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21. Jahrgang

Donnerstag, den 24. Mai 1894.

JV 116

MllcrWZcitiing

erst am Freitag.

von seinen Gaben zu machen.

Aehrlich stekt es mit den Gnadenaaben, mit der Versorgung der Seelen. Die überreichen Schätze der Erlösung stehen der Menschhe't zur Versügnng, der Tisch des Heiles ist allezeit gedeckt. Aber es fehlt an dem guten Willen, an der sittlichen Kraft bei den Ge- laberen. WaS den Christen in der gesegneten Jugend­zeit g geben war, vergeuden viele leichtsinnig und wenn die Jahre der Roth kommen, verstehen sie nicht, den Mangel zu decken. Verblendung des Geistes, Schwäche des Herzens, Sklavenketten gemeiner Triebe hindern sie, die bereiten Mitte! deS Heiles zu erareifen und für sich wirksam zu machen. Ein lieber fluß von Seelen» brod und doch HnngerSnoth ringsum. Gott selbst wohnt unter der Menschbeit in der Gestalt des Brodes und die Gottlosigk.it zieht immer weitere Kreise.

Wenn die Frohnleicknaws«Prozession wie ein Triunphzug deS Herrn durch die Straßen und Felder zieht, io genügt es nicht, mit Hoiannahrufen und son» stigen äußeren Zeichen mitzuwallen, sondern eS muß das Herz ganz durchdrungen sein von der Würde und der Pflicht, ein Glied der Heerschaar des Merheilkgsten zu sein. Gott thut Unermeßliches, um die Menschheit zu beseligen; die höchste und wundertarste Betbätigung seiner Gnade feiern wir heute. Wie weit müßte schon fein HeilSwerk auf Erden gebieteö sein, wenn nur die Menschen, die er mit der Werburg in die Heerschaar seines Altars bevorzugt hat, ihren Ehrerposten ange­messen ausgefüllt, durch allseitige Betbätigung ibreS Glaubens erleuchtend und erobernd gewirkt hätten?

Welch' ein schwaches Geschlecht ist eS, dem Gott mit der Uebersülle seiner Güte so langmüthig nachgeht!

Alter vielleicht auf immer Abschied von d«m jungen Mädchen nehmen mußte. Im Grunde ihres HerzenS begriff sie die Handlungsweise ihreSN'ffm. Denn die Vergangenheit, welche der Herzog durch die Erinnerung an den Vater der Franzosen herausbeschworen hatte, lebte in ihr nur zu gewaltig fort.

Die gewaltige Aufregung hatte Mercedes io ange­griffen, daß sie vierzehn Tag« lang das Bett nicht verlassen konnte. In dieser.langen SchmerzenSzeit wagte eS die Marquise nicht, zu ihrer Großnichte von ihrer bevorstehenden Abreise zu sprechen. Erst als Mercedes ibr Krankenlager verlassen durfte, hatte die alte Dame den Muth, ihr den Entschluß ihres Vaters mitzutheilen.

Zu ihrem (roßen Erstaunen nahm Mercedes diese Nachricht sehr ruhig auf. Sie beschränkte sich darauf, ihrer Großtante zu sagen, daß sie gern Alles eingehen und thun werde, war nur ihr Vater wünschen könne, nur Lines ausgenommen, die Vermählung mit dem Marquis la Montana.

„Liebe Tante, Du bist mir immer eine gute Mutter gewesen, und wahrlich nicht leichten HerzenS werde ich Dich mit meinem Vater verlassen; doch füge ich mich gern feinem Befehl- Vorher mußt Du mir aber einen Dienst leisten, auf dessen Erfüllung ich nicht verzichten kann und werde. Ich muß, ehe ich abreise, den Grafen ! geretre sehen. Schlage mir den Wunsch nicht ab,

Mercedes de Moron.

Bon Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.

(45. Fortfrtzung.)

„Du host recht, liebe Tante," nahm der Herzog etwas sanfteren Tone? die Unterhaltung wieder auf. „Bitte, verzeihe mir meine Uebereilung. Habe die Güte, Mercedes mitzutheilen, daß wir in vier Wochen ncch Madrid abreisen und von da aus wahrscheinlich eine weite Reffe unternehmen werden. Sie wird, so hoffe ich, auf dieser Reise den Franzosen, den ich bis in den Tod hasse, verg ssen lernen. Sein Vater hat meiner Familie bereits so großen Kummer bereitet und ich trage keine Lust dazu, mir Gleiches vorn Sohne anthun zu lossen. Bei Deinem hohen Alter, liebe Taute, kannst Du uns nicht begleiten. Unsere Tren­nung wird wahrscheinlich von keiner langen Dauer fein. Verzeihe deshalb, verehrte Tante, meire Heftigkeit und sei davon überzeugt, daß ich nur in dem Interesse meiner durch ihre Liebe ganz blind gewordenen Tochter handle, wenn ich auf diesem Beschlüsse bestehe."

Mit diesen Worten verließ der Herzog daS Zimmer und luß die Mar q Äse mit ihren trüben Gedanken allein. Die Matrone schmerzte eS ungemein, Mercedes mit ihrem Vater allein eine längere Reise unternehmen zu scheu; denn sie fühlte innerlich, daß sie bei ihrem hohen

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Mai.

* Die Centrumsfraktion vereinigte sich gestern angesichts des bevorstehenden Schlusses des Landtages in dem reizend gelegenen Wannseo zu dem herkömm­lichen Abschiedsessen.

* D s Abgeordnetenhaus hat heute den Rest des Gesetzes betr. die LandwirthschaftSkammern ohne erhebliche Debatte unverändert nach den Kom­promißvorschlägen angenommen. Die Abstimmung über das ganze Gesetz wurde zunächst ausgesetzt und zur Erledigung einiger Wühlprüfungen geschritten. In der Gesammtabstimmang fand daraus das LandwirthschaftS» kammergesitz mit 213 gegen 126 Stimmen Annahme. Debattelos wurde-- darauf das Viehseuchengesetz und die Mitthrechtsnovelle in dritter Lesung genehmigt.

* Der durch seine Kameruner Leistungen hinläng­lich bekannte Kanzler Leist soll, wie der .Hannov. Kurier' meldet, nach Amerika entwichen sein. Bestätigt sich diese Nachricht, so würde eine weitere Untersuchung über seine Aufführung in Kamerun wohl über flüssig sein, da die Flucht einem Emgeständniß gleich zu achten wäre. Für die Regierung, dte den Mann so lange hielt, bis eS schlechterdings nicht mehr ging, würde dieser Ausgang der Angelegenheit sicher nichts weniger als angenehm fein. Befremdet hatte schon, daß Leist noch immer nicht in Europa emge- ttvff-n war, und auch die Erklärung, daß dcs Ab- berusungsschreiben ihn nicht angetroffen habe, trifft fchon darum nicht zu, weil Regierungsrath Rose ihm die Abberufung persönlich mitgetheilt hatte.

* Der Kaiser hat ein kostbares silbernes Tafelbe­steck für die große Landwirthschafts - Ausstellung im Treptower Park bei Berlin gestiftet. Der Kaiser- Preis ist für die beste züchterische Leistung eines Einzel« auSsti lliks von Pferden (Prisatgestüten) bestimmt worden. Auch Prinz Heinrich, der Ehrenpräsident der Aus­stellung, hat einen als Siegerpreis für Rinderzüchter bestimmten silbernen Pokal überwiefen. Der Groß- Herzog von Micklenburg-Schwerin sendet 1000 Mark zu Preisen für Schafzüchter. Das preußische Land- wirihschafts - Ministerium bewilligte zwölf Bronze- statmttkn, Pferde, Rinder, Schafe und Schweine dar­stellend. Das großherzoglich badische Ministerium deS Innern sandte 2500 Mark für Rinder preise und der Land-Skullurath des Königreichs Sachsens 500 Mark für Schweinepreise. Von den 10,000 Mark, welche die Stadt Berlin der Ausstellung bewilligt hat, sind 3000 Mark für Pferde, 4750 Mark für Rinder, je 1000 Mark für Schafe und Schweine, 150 für Ge­flügel und Kaninchen und 100 Mark für Bienen- wirthschast bestimmt worden. Jnsgefammt kommen 129,176 Mark in Geldpreisen, 33 Preisgaben und 589 Preismünzen zur Bertbeilung.

* Die Agrar-Kommiffio» des Abgeordnetenhauses

liebe gute Tante; ich muß daraus bestehen. Ich bin kein kleines Mädchen mehr, und wenn Du meinen Willen nicht erfüllst, so werde ich allein handeln, selbst auf die Gefahr hin, daß mein Besuch bei dem Ver­wundeten, wenn derselbe bekannt wird, öffentlich Aerger- niß geben sollte. Es ist also besser, liebe Tante, Du begünstigst mein Vorhaben. Du begleitest mich also zum Konsul; denn ich habe mir fest vorgenommen, den G'.afen unter allen Umständen zu sehen."

„Barmherziger Gott! Du scheinst nicht bei Sinnen zu sein, Me c;des!" rief die alte Dame mit Entsetzen, „Du verlangst ja ganz Unmögliches." ,

„Losse mich auSreden", fuhr Mercedes mit unheim­licher Ruhe fort. „Ich habe zwei Gründe, Raoul zu sprechen. Ich will wissen, ob er von der treulosen Handlungsweise seines Vaters gegen weine Zante Kenntniß besitzt, und dann ob er die ernstliche Absicht hat, mich zum Altar zu führen. Sobald ich über diese beiden Punkte Gewißheit erlangt haben werde, weiß ich, waS zu thun meine Pflicht ist. Ich habe keine Lust behandelt zu werden wie die Schwester meines Vaters, und die Liebe, welche ich zu Raoul im Herzen trage, sagt mir, daß auch seine Zuneigung zu mir eine ebenso aufrichtige ist. Du kannst und darfst mich alfo nicht im Stiche lossen mit Deiner Hilfe, liebe, gute Tante." _

Mercedes lehnte b-r dustn Wo-.t-n ihr hüffcheS

iQi Zum Frohuleilynamsftste.

Um das irdische Brod tobt jetzt der Kampf i heftiger, als je. Am Feste deS himmlischen BrodeS j aber fallen die Herzen sich erheben über den Staub md Dunst der materiellen Sorgen und Agitationen. | Der Mensch lebt nicht von dem irdischen Brode allein. ■

Einer gibt unS Beides: Er, auf den Aller Augen warten, gibt zur rechten Zeit sowohl für den Lerb, tote für die Seele die Speife. I» den wogenden Korn­feldern zeigt sich die Güte des fchaffenden Gottes, der die Körper nicht im Stiche läßt, die er gebildet hat. In dem Heiligthume, das wir durch die Straßen begleiten, bietet der erlösende und heiligende Gott sich selbst zur Speise der Seelen, die er mit seinem Hauch zu Ebenbildern seines Wesens geschaffen hat.

Er erfüllet Alles, was da lebt, mit Segen, wenn nur die Lebenden feinen Segen zu erfassen wissen. Die Menschheit klagt viel und laut; die Geschichte der Ver- gangenheit ist voll von Jammer, Elend und Roth, und die Gegenwart befaßt sich kaum mit etwas Anderem, als mit Klagen und Forderungen. Wer Roth leidet in seinem wirthschastlichen Fortkommen, zweifelt leicht an der Weisheit und Güte des Schöpfers, und wer feine Seele dahinsiechen fühlt in geistiger Hungersnoth und im Fieber der Leidenschaften, der hebt lieber, statt an die eigene Brust zu schlagen, die Hand zum Himmel und ruft in thörichtem Frevel, eS gebe keinen Gott.

Ja, eS herrscht Roth in der Welt, leibliche und seelische; aber nicht der liebe Gott ist ihr Urheber, sondern die Menschheit mit ihrer Thorheit und ihren Lastern. Ein Paradies war chr bestimmt, aber sie hat es verscherzt. Die herben Folgen deS ersten Sünden- salleS hätte die Menschheit wesentlich mildern, den irdischen Durchgang erträglich gestalten und die Er­reichung des ausgleichenden Zieles sich sichern können, wenn st- von der reichen Mitgift an Vernunft und Gnade ausgiebig Gebrauch gemacht hätte.

Mißräth die Ernte, so wird über die Vorsehung geklagt. Gibt es überall eine reichliche Ernte, so wird auch geklagt, weil wegen der schlechten Preise Diejen gen Roth leiden, die von dem Ertrcg der Felder alle ihre Lebensbedürsn sse bestreiten sollen. Warum, so frägt mancher Vorlaute, warum läßt Gott nicht alle Jahre gerade so viel wachsen, daß sowohl die Verkäufer, als die Verbraucher ihre billigen Ansprüche befriedigt findeu? Wer das ganze Weltall geschaffen hat und Milliarden von Sonnen mit seinem Finger lenkt, ist dem winzigen Geschlecht, das auf der kleinen Erde kriecht, keine Rechenschaft fchuldig über die Geheimniffe feiner Naturgefetze, und wollte er sie uns enthüllen, so würde unser schwacher Geist sie so wenig zu fassen vermögen, wie unser Auge die Lichtfülle der Sonne. Wir können nur ein WmigeS ahnen von dem Plane der Vorsehung, und vor Allem leuchtet u«S bei ernstem

i Nachdenken ein, daß die gefallene Menfchheit nicht zum ' forgenlofen Genießen, sondern zum mühsamen Ringen ’ und Kämpfen mit feindlichen Gewalten bestimmt ist.

„Im Schweiße deines Angesichts" — das gilt sowohl dem Einzelnen, der sich auf seinem Acker oder in feiner Werkstatt bemüht, als auch der Gefammiheit, den kleinen und großen Km porationen der Menfchheit, die ; für allgemeine Wohlfahrtspflege berufen sind.

Ein Beispiel auS grauer Vorzeit ist uns überliefert, daS uns zeigt, wie die Vernunft der Menschen die scheinbaren Unregelmäßigkeiten der natürlichen Ordnung auszugleichen hat. Joseph von Ehyp'en brachte sein Volk durch 7 Jahre des Mißwachses, weil er in 7 Jahren des Ueberfluffes Vonäthe aefemmdt hatte. - Wenn die Menschheit trotz aller Fortschritte der Kultur - es inzwischen nicht gelernt hat, für ähnlich- Nöthen ähnliche Hilfsmittel zu findeu. so ist eS ihre Schuld, ihre groß- Schuld. Wir könnten allzumal gut auZ- kornmen mit dem, was uns Gott bescheert, wenn wir nur die Vertheilung der Gaben nach Ort und Zeit, sowie nach der» Bedürfnissen der Einzelnen vernünftig zu gestalten wüßten. Nickt an dem Vrfo'gungkplane der Vorsehung fehlt cs, sondern an der richtigen, ein­sichtigen, umfassenden Mitarbeit der Menschheit. Wenn ; die Menschheit unter wirtlffch-fftlichkn oder sozialen Nöthen seufzt, so muß sie sich selbst anklagen. Der liebe Gott gibt das Nothwendige in, tempore oppor­tune: zur rechten Z-it und gemäß seinem Erziehungs- Plane ; eS ist unsere Sach-, bett zweckmäßigen Gebrauch