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21. Jahrgang

Freitag, den 1. Juni 1894.

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stürzt; nach beiden Gewalttaten bemächtigte er sich

*

Mercedes de Moron.

Bon Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Ueberfetzung von Philipp Freidank.

(51. Fortsetzung-)

Die Lektüre dieses langen Briefe- schmetterte Mercedes vollständig nieder. Das stolze Gebäude all' ihrer Hoffnungen schien zusammenzufallen und ihr LebevSglück zu begraben. Sie kannte ihren Vater genau und erblickte keinen Ausweg aus allen diesen Wirr­nissen. Sie liebte, und alle die Bernunftgründe ihrer Tante erschienen Mercedes wie em dichtes Retz un­überwindlicher Schwierigkeiten. Die Abneigung ihres Vaters gegen Raoul war ihr nur zu bekannt; Mercedes hatte nur zu deutliche Beweise davön gesehen.

Selbst wenn die Auskünfte über Raoul die gün­stigsten seien, so erschien es ihr kaum denkbar, daß ihr Vater den Sohn jenes Mannes zum Schwiegersohn annehmen werde, welcher seiner einzigen Schwester so unendliches Weh bereitet hatte.

WaS Mercedes aber vor allen Dingen in Schrecken versetzte, war der Gedanke an ein Zusammentreffen ihres Vaters mit Raoul. Een heftiges Wort war ja so rasch gesprochen, und sie kannte nur zu gut den Jähzorn ihres VaterS. Rach längerem Nachsinnen ver- schloß sie den Brief ihrer Tante in ihrem Schreibtisch.

hülfe erheische, nicht herbeigeführt worden sei. Die Vorlagen über die Regelung der GehaltSverhältnisse der durch die neue Verwaltungsorganisation der Staats­bahnen entbehrlich werdenden Beamten und über die Ausführung der Novelle zum ReichS-Biehfeuchengefetz, wurden angenommen. Morgen: Resolutionen über die Finanzlage. ......

* Die ReichSregierung hat gleichzeitig mit der Mit- theilung über die Einführung der Zufchlagszölle der spanische« Regierung eröffnet, daß sie sich nach Ver­lauf der gegenwärtigen Tagung der CorteS an den Handelsvertrag nicht weiter gebunden erachte und wenn dis dahin eine Genehmigung desselben nicht erfolgt fei, den Verfuch einer handelspolitischen Verständigung mit Spanien für gescheitert ansehen werde.

* Der ,Staatsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Ernennung der bisherigen Gesandten in Hamburg Freiherrn v. Thielmann, der an den Handelsvertrags­verhandlungen mit Rußland hervorragenden Antheil genommen, zum Gesandte« in München. Die Er­nennung des Geh. LegationsrathS v. Kiderlen-Wächter zum Gesandten in Hamburg wird nächster Tage pub- lizirt. An seine Grelle ist der bisherige LegatioaS- sekretär bei der Gesandtschaft beim Vatikan, Dr.Mumm- v. Schwarzenstein, zur Hülseleistung in daS Auswärtige Amt berufen tootbett.

* Kanzler Leist, der in Hamburg emgetroffen, von Hafen-Arbeiter« in nichts weniger als ehrenvoller Weise empfangen worden fein soll, hat ein durchaus gesetzlicher Mittel, die Disziplinär-Untersuchung zu umgehen. Er braucht nur von der Befugniß des § 100 der Gesetzes über die Rechtsverhältnisse der Reichsbeamten Gebrauch zu mache« «nd «nter Verzicht aus Titel, Gehalt und PevfionSanspruch um seine Entlassavg aus dem ReichSdienst nachsuchen, dann muß das DiSz'plinar - Verfahren gegen ihn eingestellt werden. In der,Allg. Ztg.' findet sich über diese Angelegenheit folgende Betrachtung: „@8 machen sich übrigens manche prinzipielle Bedenken gegen die An­wendung der gewöhnlichen Disziplinär - Bestimmungen auf die eigenartigen Rechts- und AmtSverhältnissr der Reichsbeamten in den Schutzgebieten geltend. Wie sich nämlich feit jener Zeit angesichts der ersten Nachrichten über die Kameruner Revolte eine Diskussion darüber entspinnen konnte, ob der stellvertretende Gouverneur zur Anwendung der körperlichen Züchtigung auf die dahomensischen Weiber befugt gewesen, so ließe sich eine Reihe von Fällen denken, die einen inländischen Reichs­beamten nicht nur vor einen DiSziplinarhof, sondern auf die Anklagebank einer Schwurgerichts und schließlich in'S Zuchthaus bringen würden, während man sich bei einem Beamten der Schutzgebiete fragen kann, ob auch nur eine disziplinarische Ahndung am Platze sei. Hier ist jedenfalls eine Lücke in unserer Gesetzgebung zu konstatiren, deren Borhindensein glücklicher Weise bis­her noch nicht bemerkt wurde, sich aber angesichts der traurige« Fälle des Kanzlers Leist und des Assessors Wehlau nicht mehr verbergen läßt. Es ist somit eine sehr schwierige Aufgabe, welche der DiSz-plinarhof zu lösen haben wird. W-nn freilich aller sich bewahr-

welcher Sie sehr überraschen und vielleicht veran­lassen dürfte, den Weg, den Sie mir gegenüber ein­schlagen, wieder zurück zu gehen. Wenn wir uns zu­fälligerweise in Pari» Wiedersehen sollten, so lugt er in ihrem Jntereffe, an Ihre Tänzerin vom Kasino- balle zu X-reS möglichst glrichgiltige Worte zu richten. Sott, der unsere Zukunft bestimmt, wird wissen, war sie unS Beiden bringen wird. ES sei dem, wie eS wolle, mein Herr, daS junge Mädchen, welcher sich nicht fürchtete, den verwundete« Grafen Fe,Sire zu besuchen, wird das Aadenkev an ihn in seinem Herze« zu bewahren verstehen. .

Ich zähle auf Ihre Ritterlichkeit, mein Herr, und erwarte, daß Sie meiner Aufforderung Folge leisten.

Empfangen Sie die Versicherung meiner aus­gezeichneten Hochachtung. „ „

Mercedes von Moron.

Das junge Mädchen las diesen Brief mehrmals durch, verschloß denselben mit einem doppelten Couvert und richtete die Adresse an den französischen Konsul. Nach dessen Versiegelung läutete Mercedes einem Diener und beauftragte denfelben, den Brief fofoit an feine Abriss: zu bestellen.

Erst nachdem dies geschehen, begab sich Mercedes zu ihrer Großtante und gab derselbe« Keuntniß von

Deutsches Keich.

Berlin, 30. Mai.

* Der Kaiser kam gestern von Potsdam nach Berlin, um hier zunächst das Atelier deS Bildhauers Toberentz zu besichtigen, dann dem Offiziersschießen deS 2. Garderegiments zu Fuß beizuwohnen und Abends 97a Uhr des König von Sachsen bei dessen Ankunft auS Sibyllenort auf dem Bahnhof Friedrichstraße zu begrüßen und nach dem Schlosse zu geleiten.

* Der Fürstbischof vonOlmiitz, Dr. Cohn, ist gestern mit großem Gefolge, bestehend auS zwei Dom­herrn, zwei Kaplänev, einem CeremonianuS und zahl­reicher Dienerschaft, in Berlin eingetroffen. Der Kirchen­fürst, der bekanntlich auch für einen Distrikt im preußi- schen Oberschlesien bischöfliche Rechte auSübt, wird heute vom Kaiser in besonderer Audienz empfangen. Heute Abend findet ihm zu Ehren im KultuSmini- fterium ein Mahl statt, zu welchem der österreichisch- ungarische Botschafter, der Reichrkanzler, die Minister und verfchiedene hohe Beamte geladen sind.

* Prinz Adalbert, der drittälteste Sohn deS Kaiserpaares, der am 14. Juli sein 10. Jahr vollen­det, soll schon am Donnerstag den 31. d. bei der Potsdamer FrühjahrS-Parade als Offizier in die Front deS 1. Garde-RegimentS eingestellt werden. Die frühere Ernennung zum Osfizier erfolgt mit Rücksicht darauf, daß der Kaffer am 14. Juli sich bereits auf feiner RordlandSreife befinden wird.

* Der Justiz-Ausschuß de» BnndeSraths hat die erste Lesung der Novelle zur Strafprozeßordnung (Berufung gegen Strafkammcr-Ürtheile u. f. w.) beendet und tritt in der nächsten Woche in die zweite Lesung ein.

* Dar Herrenhaus nahm den Gesetzentwurf betr. die Rechte der BermietherS an de« in die Mieths- räume eingebrachten Sachen an, erledigte die Nach-, Weisung betr. die Verwendung der angesammelten Spar­gelder durch Keuutnißuahme und berieth dann die Vorlage über die LandwirthschaftSkammern. Für die Vorlage sprachen Landwirihschaftsminister v. Heyden und die Herren Graf Klinkowström, Graf Schlieven, Flhr. v. Maltzahn und Fchr. v. Landsberg-Steinfurt, welche die Nothweudigkeir einer gesetzlichen korporative« Gestaltung und Vertretung der Landwirthschast hervor- heben. Gegen die Vorlage erklärten sich die Herren v. Bamberg-FlamerSheim, Graf zu Im- und Knyx- haufen, Graf v. Bückler-BurghauS und Fürst Ferv. Radziwill mit der Begründung, daß dir vorgeschlagene Organisation der Landwirthschast keinen Nutzen bringen, die bestehende freie Vereinsorganisation aber schwer schädigen würde. Schließlich wurde der Gesetzentwurf i unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordneten­hauses angenommen. Auf eine Interpellation des Herrn v. Plate« erwiderte Minister v. Heyden, daß durch die Februar stürme ein Noihstand, der Staais-

MercedeS vollendete dann ihre Vorbereitungen zur längeren Abwesenheit von XereS und schrieb einen Tag vor der Abreise mit ihrem Vater, dem Wunsche der Aebtissin entsprechend, einen Brief folgenden Inhalts an den Grafen Ferstre:

Mein Herr!

In Ihrem Lande wie auch in dem unsrigev ist eS einem jungen Mädchen durch die gute Sitte unter­sagt, mit einem Manne, mit welchem es keine heiligen Bande verknüpfen, Briefe zu wechseln. Indessen ge­stattet das Gewiffen eine Ausnahme, wenn eS noch- wendig ist, an die Ehre und den Tdelmuth des Herzens zu appelliren. Ich theile Ihnen im Namen dieses Gefühls, beste« Sie mich vor einiger Zeit vielleicht etwas zu lebhaft versicherten, mit, daß wir auch einige Zeit darauf verzichte« müffm, unS zu sehen und zu schreiben. Ich reise mit meinem Vater morgen nach Madrid und später von da nach Paris. Ich zweifle nicht daran, daß Sie nach der Wieder­herstellung von Ihrer Verwundung ebenfalls nach Paris zurückkehren werde«. Verwundern sie sich nicht darüber, und ich beschwöre Sie, sich dieser Trennung ruhig zu unterwerfen. Beunruhigen Sie sich über mich keineswegs. Ich werde m Paris spätestens in zwei Monaten ankommen. Sie werden dann wahrscheinlich eine» TageS einen Brief empfangen,

-v. ., < - stürzt; nacy veioen ©emaurqoten vemall-ngtr n |iu#

Dtk Slktii um bttt Aomtzsihrou d-z Thrones, den feine Nachkommen noch inne haben,

ist in den letzten Tagen wieder in den Vordergrund Vereinigen sich die Karageorgevitsche, dann dürfte die

der politischen Erörterungen getreten. Zwar spielen bis Gefahr für die regierenden Obrenovitsche zunehmen.

jetzt die Ereign.sse in Serbien nur noch im Innern dieses Landes und gewinnen auch so lange für Europa keine ernstere Bedeutung, bi» nicht andere Staaten, was vorerst auch nicht zu befürchten ist, darin ver­wickelt werden, aber bei der allgemeinen Aufmerksam­keit, die dieser an den verschiedenartigsten Streiche« so reiche Ländchen auf sich zieht, dürfte eS nicht uuzeit- gemäß sei«, über die auf den Thron Anspruch erheben­den Linien und Personen unseren Lesern Klarheit zu verschaffen. Man muß eben auf alle Eventualitäten gefaßt sein, zumal verschiedentlich ganz bestimmt be­hauptet wurde und die serbische Regierung Beweise in Händen zu haben scheint, daß die radikalen Führer eine Gewaltthat geplant haben oder noch planen, um die früheren Karageorgevitsche wieder auf den Schild zu erheben. Einer solchen Schilderhebnrg wird gegen­wärtig von der Regierung der herrschenden Dynastie Obrenovitsch um so eifriger entgegengearbeitet, als die Radikalen in Verbindung mit der feindlichen Dyna­stie der Karageorgevitfche stehen und ein Brief deS Prinzen Alexis Karageorgevilsch keinen Zweifel darüber läßt, daß diese Familie ihre Thronansprüche nicht für immer zu versenken gedenkt. Rur ist eS für die regierenden Obrenovitsche und daS Land gut, daß die Karageorgevitsche unter sich noch nicht einig sind, wem von ihnen da- größte Anrecht auf den Thron gebührt. Begründer der fürstlich gewordenen Bauern­familie ist der serbische Bauer Georg Czerny, wegen seiner dunklen Gesichtsfarbe genannt Karagevrg, der schwarze Georg. Der von ihm ausgehende Stammbaum sieht so auS:

Georg Vetrovitsch Czerry Karageorg lebte von 1766 bis 1817, Fürst von 1804 an, ermordet von Milosch Obrenovitsch im Jahre 1817. Von ihm stammen 2 Linien ab: Die ältere Linie: Ptter Karageorge- vitsch, gestorben gegen 1842. Peter Karageorgevitsch. Alexander Karageorgevilsch. AlexiS Karageorgevitsch, jetziaerThronanwärter. Dee jüngere Linie: Alexander Karageorgevitsch, lebte von 1806 bis 1885, Fürst von Serbien 1842 bis 1859, entthront von Milosch Obreno- vitsch. Dieser hatte wieder 2 Söhne: Peter Kara­georgevitsch, geboren 1846. Arsen Karageorgevitsch, Lieutenant im russischen Heere.

Der jüngste Alexis Karageorgevitsch au8 der älteren Linie und der Peter Karageorgevitsch aus der jüngeren Linie streiten sich nun um das Anrecht auf den von den Obrenovitschr zur Z-.it noch behaupteten Thron. Für Pcinz Al-xis ist das Recht der älteren Linie, während Peter darauf verweifen kann, daß feine Linie bereits auf dem Thron gesessen hat. Der Be­gründer der Familie, der „schwarze Georg", gewann Ansehen und Macht durch seine Waffenthaten im Kampfe gegen die Türken von 1804 di-1813. Derselbe M-.losch Obrenovitsch, der den gefürchteten Bauern 1817 ermor­dete, hat auch im Alter von 81 Jahren 1859 den Fürsten Alexander Karageorgevitsch vom Throne ge°