Herzog traf dm Botschafter mitten unter einer
Deutsches Reich.
Berlin, 2 Juni
* Dar heutige Bulletin über dar Befinden des Kaisers lautet: „DaS Allgemeinbefiiden Sr. Majestät des Kaisers und Königs ist gut, der Verlauf der Wundheilung läßt nichts zu wünsche» übrig. Se. Majestät nehmen heute den Vortrag des Chefs des MilitärkabinetS entgegen und werden über Mittag einen Spaziergang im Park machen. Neues Palais, den 2. Juni. v. Bergmann. Leuthold."
* Der BundeSrath überwies in seiner gestrigen Sitzung den Antrag des Königreichs Sachsen betreffend Abänderung oder Auslegung der Bestimmungen über den Verkehr mit Sprengstoffen und den Antrag Sachsen- Meiningens betr. den Erlaß von Tabaksteuer wegen Verwendung von Tabakstengeln als Streuzeug an die zuständigen Ausschüsse und stimmte den Ausschuß- anträgen zu den Vorlagen betr. die zollfreie Ablassong von Stahlrohren rc. bei der Berwenduvg zum Schiffsbau und von Bleirohren bei Verwmdung zur AuS- rüstung von Seeschiffen zu.
* Die gestrige Berarhung der Agrarkonfereuz betraf die Fragen der Schuldentlastui-g der ländlichen Grundbesitzer und der Einführung einer VerschuldungS- grenze für dieselben. LandwirthschaftSminister v. Heyden äußerte sich zum Schluß über die fernere geschäftliche Behandlung dec verhandelten Frage, welche, sofern sie zu Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung führen sollten, nach weiteren Durchberathungen im Einzelnen unter Zuziehung besonderer Vertrauens- männer unterliegen müßten. Mehrfach seien bei dm verschiedenen Fragen die Mitwirkung von Korporationen der Lmdwirthschaft inS Auge g.faßt und seien hier auch wiederholt die LandwirthschaftSkammern genannt. In di ser B-ziehung erklärte der Minister, voß an eine besonder Berufung der Prooinziallandtage zur Bcrathung über die LandwirthSschastskammern nicht
§Te PontlfeX Georg’ IgnatI En Vt propheta bonl fatl £ NataLIs Ipse praesIgnaVIt:
Inslgnlt qVInto IVnlo Te sanCto Bonlfatlo.
VoX popVLI Te prseoptaVIt. g Te qVaesIerVnt graVIa Pro DIoeCesI Merlta.
Ausland.
* DaS Ministerium Weierle ist also, wie schon kurz mitgetheilt, gestürzt worden. Der Kaffer Franz Joseph hat die Wekerle für tue Durchführung der Civilehe und der anderen KulturkampfSgefetze geforderten „Bürgschaften", bereit erste die Zusage der Ernennung einer Anzahl liberaler Oberhausrmtglieder war, nicht ertheilt, darauf hat das Mimstermm ferne Entlassung eingereicht. Der Kaiser hat am 1. Ium dieselbe angenommen und sofort den BanuS von Kroatien, Grafen Khuen-Hedervary mit bet Bildung eines neuen Kabinets beauftragt. — Dieser AuSgang bet Dinge war nach dem Verlauf der letzte» acht Tage vorauSzusehen, so sehr auch die Preß- Trabanten des Ministeriums Siegeszuversicht heuchelte». Aber die starken Mittel, welche man anwandte, um den Bruder Wekerle zu stützen, ließen ersehen daß man den Boden unter den Füßen wanken fühle. Wurde doch sogar die Fortdauer deS Dreibundes von de« Bestände deS Ministeriums Wekerle abhängig gemacht, und sogar Ehren-Crispi für .'. Bruder Wek-rle mS l Feld geführt. Noch kurz vor der Entscheidung ver- 5 öff.’ntliebte ber Bester .EgyeterteS' eine Unterredung semeS römische» B-richterstaiters mit dem italienischen
Der Herzog wandte sich noch an zwei andere hoch- aeftellte Herren, erhielt aber dort noch glänzendere Auskünfte über Rioul, als beim Botschafter. Ma« war der einstimmigen Ansicht, daß der Graf Ferötre ein vollständiger Gentleman sei.
DaS Lob, das Raoul von so unparteiischem Munde oesungm wurde, machte den in seiner Abneigung gegen den jungen Grafen vollständig verstockten Herzog von Moron ganz toll vor Berget, und in dieser GemüthS- stimmung kehrte er in den Ballsaal zurück. Der Walzer war zu Enbe. DaS Orchester stimmte em Polka an, MeicedeS hatte sich soeben erhobm, nm an diesem Tanze Theit z'u nehmm, als sie ihren Vater bemerkte; doch° entschloß sie sich plötzlich anders, sie flüsterte Raoul zu, daß er, falls er ihr °tw°e mitzutheilenhabe unter der Adresse ihrer Kammerzofe Juana Roveredo im Continentalhotel schreiben solle. Dan» bat sie Raoul, sich durch die Gruppe der Tanzenden> nach au- derer Richtung hin zu entfernen und verabschiedete sich von ihren Freundinnen mit der Bemerkung, daß sie ihren Batet aussuchen müsse.
9 Ohne em Wort zu sagen, nahm der Herzog dm Arm seiner Tochter und führte sie in die Garderobe, um sich für die Nachhausefahrt anzukleiden. Sie be- ; stiegen dann den ihrer harrenden Wogen und fuhren I »ach ihrem Hotel. Dort angekommen, wünschte der
gedacht werde. — In der heutigen Sitzung führte die Konferenz ihre Berathungen zu Ende. Minister v. Heyden trat der in der Presse aufgetauchten Be- hauptung unter allgemeiner Zustimmung entgegen, daß die Berichte des.ReichsanzeigerS^ tendenziös gefärbt wärm. UebtigenS feien die stenographisch m Berichte über die Verhandlungen bereits in Druck und würden in allernächster Zeit veröffentlicht werdm. Gegenstand d-r heutigen Verhandlung warm die Fragen der Kreditorganisation. Am Schluß resumirte Minister v. Heyden kurz den Gang der Berathungen; wenn noch keine direkt gesetzgeberisch zu vrrwcrthenden Resultate der Natur der Sache nach hätten erzielt werden können, so sei doch daS zu bearbeitende Feld wesentlich geklärt und nun Raum für die schon in Angriff genommene weitere Bearbeitung der schwerwiegenden Fragen ge- ((fiaffin. Je nach dem Fortschreiten derselbe« behalte er sich die Einberufung einzelner sachkundiger Vertrauens- männer vor, und sei auch in einem späteren Stadium di- Wiedereinberufung der Konferenz in Aussicht ge
* Die Kommission für die 2. Lesung eines bürgerliche» Gesetzbuch» für daS deutsche Reich erledigte in ihren letzten Sitzungen den Rest der die Vormundschaft über Volljährige betreffenden Borschrrftm und die Vorschriften über die Pflegschaft, sowie die Be- stimmungm, welche die religiöse Erziehung der unter elterlicher Gewalt oder unter Vormundschaft stehenden Kinder betreffen. In dieser Hinsicht sollen die landeS- gesetzlichen Vorschriften unberührt bleiben. Bon ver- schiedenen Seiten war allerdings beantragt, die religiöse Erziehung der Kinder reichSgesetzlich im bürgerlichen Gesetzbuch zu regeln, doch fand sich dafür keine Mehrheit. Abgelehnt wurde auch der Antrag, die Vorschrift aufzunehmen, daß, wenn der Minderjährige das 16. Lebensjahr vollendet habe, er berechtigt fei, fern GlaubenSbekmntniß selbst zu bestimmen. Dagegen wurde deS Bormundfchaftsrecht noch durch die Bestimmung ergänzt, daß dem Vormund die Sorge für die religiöse Erziehung deS Mündels auch dann entzogen werden könne, wenn er nicht dem Bekenntniß angehöre, m welchem der Mündel zu erziehen sei. Die Kommission ging darauf zur Beratung deS letzten Buchs deS EntmurfS, Erbrecht, über.
• Die Zahl der Jude« i» Berlin betragt nach dem statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin für 1893 5 Prozent der Bivölkerung. Im Handel sind 87 000 Personen thätig, darunter 41000 Juden. Bei normalen Verhältnissen dürfte eS in Berlin nur etwa 5000 Handel treibende Juden geben. Die Arbeiter« bevölkerung Berlins zählt 131000 Personen, darunter 940 Juden, d. h. noch nicht 1 Prozent, während es dem AntheilSsatze nach über 6000 jüdische Arbeiter aeben sollte. Dienstboten gibt eS in Berlin in runder Summe etwa 107 900, aber nur 819 jüdische, während die ihrem Verhälwiß zur Bevölkerung entsprechende Ziffer ungefähr 5000 betrage» müßte. Die Aerzte Berlins sind durch 25 Prozent Juden vertreten, bte Textilindustrie hat 20 Prozent Juden, und unter den Rechtsanwälten finben sich über 75 Prozent Juden.
Anzahl hervorragender Gäste; er bat denselben um eine kurze Unterredung.
Der Botschafter folgte dem Herzog i« ein Nebenzimmer, wo die beiden Herrm Platz nahmen. Nachdem dies geschehen, ging Letzterer sofort auf fern Ziel los, indem er den Botschafter fragte, ob er den Grafen Raoul be la FerStre kenne und bat ihn, im Namen ihrer alten Freundfchaft dringlich um genaue Auskünfte über Raoul.
Der Diplomat bewohnte Paris lange genug, um mit dem Leben hervorragender Mitglieder der dortigen vornehmen Welt bekannt zu sein. Derselbe kannte auch Raoul vom Jok yklub her, wenn er auch mit dem jungen Manne nicht näher befreundet war.
„Da Raoul ein hohes Ansehen genießt, ein reicher wohlerzogener junger Mann ist," fügte der Botschafter bei, .so habe ich keine Schwierigkeit gemacht, als das Ersuchen an mich gestellt wurde, denselben za dem Feste einzuladen. Der Name des Vaters deS jungen Mannes hat zudem einen so guten Slang, daß dem jungen Grafen in Paris jedes Haus offen steht.
Das war Aller, was der Herzog von dem Botschafter über Raoul erfahren konnte. Der spanische Diplomat war über die Fragen scineS alten Freundes nicht wenig beunruhigt.