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21. Jahrgang

Donnerstag, den 31. Mai 1894.

JMi 121

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Bb. „Wie fangen wir die Kauer«?"

Dieft Frage macht de» rothen Weltverbesserern noch immer viel Kopfzerbrechen. Bei jeder Gelegenheit reden sie von dem „Feldzug aus das Land"; allein zu ihrem Aerger müssen sie sich selbst zugestehen, daß sie bei dem katholischen Landvolke bisher wenig oder gar nichts ausgerichtet haben. Der Bauersmann liest wohl mal die Flugblätter, die mitunter von unbekannten Leuten im Dorse vertheilt werden und die von Mitleid mit dem „hartgeplagten Landmanne" Kiesen; allein er merkt auch den rothen Pferdefuß und macht zu den schönen Redensarten ein ungläubiges Gesicht. Da haben denn die Weltbeglücker in jüngster Zeit ein neues Mittel ausgeklügelt, um den Bauer „aufzuklären".

Gin „Genosse", welcher sich bei der letzten Reichs» tagSwahl als Kandidat hatte aufstellen lasten, aber elendig durchgefallen war, verschwand bald darauf mehrere Monate lang. „Ec ist in die Fremde ge­gangen, um sich Arbeit zu suchen," so hieß eS. Andere wollten es bester wissen «v.d sagten: „Er ist nach Berlin und Leipzig, wird dort aus Kosten der Partei im Papier- und Buchhandel ausgebildet." Einerlei, wer Recht hatte; thatsächlich kam der ReichStagSkandidat nach mehreren Monaten zurück und suchte sofort einen Gewerbeschein zum Hausieren mit Papier und Druck­schriften nach.

Offenbar haben wir eS hier mit einem neuen Ver­suche sozialdemokratischer Landagitationen zu thun und sicherlich nicht mit einem ganz ungeschickten; derselbe verdient vielmehr alle Beachtung. Denn daß der sozial­demokratische Hausierer nicht Marienkalender noch Hand­postille« oder Heiligenlegenden kolportieren wird, dürfte doch wohl klar fein. Auch wird derselbe wohl recht vorsichtig zu Werke gehen, um vor der Haud bei dem gläubigen Landvolke nicht anzustoßen. Erst wird er dar Gelände studieren. Zu diesem Zwecke bietet er ganz unverdächtige Sachen an: Schreibpapier, Brief­bogen, Kouverts ic., natürlich billiger, als eS im Dorfe zu haben ist. Warum foll man sich also nicht mit ihm einlassen und ihm eine Kleinigkeit abkavfen? Dabei kann er ja immerhin ein Wort fallen lasten über schlechte Zeiten, und daß eS auch noch nicht so bald besser werden wird. Denn die Lente, „welche er gut mit einem armen Manne meinen, sind in den Städten zwar zahlreich, aber auf dem Lande ist man noch weit zurück." Allen­falls kann man daS Papier ja „roth" einwickeln, entweder in ein Flugblatt oder in eine fozialdemokratifche Zeitung und so im Borübergehen darauf aufmerksam «achm. Am Ende liest eS der „fürwitzige" Bauer doch.

Dieser kommt bald und besucht seine „Kundschaft" wieder. Natürlich hat er „sür dm Winter" auch etwaS zum Lesm; „BolkSschristen" von Leutm, die wisten, wo dem armen Mann der Schuh drückt. Da ist: „Der wahre Jakob", „Die zehn Gebote", „Die Geschichte der Kommune", „Die hl. Inquisition", „Der yeve Weltkalender" u.s.w. Billig sind die Sache», nur ein paar Pfennige kosten sie. „Aber dem Pfarrer dürst

Mercedes de Moron.

Bo« Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.

(50. Forttetzunz-l

Die Superiorin überlegte. WaS sie eben ver- nommea, hatte sie sehr in Verwirrung gebracht. Sie liebte die Tochter ihres BrvderS zärtlich und kannte nur zu sehr das menschliche Herz, um die Aufrichtig­keit des tiefen Kummers ihrer Richte begreifen zu können. Zu Gunsten von Mercedes sprach noch bei der Aebtisti«, daß die Gefühle von Haß und Verachtung, welche sie früher für den Zerstörer ihres Jugendglückes empfunden harte, in der stillen Beschaulichkeit ihrer Klosterzelle vollständig verschwunden Ware« und der Verzeihung Platz gemacht hatten.

Sie erblickte den Grafen Fersire nunmehr nur noch durch bett Schleier der Vergessenheit, und wenn auch die Erzählung ihrer Richte ihr Herz sür einen Augen- blick etwas lauter pochen hatte lassen, so verging diese Regung bei der Aebtisfin rasch vorüber. Das beschau- ltche Leben im Kloster hatte sie derartige Wallungen leicht überwinden lernen.

Sie trug dem tobte« Grafen Fnstre keine Spur von Haß mehr nach, sie empfand nur lebhafte- Mit­gefühl für bie Kümmernistr ihrer Richte.

Mercedes hatte sich während der Zeit etwas be­ruhigt und auf dem Fauteuil Platz genommen.

ihr sie nicht zeigen; beim bie Herren haben nicht gern, baß bie Bauern so klug werben," jo spricht ber sozial­demokratische Hausirer und freundlich lächelnd verab­schiedet er sich „bis über einen Monat". Kommt er dann wieder, so merkt er bald, wie eS ausfieht, ob er noch mehr „TolkSschriften" absetzen wirb, ober ob der Bauer noch „zu große Hörner" hat und für die Erklärimg noch nicht reif ist. RöthigenfallS fühlt er etwas tiefer in feinen Kasten. Dort liegen noch „extra­feine" Sachen; selbstverständlich überläßt der Hausirer diese nicht jedem wie er versichert; nur auS Gefällig­keit will er sie ablassen; dafür hält er sich aber auch ausdrücklich auS, daß „der Pastor nichts davon gewahr werde". Da kommen denn zum Vorscheine: „Der Pfaffenspiegel", „Die Bibel", „Papst Alexander VI." und wie bie verlogenen Schund- und Schandbroschüre« alle heißen mögen.

In einem andern Hause lieft man gern Romane, Räuber- und Liebesgeschichten. Auch solchem Bedürf­nisse kann ber rothe Hausierer genügen. Allerdings wimmeln die Romane von unzüchtigen Dingen, von Spott und Hohn gegen Glaube und Religion, von wüsten Gotteslästerungen. Allein sie sind doch „span­nend" geschrieben, vielleicht gar „einer wahren Be­gebenheit" nacherzählt, wie oben drüber steht.

Angesichts dieser neuen Art von Bauernsängerei fd allen, bie es angeht, unb besonders dem katholischen Landvolke zugerufen: „Aufgepaßt auf den rothen Hausierer!" Wenn er sich irgendwo zeigt, laß dich nicht mit ihm ein! Will er schlau sein, so beweise ihm, baß btt auch nicht von Stroh bist. Und kommst btt zu beinern Nachbar, so mach auch bem klar, weß Geister Kind ber katzenfteunbliche Mann aus ber Stadt ist! Kannst du ihn nicht los werden, so gibtr dafür ein einfaches Mittel: verbiet ihm ein« für allemal den Eintritt in dein Haus!

Deutsches Reich.

Berlin, 29 Mai.

* Der Kaiser hält morgen (Mittwoch) Vormit­tag bie große Frühjahrs-Parade auf bem Tempel­hofer gelbe ab, welcher ber König, sowie Prinz Jo­hann Georg von Sachsen beiwohnen.

* Die Agrarkonferenz würbe gestern Vormittag 11 Uhr im BunbesrathSzimmer beS Reichstages burch de« Landwirthschafts - Minister eröffnet unb begrüßt. Die Theilnehmer waren bis auf wenige, bie verhinbert waren, erschienen. Zunächst würbe bie GeneralbiSkussion eröffnet über bie Verschul­dung, ihre Ursachen und bie Mittel zur Abhilfe. AuS der laugen Reihe ber Redner seien erwähnt Graf Zedlitz, Professor Seger, Professor Schmollen und der Finanzminister. Geschlossen wurde die Sitzung um 5 Uhr. Fortsetzung morgen Vormittag 10 Uhr. lieber den Verlauf ber Versammlungen soll nähere Mit­theilung burch ben,Staatsanzeiger' erfolgen. — Die Konferenz hat heute Vormittag bie GeneralbiSkussion

Die sanfte unb boch fo ernste Stimme ber Aebtisfin erweckte bas junge Mädchen aus ihrer Traumver­sunkenheit. Ihre Taute richtete nämlich folgenbe Worte an sie:

„MercebeS, trockne Deine Thränen unb beruhige Dich. Ich habe baS Brdürfniß, allein zu bleiben unb bie Angelegenheit reiflich zu überlegen. Laste Deinem Vater mittheilen, er möge mich morgen besuch'«, um mit mir zu plaubem. Ich muß ihm von Deinem Besuch Kenntniß geben unb vor allen Dingen wissen, wie weit er sich la Montana gegenüber verpflichtet hat. Run noch einen Ratb, lieber Kind, oder besser gesagt eine Bitte: Unterlasse eS fernerhin, mit dem jungen Grafen von FerStre Verbindungen zu unter­halten. Dein Verhalten ihm gegenüber war m hr als nnklug. Wen« mein Bruder Kenntniß von Deinem Besuche im Hause beS Konsuls hätte . . . .! Deine Prüsungszeit wirb, wie ich hoffe, nicht lange bauern; aber ich forbere bieseS Opfer und bemerke, daß ich da­rauf unter keinen Umstände« verzichten kann. In wenigen Tagen werbe ich Dir meine offene Meinung tter bie Fragen sagen können. Geh' nun wieder nach Hause, mein Liebling, unb sei davon überzeugt, daß ich aller aufbieten werde, um Dich glücklich zu machen. Gott behüte Dich, Mercedes."

Nach diesen Worten erhob sich die Superiorin und ließ den Vorhang hinter bem Gitter, welches sie von ihrer Nichte tremte, nieberfallen.

über bie Nothlage ber Laubwirthschaft fortgesetzt. Die Grunblage der Besprechungen bildet die Frage der Einführung des AnerbenrechteS und bie Schaffung einer Berschuldungsgrenze. DaS Wort ergriffen u. A. Ge­heimrath Gamp, LanbschaftSbirektor Bon (Königsberg), v. Knebel (Döbberitz), Puttkammer (Planth) und Prof. Dr. Wagner. Morgen Vormittag 10 Uhr wirb bie General - Diskussion fortgesetzt. An ben Berathungen nehmen außer bem Finanzminister auch Kommissare aus den Ministerien ber Justiz und bei Innern Theil. Heute Abenb folgen bie Konferenz-Mitglieder einer Ein- deS Landwirthschaftsministers.

* Das Herrenhaus erlebigte in feiner heutigen Sitzung noch einige kleine Vorlagen unb beschäftigte sich bann mit Petitionen. Morgen kommt neben an» bereu Vorlagen auch bas LaubwirthschaftSkammergesetz zur Verhandlung.

* Kürzlich haben im ganzen Reichsgebiet Erhebun­gen über ben gegenwärtigen Stand ber Margarine- Fabrikation unb bereu Einfluß auf ben Handel mit Naturbutter, sowie über bie bisher in ben einzelnen Bundesstaaten gemachten Wahrnehmungen über bie Wirksamkeit unb etwaige AbänberungSbedürstigkeit der Kunstbuttergesetzes ftattgefunben. Gleichzeitig sind bie Bundesregierungen um Aenßerung über bie Ausführ­barkeit und Zweckmäßigkeit ber von den Vertretern ber Laubwirthschaft befürworteten BeischärfungSmaßregeln ersucht worben. Bekanntlich hatte sich bie wirthschaft- liche Vereinigung bes Reichstags mit ber Aufstellung eines bezüglichen Entwurfs beschäftigt, ber als Initiativ« Antrag beim Reichstage eingebracht werden sollte. Letzteres unterblieb mit Rücksicht auf bie vorgerückte Session. Auf Srunb beS beim Reichskanzler eingegon- genen Materials werben bie Seitens ber Landwirth- fchaft gegen bie Kunstbutter-Kcnkurrenz erhobenen Be- schwerben geprüft unb thunlichst berücksichtigt werben.

* In Bochum fanb am FrohnleichnamStag eine .große Volksversawmlvng statt, in welcher bie Abgg. FuchS und Lieder fprachen. Letzterer sprach über bie Jesuitenfrage, ben bekannten Antrag der Zentrums unb bie Stellung ber Gegner zu bem Jesuitenantrag. Auch bie Franziskanerfrage in Esten und daS Verhal­ten Eugen Richter'S in ber Jesuitendebatte wurden gestreift. Letzterem rief Redner zu, daß das Zentrum nach wie vor bereit fei, mit ihm die politische Freiheit zu vertheidigen, wenn Herr Richter auch bie Gewissens­freiheit fchützm wolle unb diese nicht auS Angst vor den protestantischen Wählern HagenS pceiSgebe. Im zweiten Theile seines Bortrages legte er den Anwesen­den ben „Bolksverein für daS katholische Deutschlanb" warm ans Herz. Rach ber Verhandlung sand in der Gesellschaft „Verein" ein gemüthlicheS Beisammensein statt, zu welchem sich, laut ber ,Tremonia', bie Zen- trumSmäuner aller Stäube sehr zahlreich eiugefunben hatten. Nachbem Herr Propst Harbort ben beiden anwesenden Abgeordneten in herrlicher Weise für chr Erscheinen und ihre Thätigkeit gedankt hatte, berührte Herr L. Lensing-Dortmund bie bedauerlichen Mißver-

Als Mercedes bei der Marquise wieder aalangte, theilte sie dieser von ber Unterredung mit ber Aebtisfin nur mit, baß diese mit ihrem Bruder sprechen und denselben zu Gunsten deS Grafen beeinflusse« werbe.

Acht Tage gingen so ohne jeben Zwischensall vor­über. MercebeS hatte zweimal versucht, ihre Tante im Kloster zu sprechen, war ober jedeSmal unverrichteter Sache zurückgekehrt, weil bie Aebtisfin unwohl sei.

DaS junge Mäbchen hatte chr Versprechen gehalten unb Raonl inzwischen kein Lebenszeichen gegeben.

Dieser Letztere erholte fich zusehenbs unb empfing auf bem Umweg burch ben Konsul, welcher Mercedes zweimal begegnet war, Nachrichten über daS Befinden ber jungen Herzogin. Doch war er untröstlich, baß ber Konsul niemals birelte Nachrichten von Mercedes brachte.

Der Herzog hatte in dieser Zeit nur einmal seine Tochter gesehen und fich sehr zugeknöpft gezeigt. SineS Morgens, als Mercedes mit ihrer Tante auS der Messe kam, übergab ihr ein Bote einen Brief. Sie erkannte sogleich die Handschrift der Aebttsfin der Augustinerinnen und beeilte sich, als sie in ihrem Zimmer anlangte, denselben zu öffnen. Er lautete:

„Vielgeliebte Tochter!

Ich habe zu Gott gebetet, mich zu erleuchten und mir den Weg zu zeigen, auf dem ich Dir helfen kann. Mit Deinem Vater habe ich eine lange Unterredung gehabt und ich hoffe, Du wirst,