Einzelbild herunterladen
 

JW 119

Dienstag, den 29. Mai 1894.

21. Jahrgang

Fuldaer W Zeitung

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumes in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psenmg.

Für den Monat Juni werden Abonne­ments auf die

IW- Fuldaer Zeitung

von Men Postanstalten, Landbriefboten, Zeitungsträgern nnd von der Expedition (Harmonie) znm Preise von 50 Pfg. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.

Deutsches Keich.

Berlin, 26. Mai

• I» Vertretung des Kaiser» bei der am Mon­tag stattfiadendea Vermählung deS Prinzen Anton von Hohenzollern mit dec Prinzessin Josephine von Belgien, Tochter deS Grafen von Flandern, ist Prinz Friedrich Leopold gestern (Freitag) Abend nach Brüssel abge- reist. Ihm schließt sich auf Befehl der Kaiser- in Düsseldorf der kommandirende General deS "VHI. Ar­meekorps, General-Oberst Frhr. v. Los, an.

* Das preußische Staatsministerin« hielt heute unter Vorsitz der Grafen zu Eulenburg eine Sitzung ab, in welcher Bestimmung über den bevorstehenden Schluß der Landtagssesfion getroffen sein soll.

* Der preußische Lande»eise«bahnrath tritt am 4. Juni d. I. zusammen, um «. A. über einen AuS« vahmetarif für Pnddelkohlen zu Gunsten der Eisenindustrie im Siegerlande und Ermäßigung der Frachtsätze für schwedische Eisenerze im Verkehr von Swinemünde nach Oberschlefien und Mähren zu berathen.

* Der Kolouialrath ist zum 7. Juni unberufen, «m über die Grundbuchordnung für Ostafrika zu be- rathen.

* Das Abgeordnetenhaus nahm heute die Vor­lage betr. die Avliegerfischrrei in den weftsiilifchen Privatflüffm in dritter Lesung endgiltig an und er­ledigte dann Petitionen. Eine längere Debatte veran­laßte eine Petition um Aufhebung der von den Re­gierungen zu Danzig und Königsberg erlassenen Ver­ordnung, wonach die Willenserklärung der Eltern bett, des Religionsunterrichts der Kinder aus Mischehen, um bindende Kraft zu erlangen, von de« Polizeipräsidenten bezw. dem Landrath zu Protokoll gegeben werden müssen. Vom Eentrum war Berücksichtigung dieser Petttion beantragt, dar HauS ging über dieselbe aber zur Tagesordnung über. Dasselbe Schicksal hatte eine Petition um Zulassung der fakultativen Feuerbestattung. Seitens konservativer und CentrumS-Redner wurde Segen die Feuerbestattung der Einwand erhoben, daß ieselbe dem christlichen Empfinden widerspreche. Die nächste Sitzung findet erst am Donnerstag statt.

* Der Schluß der Landtagssesfion ist endgiltig auf den 31. Mai festgesetzt worden.

* Im Reichsamt des Innern fand gestern eine Kon­ferenz mit Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Jnduftriegruppe: „Steine und Erden" über die AnSuahme-Bestimmnnge» betreff» der Sonntag»-

Mercedes de Moro«.

Bon Lambert de St. Croix.

Autorifirte freie Ueberfetzung von Philipp Freibank.

(48. Fortsetzung.)

„Gut, doch bitte ich, von unserer Abficht gegen Niemanden ein Wort zu erwähnen. Der Franzose soll nicht wiffen, war unser Reiseziel ist. Wmn man «ich fragt", fügte der Herzog bei, so werde ich ant­worten, daß wir nach Oesterreich reisen. Graf Ferstre kann vor zwei Monaten das Bett nicht verlassen, wie «ir der Konsul mittheilte. Wir haben also vollständig Zeit genug, um bei meiner Tochter einen durchgreifen­den SefinungSwechsel hervorzubringen."

„Lieber Herzog, welch' großen Dank bin ich Ihnen schuldig", sagte la Montana mit gut gespielter Wärme. „Sie werden alsdann das Glück meines Lebens be­gründet haben. Ich bin sicher, mir die Liebe Merc-deS zu erringen, zu der ich eine aufrichtige Neigung im Herzen trage."

Mit diesen Worten drückte der Marquis dem Herzog die Hände und verabschiedete sich, um nach seinem Billard zurückzukehren.

Der Herzog kehrte in daS HauS seiner Tante zurück; er gedachte jetzt seiner Tochter von dem zur Abreise festgesetzten Taz Kenntniß zu geben. Seine Abficht war, Mercedes über dar Ziel der Reise im Dunkel zu lassen, damit sie Raoul dasselbe nicht mitiheilen könne.

ruhe in den Anlagen dieser Industrien statt. ES nah­men 20 Vertreter der Arbeitgeber und 35 der Arbeiter­schaft theil. In Betracht kommen bei dieser Grvppe Kalk- und GyPS • Brennereien, Eement - Fabriken, Ziegeleien, Anlagen zur Herstellung von Tßonwaaren und feuerfesten Produkten, Töpfereiei,, Steingut- und Porzellan-Fabriken.

* Die Kommission für die 2. Lesung deS bürger­liche« Gesetzbuche» führte in ihren letzten Sitzungen die Berathung der Vorschriften über die Vormundschaft über Minderjährige zu Ende. Abweichend von dem Entwürfe wurde beschloffen, daß daS vormundschaftliche Amt nicht mit Eintritt der GeschästSunfähigkest, son­dern nur mit der Entmündigung des Vormundes wegen Geisteskrankheit, Verschwendung, Trunksucht und bergt beendigt sein soll. Dann wurden die Bestimmungen über die Vormundschaft über Volljährige berathen. Er­gänzend wurde hierzu u. A. beschloffen, daß eine Ent­mündigung auch dann stattfinde, wenn Jemand wegen Geistesschwäche seine Angelegenheiten nicht zu besorgen versteht.

* Die Ernennung deS bisherigen preußischen Ge­sandten in München Grafe» zu Eulenburg zum deutschen Botschafter in Wien wird heute im ,Reichs­anzeiger' amtlich veröffentlicht.

* In Folge Auftretens der Cholera in den russi­schen Srenzbezirken hat der Regierungspräsident von Königsberg angeordnet, daß der Uebertritt von Personen aus Rußland nach den Kreisen Leidensburg und OrtelSburg nur in Jllowo stattfinden darf.

* In der Pfingstwoche waren die Mitglieder der Vorstandes der Görre»gefellfchast zahlreich zu einer Sitzung in Mainz versammelt. Den Hauptberathungs- gegenstand bildeten die Berhältniffe deS römischen Institut» der Gesellschaft, welches bekanntlich seit etwa sechs Jahren die archivalischen Schätze der ewige« Stadt, vorab der vatikanischen Archivs, in bestimmte« Richtungen (deutsche Nuntiaturberichte, Suppliken- Register u. s. w.) zu erschließe» bestrebt ist nnd bereits mehrere starke Bände veröffentlicht hat. Ein dritter Band lag bis auf einen Theil des Registers im Druck vollendet vor: Die päpstlichen Kollektorien in Deutsch­land während deS 14 Jahrhunderts, herauSgegeben von Dr. I. P. Kirsch (Paderborn, Schöningh), als dritter Band der Quellen nnd Forschungen ans dem Gebiete der Geschichte, welche die SörreSgesellschoft in Verbindung mit ihrem historischen Jnstitnr heranSgibt. Letzteres hat vielfach unter dem Umstande zu leiden gehabt, daß die für dasselbe gewonnenen meist jüngeren Herren Rom schon nach wenigen Jahren wieder ver- ließen, nnd daß eine ständige feste Leitung in Rom selbst fehlte. Jetzt ist sichere Aussicht vorhanden, daß eine mit den einschlagenden Arbeiten genau verttaute und bewährte Kraft auf eine feste Reihe von Jahren die Leitung in Rom übernimmt. Unter diesen Um­ständen können vielleicht auch die Mittel für daS Unternehmen reichlicher bem sien werden, um so eher, als ein anderes großes Unternehmen der Gesellschaft,

daS Staatslexicon, jetzt rasch seiner Vollendung entgegengeht und dann die für dasselbe verwendtten Mittel frei werden. Im weiteren Bttlanf der Sitzung wurde beschlossen, die Generalversammlung in diesem Jahre ausfallen zu lassen. Nament­lich fiel der Umstand inS Gewicht, daß Anfang Sep­tember der internationale katholische Ge­lehrtenkongreß in Brüssel stattfindet, auf welchem die GörreSgesellschaft voraussichtlich durch zahlreiche Mitglieder, jedenfalls durch eine aus drei Vorstands­mitgliedern bestehende Abordnung vertteten sein wird. Der Besuch einer Gesellschaftsversammlung würde dann um so schwerer werden, als der Brüsseler Kongreß sich fast unmittelbar an die Kölner Katholikenversammlung anschließt. An dar zum Bischof von Fulda gewählte Mitglied der Vorstandes, den bisherigen SeminarregenS Dr. Komp, wurde ein Glückwunsch-Telegramm ge­richtet, welcher umgehend wie folgt beantwortet wurde: „Hocherfreut und geehrt durch Ihren Glückwunsch, spreche ich meinen wärmsten nnd verbindlichsten Dank auS und verspreche, auch in der neuen Stellung die Interessen der GörreSgesellschaft nach Kräften zu fördern. Komp." Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß der letzte Jahresbericht (für 1893) wieder eine erhebliche Steigerung der Mitgliederzahl (von 2228 auf 2370) und bei einer Einnahme von 37,000 Mark einen Jahresüberschuß von fast 2000 Mark feststellt. Die zweite BereinSschrist für 1894 (Professor Dr. Schnürer, Die Entstehung deS Kirchenstaates) ist im Druck und wird bald zur Ausgabe gelangen. Beitritts­erklärungen und Mittheilung geeigneter Adressen werden an den Generalsekretär Dr. H. Cardannr oder an die Geschäftsstelle der Sefellschaft (beide in Köln, Marzellen- straße 20) erbeten, von wo auS auch Statuten ver- smdet und jede gewünfchtt Auskunft ertheilt wird.

Ausland.

• Budapest, 26. Mai. Ueber die heutige andert­halbstündige Audienz Wekerle'S beim König laufen widersprechende Nachrichten ein. Man meldet, Wekerle sei befriedigt, da der König in der Beurtheilung der allgemeinen Lage mit dem KabinetSchef übereinstimme und voraussichtlich die erbetenen Garantien gegen daS Oberhaus gewähre. Wekerle kehrt heute zu seiner kranken Gemahlin zurück und wird Montag abermals vom König empfangen werden.

* Pari», 26 Mai. DaS neue Kabinet dürfte zu­sammengesetzt sein wie folgt: Dupuy wird daSJnnere übernehmen, Poircars oder Boulanger die Finanzen, Boulanger oderMeziSreS denUnterricht, Barthou oder ein Senator die Justiz, Biger den Ackerbau, Delcaffe die Äofonien. Für daS Auswärtige spricht man von Loubet oder Dupuy; im letzteren Falle würde Bourgeois daSJnnere bekommen. General Mercier soll den Krieg behalten, Kerjegu die Marine bekommen. Man glaubt, das neue Kabinet werde sich am Montag der Kammer vorfiellen. — Für den morgigen Jahrestag der Er­schießung der Kommunarden hat die Regierung be-

Er mißtraute seiner Tochter, denn bei der Nachricht von der Verwundung deS Franzosen war sie so bewegt, daß er fürchtete, sie werde mit diesem ganz gewiß in schriftliche Verbindung treten, wenn sie daS Reiseziel wüßte.

DeS Herzog- erste Sorge war also, Vorkehrungen zu treffen, eine schriftliche Verbindung seiner Tochter mit dem Franzosen unmöglich zu machen.

AlS der Herzog im Hause der Marquise anlangte, fragte er sofort, ob seine Tochter Briefe geschrieben oder empfangen habe

Die Antwort der alten Dame fiel verneinend ans, was den Herzog nicht beruhigte. Ec wußte, wie ro­mantisch seine Tochter veranlagt war, doch glaubte er nach den Versicherungen nun nicht mehr, daß Mercedes alle StandeSrückstchten und die Grundsätze guter Er- ziehung bei Seite setzen werde, um mit dem Fremden eine schriftliche Verbindung anzuknüpfen.

Ohne der Marquise Zeit zu lassen, sich über den Zweck seiner sonderbaren Frage zu erkundigen, verließ der Herzog beren Salon unb bestieg bann seinen vor bem Hause martenben Wogen.

Die alte Dame war sehr beunruhigt von tiefem kurzen Besuche. DaS Drängen ihres Neffen, bie Wahr­heit zu erfahren, ob MercebeS mit Raoul in schrift­licher Berbinbung stehe unb sein formloses Abschied- nehm-n ließen barauf schließen, baß derselbe einen Theil der Wahrheit kannte, auch aber darauf, daß ihm die

leidenschaftliche Liebe zu Mercedes zu dem Grafen Ferstre kein Seheimniß geblieben war.

Die Marquise überlegte einen Augenblick, was sie zu thun habe. Ihre zärtliche Liebe zu Mercedes dittitte ihr den FeldzugSplan. Sie ließ ihre Großnichtt in den Salon herunter bitten.

Mercedes hatte, hinter einem Fensterflügel ver- borgen, das hastige Kommen und Sehen ihre« Vaters beobachtet, und wurde deshalb von einer großen Un­ruhe befallen. Eine unbestimmte Bangigkeit bemächtigte sich ihres Herzens. Sie hatte das Vorgefühl eines ihr drohenden KumnkrS. Ihr Herz schlug heftig, als sie dem Wunsche ihrer Großtante nachkam und m ben Salon eintrat. Doch wirkte bie Miene bet Marquise sehr beruhigend auf sie.

„WaS wünschest Du, liebe Tante", ftagte MercebeS, unb nahm auf bem Sessel Platz „Weshalb verlangt mein Vater mich gor nicht zu sehen, unb anS welchem Grnnbe mag berselbe so jählings toteber fortge- fahren fein." , . m „

„DaS finb viele Fragen auf ein Mal, lrebeS Kmd", ertoiberte klüglich bie Marquife. „Ich werde aber ver- suchen, sie sofort zu beantworten. Dein Vater ist des­halb so plötzlich weggegangen, weil er im Kasino er­mattet wurde, und außerdem verzichtet er darauf, Dich zu sehen, rodl er von mir vernommen hatte, daß eS Dir besser gehe. Dein Vater beauftragte mich übrigens, Dir eine Neuigkeit mitzutheilen, welche Dir vielleicht