Einzelbild herunterladen
 

Beilage zu Nr. 124 der »Fuldaer Zeitung'.

Sonntag, den 4. Juni 1894,

Mercedes de Moron.

Bon Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Ueberfetzung von Philipp Freidank.

(53. Fortsetzung.)

Die Marquise versuchte den Gegenstand der In­teresses ihrer Freundin zu entdecken, aber er gelang ihr nicht.

„Wer ist nur diese Dame, welche eben am Arme der dicken Herrn durch den Saal schreitet," fragte Mercedes plötzlich, in der Furcht, die Marquise möchte ihr HerzenSgeheimviß bereits errathen haben.

„ES ist die Baronin BarjewSka, die Frau einer polnischen Ingenieurs, eine wackere Dame, deren Ge­mahl aber gar nichts taugt. Das kommt in Paris häufig vor. Der Herr, welcher fie führt, ist der fran- zösische Minister des öffentlichen Unterrichts. Der brave Minister ist zwar kein Meister der Orthographie. Das ist aber bei uns zu Lande kein Fehler. Seine Erziehung hat ihn für daS Portefeuille des Unter­richts nicht vorbereitet. Nur feine politische Richtung hat ihn auf den Ministersessel emporgetrage«. Ganz ungleich der deutschen Märchenfigur „HanS im Glück" fühlt er durchaus gar keine Lust, sein goldenes Ministerportefeuille sich gegen weniger werthvolle Dinge abfchwatzev zu laffen. NlchkSdestoweniger wird feine Herrlichkeit nicht von langer Dauer fein, denn in »einem Adoptivvaterlande wechseln die Minister so häufig ihren Platz, wie während eines Balles die Damen ihre Tänzer."

„Wer ist der Herr, liebe Freundin," fmg Mer­cedes weiter, „mit dem großen Ordensstern auf der Brust und dem breiten blauen Bande um denHalS?"

„DaS ist ein portugiesischer Banquier, und der Orden ist von Karl III., ein spanischer Orden, wie Du eigentlich wissen solltest," sagte die Marquise schalkhaft. „Apropos, Ordensband, siehst Du den jungen Mann dort an der Säule, der so krampfhaft fein Monocle in den Händen dreht? Er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, dieser Graf de la Ferstre."

Bei diesen Werten fühlte sich Mercedes wie von kaltem Fieberschauer überrieselt, sie konnte ihre Auf­regung kaum bemeistern. Die Marquife schien die Aufregung Mercedes nicht zu bemerken und fuhr in ihrer Schilderung fort:

„Der Graf ist ein ausgezeichneter Tänzer und ich würde Dir denfelbm gerne vorstellen, wenn er sich nicht feit einiger Zeit von allen Vergnügungen zurück­gezogen hätte. Seit seiner Reise — ich weiß nicht wohin — besteigt er kein Pferd mehr, vermeidet die Theater und führt, wie es den Anschein hat, ein äußerst zurückgezogener Leben. Früher war der Graf einer der lebenslustigsten Kavaliere der Hauptstadt und so ist eS kein Wunder, wenn ftint jetzige Zurückgezogen­heit allgemein auffällt. Allgemein glaubt man, eine geheime Liebe trage an dieser Veränderung der Grafen Schuld. Ich bedauere daher lebhaft, mein Liebling, daß Du wahrscheinlich mit ihm nicht tanzen kannst. Du bist aber heute zu hinreißend schön, Mercedes, und deshalb glaube ich, eS gelingt Dir, den Einsiedler wieder in die Reihen der Gesellschaft zurückzuführen. Wenn eS Dir angenehm ist, will ich Dich dem Grafe» vorstellen.

Mercedes war durch diese Lobeserhebungen, welche die Marquise mit so großer Wärme Raoul gespendet hatte, nicht sehr zufrieden. DaS schmeichelhafte Bild, daS die Marquise von Raoul entworfen, verdroß Mer­cedes im Grunde ihres Herzens. Rach demselben mußte sich der Graf ja früher sehr lebhaft an dem Treiben der Weltstadt betheiligt haben und diese Beleuchtung beunruhigte Mercedes nicht wenig. In großer Ver­legenheit darüber, was sie antworke« sollte, hatte Mer­cedes gar nicht bemerkt, daß sich ihre Freundin bereits erhoben hatte, um Raoul aufzusuchen.

Der Graf hatte sich beim Herankommen der Mar­quise herumgedreht, eine höfliche Verbeugung gemacht und der Marquise den Arm geböte». Beide kehrten dann zurück und befanden sich in wenigen Augenblicken vor Mercedes.

Die Marquise hatte dm Namen Mercedes nicht genannt, als fie Raoul herbeiholte. Sie sprach von einer Frmndin von hinreißender Schönheit, welche fie dem Grafen vorstellen wolle, da er derselben an Tänzern fehle. Raoul wagte nicht, die Bitte der Marquffe abzuschlagen, und nun versetze man sich in feine GemüthSverfassung, als er sich plötzlich Mercedes gegenüber befand.

Die Liebe verleiht Flügel! sagt man; fie verleiht aber auch manchmal Geistesgegenwart. Die beidm jungm Leute beherrfchtm sich mit bewunderungswürdig feste« Willm. Mercedes erröthete nur einm Ton tiefet, die blaffe» Züge Raouls färbtm sich vielleicht etwas Heller. DaS war Alles, was äußerlich von der außerordmt- lichm Erregung der Beidm bemerkt »eiben konnte.

Die Marquise schien nichts zu sehen und auch nichts zu ahnm.

„Mein Liebling, hier stelle ich Dir bett Grafen Ferätre vor", sagte sie. Und zu Raoul gewendet: „Fräulein de Moron, mein liebste Jugendfrmndin, welche vor venigm Tagen aus Spanien eintraf und der, wie ich bettle, Sie die Ehre der nächsten Walzers schenken werben. Ich weiß wohl, daß die- vielleicht nicht nach Ihrem Geschmacke ist, aber ich bitte mir und meiner Freundin zu Liebe eine Aus­nahme zu machen. Meine Freundin tanzt übrigens ausgezeichnet."

Raoul hatte feilt kalter Blut vollständig wieder- erlangt.

„Madame" erwiderte er, „eS ist wohl wahr, daß ich nicht mehr tanze, aber, wenn ich Ihnen eine Freude machen kann und wenn das Fräulein mich als Kava­lier annehmen will ... ." fügte Raoul mit leiser Stimme hinzu . . . ."

„Mit Vergnügen, mein Herr", sagte Mercedes, welche nicht den Muth besaß, ihre Augen zu erheben, „es wird der zweite Walzer fein."

„DaS ist sehr liebmrwürdig von Ihnen, setzte die Marquise hinzu. „Sie werdenseben, Herr Gras, welch' unvergleichliche Tänzerin Fräulein von Moron ist. Aber nun noch eilten einzigen Gefalle», lieber Graf. Bitte, lassen Sie uns bis zum versprochenen Walzer allein, denn ich habe mit meiner Freundin, welche ich feit Jahren nicht wiedergesehen habe, noch viel zu plaudern".

„Raoul verneigte sich stumm und verließ den Salon. Gr suchte die Einsamkeit auf, um über die Fülle der Glückes, das ihm heute befchieden, nachzu­denken.

Er hatte die Ankunft Mercedes durch einen selt­samen Zufall erfahren. Einer der Verwandten Raouls aus der Provinz war in Paris angekommen und im Hotel Continental abgestiegen. Im Begriffe feine Karte dort abzugeben, hörte er zufällig im Bureau des Hotels den Namm des Herzogs von Moron nennm. Eine Depesche war für denselben angelangt. Auf die Frage, ob der Herzog im Hotel feinen Aufenthalt genommen, theilte ihm der Direktor mit, daß derselbe die Zimmer Nummer 14—16 im Entresol bewohne.

Zugleich erkundigte sich Graf Ferstre, seit wann der Herzog in Paris weile. Die Schwierigkeit für ihn war, Mercedes sprechen zu könne». Raoul zweifelte keinen Augenblick daran, daß diese strmg überwacht werde und daß ein Brief an sie nur schaden könne. Nach längerem Urberlegen entschloß sich Raoul, doch einen Brief an die junge Herzogin zu richten. Er schlug den Weg nach seinem Klubhause ein, dessen Räume um diese Zeit — eS war vier Uhr Nach­mittags — noch ziemlich leer waren und begann den Brief an Mercedes zu schreiben. ES wollte ihm aber teilt schicklicher Eingang einsallen; er begann wohl zwanzigmal mit dem Schreiben, um ebensooft wieder aufzuhören. Er sagte sich, wie gefährlich es fei, in dem Briefe von Liebe zu sprechen; der Brief konnte ja in die Hände des Baiers fallen. Andererseits schien eS ihm noch unschicklicher zu sein, Fräulein de Moron zu einem Rendezvous eiuzuladm.

Während Raoul so an der Feder kaute und über­legte, veranlaßte ihn eine tiefe Stimme umzuwenden. Ein alter Spanier, langjährige- Mitglied des Klubs, war eben im Zuge, jwei jungen Leuten, welche ihm mit offenem Munde zuhörten, den Verlauf eines Stier- gefechtes zu schildern.

Dieser Fremde machte mit seinem Vortrage Raoul vollständig nervös und er war eben im Begriffe, nach einem andern Salon zu gehen, um seinen Brief zu vollenden, als ihn einige Worte der Spaniers zurück» hielten.

Der alte Spanier hatte seine begeisterte Schilde­rung vollendet und fragte seine Zuhörer, ob sie Lust trügen, den Ball beim spanischen Botschafter zu be­suchen. Er machte sich anheischig, ihnen Einladungen zu verschaffe», wenn eS ihnen Vergnügen bereitete.

Plötzlich reifte im Kopfe Raouls ein sublimer Ge­danke. Er erinnerte sich gelesen zu haben, daß dieser Tage in der spanischm Botschaft zu Ehren des jungen Königs ein Fest gefeiert werde. Aller Wahrscheinlichkeit nach mußte der Herzog von Moron in seiner Eigen­schaft als Grand von Spanien den Ball besuchen; dies konnte er aber nicht gut ohne seine Tochter ihn».

Raoul erhob sich in plötzlichem Entschlüsse, trat auf den ihm oberflächlich bekannten Greis zu und reichte ihm herzlich die Hand. Der alte Spanier schien von diesem Beweis der Sympathie Raouls sehr erfreut zu sein, noch mehr aber, als ihn derselbe bat, auch ihm eine Einladung zu dem Feste zu verschaffe».

„Mit dem größte» Vergnüge» erfMe ich Ihren Wunsch", erwiderte der neue Freund Raouls. „Der Botschafter wird eS sich zur Ehre aurechuen, Sie zu empfangen. Bitte, begleiten Sie mich zum Bmeau bei Klubs, mw nach der Botschaft zu ttlephouireu."

Raoul erfüllte dm Wunsch deS Spaniers und in wenigen Augenblicken befand er sich im Besitze der Ein­ladung.

Graf Ferstre sprach dem Greis seine» verbind­lichsten Dank aus und begab sich dann sofort nach Hause, um mit fieberhafter Ungeduld den Augenblick zu erwarten, in welchem er nach der Botschaft fahren konnte.

Trotz seiner Ungeduld hatte er sich verspätet, und als er an die Thüren deS BallsaaleS anlangte, war er freudig überrascht, Mercedes zu erblickm.

Er verbarg sich hinter einer Säule im anstoßenden Salo» und hatte so das schmerzliche Vergnügen, Mer» cedeS beobachten zu können, ohne von ihr gesehen zu werden. Später, als Mercedes mit der Marquise den­selben Salon betreten hatte, um ungestört plaudern zu können, suchte er sich noch sorgfältiger vor den Blickm Mercedes zu verbergen — mit welchem Erfolg haben wir bereits gefehen.

Als er die Marquise auf sich zukommen sah, um ihm Mercedes vorzustellen, begrüßte er in Gedanken die Dame gleichsam wie die Vorsehung in Person.

Endlich luden ihn die schmeichelnden Klänge de- versprochenen Walzers ein, Mercedes abzuholen, der­selben den Arm zu bieten, und sie in den Ballsaal zu führen.

In flüchtigen Worten theilte Mercedes Raoul die Ereigniffe der letzten Wochen und vor Allem den Ver­zicht de la Montana's auf ihre Hand mit. DaS Herz des junge» Grafen wurde durch diese Mittheilungm mit hoher Freude erfüllt.

Die frohe Hoffnung, unter solchen Umständen Mer­cedes trotz aller Hindernisse doch bald die ©einige nennen zu dürfen, entzückte ihn.

Diejbeiden jungen Leute gaben sich in dem Wonne­rausche ihres Wiedersehens mit Entzücken dem Ver­gnügen des Tanzes hin, ohne zu ahnen, daß sie recht bald aus ihrem Traume ziemlich unsanft aufgerüttelt werden würden. Dem Herzog war eS inzwischen ein­gefallen nach seiner Tochter zu sehen.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Mitten im fröhlichen, lebenslustigen Studentenviertel von Paris, in der Rue de Buci, ist ein alter griesgrämiger Geiz­hals auS Hunger und Mangel an Pflege einsam und verlassen auf seiner Million gestorben. Lefebre, so ließ er sich nennen, wohnte seit zehn Jahren dort in einem kleinen Zimmer, gab höchstens einen Franken den Tag für seine Nahrung auS, die er sich selbst bereitete. Jedermann hielt ihn für sehr arm, aber niemand verkehrte mit ihm, da er Gesellschaft mied. Sein Magenleiden ließ er vom Armenarzt behandeln. Als er einige Tage nicht gesehen wurde, öffnete die Polizei die Wohnung und fand den Greis tobt auf seinem schlechten Bette liegen. Er war am Magenkrebs gestorben. Die Polizei fand nach der ,Boss. Ztg/ aber auch eine Million in Werthpapieren und Gold vor, alle- in alten schmutzigen Töpfen und unter Lumpen versteckt. An­den Papieren ging auch hervor, daß der auf seinem Goldhaufen verkommene Geizhals einer der ersten Adelssamilien Frankreichs angehörte.

* Mit einer musterhaften Pünktlichkeit kommt alle Jahre der große Dahlhansener Hecht als Zeitungsente geschwommen, um sich durch einen großen Theil der Presse gewandt hindurch­zuschlängeln, sich von einigen Leichtgläubigen angeln zu laffen und dann wieder im Weltmeer zu verschwinden bis — nächstes Jahr. Selbst in Liedern wird dieser alt: Bekannte aus Dahl­hausen gefeiert. So schreibt das .Lüdenscheider Wochenblatt': Alle Jahre wieder kommt der große Hecht, Schwimmt durch alle Blätter als — Ente, die nicht schlecht! Er schwimmt am Kupferdrähtchen schon mehr denn 40 Jahr, Ward zweimal schon gefangen auf gleiche Art sogar! Es trägt das Messingplättchen den Sers von Peter Suhr, Er wird so klar gelesen — von Grünspan keine Spur! — Vom unbekannten Gastwirth zu „Dahlsen" an der Ruhr. Dann schwimmt's durch alle Blätter, trotz Sauerstoff, Oxyd — Als erste Frühstücksprobe — der suren Gurkentid!

* (Gemiithlich.) Dieb (beim Einsteigen zu einem Passanten) 1 „He, Sie, halte Se m'r e bische die Leiter, und pfeifen Se m'r, wenn en Schutzmann kommt."

* Protzenthum. Herr: ......Und was will Ihr Sohn

später werden?" Kommerzienrath: „Wie haißt? Braucht der Sohn vom Kommerzienrath Silberstein überhaupt noch etwas zu werden?!"

* Leichte Abhilfe. Sie (nach vorausgegangenem Streit schmollend): „Das ist nicht schön von Dir, Max, daß Du so ein­silbig bist!" — Er (ärgerlich): „So nenne mich halt Maximilian!“

* Sei« Geld! „Kannst Du mir nicht 20 Mark leihen?« — „Vor einer halben Stunde hätte ich sie Dir gegeben, aber gerade habe ich den Schneider bezahlt!" — „Mit meinem (Selbe!"

* Mißverständniß. Herr (im Cigarrengeschäst): „Geben Sie mir fünf Stück ä 10." — Verkäufer: „Bitte sehr. Wünschen der Herr eine zu rauchen?" — Herr: „Sonderbare Frage! Alle fünfe will ich rauchen!"

* BeneidenSwerth. Bauer (in den Stall tretend, findet sein Pferd verendet): „Na ja, so a Pferd hat's gut; 'n ganzen Winter thut's nichts als fressen, und im Frühjahr foll'S arbeiten, da krepirt'S!"j

* Schier unmöglich. Arzt: „Ich habe die Diagnose ge­stellt!" — Alter Student: „Und sie lautet?" — Arzt: „Wasser- sucht!« — Student: „Doktorchen, — keine Witze!"

* Ei« Verstockter. Der bekannte Lord Ellis, ein einge­fleischter Junggeselle, wurde einmal von einer heirathslustigen Dame gefragt, ob er schon einmal einer öffentlichen Hinricht- ung beigewohnt habe. — „Nein," erwiderte er, „ich habe aber schon mehrere Male einer Trauung beigewohnt."